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Die Bremer Räterepublik

von Till Schelze-Brandenburg


"Die beste Regierungsform für das Proletariat ist das Rätesystem. Die Entscheidung ist gefallen. Bremen ist eine selbständige sozialistische Republik." (1) Mit diesen Worten wurde am 10. Januar 1919 vom Rathaus aus die Bremer Räterepublik ausgerufen.
"Getragen von dem Willen des Volkes, erklärt im Auftrage der Reichsregierung wie von dieser eingesetzte provisorische Regierung den Rat der Volksbeauftragten (...) für abgesetzt. (...) Freiheit der Presse, Freiheit der Person, Sicherheit des Eigentums werden gewährleistet. Ungehemmt soll Bremens Wirtschaftsleben sich wieder entfalten können. Männer und Frauen Bremens! Alle, die der freiheitlichen Entwicklung dienen und die Erfolge der Revolution sichern wollen, werden aufgerufen, an der Wiederherstellung der Ordnung und Sicherheit, am staatlichen und kulturellen Wiederaufbau Bremens mitzuarbeiten. Ans Werk! Zum Wohle des Volksganzen!" (2)
So hieß es im Aufruf der neuen provisorischen Regierung Bremens vom 4. Februar 1919, die hinter den Bajonetten der Division Gerstenberg und des Freikorps Caspari blutig die Rätemacht stürzte. Der Aufruf war von fünf Mitgliedern der SPD unterzeichnet, den Befehl zum bewaffneten Sturz hatte ebenfalls ein Sozialdemokrat unterzeichnet ­ Gustav Noske, Reichswehrminister und nach eigenem Bekenntnis der "Bluthund" bei der Niederschlagung der Revolution in Deutschland. Welche Bedeutung hatte dieser erste Versuch in Deutschland, eine Rätemacht zu errichten, was waren die Ursachen für das Scheitern der Bremer Räterepublik?

Die Vorgeschichte
Beim militaristischen Zusammenbruch des deutschen Imperialismus unterschied sich das Kräfteverhältnis in der Arbeiterbewegung Bremens deutlich von der Situation im deutschen Reich insgesamt: Schon vor Ausbruch des 1. Weltkrieges bildeten die Linken um Johann Knief die Mehrheit in der Bremer Sozialdemokratie, die mehr und mehr in Opposition zur Parteiführung geriet. Ohne im Rahmen dieses Beitrags die Ursachen hierfür untersuchen zu können, so bleibt festzuhalten: Die Bremer Sozialdemokratie vertrat in den großen strategischen Debatten in der Partei von 1910 bis 1914 unter wesentlichem Einfluß des holländischen Sozialisten A. Pannekoek und von Karl Radek, die beide zeitweise als Redakteure des Parteiorgans "Bremer Bürger-Zeitung" arbeiteten, marxistische Positionen. Die "Bremer Bürger-Zeitung" war auch in der Zeit nach 1913 fast das einzige Organ der sozialdemokratischen Presse, das Rosa Luxemburg noch eine Publikationsmöglichkeit bot.
Die dann als Bremer Linksradikale bekannt gewordene Gruppe behielt auch nach Ausbruch des Krieges ihre dominierende Stellung in Bremen, so daß die Richtung Ebert-Scheidemann, die im Reichsmaßstab die Mehrheit der Partei gewinnen konnte (daher Mehrheitssozialisten ­ MSPD - genannt), 1916 einen neuen Ortsverein gründen mußte. Unter Ausnutzung der Justiz kaperten die Mehrheitssozialisten dabei die "Bremer Bürger-Zeitung" und machten sie zu ihrem Organ. Als 1917 die USPD gegründet wurde, verließ auch eine Gruppe Bremer Parteimiglieder den alten Ortsverein, der nun vollständig von den Bremer Linksradikalen beherrscht wurde.
Dieser ursprünglich sozialdemokratische Ortsverein beschloß auf einer Mitgliederversammlung am 23.11.1918, sich in Internationale Kommunisten Deutschlands umzubenennen. In der Begründung verwies J. Knief auf die vollständig imperialistische Politik der Mehrheits-SPD, ihren Sozialpatriotismus und ­Chauvinismus, und berief sich ausdrücklich auf die russische Revolution. Mit der IKD war die erste kommunistische Gruppe in Deutschland gegründet, ihr Vereinigung mit dem Spartakus-Bund zur KPD am 31.12.1918 machte Bremen in der Revolution 1918/1919 zur stärksten Bastion der Partei.
Die politische Strategie der IKD fußte auf der Einschätzung, daß Ende 1918 die allgemeine Volksbewegung für den Frieden "im Begriff ist, zu einer Klassenbewegung zu werden. Die Träger dieser Entwicklung sind die Vertreter der bürgerlich-sozialdemokratischen Reaktion auf der einen Seite, auf der anderen Seite die Vertreter der Kampfmethoden der bolschewistischen Revolution. Die Volksbewegung droht in zwei gegensätzliche Teile zu zerfallen und eben durch diesen Zerfall zu einer Klassenbewegung zu führen. Und erst auf dieser Stufe beginnt die wirkliche Gefahr für den Fortbestand des Kapitalismus, der Klassenherrschaft des Kapitalismus". Ihren Rückhalt hatte sie vor allem in dem größten Betrieb Bremens, der AG-Weser-Werft. Dort erreichten die Kommunisten bei der ersten Wahl zum Betriebsrat mit 24 von 45 Sitzen die absolute Mehrheit.
Die Mehrheitssozialdemokratie der Ebert (der seine Parteikarriere in Bremen begonnen hatte), Noske und Scheidemann hatte in Bremen ihre Hauptstütze in der Gewerkschaftsführung und dem Funktionärsapparat. Ihre politische Strategie bestand im Reich darin, durch Beteiligung an den Arbeiter- und Soldatenräten dieser aufkeimenden Bewegung die Spitze abzubrechen und sie in die Kanäle einer parlamentarischen Republik zu leiten. In Bremen aber war ihr ideologischer Spielraum wegen der linken Tradition der Bremer Arbeiterbewegung weitaus geringer als im übrigen Reich, wo auch unter Berücksichtigung von manipulierten Wahlverfahren etc. die Mehrheits-SPD einen dominierenden Einfluß in den Arbeiter- und Soldatenräten ausüben konnte. Es sei nur daran erinnert, daß G. Noske in einem der Zentren der Revolution gegen das Kaisertum, in Kiel, zum Führer des dortigen Arbeiter- und Soldatenrats gewählt wurde.
Ähnlich wie in Hamburg ­ dort hieß einer der bekanntesten USPD-Führer Ernst Thälmann ­ stand auch in Bremen der übergroße Teil der USPD auf dem linken Flügel. Es war der USPD-Führer Fransunkiewicz, der am 10. Januar die Bremer Räterepublik proklamierte.

Parlamentarismus oder Rätesystem
Diesem Ereignis waren zwei wichtige Auseinandersetzungen vorausgegangen: 1. um die Einberufung einer Nationalversammlung, die von Ebert und Scheidemann zur endgültigen Installierung einer parlamentarischen Republik angestrebt wurde, und 2. um das Wahlverfahren zur Neuwahl des Arbeiterrats. Beide Fragen hatten zum Kern die Alternative: Rätesystem oder Parlamentarismus?
Diese Frage war zumindest in den Zentren der Arbeiterbewegung noch nicht entschieden. In Bremen waren die Versuche der MSPD, den alten Senat und die Bürgerschaft (Parlament) wieder in ihre Rechte einzusetzen, am geschlossenen Widerstand von USPD, Kommunisten und dem Soldatenrat gescheitert. Seit Mitte November 1918 lag die politische Gewalt beim Arbeiter- und Soldatenrat, auf der Verwaltungsebene allerdings existierte eine Doppelherrschaft: Das leitende Gremium des A.u.S.-Rats und der Senat beschickten je zur Hälfte einen sogenannten Zwölferrat, der der im wesentlichen unverändert gebliebenen Struktur der Bürokratie vorgesetzt war. Dieses Arrangement mit dem alten Regime war offensichtlich eine Notwendigkeit, da die den A.u.S.-Rat tragenden Kräfte nicht genügend Fachleute zur Verfügung hatten, um die alte Bürokratie vollständig zu ersetzen. Dieser Umstand hatte schon zuvor dazu geführt, daß ein auf Initiative der Linksradikalen zusammen mit der USPD gefaßter Beschluß, in den Aktionsausschuß keine MSPD-Mitglieder zu entsenden, wieder revidiert wurde, weil beide Parteien glaubten, nicht auf die Mithilfe der MSPD-beherrschten Gewerkschaftsfunktionäre bei der Bewältigung der praktischen Arbeit verzichten zu können. Als Preis dafür mußten sie der Partei eine Beteiligung im Aktionsausschuß zugestehen.
Am 19.11.1918 nahm der Bremer A.u.S.-Rat mit überwältigender Mehrheit gegen die Stimmen der MSPD (116 gegen 23) eine Resolution an, in der er die Einberufung einer Nationalversammlung aller A.u.S.-Räte in Deutschland fordert. Begründung: "Der Arbeiter- und Soldatenrat Bremen erblickt in der Einberufung einer Nationalversammlung nicht eine Befestigung, Vertiefung und Ausbreitung der Revolution, deren Ziel die sozialistische Republik ist, sondern ein gefährliches Hindernis für sie."
War dieser Beschluß mit großer Mehrheit gefaßt worden, so zeigte sich sofort ein neuer Widerspruch in der Frage, welche Konsequenzen daraus erwuchsen. Am 22.11. verabschiedeten die Teilnehmer einer von den Linksradikalen einberufenen Massenversammlung eine von J. Knief vorgelegte Resolution, die die politische Plattform der am nächsten Tag gegründeten IKD wurde. Sie sah die sofortige Bewaffnung des Proletariats, die Entfernung aller bürgerlichen und sozialdemokratischen Kräfte aus dem A.u.S.-Rat und deren Entwaffnung, die Übergabe der "Bremer Bürger-Zeitung" von der MSPD an die Linksradikalen, die Beschlagnahme aller Papiervorräte der bürgerlichen Presse und der Lebensmittel der Großbourgeoisie und die Abschaffung von Senat, Schupo und Kripo vor.
Am gleichen Tag beschloß die faktisch den Soldatenrat leitende Vertrauensmänner-Versammlung der Bremer Garnison, die Bildung von Roten Garden abzulehnen. Es heißt dann weiter: "Das Heer betrachtet sich als Träger der Revolution und ist auch zu ihrer Sicherheit die allein berufene Macht; die Soldatenräte sind daher allein befugt, über den Besitz und Gebrauch militärischer Waffen zu verfügen. Kommen Plünderungen von Waffendepots vor, ist sofort seitens des Soldatenrates das Standrecht zu verhängen." Diese Stellungnahme ist in erster Linie daraus zu erklären, daß die MSPD unter der Garnison einen stärkeren Einfluß als unter der Arbeiterklasse hatte, auch deswegen, weil die Garnison nicht sozial einheitlich war, sondern auch bürgerliche Kräfte umfaßte, denn sie war ja ein Teil des stehenden Heeres.
Am 29.11. 1918 organisierten die Kommunisten eine Massendemonstration zur Bekräftigung ihrer Forderung. Darauf beschließt der Arbeiterrat, die "Bremer Bürger-Zeitung" der MSPD zu nehmen und eine aus der USPD und IKD zu bildende Redaktion einzusetzen.
Am 1.12. erklärte die MSPD ihren Austritt aus dem A.u.S.-Rat , falls dessen Beschluß vom 29.11. verwirklicht werden sollte. Obwohl der Soldatenrat dies zunächst verhinderte, deckte er die Übernahme der Zeitung am 21.12. und stimmte schließlich auch der Bewaffnung der Arbeiter zu. Ausschlaggebender Grund für diesen Meinungsumschwung war die für Ende Dezember angekündigte Rückkehr des Infanterieregiments 75 nach Bremen. Auf den Einzug dieser Truppe setzten die Bürgerlichen ihre Hoffnung, den A.u.S.-Rat entmachten zu können. In einem anonymen, von der bürgerlichen Weser-Zeitung am 31.12.1918 verbreiteten Flugblatt wird das Regiment zur Verjagung des A.u.S.-Rats aufgefordert. Ein Bürgerausschuß empfängt das voll bewaffnete Regiment auf dem Marktplatz mit einer chauvinistischen Rede. Doch als das Regiment dann in die Kaserne einzieht, findet es diese von bewaffneten Arbeitern besetzt und läßt sich kampflos entwaffnen. Der Versuch der Konterrevolution ist zunächst gescheitert.
Doch die alten Kräfte hatten damit ihre Versuche, ihre Macht in Bremen vollständig wiederherzustellen, nicht aufgegeben. Noch vor Ausrufung der Räterepublik wandten sich insbesondere Vertreter der Reedereien an die Ebert-Regierung, um mit der heuchlerischen Begründung, die Lebensmitteleinfuhr für die deutsche Bevölkerung sei durch den "bolschewistischen Terror und ständige Plünderungen im Hafen von Bremen" gefährdet, den Einsatz von Truppen zu fordern.
Noch konnten Ebert und Noske diesem Wunsch nicht folgen. Denn Anfang Januar hatten sich Berliner Arbeiter erhoben, um die drohende Liquidierung der Räte zu verhindern und ein sozialistisches Deutschland zu erkämpfen.
Inzwischen hatte sich die politische Auseinandersetzung im A.u.S.-Rat auf die Frage des Wahlmodus für die Neuwahl des Arbeiterrats konzentriert. Die Diskussion um das Wahlrecht spiegelte dabei die unterschiedlichen Vorstellungen von der Funktion und Gestalt der Räte durch die Kommunisten, Unabhängigen und Sozialdemokraten wider. Die KPD wollte auf jeden Fall gesichert sehen, daß der Arbeiterrat Instrument der proletarischen Machtausübung blieb, und trat deshalb für die Einschränkung des Wahlrechts ein, die Sozialdemokraten wollten faktisch den Rat in ein Parlament umwandeln, indem sie das allgemeine Wahlrecht für alle forderten, die USPD anerkannte zwar ausdrücklich den Charakter des Wahlrechts als Mittel gegen die Gegner der Räte, wollte aber nicht die MSPD ausnehmen.
Schließlich einigte sich der A.u.S.-Rat darauf, allen Mitgliedern von KPD, MSPD, USPD und den freien Gewerkschaften das Wahlrecht zu geben. Die Wählerschaft wurde nach folgender Regelung aufgeteilt:
In den Großbetrieben wurden die Räte nach dem Verhältniswahlrecht gewählt.
In den Mittelbetrieben mit über 150 beschäftigten erfolgte die Wahl nach dem Mehrheitswahlrecht.
Alle Betriebe mit weniger als 150 Beschäftigten wurden zusammengefaßt und in regionale Wahlbezirke aufgeteilt.
Gegen die Bedenken der Kommunisten hatten außerdem die Partei- bzw. Gewerkschaftsmitglieder unbeschränktes Wahlrecht.
Diese Chancen nutzte die MSPD bedenkenlos aus: In großer Zahl verlieh sie Angestellten und Beamten die Parteimitgliedschaft und verschaffte so bürgerlichen Kräften das Wahlrecht und sich selbst Wähler. Am 6. Januar, einen Tag nachdem die Ebert-Regierung in Berlin den fortschrittlichen Polizeipräsidenten Eichhorn abgelöst und damit den Startschuß zum Entscheidungskampf gegen die Arbeiter und Soldaten abgegeben hatte, wurde der neue A.u.S.-Rat in Bremen gewählt. Obwohl nachweislich unter der Arbeiterklasse stark in der Minderheit, erhielt die MSPD dank der Manipulation am Wahlrecht 104 Sitze, die KPD 60 und die USPD 59 Sitze. Dieses Wahlergebnis löste unter den Anhängern der beiden linken Parteien große Empörung aus, zumal die massenhafte Aufnahme Bürgerlicher in der MSPD am Wahltag offenkundig geworden war. Die USPD, deren Führer diese Manipulation ermöglicht hatten, stellten den Antrag, daß in den Aktionsausschuß keine MSPD-Räte gewählt werden dürften, die KPD erklärte den Kampf gegen die MSPD-Arbeiterverräter als Hauptaufgabe und forderte das Proletariat auf, die MSPD-Leute aus dem Arbeiterrat zu vertreiben. Der letzte Anstoß, das bisherige System der politischen Leitung durch den A.u.S.-Rat und der Doppelherrschaft in der Verwaltung abzuschaffen und vor allem die Sozialdemokraten zu entfernen, ergab sich dann, als die MSPD im Zusammenspiel mit den bürgerlichen Verwaltungsspitzen die Bewaffnung der Arbeiter zu hintertreiben suchte. Der alte Bürgermeister Donandt erklärte sich außerstande, 60 000 Mark für die beiden bewaffneten Arbeiterbataillone zu beschaffen, deren Aufstellung zum Schutz vor konterrevolutionären Anschlägen nach den Neujahrsereignissen beschlossen worden war. Während sich die Vertreter der Bourgeoisie hinter formalen Bestimmungen verschanzten und dem A.u.S.-Rat zynisch empfahlen, sich doch an die Ebert-Regierung zwecks Billigung der Gelder zu wenden, argumentierte die MSPD innerhalb des Rates damit, es sei doch völlig ruhig in Bremen und das Gerede von einer Gefährdung der revolutionären Errungenschaften sei aus der Luft gegriffen.
Dies mußte die revolutionären Arbeiter um so mehr empören, als eben zur selben Zeit Noske in Berlin zusammen mit den reaktionären Offizieren des Heeres mit Waffengewalt gegen Arbeiter vorging. In dieser Situation beschloß die KPD, für den 10. Januar eine Demonstration zum Rathaus zu organisieren mit dem Ziel, den neugewählten Arbeiterrat mit der erschlichenen starken Position der MSPD erst gar nicht tagen zu lassen, den alten Senat endgültig zu beseitigen und die Organe einer Räterepublik zu etablieren. Es gelang den Kommunisten, die Anhänger der USPD für diese Forderungen zu gewinnen.

Die Niederlage
Am Nachmittag des 10. Januar strömten die Arbeitermassen aus den Betrieben zum Marktplatz. Über den Demonstrationssäulen wehten rote Fahnen, Parolen wie "Nieder mit Ebert und Scheidemann", "Hoch Liebknecht", "Nieder mit dem Senat", "Hoch die proletarische Diktatur" wurden gerufen. Der Marktplatz war von bewaffneter Arbeitermiliz gesichert. Am Rathaus angelangt, wurde eine neunköpfige Delegation zum gerade tagenden Aktionsausschuß geschickt. Schon nach kurzer Zeit rief Fransunkiewicz die sozialistische Republik Bremen aus und verkündete unter Hochrufen der Arbeiter die ersten Maßnahmen: Einsetzung eines Rats der Volkskommissare, völlige Ausschaltung des Senats, Entfernung der MSPD-Mitglieder aus dem Arbeiterrat und ihre Ersetzung durch je 30 Vertreter der USPD und der KPD, weitere Bewaffnung der Arbeiter und restlose Entwaffnung aller bürgerlichen Elemente. Unter großem Beifall wurde dann noch die Absendung eines Telegramms an Ebert bekanntgegeben, in dem die MSPD-Regierung in Berlin zum Rücktritt aufgefordert wird und außerdem eine Solidaritätsadresse an die russische Räteregierung, in der es hieß, daß mit gegenseitiger Unterstützung die russische und die deutsche Revolution sicher siegen werden. Die Demonstranten zogen dann zum Gewerkschaftshaus, besetzten es und empfahlen den reformistischen Gewerkschaftsführern, sich nun an den Arbeitsnachweis zu wenden. Die Gewerkschaftskassen wurden für die Räterepublik beschlagnahmt.
Noch am selben Tag konstituierte sich der neue A.u.S.-Rat, bestätigte den Ausschluß der MSPD-Mitglieder und wählte als Regierung einen neunköpfigen Rat der Volksbeauftragten, der aus vier KPD- und fünf USPD-Mitgliedern gebildet wurde. Ihm zur Seite ­ als dessen Kontrollorgan ­ wurde ein 15köpfiger Vollzugsrat gestellt. Beiden Organen unterstanden gemeinsam die Volkskommissare, die die Verwaltungsinstitutionen der Räterepublik darstellten.
War so die unmittelbare Etablierung der Räterepublik Bremen relativ reibungslos vollzogen, so zeigte sich schon wenige tage später, daß die Widersprüche sowohl zwischen dem Arbeiter- und dem Soldatenrat wie auch zwischen der KPD und der USPD weiter bestanden, ja sich unter dem nun stärker werdenden politischen Druck vertieften. Es wurde deutlich, daß auch mit der Proklamierung der Räterepublik die Frage Parlamentarismus oder Räte politisch und ideologisch nicht entschieden war.
Obwohl sich der alte A.u.S.-Rat schon im Dezember gegen den Beschluß der MSPD-majorisierten Reichskonferenz der A.u.S.-Räte Deutschlands gewandt hatte, eine Parlamentswahl zum 19.1.1919 abzuhalten und dieses Parlament über die Zukunft der Räte entscheiden zu lassen, entzündete sich an dem Antrag der KPD, die Durchführung dieser Wahlen zu verbieten, eine folgenreiche Kontroverse:
Die Räteregierung hatte am 12. Januar diesem Beschluß zugestimmt (mit 18 gegen 6 Stimmen der USPD). Einen Tag später entschied jedoch die Fraktion der USPD, im A.u.S.-Rat gegen diese Entscheidung der Räteregierung zu stimmen, und setzte sich dort auch zusammen mit dem Soldatenrat gegen die Kommunisten und einige linke USPD-Mitglieder durch. Damit erwies sich die Einschätzung der KPD, mit der Errichtung der Räterepublik in Bremen die künftige Staatsform in Deutschland in Richtung der proletarischen Räterepublik beeinflussen zu können, selbst für Bremen bereits als verfehlt, denn die schließlich zwei Tage später mit dem Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg besiegelte Niederlage des Proletariats in Berlin sah nun die Bremer Räterepublik isoliert. Hinzu kam, daß zu den politischen Widersprüchen zwischen KPD und USPD der massive Widerstand des Soldatenrats gegen die weitere Bewaffnung der Arbeiter trat, der schließlich am 14. Januar in einem Putschversuch der Garnison gipfelte, die sich dagegen wehrte, daß die Waffengewalt nun vollständig auf die Arbeiter übergehen sollte. Ihr Vorstoß auf das revolutionäre Zentrum Bremens, die AG-Weserwerft, scheiterte an der Aufmerksamkeit der Arbeiter, die das heranrückende Garnisonskommando zunächst mit Waffengewalt aufhielten und dann die Rückkehr der Soldaten in die Kaserne erreichten.
Hatte der Gegenbeschluß des A.u.S.-Rats gegen das Verbot der Wahlen zur Nationalversammlung durch die Räteregierung die politische Isolation der Kommunisten und linken USPD-Vertreter gezeigt, so drohte ihr jetzt ­ nur vier Tage nach ihrer Gründung ­ auch der Verlust eines wichtigen Machtorgans.
Einstweilen noch nicht in der Lage, direkt militärisch gegen die Räterepublik vorzugehen, unternahmen die alten Gewalten einen ökonomischen Schritt: Die Landesbanken und die Berliner Banken kündigten der Räteregierung am 16.1.1919 jeden Kredit. Die nur äußerst bescheidenen Goldreserven der Bremer Banken, die im übrigen nicht beschlagnahmt worden waren, und die offenkundige wirtschaftliche Unselbständigkeit Bremens zwangen die Räteregierung zu Verhandlungen mit den Bankenvertretern. Die Forderung des Finanzkapitals lautet unmißverständlich: Sofortige Einleitung von Wahlen mit unbeschränktem Wahlrecht zu einem Bremer Parlament. Diesem Diktat beugte sich der Rat der Volksbeauftragten am 18.1. und gab seine Zustimmung zur Einberufung einer Bremer Volksvertretung bekannt. Zwei Tage später wurde dieser Antrag im A.u.S.-Rat verhandelt. Hier lehnten die Kommunisten diesen Antrag ab und gaben ihren Austritt aus der Räteregierung bekannt, erklärten jedoch gleichzeitig, weiterhin mit der USPD zusammenarbeiten zu wollen. Daraufhin drohten die USPD-Räte, ebenfalls die Regierung zu verlassen und damit die Räterepublik Bremen endgültig zu liquidieren. Unter dieser Drohung zog die KPD ihren Austritt zurück und gab ihrer Fraktion die Abstimmung frei. Gegen nur vereinzelte KPD-Stimmen nahm der A.u.S.-Rat schließlich den Antrag auf Ausschreibung von Wahlen zu einem Bremer Parlament an. Damit war die Räterepublik politisch liquidiert.
Einige linksradikale Mitglieder der KPD wollten sich damit nicht abfinden: Noch während der Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrats versuchten sie, durch Besetzung der Banken und die Entwaffnung der Garnison die alleinige Verfügungsgewalt über die Waffen und damit eine militärische Rettung der Räterepublik zu erreichen, doch demonstrierte diese schließlich in sich selbst zusammenfallende Aktion nur die Konzeptlosigkeit der KPD.
Gänzlich unbeeindruckt von dieser Entwicklung trieb die Reichsregierung unter Ebert und Noske die militärische Liquidierung der Räterepublik voran. Nachdem sie den Berliner Aufstand mit Hilfe der reaktionären Offiziere und der Freikorpsbanden blutig niedergeworfen hatten, wurden Teile dieser Truppen ­ unter ihnen die berüchtigte Eiserne Division ­ Ende Januar in die in der Nähe Bremens gelegene Kreisstadt Verden transportiert. Für die MSPD-Reichsregierung war der militärische Einsatz gegen Bremen "längst zu einer Prestigesache geworden", wie die bürgerliche Weserzeitung am 2. Februar schrieb, oder anders ausgedrückt: Mit der Besetzung Bremens wollte sich die MSPD-Führung endgültig als zuverlässiger Ordnungsfaktor profilieren. Dies zeigte sich in aller Deutlichkeit, als die Reichsregierung das sogenannte "Verdener Abkommen" zurückwies, in dem die Räteregierung ihren Rücktritt erklärte und sich verpflichtete, die Arbeiter zu entwaffnen und dem Soldatenrat des IX. Armeekorps in Hamburg ­ zu dessen Zuständigkeitsbereich auch Bremen gehörte ­ zu übergeben. Ebert und Noske ging es nicht um die Ersetzung der radikalen Räteregierung durch den gemäßigten Soldanten-Rat in Hamburg, ihnen ging es um die Liquidierung der Räte überhaupt. Und da die Räteherrschaft bislang einzig in Bremen reale Gestalt angenommen hatte, sollte mit dem Sturz der Bremer Räterepublik die gesamte Rätebewegung getroffen werden.
Dank der MSPD war die Entscheidung zwischen proletarischer Rätedemokratie und parlamentarischer Demokratie in Deutschland zunächst entschieden. Noske nahm deshalb die Ankündigung des Soldatenrats des IX. Armeekorps nicht ernst, der eine Mobilmachung der Hamburger Arbeiter und Soldaten zum Schutz der Bremer Räterepublik vor dem Einmarsch der Division Gerstenberg androhte. Statt 10 000 Bewaffneter sammelten sich dann auch nur wenige hundert in Hamburg, die aber nie in Bremen ankamen. (Für die oft kolportierte Geschichte, daß unter maßgeblicher Beteiligung Ernst Thälmanns ein Zug aus Hamburg abgefahren, dann aber vom Lokführer in der Heide stehengelassen worden sei, konnte der Verfasser keine stichhaltigen Beweise finden. Es spricht aber einiges dafür, daß es sich hierbei um eine MSPD-Kolportage handelt mit dem Ziel, die Kommunisten und insbesondere Thälmann lächerlich zu machen. Für diese These spricht die hämische Darstellung von Noske selbst).(3) Dies war auch schon die einzige praktische Unterstützung, die die Bremer Räterepublik erfuhr.
Als am Morgen des 4. Februar die kriegsmäßig mit Geschützen und zwei Panzerwagen ausgerüsteten Truppen unter Gerstenberg Bremen angriffen, hatten die ohne einheitliche Führung und nur schlecht bewaffneten Arbeiter keine Chance. Am Mittag verteilte die Räteregierung einen Aufruf zur Einstellung des sinnlos gewordenen Widerstands. Die Proklamation der aus fünf MSPD-Mitgliedern bestehenden provisorischen Regierung erfolgte noch am selben Tag. Ihre ersten Maßnahmen waren die Verhängung des Standrechts, die Verhaftung der Mitglieder der Räteregierung, das Verbot der kommunistischen Presse und ein Aufruf an die Bevölkerung: "Der Wille der Volksmehrheit wurde unterdrückt, die Presse (...) geknebelt, (...) die Waffen aus der Hand derer, denen sie gebühren, in unberufene Hände gegeben, das Privateigentum mißachtet, die Freiheit der Person verletzt, Tausende von Arbeitern mit Waffengewalt an der Arbeit gehindert."
Wenn in dem selben Aufruf die Rede von der Abhaltung von allgemeinen Wahlen "nach demokratischen Grundsätzen" die Rede ist, so raubte dieselbe MSPD Tausenden von Arbeitern dann das Wahlrecht zu diesen am 2. März 1919 abgehaltenen Wahlen, indem sie verfügte, daß nur der wahlberechtigt ist, der sich mindestens sechs Monate lang schon in Bremen aufhielt ­ womit alle Arbeiter, die bis zuletzt am 1. Weltkrieg teilnehmen mußten, ausgeschlossen waren. Und wenn schließlich die MSPD sich als Sprecher der Mehrheit der Bremer Bevölkerung ausgab, so wurde auch dies durch das Wahlergebnis als Betrug offenkundig: Die MSPD errang etwas über 30 Prozent, die USPD und KPD zusammen trotz ihrer großen Benachteiligung durch das Wahlrecht 25 Prozent.
Die MSPD bildete daraufhin eine bürgerliche Koalitionsregierung mit den Vertretern des alten, schon im Kaiserreich amtierenden Senats. So sah die Sicherung der "Erfolge der Revolution" aus, die der Aufruf vom 4. Februar 1919 versprochen hatte.
Peter Kuckuk stellt zu Recht fest, es sei das Ziel der MSPD-Führung gewesen, "Existenz und Wirken des radikalen Arbeiter- und Soldatenrats und der Räteregierung aus der Geschichte Bremens zu streichen".

Die Ursachen des Scheiterns und Lehren
Was waren die Ursachen für das Scheitern der Bremer Räterepublik, und welche Lehren lassen sich daraus ziehen?
1. Das politische Ziel der revolutionären Bremer Arbeiter insgesamt und besonders der KPD bei der Errichtung der Bremer Räterepublik war vor allem, einen Beitrag zu leisten zur Stärkung der Rätebewegung. Dabei unterschätzten die Kommunisten den starken ideologischen und organisatorischen Einfluß der MSPD-Führung auf die Rätebewegung und überschätzten damit im gleichen Maße die Abwendung der Arbeiterklasse vom Palarmentarismus. Dies zeigte sich in der ­ gegen den Rat von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ­ beschlossenen Ablehnung einer Wahlbeteiligung an den 1. Reichstagswahlen 1919 durch den Gründungsparteitag der KPD wie auch in der geschilderten Politik der KPD in Bremen zu dieser Frage. Als dann mit der Niederschlagung der Berliner Arbeiter und der Ermordung von Karl und Rosa sowie der hohen Wahlbeteiligung an der Nationalversammlung ein Rückgang der revolutionären Situation eintrat, hatte die KPD kein Konzept dafür entwickelt, welche Stellung in dieser Situation die Räterepublik einnehmen könnte. Nach Kenntnis des Verfassers ist nirgendwo z. B. der Gedanke entwickelt worden, das deutsche Proletariat insgesamt zur Verteidigung der Bremer Räterepublik aufzurufen und auf dieser Basis eine konkrete Bündnispolitik mit der USPD zu entwickeln ­ im Gegenteil, der KPD-Arbeiterrat Müller begründete den dann wieder revidierten Beschluß seiner Partei, wegen der Zustimmung der Räteregierung zu Parlamentswahlen aus dieser auszutreten, ausdrücklich "mit der wichtigsten Aufgabe für die nächste Zukunft, die Revolution zu einer Weltrevolution zu machen".
2. Die Ursachen für diese stark aktionistische, ideologisch wenig fundierte Politik der KPD sind zum Teil in der raschen Radikalisierung eines Teils der Arbeiterklasse in der Novemberrevolution einerseits und des davon beeinflußten Aktionismus der Kommunisten andererseits zu suchen. Es wäre aber sicher zu kurz gegriffen, würde man die Politik der KPD ausschließlich darauf zurückführen, daß sie nur die inneren Faktoren Bremens berücksichtigt hätte. Vielmehr zeigte sich ein grundsätzlicher Fehler darin, davon auszugehen, als sei für die Arbeiter Anfang 1919 die Frage: Räte oder Parlamentarismus? vollständig zugunsten der Räte beantwortet. Es läßt sich nachweisen, daß in zahlreichen für das Schicksal nicht nur der Bremer Räterepublik, sondern der gesamten Novemberrevolution entscheidenden Fragen die KPD zu großen Teilen ­ insbesondere in Bremen ­ eine linksradikale Politik verfolgte, die die objektive Diskreditierung des bürgerlichen Parlamentarismus, die objektive Rolle der Sozialdemokratie als Verbündeter des Kapitals, die objektive Rolle der Gewerkschaftsführer als Juniorpartner der deutschen Monopole von ihr in eins mit dem Bewußtsein der Arbeiterklasse setzte. Und umgekehrt: Sämtliche Mitglieder von SPD und Gewerkschaften mußten, einer solchen Anschauung folgend, als reaktionär erscheinen. Daraus ergab sich der weitgehende Verzicht auf politische Überzeugungsarbeit und ihre Ersetzung durch Aktionismus. Daß sich darauf die Politik der KPD im wesentlichen reduzierte, sollte die Schilderung des Verlaufs der Bremer Räterepublik gezeigt haben.
3. Es ist sehr lehrreich, wie die MSPD demgegenüber über ein klares Konzept verfügte und tatsächlich allseitig vorging.
Einer der Militärbefehlshaber der weißen Truppen, die Bremen erobern, formuliert das strategische Ziel: "Die sehr einfache Überlegung der Reichsregierung (d. h. Eberts und Noskes): ,Wenn wir jetzt nicht durchhalten, ist es mit unserer Autorität vorbei und wir sind erledigt' gibt Oberst Gerstenberg endlich die Ermächtigung zum Einmarsch in Bremen". Und Noske selbst formulierte: "Bei unseren Überlegungen kamen wir zu dem Resultat, wenn Bremen nicht in Ordnung gebracht werde, könne die Regierung sich als erledigt betrachten, weil niemand sie respektiere. Also sei jedes Risiko zu übernehmen."
Unter diesem Leitgedanken entwickelte dann die MSPD ihr Vorgehen: Um die Räterepublik zu isolieren, wurde verbreitet, die "bolschewistische Herrschaft in Bremen" schrecke das Ausland davon ab, die dringend benötigten Lebensmittel nach Deutschland zu bringen, und wenn doch welche anlangten, würden sie im Bremer Hafen geplündert.
Innerhalb des A.u.S.-Rats versuchte die MSPD, die Bewaffnung der Arbeiter zu hintertreiben und gleichzeitig den Arbeiterrat auszuhöhlen. Als sich dann abzeichnete, daß die Räterepublik zunächst isoliert blieb, erfolgte die ökonomische Strangulierung, die die Widersprüche unter den Revolutionären weiter zuspitzte. Erst dann erfolgte der militärische Angriff.
Es bleibt festzuhalten, daß es sich bei der Bremer Räterepublik nicht um eine regional begrenzte Episode handelte, auch wenn Zeitraum und Machtbereich dies nahezulegen scheinen. Gewiß unter spezifischen Bedingungen zeigten sich hier doch entscheidende Tendenzen, die nicht nur das allgemein als revolutionäre Phase der Weimarer Republik bezeichnete erste Jahrfünft nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs charakterisieren, sondern weit darüber hinaus wirksam waren.
Als erstes ist dabei die Eliminierung der Zivilisation aus der politischen Auseinandersetzung zu nennen. Verschiedentlich ist ja schon der Erste Weltkrieg selbst als Weltbürgerkrieg bezeichnet worden. Er hatte in der Tat eine Kulturrevolution zur Folge, deren antiintellektueller, ja antizivilisatorischer Impetus diesen Ersten Weltkrieg weit stärker zu einer Bruchstelle zumindest der europäisch dominierten Kulturgeschichte macht als den Zweiten. Die Aufnahme des Tods in das Sortiment der Industrieprodukte wurde hier geleistet. Der eine Polizeibeamte, der noch 1913 die Versammlung von hunderten Sozialdemokraten problemlos auflösen konnte, lag nur fünf Jahre später im Gewehrfeuer eben dieser Arbeiter. Und insbesondere in Deutschland mit seinen labilen Machtverhältnissen war die Bellizisierung der Innenpolitik das Bindeglied bis zum nächsten Aggressionskrieg.
Zweitens ist das Fehlen politischer Konzeptionen auf allen Seiten festzustellen. War schon der Ausbruch des Ersten Weltkriegs davon gekennzeichnet, daß auf keiner Seite politische Kriegsziele formuliert waren, so galt dies ebenfalls zumindest für die deutsche Innenpolitik. Der große "Kladdaradatsch", von August Bebel einst als Signal für den Sieg des Sozialismus prophezeiht, nach dem sich schon alles finden werde, trat ein, aber es war auch einer für die politische Arbeiterbewegung in allen ihren inzwischen ausgeprägten Facetten. Das Bündnis mit dem wilhelministischen Offizierskorps wurde dabei von der MSPD ebenso mit dem Sozialismus-Etikett versehen wie die (verbale) Nachahmung der russischen Revolution, damals noch nicht vom Stalinismus desavouiert, durch die Kommunisten. Auf der Strecke ­ und manchmal im Wortsinn ­ blieben dabei die Menschen, vor allem die Arbeiter selber.
Drittens schließlich ermöglichte die akute wie latente Bürgerkriegssituationen allen Seiten, selbstkritische Reflexionen zugunsten tagespolitischer Aktivitäten hintanzustellen. Wer sich etwa auf die Suche nach dem Selbstverständnis der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik macht, wird auf eine Staatspartei treffen, die hin- und hergerissen wurde zwischen den parlamentarischen Institutionen und den antiparlamentarischen Repräsentanten dieses Staats und die, besonders in der ersten Zeit, im Namen zivilisatorischer Politik durchaus brutalen Bürgerkrieg führte. Auf der radikalen Linken sah es keineswegs besser aus ­ hier wurde schlicht die konkrete Analyse konkreter Verhältnisse mehr und mehr durch sklavische Adaption der Politik des himmelweit fernen Rußland ersetzt. So zeigt sich schließlich die Spaltung der Arbeiterbewegung nicht als politischer Fehler dieser oder jener Funktionärsgruppe, sondern mehr und mehr als konstituierend für Parteien in ihrer Inkompetenzkompensation den konkreten Entwicklungen gegenüber, bezogen Kommunisten und Sozialdemokraten ihr Selbstverständnis zunehmend aus der Ablehnung des anderen. Daß dies in ebensolchen Maß auch für die bürgerlichen Parteien von den Liberalen bis zu den Konservativen galt, für die zu einem Teil der Parlamentarismus durchaus zur Disposition stand, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Es waren diese Faktoren und Entwicklungen, die auch die Bremer Räterepublik prägten, aber sie verkörperte eben auch die Sehnsucht zahlreicher Menschen nach einem politischen System, das von ihnen selber bestimmt wurde, das ihnen nicht als Obrigkeit entgegentrat, sondern von ihnen zur Regelung ihrer Angelegenheiten entwickelt wurde. Man mag das utopisch und weltfremd nennen ­ und alle Beteiligten taten das Ihre, es so erscheinen zu lassen -, aber es war ganz sicher jenseits der militärischen und politischen Strategien ein Grundbedürfnis vieler Menschen, ohne das es eine Bremer Räterepublik nicht gegeben hätte.
   

 Bild: ursprüngliches Denkmal Räterepublik

 neues Denkmal

1. Soweit nicht anders erwähnt, sind sämtliche Zitate der Dokumentensammlung entnommen: P. Kuckuk, Revolution und Räterepublik in Bremen, Film 1969 (es 367)
2. Der Kampf um Bremen 1919. Ein Erinnerungsblatt, zusammengestellt aus den täglichen Berichten der "Weser-Zeitung" und des "Bremer Tageblatts", Bremen, o. J., S. 17
3. Vgl. G. Noske, Von Kiel bis Kapp, Berlin 1920, S. 83