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Die Familie Hackfeld in Bremen und Honolulu

von Tim Giesler

Bremen Sparkasse am Markt

Ein Bummel über Bremens Marktplatz offenbart, warum dieser auch die "Gute Stube" der Stadt genannt wird. Architektonisch ansprechend offenbart das Ensemble historischer und scheinbar historischer Gebäude auch einen Einblick in die Geschichte des Stadtstaates. Sogar ein kleines Stück hawaiischer Geschichte wird hier deutlich, die sich vor allem mit dem Namen Marie Gesine Hackfeld-Pflüger verbindet. Die Rokokofassade des ursprünglich an der Schlachte 31b befindlichen Stammhauses der väterlichen Familie schmückt seit 1957 den Neubau der Sparkasse an der Westseite des Marktplatzes.

Kirchenportal

 

Ihr eigenes Konterfei befindet sich - weitaus dezenter - auf der von ihr gestifteten rechten Domtür. Ohne ihr Wissen hat der Künstler in der neutestamentlichen Darstellung "Jesus erscheint Maria am Ostermorgen" auch noch das pflügersche Familienwappen in Andenken an die Stifterin eingearbeitet. Das Vermögen, mit dem diese und viele andere, vornehmlich klerikale Stiftungen in Bremen finanziert wurden, stammte aus dem Nachlass ihres Mannes Heinrich Hackfeld. Die Geschichte seiner Firma H. Hackfeld und Co. in Bremen und Honolulu mutet abenteuerlich, stellenweise fast märchenhaft an.

Kirchenportaldetail

 

Heinrich Hackfeld

Hackfeld wurde am 24. August 1816 in Elmeloh bei Delmenhorst als Sohn eines Kleinbauern geboren.
Mit 15 Jahren fuhr er von Amsterdam aus zur See. Die finanzielle Unterstützung eines Freundes ermöglichte ihm später den Besuch der Steuermannschule in Bremen, anschließend befuhr er als Steuermann und Kapitän die Südsee und die ostasiatischen Gewässer.

1839 fuhr er durch Vermittlung seines späteren Schwiegervaters als erster Steuermann der Bremer Brigg "Expreß" nach Nord- und Südamerika, wurde Kapitän und Teilhaber des Schiffes und trat auf diesem 1844 eine Reise nach Mazatán (Mexiko) an. Wege der dortigen Unruhen segelte die "Expreß" jedoch zuerst nach Honolulu, wo Hackfeld lernte den Schauplatz seines späteren kaufmännischen Schaffens kennen lernte. Nach Mexiko zurückgekehrt brach die Brigg mit Farbholz und Silber an Bord nach China auf, strandete aber bei den Bataninseln nördlich der Philippinen. Die Mannschaft und das Silber konnten geborgen werden.
Hackfeld ging erneut nach Honolulu und unternahm von dort im Auftrag einer örtlichen Firma Reisen in die Südsee und nach China. Am 24. Januar 1847 richtete er sich in einem Schreiben von Hongkong an die bremische Reederei W.A. Fritze und Co. Er unterstrich die geografisch günstige Lage der hawaiischen Inseln für den Handel in der Südsee sowie zwischen Amerika und China und bot sich als Vertreter an. Fritze ging auf seinen Vorschlag nicht ein.
Daraufhin entschloss Hackfeld, selbstständig auf Hawaii tätig zu werden. Nachdem er die nötige Summe zusammengebracht hatte, kaufte er in Honolulu die Schonerbrigg "Wilhelmine", schickte sie um Kap Horn nach Bremen und reiste selbst auf dem schnelleren Weg über Panama in die Hansestadt. Er nutzte den Zeitvorsprung, um in Bremen Waren für ein Geschäft, welches er in Honolulu gründen wollte, einzukaufen.
Hier heiratete er auch am 24. September 1848 Marie Gesine, die Tochter des Reeders Carl Friedrich Pflüger, der unter anderem die Weserfähre auf Höhe der heutigen Bürgermeister-Schmidt-Brücke (seit 1875) betrieb. Mit seiner Frau, seinem Neffen B.F. Ehlers und seinem Schwager Johann Carl Pflüger brach er gegen Ende des Revolutionsjahres in die neue Heimat Hawaii auf. Die ungewöhnliche Hochzeitsreise dauerte neun Monate. Schon fünf Tage nach der Ankunft in Honolulu, am 1. Oktober 1849, hatte Heinrich Hackfeld seine eigene Firma gegründet. Sein hanseatischer Unternehmergeist war auch auf der anderen Seite der Erdkugel nicht zu bremsen: Die Firma betrieb Holzexport und belieferte Walfänger mit Lebensmitteln und Ausrüstung, rüstete dann auch eigene Walfangschiffe aus. Der spätere Hauptgeschäftszweig, die Agentur von Zuckerplantagen, wurde ebenfalls schon in den Anfangsjahren begonnen. Ab 1852 verkaufte Hackfeld in einem Ladengeschäft Bekleidung.

Am 5. Juli 1853 wurde die Firma zur "H. Hackfeld und Co., General Commission Agents and Ship Chandlers" (Kommissionsagentur und Schiffsausrüster), Johann Carl Pflüger wurde Teilhaber mit einem Drittel Kapitalbeteiligung. Hackfeld überwachte das Be- und Entladen der Schiffe, seine Schwager übernahmen die Buchhaltung und Korrespondenz sowie den Betrieb des Ladens. Durch die zwischen Oktober und März in Honolulu ankommenden Walfänger und die sich auf Hawaii erholenden Goldsucher aus Kalifornien stiegen die Gewinne der Firma rasant.

Zeitgenossen zufolge beruhten Hackfelds geschäftliche Erfolge nicht zuletzt auf dem Vertrauen, welches er sowohl Europäern als auch Polynesiern einflößte. Die Könige des noch unabhängigen Hawaiis, Kamehameha III. (bis 1854) und sein Nachfolger Kamehameha IV. (bis 1874) sowie alle alten Häuptlinge suchten und schätzten seinen Rat. So war es möglich, den Polynesiern alles zu verkaufen, was diese brauchten und wohl auch einiges, was sie eigentlich nicht brauchten.
Morgens um fünf Uhr pflegte der König mit 50 bis 60 Gefolgsleuten Hackfeld in seinem Geschäft zu besuchen, Kaffee zu trinken und einzukaufen. Um zehn erschien er erneut, begleitet von den alten Häuptlingen, und empfing gegen Mittag seine europäischen und amerikanischen Berater. Bei allen wichtigen Fragen zog der König Hackfeld und Johann Carl Pflüger, die er Hakapila und Cale nannte, zurate. Bei einer solchen Gelegenheit versuchte der hawaiische Finanzminister Judd, ein Amerikaner, den König zur Unterzeichnung eines Schutzvertrages mit den USA zu bewegen. Die beiden bremischen Berater rieten aufs entschiedenste ab und veranlassten den König, den ungetreuen Ratgeber zur Freude der Bevölkerung, aber sicher auch in ihrem eigenen Interesse zu entlassen. Ein anderes Mal verhindern sie, das der ebenfalls amerikanische "Minister für Erziehung", Armstrong, das unter Wasser tauchen bis zur nahen Erstickung als Strafmittel einführt.


Weiterhin führte die bremisch-hawaiische Bindung dazu, dass sich ein Schneider in der Bremer Neustadt "königlich hawaiischer Hoflieferant" nennen durfte. Die hawaiische Armee, ein paar tausend Mann stark, wurde von Hackfeld eingekleidet und von einem früheren deutschen Offizier gedrillt. Wohl am kuriosesten ist, dass auf Hawaii Banknoten mit Hackfelds Konterfei kursierten.
Nach einem Urlaub in Bremen im Jahre 1855 beschloss Hackfeld die Aufnahme des Reedereigeschäfts unter hawaiischer Flagge. Das Register zählt bis 1871 19 Segelschiffe, meist Barken, die mit Nordamerika, Europa und Sibirien verkehrten. Die Kontorflagge zeigte die Bindung zum Stadtstaat Bremen durch ein rotes Hanseatenkreuz auf weißem Grund.

 

Johann Carl Pflüger

Im Jahre 1861 erlangte Johann Carl Pflüger den halben Geschäftsanteil. Im gleichen Jahr wurden Handelsstationen in Sitta (Alaska) und Petropaulsky (Petropawlowsk, Kamschatka), also auf beiden Seiten der Beringstraße gegründet. 1862 verlegte Hackfeld seinen Wohnsitz zurück nach Deutschland, erst nach Hamburg, dann wieder nach Bremen, und eröffnete die bremische Zweigstelle der Firma, die das Im- und Exportgeschäft von Europa nach Honolulu leitete. Zur selben Zeit nahm Pflüger auf Hawaii das Zuckerplantagengeschäft im großen Umfang auf. Hierbei wurden nach einem modernen Prinzip Plantagenbesitzer bevorschusst, die selbstständig arbeiteten, jedoch nur an die Agentur Hackfelds liefern durfte.
Auch Pflüger kehrte 1871 dauerhaft nach Bremen zurück, wo er zusammen mit Hackfeld die Niederlassung betrieb. Es wurden zwei jüngere Teilhaber mit jeweils einem Sechstel Beteiligung aufgenommen. Zweimal war Pflüger dennoch gezwungen, nach Hawaii zurückzukehren. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-65) und der damit verbunden Sklavenemanzipation, die die Plantagenwirtschaft in den Südstaaten erschwerte, hatten sich zunehmend Amerikaner auf den Inseln angesiedelt. 1875 hatten die USA diese praktisch unter Schutzherrschaft genommen. Im Zuge dessen hatte Claus Sprengels, der größte kalifornische Zuckerraffinist, die Kontrolle über einen Großteil der hawaiischen Plantagenbesitzer erlangt. 1880/81 gelang es Pflüger, ihm die Kontrolle wieder zu entziehen und übernahm erneut die Agentur. Es wurden drei weitere Teilhaber, unter ihnen der Bremer Agrarexperte Paul Isenberg, in die Firma aufgenommen. 1882 kehrte Pflüger endgültig nach Bremen zurück und warb bis zu seinem Tode am 3. Oktober 1883 deutsche Auswanderer an, denen er auf Hawaii Arbeit beschaffte.

Als Heinrich Hackfeld 1886 im Alter von 71 Jahren die Geschäftsleitung an Paul Isenberg abgab, war die Firma H. Hackfeld und Co. die größte auf Hawaii. Er starb kurze Zeit später am 22. Oktober 1887 in Bremen. Isenberg entwickelte ein Bewässerungssystem für die Zuckerrohrplantagen, der Ertrag stieg enorm an. Er legte eine eigene Zuckerrohrplantage auf Oahu an und baute eine moderne Leitung, die das Wasser zur Bewässerung aus dem Gebirge heranführte. Der Zucker wurde raffiniert und auf Schiffen der eigenen Reederei ausgeführt. Die Firma begann, Tabak und Kaffee anzubauen. Isenberg gründete die "Pazific Guano and Fertilizer Company", die Dünger für die Pflanzungen von der Vogelinsel Layan nördlich der Hawaiigruppe beschaffte.

Hawaii verlor währenddessen schrittweise seine Unabhängigkeit. 1887 richteten die USA in Honolulu Pearl Harbour als amerikanische Flottenbasis ein. Der 1871 zum König gewordene Kalakana starb, seine Schwester Lilivokalani folgte ihm nach. 1893 lösten die amerikanischen Siedler einen Aufstand gegen sie aus, woraufhin US Marineinfanterie (angeblich zum Schutz der Siedler) einmarschierte. Lilivokalani wurde gestürzt, Hawaii hatte ein kurzes Intermezzo als Republik. 1898 annektierten die USA Hawaii, es wurde ein "zugeordnetes Territorium", also im Prinzip eine Kolonie.

 

Johann Friedrich Hackfeld

Der dritte und letzte Geschäftsführer der Firma H. Hackfeld und Co. wurde der Neffe des Firmengründers: Johann Friedrich Hackfeld. Dieser begann 1872 sechzehnjährig eine Lehre bei Chr. Papendieck und Co., also bei einem der bedeutendsten Bremer Kaufleute. Anschließend schickte sein Onkel ihn nach Honolulu, um seine kaufmännischen Fähigkeiten zu erproben und ihn weiter auszubilden. 1881 wurde er neben Isenberg zum Teilhaber und übernahm 1903 die Leitung der Firma. In den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg kam die Firma zu ihrer höchsten Blüte. War der Jahresgewinn von $ 25.299,62 im Jahre 1853 auf $ 128.831,70 im Jahre 1870 angestiegen, wurde ihr Wert bei Ausbruch des Krieges auf 16 bis 17 Millionen Dollar geschätzt. Die Quellen sprechen zum Teil von der "größten Firma in der gesamten Südsee". Hackfeld war eine der angesehensten Personen in Hawaiis öffentlichen Leben. Er erhielt das hawaiische Ehrenbürgerrecht und war gleichzeitig deutscher, österreichungarischer, russischer, schwedischer und belgischer Konsul auf Hawaii.
Johann Friedrich Hackfeld brachte die Firma gut durch die ersten Jahre nach der Annektion Hawaiis und wandelte sie formal in eine amerikanische Firma um. Sie hieß jetzt "Hackfeld and Company Limited". Als die USA 1917 gegen die Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintraten, bestand die Gefahr einer Beschlagnahmung der Firma nicht direkt, da ein Großteil der Anteilseigner amerikanische Staatsbürger geworden waren.
1918 jedoch verkaufte der von der US-Regierung bestellte "Treuhänder des feindlichen Eigentums" die sich in reindeutschen Händen befindlichen Anteile der Firma Hackfeld weit unter Wert an Konkurrenzfirmen und löste damit faktisch die Firma auf. Johann Friedrich Hackfeld, der sich in Bremen befand, konnte nicht eingreifen.

Spuren

Das von Heinrich Hackfeld gegründete Kaufhaus in Honolulu gab es noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts. An der Eingangspforte steht "H. Hackfeld und Co.", ein Bild des Firmengründers hängt im Gebäude. Vielfältiger hingegen sind die Spuren in Bremen. Der als Privatmann bis kurz vor seinem Tode 1932 in Bremen lebende Johann Friedrich Hackfeld sowie die Witwen seiner beiden Vorgänger, Marie Gesine Hackfeld und Wobetha Magaretha Isenberg stifteten einen Großteil ihres Vermögens in der Hansestadt. Neben der Spende zur Domrenovierung 1899 ist wohl vor allem das "Konsul Hackfeld Haus" des CVJM bekannt. Dieser Neubau aus dem Jahre 1955 trägt allerdings nur in Andenken an den Hauptstifter des vorherigen Vereinshauses an der Contrescarpe dessen Namen.
Weiteres Beispiel ist das 1888 unter finanzieller Unterstützung Marie Gesine Hackfelds errichtete Pflegehaus Sandwichheim (die Hawaiigruppe wurde auch Sandwich-Inseln genannt), dessen Neubau, das Altenwohnheim "Haus an der Weser", noch unter diesem Namen bekannt ist. Neben ihrer Stiftungstätigkeit interessierten sich beide Witwen, die ihre Männer jeweils um viele Jahre überlebten, für die beginnende Frauenbewegung, luden Rednerinnen ein und halfen begabten jungen Mädchen bei ihrer Ausbildung. Auch unterschrieb Marie Gesine schon zu Beginn dieses Jahrhunderts häufig mit ihrem Mädchennamen oder dem Doppelnamen Hackfeld-Pflüger.

 

Leseempfehlungen

Pflüger, A.: Die Familie Pflüger in Homburg an der Efze, Nienburg an der Weser, Erichshagen und Bremen 1400-1932. Bremen 1932.
- enthält die Familiengeschichte aus der Perspektive eines Familienmitgliedes, inklusive der Geschichte der Hackfelds auf Hawaii

Michener, James A.: Hawaii. München 1977.
- ein kurzweiliger Roman über die Geschichte Hawaiis. Es fehlen zwar jegliche Spuren der Familie Hackfeld, trotzdem eine gut recherchierte Darstellung.

Stein, Rudolf: Bremer Barock und Rokkoko. Bremen 1960.
- detailliert und anhand vieler Abbildungen wird u.a. die Geschichte des pflügerschen Stammhauses rekonstruiert.

Günter Heiderich: Begegnungen am Ostermorgen: Relief an der südlichen Domtür erinnert an die Stifterin Marie Gesine Hackfeld.. Weser-Kurier 29./30./31.3.1975.
- genaue Beschreibung der Darstellungen an der linken Domtür.

 

Die vorliegende Arbeit geht auf zwei Seminararbeiten an der Universität Bremen zurück. Malin Büttner, Volker Klinker und Hans-Christian Kintzel sei hiermit für ihre Mitarbeit an der Materialsuche und Ausarbeitung gedankt. Im familienhistorischen Archiv des Bremer Staatsarchives (MAUS) findet sich unter dem Stichpunkt "Familie Hackfeld" eine detailliertere Übersicht über die Familiengeschichte.

Februar 1999, überarbeitet im Oktober 2004.