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Gesina die Teufelsbraut
Die Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried
von Dr. Dieter Fricke


Zur gleichen Zeit erschütterte ein Kriminalfall bis dahin kaum bekannten Ausmaßes die Hansestadt und erregte weltweites Aufsehen. Gesche Gottfried, einst durch Heirat eine Dame der gehobenen Kreise der Hansestadt geworden, wurde als "ruchlose Giftmörderin" enttarnt.

Gemunkelt wurde über diese geheimnisvolle Frau schon lange: Eine unübersehbare Häufung von Todesfällen in ihrer engsten Familie, unter Mitbewohnern ihres Hauses und unter engen Freunden trug ihr allerdings zunächst einmal den Beinamen "der Engel von Bremen" ein - die Bremer Bevölkerung zeigte sich beeindruckt von ihrem Stoizismus angesichts ihrer so früh dahingerafften Lieben, ihrer Leidensfähigkeit und ihrem sozialen Engagement. Doch auch Stimmen, daß es bei den vielen Todesfällen nicht mit richtigen Dingen zugehen könne, waren immer wieder zu hören und sollten für Jahre nicht verstummen.

Gesche Margarethe Timm (2) wurde 1785 - gemeinsam mit dem Zwillingsbruder Johann - in Bremen geboren. Sie entstammte äußerst bescheidenen Verhältnissen, der Vater war Schneider, die Mutter Wollnäherin. Erst durch ihre Heirat 1806 mit dem wohlhabenden Sattlermeister Johann Miltenberg aus der vornehmen Pelzerstraße gelang der inzwischen 21jährigen der Aufstieg in großzügige und gutbürgerliche Verhältnisse. Die Ehe - nicht zuletzt auf Betreiben der Eltern Gesches arrangiert - war nicht glücklich: Der junge Miltenberg trank, führte ein äußerst "liederliches Leben in Kneipen und Bordellen" und brachte so das väterliche Vermögen durch. Durch ihn lernte Gesche ihren späteren Liebhaber, den Weinreisenden Michael Christoph Gottfried kennen, den sie nach dem Tode Miltenbergs 1813 (sozusagen die Premiere ihrer Mordserie) in zweiter Ehe heiratete und dessen Namen sie schließlich zu einiger Berühmtheit brachte.

Über die Ursachen, die die junge Frau zu ihren Morden veranlaßten, ist viel spekuliert und geschrieben worden, wirklich gelöst worden ist das Rätsel bis heute nicht.

Am 1. Oktober 1813 vergiftete Gesche ihren Ehemann Miltenberg, wohl nicht zuletzt aus der Sorge heraus, von dem schwerkranken Mann mit dem unsoliden Lebenswandel irgendwann mittellos zurückgelassen zu werden. 1815, zwei Jahre später, fielen ihr gleich fünf Personen zum Opfer. Am 2. Mai die Mutter Gesche Margarethe Timm, am 10. Mai die dreijährige Tochter Johanna, am 18. Mai die sechsjährige Tochter Adelheid, am 28. Juni der Vater Johann Timm und schließlich am 22. September der fünfjährige Sohn Heinrich. Die Bremer zeigten viel Mitleid mit der vermeintlich so gramgebeugten Witwe, die innerhalb weniger Monate ihre sämtlichen nächsten Angehörigen verloren hatte.

Im folgenden Jahr, 1816, tauchte unvermutet der längst verschollen geglaubte Zwillingsbruder, ein abgerissener und schwerkranker Soldat, wieder in Bremen auf. Er forderte - völlig zu Recht - seinen Anteil an den elterlichen Hinterlassenschaften. Gesche, die zwar nach außen hin stets solvent und wohlversorgt wirkte, aber verschwenderisch war und häufig unter drückenden Geldsorgen litt, tötete daher am 1. Juni auch ihn mit einer Portion gekochten Schellfischs, den sie zuvor großzügig mit Arsen vergiftet hatte.

Inzwischen zeigte auch die schon lang andauernde Affäre mit dem Freund ihres Mannes, Michael Christoph Gottfried, Folgen: Gesche wurde schwanger. Der Weinhändler Gottfried zögerte jedoch, die ihm längst unheimlich gewordene, sonderbare Frau zu heiraten. So erhielt auch er mehrmals Gift, wurde von ihr liebevoll gepflegt, und ehelichte Gesche zum Dank auf dem Totenbett. Er starb am 5. Juli 1817, inzwischen das siebte Mordopfer. Das gemeinsame Kind kam wenige Wochen später tot zur Welt. Damit waren ihre Giftvorräte zunächst einmal erschöpft. Die kleine Kruke mit "Mäusebutter", ein Gemisch aus Arsen und Fett, die sie einst von ihrer Mutter zur Ungeziefervernichtung erhalten hatte, war leer.

Einige Jahre kehrte nun so etwas wie Ruhe im Leben dieser notorisch unruhigen Frau ein. Die reputierliche Witwe Gottfried vermietete 1821 ihr Haus an der Pelzerstraße 37 und mietete sich in einigen Zimmern an der benachbarten, ebenso feinen Obernstraße ein. Doch die Geldsorgen blieben. Auf einer Reise nach Stade gab sie derweil aus Geldnot vor, bestohlen worden zu sein. Sie schwor dort kaltblütig einen Meineid (der die später um ihr Seelenheil bangende Mörderin während der Haftzeit arg verfolgen sollte), um sich aus diesen Verstrickungen zu befreien. Nach Bremen zurückgekehrt, verhieß eine weitere Verlobung neues Lebensglück, diesmal mit dem Modewarenhändler Paul Thomas Zimmermann.

1823 willigte sie in sein Werben ein. Gleichzeitig stieß sie durch ein Zeitungsinserat erneut auf die damals verbreitete "Mäusebutter", die sie sich von ihrer Magd und Freundin Beta Schmidt aus der Apotheke am Markt besorgen ließ.

"Um die Wirkung der Mäusebutter einmal zu erproben" - so ihre eigene Darstellung, schmierte sie ihrem Verlobten mehrmals ein wenig von der Substanz auf Zwiebäcke. Zimmermann starb am 1. Juni 1823, nach qualvollen Leiden. Sie konnte danach immerhin eine kleine Erbschaft antreten, da Zimmermann sie in seinem Testament bedacht hatte.

Nun ging Gesche Gottfried dazu über, nahezu wahllos in ihrer engsten Umgebung kleinere, nichttödliche Gabe des verheerenden Giftes zu verteilen(3). Erst nach zwei Jahren - aber nach etlichen weiteren Vergiftungen - fand sie ihr zehntes Opfer: Die Musiklehrerin Anna Lucia Meyerholz, eine langjährige Freundin, erhielt das berüchtigte Gift auf Zwieback und erlag am 21. März 1825 ihrem Leiden.

Besonders lange mußte sich das nächste Opfer quälen: Der Nachbar Johann Mosees, auch ein langjähriger Freund und Berater, siechte nahezu ein Jahr dahin, immer wieder aufs Neue von Gesche mit Arsen traktiert, bis er am 5. Dezember 1825 endlich von seinen Schmerzen erlöst wurde. Inzwischen hatte die längst unter prekärster Geldnot leidende Gottfried das Haus an der Pelzerstraße an das Rademachermeisterehepaar Wilhelmine und Johann Christoph Rumpff verkauft, sich aber ein Wohnrecht ausbedungen. Sie zog erneut - nun mit den Rumpffs und deren Angestellten - in die Pelzerstraße, ließ sich von der Familie freundschaftlich als "Tante" titulieren, besorgte den großen Haushalt. Die letzte Phase der Giftmordserie, Gesche Gottfrieds "Götterdämmerung", begann.

Die Rumpffs lebten nur kurze Zeit zufrieden und unbehelligt in dem Haus: Schon nach wenigen Monaten, kurz nach einer Entbindung , starb Wilhelmine Rumpff nach zweimaliger Gabe von Mäusebutter am 22. Dezember 1826; sie war das zwölfte Mordopfer Gesches. Zahllose und wahllose nichttödliche Vergiftungen folgten. Die Gerüchte in der Stadt über die unheimlichen Todesfälle wurden immer lauter. Doch noch geschah nichts. Ein halbes Jahr später wurden die langjährige Freundin Beta Schmidt und deren dreijährige Tochter Gesches nächste Opfer. Am 13. Mai 1827 starb das Kind, die Mutter folgte ihr, nach unsäglichem Leiden, zwei Tage später.

Wenige Wochen nach diesem doppelten "Schicksalsschlag" trat Gesche Gottfried eine Reise nach Hannover an. Dort forderte der Beschlagmeister Friedrich Kleine, ein alter Geschäftsfreund, von Gesche entliehenes Geld zurück. Verschuldet wie sie war, schien ihr die Begleichung der Schuld völlig ausgeschlossen. Mit einer Kruke Mäusebutter im Gepäck machte sie sich auf den beschwerlichen Weg in die Welfenmetropole, wurde in der Residenzstadt von Kleines freundlich empfangen. Sie vergiftete nun den Beschlagmeister, der am 24. Juli 1827 starb (als 15. und letztes Todesopfer), und behauptete nach dessen Tod gegenüber seinen Kindern, daß sie das geforderte Geld zurückgezahlt habe. Auch in Hannover verteilte sie - wie ihr in Bremen längst zur Gewohnheit geworden war - im Kleineschen Haushalt etliche nicht tödliche Arsengaben an die Familie des wohlhabenden Handwerksmeisters und an seine Entourage.

An die Weser zurückgekehrt, gingen die unzähligen Anschläge weiter. Rumpff, der Käufer ihres Hauses, und mehrere Angestellte erhielten nun häufiger kleine Giftdosen. Rumpff wurde endlich mißtrauisch, unglaubliche Gerüchte über das unheilvolle Treiben Gesche Gottfrieds waren ihm schon zur Zeit des Hauskaufs zu Ohren gekommen. Doch er hatte zunächst einmal alle Warnungen ignoriert. Als er dann eines Tages eine "weißliche körnige Substanz" an einem Salat entdeckte, zeigte er dies verwundert erst der Gottfried, dann einem Nachbarn. Während Gesche die Sache herunterspielte, warnte der Nachbar Rumpff nachdrücklich, nichts "von der Gottfried Zubereitetes" zu essen. "Wie toll" verteilte Gesche nun die Giftgaben, vielleicht ein unbewußter Schrei nach Entdeckung.

Die "seltsame Krankheit des Erbrechens" in Gesches Umgebung war nun endlich nicht mehr länger von den Nachbarn zu übersehen. Kurze Zeit später tauchte die weißliche Substanz auf einem Schinken auf. Rumpff gab nun seine zögerliche Haltung auf und ließ seinen Hausarzt, Dr. Luce, den weißen Stoff analysieren. Dr. Luce - der selbst etliche von Gesches Opfern behandelt hatte und niemals argwöhnisch geworden war - stellte entsetzt eine "erhebliche Menge Arsenic" fest.

Damit war das furchterregende Spiel aus: Am abend des 6. März 1828 wurde Gesche Gottfried verhaftet und zunächst, bis zur weiteren Klärung, in eine Zelle des Stadthauses - neben dem alten Rathaus - untergebracht.

Vom Stadthaus wurde die ob der plötzlichen Enttarnung sehr verwirrte und verängstigte Witwe nur wenige Tage später, am 13 Mai 1828, in das eben fertiggestellte Detentionshaus am Ostertor überführt. Leider ist heute nicht mehr bekannt, in welcher Zelle sie die nächsten drei Jahre - bis zu ihrer Hinrichtung - verbrachte. Als sicher anzunehmen ist aber, daß es sich um einen Raum im Obergeschoß (auf der dem Wallgraben abgewandten Gebäudeseite) handelte. In den Prozeßakten findet sich eine ausführliche Beschreibung des Untersuchungsrichters Droste, die zugleich ein wichtiges Zeugnis der Ausstattung des Detentionshauses in der Anfangszeit ist:

"Es bestehet dasselbe in einem kleinen freundlichen Zimmer. Die Wände sind sehr reinlich geweißt, wie die Decke und mit bräunlichröthlich gemaltem Fußboden. Durch die westliche Wand führt eine starke Thüre mit einer Klappe und starkem Eisen beschlagen. In dieser nämlichen Wand ist über der Thür in der Mauer eine ovale Öffnung von etwa vier und sechs Zoll [d.s. etwa 12 x 18 cm] Durchmesser, wodurch beständig Luft Communication auf dem Vorplatze oder innerem Gang Statt findet. Der Thür gegenüber, also in der östlichen Wand, findet sich ein Fenster, mit Scheiben mittlerer Größe und eisernen Stangen. Dieses Fenster ist etwa sechs Fuß über dem Fußboden [d.s. knapp zwei Meter] und hat eine Luftscheibe, welche die Inculpatin nach Belieben öffnen oder schließen kann. Die südliche Wand ist frei, an der nördlichen findet sich in dem Winkel nächst der Thür ein mit dem nächsten Gefängnisse gemeinschaftlicher Ofen. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die Fenster des Verhör-Zimmers, anderer Gefängnisse und beide geräumige Binnenhöfe des Gefangenenhauses, und hat bei der Neuheit der ganzen erst in diesem Monat in Gebrauch genommenen Anstalt nichts Düsteres oder Unerfreuliches, um so weniger, da wie dies Stübchen der Inculpatin die Morgensonne hat, so auch die inneren Höfe dem Sonnenschein offen sind. Das Mobiliar ist alles neu und hellgrau mit Ölfarbe gemalt, so wie die Thür und Fenster. Eine Bettstelle mit Stuhl, ein Tisch, und ein verschlossener Nachtstuhl (der alle Morgen seinen Eimer wechselt) befindet sich im Zimmer, außerdem eine weiße Fayance Schale und eine irdene Wasserschale. Ausnahmsweise hat die Inculpatin über dies ihr eigenes Bettzeug, eine Trinkkumme und einen Teller. Zwey Bände des Buches 'Stunden der Andacht', und noch ein drittes religiöses Buch, was sie aus ihrer Büchersammlung wünschte".(4)

Fast drei Jahre verbrachte sie hier, fast täglich wurde sie in einem Verhörzimmer im Erdgeschoß der Wache von den Senatoren Droste und Noltenius befragt, hier erzählte sie - mal schleppend, gelegentlich sturzbachartig - von ihren Taten, ihren Ängsten, aber hier erlebte sie auch verwundert das ehrliche Bemühen um Verstehen, sowohl von ihrem Verteidiger Leopold Voget als auch von den Justizvertretern der Stadt.

Das Urteil schließlich war wohl von vornherein klar, Tod durch das Schwert. So entschied das Gericht in Bremen und das Urteil wurde, wie nicht anders erwartet, vom Oberappelationsgericht der Hansestädte zu Lübeck bestätigt. Aber besonders zwischen Senator Droste und der Gottfried hatte sich in der langen Haftzeit ein sehr menschliches, fast freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Drostes Bericht vom Tag der Hinrichtung auf dem menschenüberfüllten, totenstillen Domshof und von seinem letzten persönlichen Gespräch mit der weinenden, verängstigten, früh gealterten und zum Skelett abgemagerten Gesche Gottfried in der Ostertorwache gibt davon beredt Zeugnis:

"Wir sehen uns nun noch zweimal wieder, ein Mal vor dem Stadthause und dann, so Gott will, droben. Noch, eines, ich habe diese letzte Zeit Sie so hier gefunden, daß ich mich innerlich habe darüber freuen müssen. Darum haben Sie mich denn auch mit freundlicher Miene gesehen; wenn Sie mich nun wieder sehen vor dem Stadthaus [also bei der Hinrichtung], dann sehe ich ernst und strenge aus, das ist dann aber nicht der Mensch in mir, sondern der Richter und die Pflicht des Amtes; nach meiner Meinung möchte ich gerne, daß sie mich sehr mild und tröstend zuletzt sähen, aber das gehört sich dort nicht und ich möchte gern, daß Sie das vorher wüßten. Sehen Sie zu, seyen Sie recht standhaft." (5)

Gegen acht Uhr morgens am 21. April 1831 war es dann soweit. Ein offener Wagen fuhr vor dem Detentionshaus vor, sie nahm gemeinsam mit einem Polizeidiener darauf Platz. Dicht gedrängt, aber schweigend standen Tausende von Menschen an ihrem letzten Weg, der über die Osterthorstraße und Domsheide zum Stadthaus führte. Im Protokoll heißt es:

"Zur Hegung des Blutgerichtes war auf dem Domshofe vor der Mittel-Thüre des Stadthauses eine Tribüne errichtet [...] Die Tribüne war mit schwarz beschlagen. Auf derselben stand ein Tisch, hinter denselben im Westen vier Stühle und im Norden ein Stuhl für die Richter und den Secretair. Vor dem Tisch im Osten stand ein hölzerner dreibeiniger Bock, falls die Delinquentin zu schwach seyn sollte, das Urteil stehend anzuhören."(6)

Noch einmal hörte Gesche Gottfried ihr Todesurteil und mußte zusehen, wie Senator Droste einen Holzstab vom Tisch nahm, ihn zerbrach und die Formel sprach: "Der Stab ist gebrochen, das Urtheil ist gesprochen, Mensch, du mußt sterben!"

Ein letztes Glas Wein erhielt sie, an dem sie kurz nippte, reichte dann - ein eher ungewöhnlicher Vorgang - allen Richtern noch einmal die Hand.

Weiter aus Drostes Bericht: "Auf dem Schaffotte hat sie zu den Knechten des Scharfrichters nicht mehr gesprochen, nur als ihr der eine Arm zu fest angeschnallt wurde, entfuhr ihr ein Ausruf des Schmerzes, und als der Streich geführt werden sollte, bewegte sie leise, doch hörbar betend, die Lippen."(7) Dann führte Scharfrichter Dietz endlich den tödlichen Schlag mit dem Schwert aus. Gesche Gottfrieds Kopf wurde der vollkommen still verharrenden Menschenmenge nach allen Seiten gezeigt, der Stuhl mit dem Körper umgestoßen, der Leichnam dann in einen bereitgestellten Sarg gebettet und schließlich zum Gefangenenhaus zurückgebracht.

Es sollte die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen sein. Ein derartiges Spektakel entsprach wohl nicht mehr dem Zeitgeist. Ein zeitgenössischer Zeitungsbericht beschreibt die Stimmung der nach Zigtausenden zählenden Menschenmenge: "Auf das hiesige Publicum hatte die Enthauptung einen so unangenehmen Eindruck gemacht, daß die meisten Leute, wie man nachher allenthalben hörte, zu Mittag nichts hatten essen können. Wir selbst machten Nachmittags mit Bekannten eine Spazierfahrt in's Freie, um den üblen Eindruck zu vergessen."(8)

Gesches abgeschlagener Kopf wurde in Spiritus eingelegt und im Museum am Domshof zugunsten eines Waisenhauses ausgestellt, ihr Skelett zunächst in einem Schrank aufbewahrt. 1912 befand sich das Knochengerüst im Pathologischen Institut der Städtischen Krankenanstalt, es verbrannte während des Zweiten Weltkrieges. Der Kopf der wohl berühmtesten Bremerin gilt seit 1913 als verschollen - vielleicht ist er vernichtet worden, vielleicht steht er aber auch noch heute auf dem Kaminsims irgend eines morbiden Bremers.

In einem Zeitungsartikel, der kurz nach der Hinrichtung erschien, findet sich eine höchst sprechende Beschreibung:

"Sehr interessant ist der Anblick dieses Kopfes. Die Gutmüthigkeit schauet auch im Tode noch aus allen Zügen. Mit Mühe sucht jeder die Züge der Bosheit, der Arglist, der Mordsucht zu entdecken, weil jeder diese finden will. Aber jene Züge des Edlen stellen sich überall dar. [...] Dieser Ausdruck ihres Gesichts, der den Trieben ihrer schwarzen Seele so zuwider war, macht uns die Möglichkeit erklärbar, daß ihre bösen Handlungen so lange unentdeckt bleiben konnten. Vertrauen erweckte sie allgemein, und jedes Mißtrauen verschwand vor ihrer Freundlichkeit, ihrer Dienstfertigkeit und ihrer Aufmerksamkeit. So wußte sie alle guten Menschen für sich zu gewinnen."(9)

Die Titelseite zu diesem Abschnitt - "Gesina die Teufelsbraut" - gibt ein zeitgenössisches Theaterstück über den Aufsehen erregenden Bremer Kriminalfall wieder. Er wird dem Phänomen Gesche Gottfried allerdings kaum gerecht. Noch heute scheiden sich an den Taten dieser Frau die Geister, erregen sie Kopfschütteln, Abscheu, aber auch Mitleid. Hannelore Cyrus, eine Bremer Historikerin, bewertet Gesches Taten, sichtlich um Differenzierung und um Verstehen bemüht, wie folgt: "Über ihre Motive ist viel gemutmaßt und spekuliert worden. Bereits vier Monate nach ihrer Verhaftung schrieb der Untersuchungsrichter Senator Droste: 'Eine Charakteristik der Inculpatin zu geben, scheint mir bis jetzt eine Aufgabe, die ans Unmögliche gränzt!' Ihr Charakter, so schrieb der Senator weiter, erscheine überaus widersprüchlich und die Antriebe des Handelns seien dunkel. Andere versuchten, Gründe für die Morde Gesche Gottfrieds in ständigen Geldschwierigkeiten oder in ihrer Wollust zu finden. So sah im Jahr 1913 ein Nervenarzt, der die Akten sorgfältig geprüft haben will, in sexueller Eitelkeit und in einem Hang zu egozentrischer Sentimentalität die wichtigsten Schlüssel zu den Verbrechen. Sie tötete, um ihre sexuellen Wünsche durchsetzen zu können, sie mordete aber auch, um sich selber bemitleiden zu können und zu lassen, ja, um ihren Opfern gegenüber die Wohltäterin spielen zu können. Sie selbst redete immer wieder von einem Drang, einem Trieb, den sie sich selbst nicht erklären könne. In dem Gerichtsverfahren wurde der Antrag ihres Verteidigers auf ein psychiatrisches Gutachten von Bremer und Lübecker Richtern rundweg abgewiesen."(10)

Zusatz: An der Stelle des Domshof, an der einst das Schafott stand, befindet sich im Pflaster ein eingesetzter Basaltstein mit einem eingemeißelten Kreuz. Noch heute spuckt manch ein Bremer beim Vorübergehen auf diesen Stein.

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen

1. Auszug aus Die weiße Wache. Das Wilhelm Wagenfeld Haus am Ostertor in Bremen , Dieter Fricke,
Bremen 1998, S.34ff.
2. Die Literatur über Gesche Gottfried ist umfangreich. Ich verweise stellvertretend auf Peer Meter, Gesche Gotttfried - ein langes Warten auf den Tod, Lilienthal 1995, und auf Friedrich Leopold Voget, Lebensgeschichte der Giftmörderin Gesche Margarethe Gottfried, geborene Tim, Bremen 1831.
3. Arsenik ist ein sehr interessantes, da schlecht nachzuweisendes Gift, heute allerdings - im Gegensatz zu Gesche Gottfrieds Zeiten - nur noch äußerst schwer zu beschaffen.[...] Nachdem Gesche Gottfrieds Taten bekannt geworden waren, beschloß der Senat, künftig dieses Gift nur noch streng kontrolliert durch die Apotheken verkaufen zu lassen.
4. Staatsarchiv Bremen (STAB) 2-ad D17.c.%.cl (Mikrofilm 2217): Protokolle des Criminalgerichts in der Untersuchungssache wider die Giftmischerin Gesche Margarethe Gottfried, Bd.2, Nr. 187.
5. Zitiert nach Peer Meter, Gesche Gottfried...., S.154 bis 158.
6. Ebd.
7. Ebd.
8. "Courier an der Weser" vom 20. April 1856.
9. Bremisches Unterhaltungsblatt vom 4. Mai 1831.
10. Hannelore Cyrus (Hrsg.), Von A bis Z - Bremer Frauen, Bremen 1991, S. 448 bis 452.