Was ist der bremische Religionsunterricht?

Vom "Biblischen Geschichtsunterricht" zu RELIGION 
von Manfred Spieß

Traditionellerweise erteilen die meisten Bundesländer unter Berufung auf das Grundgesetz (Art. 7,3) evangelischen oder katholischen Religionsunterricht; hinzugekommen sind in den letzten Jahren einige Bundesländer mit islamischem Unterricht. Bremen, das kleinste Bundesland, schert aus dieser Reihe aus und sieht seit langem  e i n e n  Unterricht vor, der Biblische Geschichte heißt, der auf allgemein christlicher Grundlage erteilt wird und der bekenntnismäßig nicht gebunden ist. Diese Formulierungen sind seit 1947 in Artikel 32 der Landesverfassung festgeschrieben. Neben einer Bestandsaufnahme will dieser Artikel dazu beitragen, das "Geheimnis" der Bremer Klausel zu lüften und die Hintergründe dieser Regelung zu beleuchten. Schließlich wird noch der bemerkenswerte Wechsel beim Fachnamen und im Curriculum seit 2014 beschrieben.

  Reformpädagogische Anfänge

Die Reform des bremischen Schulwesens im Zusammenhang mit der Einführung des Biblischen Geschichtsunterrichts am Übergang zum 19. Jahrhundert begann mit einem Privatschulprojekt. Die meisten Schulen Bremens gehörten zu jener Zeit den einzelnen Kirchspielen, nur wenige waren staatlich. Zwei pädagogisch engagierte Pastoren, Ewald und Häfeli, wollten neue Wege gehen und gründeten eine private Versuchsschule. Während die kirchlichen Schulen Bremens sich streng nach der innerkirchlichen Teilung in Reformierte und Lutherische richteten und auch aufeinander nicht gut zu sprechen waren, war die Versuchsschule ausdrücklich für Kinder aller Bekenntnisse gedacht. Konfessionell trennendes Konfliktpotential, wie etwa der Katechismus, wurde bewußt aus der Schule ausgeklammert; im Bereich der Religion wollte man allein die "Bibelgeschichte" lehren, die, wie man meinte, frei von konfessionellen Einseitigkeiten und Dogmen sei. Darüber hinaus traute man der biblischen Lehre eine überaus heilsame, sittliche und erzieherische Kraft zu. 

In pädagogischen Schriften des 18. und 19. Jahrhunderts war "Biblische Geschichte" kein unbekannter Begriff. Man bezeichnete damit eine didaktische Hilfe zum Umgang mit der Bibel im Unterricht. Meist handelte es sich dabei um Erzählungen aus der Bibel, verbunden mit methodischen Hinweisen. Die Entwicklung der Bibelgeschichte als Unterrichtsfach mit eigenständigen Konturen ist jedoch in jener Zeit eine schulhistorische Neuschöpfung, also eine "Bremensie". 

Die innovatorische Leistung der beiden Privatschulleiter Ewald und Häfeli bestand u.a. darin, dass sie dem Religionsunterricht ein völlig neues Gesicht gegeben haben. Religionsunterricht soll der Bildung der Schüler und ihrer moralischen Erziehung dienen, so lautete ihre Devise. 

Es ist wesentlich auf das Einwirken des Bürgermeisters Johann Smidt (1773 - 1857) zurückzuführen, dass in den ersten staatlichen Volksschulen keine Trennung der Kinder nach reformierter und lutherischer Konfession erfolgte. Auch die kircheneigenen Schulen übernahmen nach und nach das Konzept dieses Unterrichts. Der Katechismusunterricht wurde von den Pastoren außerhalb des Schulunterrichts erteilt im sogenannten "Predigerunterricht". 

Staatliche und kirchliche Lehrer sowie einige Pastoren erarbeiteten mehrere Unterrichtshilfen für die Schulen: Die "Erzählungen aus der biblischen Geschichte", von Müller und Reddersen 1879 herausgegeben, waren über 40 Jahre hinweg ein Standardwerk für den Religionsunterricht in Bremen. Weil, nach Meinung der Lehrerschaft, in der Vollbibel Stellen mit "anstößigem Inhalt" zu finden seien, machte sich ab 1890 eine Kommission mit Fachleuten aus ganz Deutschland ans Werk, eine Schulbibel zu erarbeiten. Als "Bremer Schulbibel" wurdesie in ganz Deutschland bekannt und vielfach im Unterricht eingesetzt. 

Die literarischen Aktivitäten jener Zeit dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Lehrerschaft spürbarer Unmut über den Religionsunterricht entstand. Einzelpersonen und Lehrervereinigungen haben eine Reihe von Veränderungen angeregt, die geeignet gewesen wären, dem Religionsunterricht einen angemessenen Platz in einer sich verändernden Schule zuzuweisen. Vorrangig bemühte sich der Pädagoge Fritz Gansberg darum, den Religionsunterricht in einen Ethikunterricht - Moralunterricht - umzuwandeln und in der Oberstufe der Volksschule eine Allgemeine Religionsgeschichte einzuführen. 

 

Behördliche Glaubensprüfungen

 Über Jahre hinweg ging die Schulbehörde nicht auf diese Initiativen ein. Durch die Einstellung des Schulinspektors Köppe und seine zahlreichen Hospitationen im Religionsunterricht verstärkte sie vielmehr den Druck auf die Schulen. Dem streng pietistisch eingestellten Beamten war die liberale Durchführung des Religionsunterrichts ein ständiger Dorn im Auge. Er ging dazu über, den Lehrern auf peinliche Art und Weise Fragen zu stellen, etwa: "Glauben Sie an einen dreieinigen Gott? Glauben Sie an ein Jenseits?" Es wird berichtet, dass ein Lehrer strafversetzt wurde, der auf die Frage, "Wer war Christus?" geantwortet hatte: "Ein Mensch". 

 Ein beachtlicher Teil der Bremer Lehrerschaft jener Jahre fühlte sich liberalen, freidenkerischen oder sozialdemokratischen Idealen zugetan. Die behördlichen Glaubensprüfungen entzündeten im Jahre 1905 ein Pulverfaß lang aufgestauter Erbitterung. In Lehrerversammlungen wurden Maßnahmen beschlossen: Man reichte bei der Behörde einen Beschwerdebrief über den Schulinspektor ein und beschloss eine Denkschrift über den Religionsunterricht, die in der Forderung gipfelte:"Hohe Behörde möge verfügen, daß der Religionsunterricht abgeschafft werde." Diese Initiative war Ausdruck einer allgemeinen pädagogischen und gesellschaftlichen Aufbruchsstimmung. 

 Ein sichtbares Zeichen war das gleichzeitige Erscheinen der Lehrerzeitschrift "Roland", erklärtermaßen ein "Organ für freiheitliche Pädagogik". Die Herausgeber waren Wilhelm Holzmeier, Fritz Gansberg und Wilhelm Scharrrelmann. Gegen diese Lehrer ging die Schulbehörde disziplinarisch vor und wollte sie aus dem Schuldienst entfernen, nachdem ihnen zuvor schon der "Religionsunterricht entzogen" wurde. Das Gericht entschied jedoch nur auf eine Geldstrafe bzw. Verweis, wegen "Mißachtung der Behörde und des Schulinspektors". 

 Damit war die äußere Seite des Bremer Schulstreites für die auf Reform drängenden Lehrer günstig ausgegangen. Der bremische Religionsunterricht hatte jedoch keinen Nutzen aus diesen Streitigkeiten der Jahre 1905 bis 1907, weil eine zeitgemäße Fortentwicklung dieses Unterrichts durch die Schulbehörde beharrlich verweigert wurde. Schulgeschichtlich wirkte es sich über Jahrzehnte hinweg negativ aus, daß Bremen wohl einen besonderen Religionsunterricht hatte, es jedoch nicht für nötig hielt, ein pädagogisches Konzept - etwa durch die Entwicklung einer eigenständigen Didaktik - dazu zu entwerfen!

 

"Auf allgemein christlicher Grundlage"- der Verfassungs-Kompromiß

Bei den Beratungen über eine bremische Landesverfassung nach dem 2. Weltkrieg spielte der Religionsunterricht eine wichtige Rolle. Während christdemokratische Kreise die Einführung von konfessionsgebundenem Religionsunterricht in der Schule wünschten, plädierten die Sozialdemokraten für die Beibehaltung des bisherigen Biblischen Geschichtsunterrichts. Kirchliche Kreise und die Christdemokraten befürchteten jedoch, der bekenntnismäßig nicht gebundene Unterricht werde profil-los und führe möglicherweise zu einer Verwässerung der christlichen Lehre. 

Man einigte sich 1947 unter der Federführung von Theodor Spitta auf eine Kompromißformel, die schließlich in den Artikel 32 der Verfassung aufgenommen wurde: 

"Die allgemeinbildenden öffentlichen Schulen sind Gemeinschaftsschulen mit bekenntismäßig nicht gebundenem Unterricht in Biblischer Geschichte auf allgemein christlicher Grundlage".

 Unübersehbar spiegelt sich in diesen schwierigen Formulierungender Kompromißcharakter wider: den Sozialdemokraten war es gelungen, die Kirchen aus der Schule herauszuhalten; die Christdemokraten und die Kirchen haben - wie sie meinten - die "Christlichkeit" des Unterrichts `gerettet` . Durch diese Absprachen wurde erstmalig in einem deutschen Bundesland ein Religionsunterricht begründet, der auf eine breite Basis gestellt ist und der für alle Kinder gedacht war. Der Verfassungsgeber hat 1947 - modern ausgedrückt - einen ökumenischen Religionsunterricht konzipiert.
 

Die Bremer Klausel

Als 1948 die Gefahr drohte, daß die grundgesetzliche Regelung, die ja auf einen konfessionell gebundenen Religionsunterricht ausgerichtet war, auch in Bremen gelten sollte, setzen sich die Bremer auf Bundesebene vehement für das eigene Konzept ein. Der Senat schickte einen Vertreter in den Parlamentarischen Rat, Senator Ehlers, der den Volksvertretern in glühenden Farben den Biblischen Geschichtsunterricht vor Augen malte: "Das ist die Facon, nach der unsere Urgroßväter selig geworden sind und nach der auch wir selig werden wollen". 

Dieser massive Einsatz machte auf die Abgeordneten großen Eindruck, so dass man sich für die Respektierung der Bremer Sonderregelung entschloß. Die Bremer Abgesandten fuhren zufrieden nach Hause. Sie hatten ihr Ziel erreicht: die Kirchen bestimmen beim schulischen Religionsunterricht nicht mit!  Der Artikel 141 des Grundgesetzes, der dies ermöglicht, gilt seitdem als die "Bremer Klausel". 
   
                                                         Im Dornröschenschlaf

Nach diesen intensiven politischen und gesellschaftlichen Anstrengungen um den schulischen Religionsunterricht in Bremen trat in diesem Bereich eine lange Ruhepause ein, die - aus heutiger Sicht gesehen - eher einem Dornröschenschlaf glich. Es erweist sich als eine Unterlassungssünde katastrophalen Ausmaßes, daß den gesetzlichen Einrichtungsbemühungen um den ökumenischen Religionsunterricht so gut wie keine didaktischen und konzeptionellen Grundentscheidungen folgten. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die politischen Kräfte der damaligen Regierung ihr Ziel erreicht hatten, indem sie die Kirchen aus dem Schulbereich fernhielten. Eigenständige Initiativen hielt man offenkundig nicht für nötig.
   
                                                           Fisch oder Fleisch?

Unsanft wurde zu Beginn der sechziger Jahre der Dornröschenschlaf beendet. Die Bremische Evangelische Kirche rüttelte mit massivem Anspruch an den Schultoren und beanspruchte den Biblischen Geschichtsunterricht für sich. Diesem besitzergreifenden Vorgang war das Erscheinen des Verfassungskommentars von Theodor Spitta vorausgegangen, in dem behauptet wurde, der Biblische Geschichtsunterricht sei von protestantischem Geist getragen. Flugs folgerten Kirchenobere, der Bremischen Evangelischen Kirche seien daher Mitbestimmungsrechte und Mitwirkungen einzuräumen. Konkret beanspruchte man eine Einflußnahme auf die Lehrpläne und die kirchliche Beteiligung am Religionsunterricht. Auf Veranstaltungen forderten wuchtig einige Pastoren im Sinne der Trias: "Wir wollen evangelischen Unterricht, von evangelischen Lehrkräften für evangelische Schüler." 

Die katholische Kirche hatte gegen eine solche protestantische Inbesitznahme des Biblischen Geschichtsunterrichts überraschenderweise nichts einzuwenden. Da viele katholische Schülerinnen und Schüler die katholische Bekenntnisschule besuchten, strebte sie auf diesem Wege eine Verbesserung der finanziellen Ausstattung der Privatschule an. 

Betrachtet man aus heutiger Sicht die Vorgänge der Jahre 1961-1965, dann muß man zu folgender - absurd anmutenden - Feststellung kommen: In einer gemeinsamen, ökumenischen Aktion wollten damals die Evangelische Kirche und die Katholische Kirche Bremens dem Biblischen Geschichtsunterricht ein Ende bereiten, um eigene, konfessionelle Interessen durchsetzen zu können. Dass dieser Unterricht schon seit 1947 ein ökumenisches Gesicht hatte, wurde nicht beachtet; es passte nicht in die Interessenlage. Mit dieser Zielrichtung gingen die Evangelische und die Katholische Kirche in Bremen gemeinsam zum Staatsgerichtshof, um sich von diesem den Biblischen Geschichtsunterricht als Evangelischen Religionsunterricht absegnen zu lassen. Der Staatsgerichtshof verweigerte sich jedoch diesem Ansinnen und entschied im Oktober 1965: 

 "Der `bekenntnismäßig nicht gebundene Unterricht in Biblischer Geschichte auf allgemein christlicher Grundlage`... ist nicht als christlicher Gesinnungsunterricht auf evangelischer Grundlage zu verstehen."

In der Urteilsbegründung führten die Richter aus, die Formulierung "auf allgemein christlicher Grundlage" gehe eindeutig über das Protestantische hinaus. Sie nannten als besonderes Merkmal dieses Unterrichts seine "Tendenz zur Überkonfessionalität". Der BGU sei zwischen religiöser und antireligiöser Unterweisung einzuordnen; er diene nicht missionarischen Absichten und nicht der Erziehung in eine bestimmte Glaubensrichtung. Der Unterricht sei für alle Schülerinnen und Schüler gedacht, daher sei er nach dem "Prinzip der Offenheit" zu gestalten. 

Mit diesen Markierungen hat der Staatsgerichtshof die Bedeutung der religionspädagogischen Komponente hervorgehoben, die in der Schule Vorrang vor der Glaubenskomponente hat. Es darf nicht verschwiegen werden, dass dieses Gerichtsurteil für die künftige Praxis des Religionsunterrichts in Bremen mehr Verwirrung als Klarheit geschaffen hatte. Es klärte nur, was der Biblische Geschichtsunterricht nicht ist, nämlich evangelischer Religionsunterricht. Entsprechend groß war die Ratlosigkeit bei den Interessengruppen. Die Kirchen zogen sich für einige Jahre von diesem Feld zurück, und die staatliche Bildungsplanung verfiel in diesem Bereich in Agonie. Die grundsätzliche Frage nach dem Charakter und den prägenden Merkmalen des Biblischen Geschichtsunterrichts ist bis heute nicht zufriedenstellend gelöst. Niemand hat bisher mit wissenschaftlichem Fundament die Frage: "Fisch ?" oder "Fleisch ?" oder gar "ein Drittes ?", beantwortet. 

Moderne Entwicklungen seit den 70-er Jahren

Mit Beginn der siebziger Jahre führte das Engagement einiger Fachlehrkräfte um den Seminarleiter Günter Koch zu einem neuen Aufbruch für die religionspädagogische Praxis in Bremen. Die Bremische Evangelische Kirche unterstützte diese Initiativen, indem sie die Religionspädagogische Arbeitsstelle einrichtete, die bis heute wertvolle und unersetzliche Dienste für den Religionsunterricht in der Schule leistet. Das Engagement der Lehrkräfte bezog sich auf die Mitarbeit bei einer bundesweiten religionspädagogischen Zeitschrift, "informationen zum religionsunterricht" mit Regionalteil Bremen, und es entstanden Arbeitskreise für Unterrichtsplanungen, deren Ergebnisse auch in die z. T. heute noch gültigen Lehrpläne einflossen. Es gab endlich Lehrerfortbildungen für Religion, und die regelmäßige Herbstferientagung auf Langeoog wurde zu einer geschätzten Einrichtung, die manchen spürbaren Impuls in das bremische Schulleben brachte. 

Lehrplan-Themen im Überblick

Seit den siebziger Jahren kennzeichnen folgende Leitthemen und Leitfragen die Lehrpläne und den Unterricht:

Bibelkundliche Ausrichtung:

Wie ist die Bibel entstanden? Geschichten von der Schöpfung; Gestalten der Bibel; Was wollten die Propheten? Das Land, in dem Jesus lebte; Wunder und Gleichnisse Jesu und ihre Botschaft; Aus Geschichten werden Feste: Weihnachten, Ostern, Pfingsten usw.; Symbole geben zu denken; Die Rede von Gott in der Bibel. 

Religionskundliche Ausrichtung und religiöse Fragestellungen:

Religionen der Welt in Ansätzen kennenlernen: Judentum; Islam; Hinduismus, Buddhismus; Authentische Begegnungen ermöglichen: Besuche in Synagogen, Kirchen und Moscheen; Interreligiöse Sprachfähigkeiten erlernen; Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Religionen; Überlebensfragen der Menschheit heute; Was ist mit "Himmel" und "Hölle" gemeint? Vorstellungen von Gott; Was kommt nach dem Tod? 

Persönliche und gesellschaftliche Wertorientierung und Sinnfragen:

Menschen fragen nach dem Sinn des Lebens; Jugendliche und Erwachsene bei destruktiven Kulten ("Sekten"); Tod und Sterben - und dann? Ist die Welt noch zu retten? Von Frieden und Krieg; Freundschaft, Liebe, Partnerschaft; Nichtbehinderte und behinderte Menschen; Wieviel ist der Mensch wert? Fremdenhaß statt Nächstenliebe? Euthanasie; Selbstzerstörung durch Sucht und Drogen; Wofür ist der Glaube gut? Leben in der Einen Welt - Armut Hunger und Überfluß. 

Kirchen und Religionsgemeinschaften früher und heute:

Die Entstehung des Christentums; Woher kommt "evangelisch" und "katholisch"? Mission und Kolonialismus; Vom religiösen Antijudaismus bis zum Völkermord; Kreuzzüge; Bedeutende Persönlichkeiten des Christentums; Die Kirchen in der Nazi-Zeit; Rolle, Gestalt und Aufgaben der Kirchen heute; Gegenseitige Besuche von Kirche und Schule; Gemeinsame Aktionen im Stadtteil / in der Region; Möglichkeiten von Jugendlichen in den Religionsgemeinschaften; Religiöse Sondergruppen kennenlernen. 

Lehrplanvergleiche der siebziger und achtziger Jahre belegen, daß es kaum wesentliche Unterschiede zwischen dem konfessionell gebundenen Unterricht -beispielsweise in Niedersachsen oder Hessen - und Bremen gab. Die Religionspädagogik der Schulpraktiker ist längst viel ökumenischer, als manche wahrhaben wollen. Die Selbstverständlichkeit, mit der in Bremen alle Schülerinnen und Schüler Unterricht in Religion ohne konfessionelle Trennung erhalten (sollen), ist für viele Lehrkräfte anderer Bundesländer inzwuschen ein erstrebenswertes Ziel

Kahlschlag im Stundenplan

Die Beteiligten der Aufbruchphase in den siebziger Jahren hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht: von bildungspolitischer Seite her verhielt man sich ignorant; den Religionslehrern blies ein kalter Wind ins Gesicht. Der Senator für Bildung veranlaßte mit Einführung der Orientierungsstufe 1977 ein Halbierung der vorgesehenen Unterrichtsstunden in den Jahrgängen 5 - 7, statt wöchentlich zwei Stunden, wie sie für jedes ordentliche Unterrichtsfach als erforderlich angesehen werden, ließ man den Biblischen Geschichtsunterricht nur einstündig zu. Diese Maßnahme führte dazu, dss in den folgenden Jahren immer weniger Fachunterricht erteilt wurde. Damit nicht genug: im Jahre 1980 wurde auch die Fachstunde im 10. Schuljahr der Realschule weggestrichen. 

Da das Fach Biblische Geschichte in Bremen als einziges Unterrichtsfach nicht benotet wurde, sank es im Rang der Schulfächer bis ganz nach unten. Etliche Lehrerinnen und Lehrer verringerten ihr Engagement für dieses Fach, weil die äußeren Rahmenbedingungen extrem schlecht waren. Weil in den meisten Schulen durch die Schulleitungen andere Prioritäten gesetzt wurden, verschwand das Fach aus dem Bewußtsein vieler Lehrkräfte, Eltern und Schüler. Nicht selten wurden die vorgesehenen Unterrichtsstunden in Klassenlehrerstunden oder Arbeitsgemeinschaften verschiedenster Art umgewandelt. Dieses Vorgehen führte dazu, dass nur wenige Schulen seit Ende der siebziger Jahre Fachlehrkräfte für Religion angefordert haben, obgleich - objektiv gesehen - Bedarf vorhanden war. Der langjährige Einstellungsstopp seit Beginn der achtziger Jahre tat ein Übriges und hat die Situation des Religionsunterrichts in den Schulen erschwert. Nicht selten fiel das Fach in manchen Schulen den Stundenkürzungen gänzlich zum Opfer, vielfach wurde es in ganzen Jahrgängen gar nicht angeboten. In der gymnasialen Oberstufe war Religionskunde damals nur ein Wahlfach ohne Belegungsverpflichtung.  

                                                    Ein ungeliebtes Kind

 Die beiden folgenden Jahrzehnte, die 80er und 90er Jahre, waren gekennzeichnet von unterschiedlichen Entwicklungen. Dabei spielten auch die administrativen Veränderungen im Schulwesen, die in immer rascherem Wechsel erfolgten, eine bedeutende Rolle. Die Erarbeitung von Lehrplänen wurde fortgesetzt und die Lehrerfortbildung im Fach Biblische Geschichte wurde eine Zeit lang sogar durch jährliche Fachtage im Landesinstitut für Schule gestützt. Auf der anderen Seite wurden jedoch immer größere Mängel und Unzulänglichkeiten offenbar, die ihre Gründe auch im defizitären System des Bremer Religionsunterrichts haben. Immer mehr Schulen grenzten das Fach Biblische Geschichte aus, indem sie es jahrgangsweise oder gar völlig beseitigten. Auf Nachfragen erklärten die Schulleitungen dies oft mit dem Argument der fehlenden Fachlehrkräfte. Andererseits konnte man keine Bemühungen der Schulen erkennen, die auf dem ‚Markt’ vorhandenen Fachlehrkräfte einzustellen. Die Schulbehörde Bremens überließ das Fach größtenteils dem ‚freien Spiel der Kräfte’. In der Folge wuchs der Unterrichtsausfall enorm an und wurde vielfach zum Regelfall. Nicht selten führte eine antikirchliche Haltung von Schulleitungen zu einer Ablehnung des Faches und damit zum Wegfall in der Schule. Diese Entwicklungen sind gut belegt durch Umfrageergebnisse. Die Schulbehörde erfragte mehrfach auf Druck der Bürgerschaft die Unterrichtserteilung und musste immer wieder erschütternde Ergebnisse vorlegen: der Unterrichtsausfall belief sich in der Sekundarstufe I teilweise auf bis zu 80 Prozent! Nur ganz selten wurden aus solchen Ergebnissen auch Konsequenzen gezogen, in der Regel konnten die Schulen schalten und walten, wie sie wollten.[1] 
An einem weiteren Beispiel lässt sich zeigen, wie sehr das Wohl und Wehe des Faches Biblische Geschichte von der behördlichem bzw. schulleiterlichen Wertschätzung resp. Missachtung abhing. Auf intensives Drängen der Fachlehrerschaft gab die Bildungsbehörde Elterninformationsschriften für das Fach heraus. [2] Die Erziehungsberechtigten sollten über die Inhalte des Unterrichts in Biblischer Geschichte informiert werden, damit sie zu Beginn der Grundschule und später der weiter führenden Schulen die Hintergründe des Faches kennen lernen. In der Praxis zeigte sich nämlich, dass viele Eltern mit dem alten Namen „Biblische Geschichte“ nichts anfangen konnten. Es bestand somit erheblicher Klärungsbedarf. Nur widerwillig ging die Schulbehörde auf den Wunsch ein, diese Infoblätter an den Schulen regelmäßig zu verteilen.Nach mehreren Jahren stellte man die Information sang- und klanglos ein. An einigen Schulen fanden diese Informationsmaßnahmen guten Anklang auf Elternabenden und Schulkonferenzen. An anderen Schulen wurden die Infoblätter gar nicht erst verteilt, mit der Begründung, man unterrichte das Fach ja nicht!

An diesen Beispielen zeigt sich deutlich das administrative Dilemma des Bremer Unterrichts in Biblischer Geschichte: einerseits muss der Staat irgendwie den Auftrag der Landesverfassung erfüllen, andererseits wird er dieser Aufgabe nicht wirklich gerecht. Als grundsätzlicher Mangel ist zu beklagen, dass der bremische Staat sich – abgesehen von der Lehrerausbildung – kein wirksames Instrument der Planung und Kontrolle zugelegt hat, etwa in Form einer Fachabteilung in der Schulbehörde.

 Aus der Fachlehrerschaft und von den Kirchen wurde immer häufiger öffentlich scharfe Kritik an diesen Missständen laut. Im Jahre 1992 wurde durch den damaligen Bürgermeister Wedemeier [3]ein Arbeitskreis berufen, in dem die Bildungsbehörde, die christlichen Kirchen, die Ausbildungsinstitutionen Universität und Landesinstitut sowie Vertreter der Fachlehrerschaft Mitglied war. Mehrmals im Jahr trat dieser Arbeitskreis zusammen und beriet aktuelle sowie grundsätzliche Themen um den Fachunterricht. Zwar gelang es den Beratenden nicht, die grundlegende Misere des Faches in der Schule zu ändern, jedoch konnten nach 18-jähriger Tätigkeit einige Arbeitsergebnisse vorgezeigt werden.[4] Diese betrafen vor allem die Einführung von Alternativfächern und die Benotung.

 

                              Alternativen gesucht - Philosophie und Islamkunde

Dass es in Deutschland inzwischen Alternativ- bzw. Ersatzfächer für den konfessionellen Religionsunterricht gab, regte auch in Bremen entsprechende Überlegungen an. Denn die Abmeldemöglichkeit für das Fach Biblische Geschichte war nur unzureichend geregelt. Daraus ergab sich oft eine nicht zufrieden stellende Randstundensituation für das Fach. Um den vom BGU abgemeldeten Schülerinnen und Schülern eine Unterrichtsalternative anzubieten, wurde ab 1995 Philosophie als Schulfach eingeführt. Nur an wenigen Schulen der Sekundarstufe gelang ein harmonisches Miteinander der Fächer, wenn beiderseits Fachlehrkräfte da waren, die auch kooperierten. Vielfach entwickelte sich jedoch ein Alleingang: mehr und mehr Schulen unterrichteten ausschließlich Philosophie. Der schulpraktische Gesichtspunkt, dass man sich von diesem Fach nicht abmelden kann, war etlichen Schulleitungen sehr sympathisch und fand viele Nachahmer. Dass dabei das Fach Biblische Geschichte zumeist ‚hinten runter’ fiel wurde bewusst in Kauf genommen und von der Schulbehörde nicht unterbunden.- Schon zu Beginn der Planungen für ein Alternativfach (seit 1989) – anfangs war die Bezeichnung „Ethik“ im Gespräch – gab es aus von mehreren Seiten laute Kritik. Der Religionspädagoge Gert Otto bezweifelte die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens: „Für ganz abwegig halten wir Überlegungen, in Bremen analog zu anderen Bundesländern „Ethik“-Unterricht als Alternative einzuführen“. Bremen sei ja selbst eine Alternative zum konfessionellen Religionsunterricht. Der Professor aus Mainz plädierte für Weiterentwicklungen: „Insofern steht der Typus des Bremer Religionsunterrichts näher bei einem „Ethik“-Unterricht, näher bei einem Allgemeinen Religionsunterricht als jede andere existierende Lösung ... Diesen Schritt sollte man gehen. In Bremen wäre die Wendung zum „Ethik“-Unterricht nichts anderes als ein Rückschritt“.[5] Auch aus Kreisen der Fachlehrerschaft regte sich Widerstand. Die Lehrkräfte waren es von je her gewohnt, im Fach Biblische Geschichte alle Schülerinnen und Schüler einer Klasse gemeinsam zu unterrichten. Die Einführung eines Alternativfaches stellte diesen gemeinsamen Unterricht in Frage und verursachte schulorganisatorisch neue, bisher nicht bekannte Planungszwänge. Auch war für die meisten Lehrkräfte nicht einsichtig, welche fachdidaktischen Gründe für die Trennung der Fächer sprachen. Dem Fachlehrermangel bei Philosophie versuchte die Schulbehörde durch Weiterbildungskurse zu begegnen. Lehrplanmäßig orientierte sich das Fach zunächst an den Plänen von Schleswig-Holstein und an der Praktischen Philosophie in Nordrhein-Westfalen. Inzwischen liegen – wie auch bei Biblischer Geschichte – neuere, kompetenzorientierte Bildungspläne vor.[6]

 Um den Wünschen der islamischen Gemeinschaften im Land Bremen entgegen zu kommen, wurde im Jahre 2003 ein Schulversuch mit der Bezeichnung „Islamkunde“ eingeführt.[7] Die besondere Situation Bremens lässt an den staatlichen Schulen keinen bekenntnisgebundenen Unterricht zu, daher wurde das Fach nicht ‚Islamunterricht’ genannt. Vorausgegangen waren längere Beratungen eines Runden Tisches, an dem, neben vierzehn muslimischen Gemeinden, Bürgermeister Henning Scherf und die Schulbehörde beteiligt war. Auch die christlichen Kirchen wurden hinzugezogen, weil Islamkunde in gewisser Weise im Fächerverbund mit Biblischer Geschichte und Philosophie koordiniert war. Die Einführung dieses Schulversuchs an einer Schule geschah unter großem Medieninteresse.[8] An einem Schulzentrum der Sekundarstufe I wurden die drei Fächer schrittweise ausgebaut. Sowohl die Schule als auch die Schulbehörde sprachen von einem ‚Erfolgsmodell’ und strebten eine Ausweitung auf andere Stadtteile an. Diese Absichten wurden jedoch nach einigen Jahren nicht mehr umgesetzt, weil seitens anderer (bildungs-) politischer Entscheidungsträger die separate Islamkunde nicht mehr erwünscht war. Vertreter der Sozialdemokraten waren der Auffassung, dass ein gemeinsamer Religionsunterricht eher der Integration der Muslime diene. So verschwand der viel gelobte Schulversuch in der Versenkung, nicht einmal eine fachliche Auswertung des ‚Modellversuchs’ wurde vorgenommen.

In der Folgezeit äußerten jedoch muslimische Gemeinschaften in Bremen – wie z.B. die Schura [9] – verschiedentlich Interesse an islamischem Unterricht in der Schule. Die starken bundesweiten Aktivitäten in dieser Hinsicht erregten Aufmerksamkeit, vor allem auch die staatsvertraglichen Regelungen, die für Hamburg besondere Möglichkeiten der islamischen Mitwirkung im Religionsunterricht für Alle vorsahen. Unterstützung fanden die Muslime für ihren Wunsch nur bei der CDU. Diese plädierte in der Bürgerschaft für die künftige Einführung konfessionell getrennten Religionsunterrichts, wie es auch in vielen anderen Bundesländern üblich ist. Eine politische Mehrheit für diese Intentionen war und ist jedoch nicht in Sicht.

 Im Aufstieg und im raschen Fall des Schulversuchs ‚Islamkunde’ in Bremen zeigen sich symptomatisch die strukturellen Mängel, durch die Bremens Umgang mit diesen Fächern behaftet ist. Die bildungspolitische Konzeptionslosigkeit in diesem Bereich ist beängstigend groß. Unverständlich bleibt auch die Tatsache, dass das Land weder die Fachleute der eigenen Universität noch Kapazitäten von außerhalb zur Beratung hinzu gezogen hat. Es ist ferner verwunderlich, dass seitens der Kirchen und der anderen Religionsgemeinschaften seit einigen Jahren keine öffentliche Kritik an diesen Zuständen wahrnehmbar ist. So lautet die deprimierende Einschätzung, die sich aus den jahrzehntelangen Erfahrungen des Autors ergibt: Im ‚freien Spiel der Kräfte’ besitzt die religiöse Bildung in der Schule Bremens offensichtlich keine wirksame Lobby.

 

                                          Gegenwartsprobleme und Zukunftsfragen

 Zu den stärker diskutierten Themen um den Bremer Religionsunterricht gehört auch die Frage nach der Qualifikation und Position der Lehrkräfte für diesen Unterricht. Im Kontext eines gerichtlich bedeutsamen Falles zeigen sich unterschiedliche Auffassungen. Seit 2008 werden in Bremen von Seiten der Grünen neue Überlegungen zur Umgestaltung des Biblischen Geschichtsunterrichts laut, die auch Spuren im Koalitionsvertrag hinterlassen haben.

                                        
                                           Rolle und Selbstverständnis der Lehrkräfte

Eine Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche ist keine Voraussetzung für die Erteilung des Unterrichts in Biblischer Geschichte/Religionskunde in Bremen. Eine neue Situation trat jedoch im Jahre 2004 ein: Am Fall einer Lehramtsanwärterin, die an der Universität Bremen ihren Abschluss im Fach Religionskunde erworben hatte, entzündete sich eine intensive Debatte. Die Bewerberin war Muslima und trug Kopftuch. Im Streit um die Kopftuchfrage spielte auch die Aufgabe als Fachlehrkraft für Religionskunde eine gewisse Rolle, das war allerdings nicht Gegenstand des gerichtlichen Verfahrens. Jedoch erörterten die Richter diese Fragen und ließen erkennen, dass sie einer bekenntnisneutralen, religionskundlichen Auslegung den Vorzug gaben.[10] Die Frage der Anstellung im Referendariat wurde schließlich durch das Bundesverwaltungsgericht endgültig positiv geklärt. Die christlichen Kirchen in Bremen waren der Auffassung, dass nur Lehrkräfte mit christlichem Hintergrund für die Erteilung dieses Unterrichts geeignet seien. Sie sahen sich gestützt durch ein Gutachten von Prof. Martin Rothgangel, welches den Bremer Religionsunterricht näher bei einem christlichen Religionsunterricht – ökumenisch orientiert – ansiedelt. Aus diesem Grund plädierte Rothgangel für eine christliche Positionalität der Lehrkräfte, diese sei bei Muslimen in dieser Weise ja nicht gegeben.[11] 

Eine andere Position wurde seitens der Universität Bremen vertreten. Ein von ihr in Auftrag gegebenes juristisches Gutachten von Prof. Ralf Poscher votierte deutlich für eine religionskundliche Auffassung des Bremer Unterrichts. Weil Bremens Biblischer Geschichtsunterricht kein Religionsunterricht im Sinne des GG sei, könne die Bekenntnisorientierung der Lehrkraft nicht  zum Einstellungskriterium gemacht werden. Im Hinblick auf die Lehrkräfte sei eine konfessionelle Bind ung nicht nötig, ausschlaggebend seien die professionelle Ausbildung und die pädagogische Eignung.[12]

Die staatliche Seite tendierte eher zur offeneren Auslegung, wie sie von der Universität vorgebracht wurde, und sagte zu, dass allein Ausbildung und Eignung als Kriterien herangezogen würden. Nach diesen Grundsätzen wird auch heute verfahren.

                  Der Bremer Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen

Seit dem Jahre 2008 gibt es politische Bestrebungen der Grünen im Land Bremen, die Grundlagen des Religionsunterrichts dahingehend zu verbreitern, dass Kinder aller Glaubensrichtungen und Weltanschauungen in einem Fach gemeinsam lernen. Zu diesem Zweck wurde sogar eine Änderung der Landesverfassung ins Auge gefasst. Entsprechende Beschlüsse lösten Diskussionen in der Öffentlichkeit aus. Befürworter und Gegner tummelten sich im Blätterwald Bremens und tauschten Argumente aus. Dreh- und Angelpunkt blieb schließlich die Frage der Änderung der Landesverfassung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen wurde dieses Ansinnen abgelehnt: Die Kirchen wollten die christliche Grundlage des Faches nicht zugunsten einer ‚allgemein religiösen’ Grundlage aufgeben. Die CDU plädierte für eine Verstärkung des christlichen Ansatzes auf dem Boden der Verfassung, neben einem Einsatz für Islamunterricht. Die Sozialdemokraten waren über den bildungspolitischen Alleingang ihres grünen Koalitionspartners nicht erbaut, konnten sich selbst aber nicht auf eine Stellungnahme einigen.

Mit dem Umweg über Wahlprogramme wurden schließlich im Jahre 2009 im Koalitionsvertrag von SPD und Grünen folgende Kernpunkte vereinbart: „Alle Schülerinnen und Schüler [sollen] einen Unterricht erhalten, der die Geschichte der Religionen, ihre großen Erzählungen, ihre Fragen, ihre Kritik und ihre bis heute fortdauernde Wirkung zum Gegenstand hat.“ Dieser Satz trägt die Handschrift der Grünen und zeigt die Tendenz zur Einführung e i n e s  religionskundlichen Unterrichts für alle. Was die Religionsgemeinschaften betrifft, so sieht der Koalitionsvertrag vor: „Ein Beirat bei der Senatorin für Bildung und Wissenschaft mit Beteiligung der großen Religionsgemeinschaften soll die Entwicklung dieses Unterrichts begleiten.“  Mit diesem Vorschlag gehen Bremens Politiker deutlich über die bisherigen Regelungen hinaus. Der neue Plan bezieht auf eine bisher nicht gekannte Weise die großen Religionsgemeinschaften (Plural !) ein. Diese stünden, wenn sie denn die Aufgabe übernähmen, vor einer einmaligen Aufgabe: gemeinsam Mit-Verantwortung für einen schulischen Religionsunterricht zu übernehmen.

Mit dem Schuljahr 2013/14 hat die Senatorin für Bildung und Wissenschaft begonnen, die Koalitionsvereinbarungen umzusetzen. Zuvor war ein Bildungsplan vom Landesinstitut für Schule erstellt worden. Dieser tritt sukzessive in Kraft. Begleitend dazu werden Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Der Name des Faches wurde geändert, es heißt nicht mehr „Biblische Geschichte“, sondern RELIGION.

Ausführlich wird die aktuelle Entwicklung in meinem Beitrag für die Bremer Lehrerzeitung, Dezember 2014, vorgestellt:

"Das neue Fach Religion".

Dr. Manfred Spieß, geb. 1949, war fast 30 Jahre Fachlehrer für Biblische Geschichte in Bremen. Von 1992 bis Ende 2014 auch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Lektor in der Ausbildung von Religionslehrkräften an der Universität Bremen tätig. Er ist Vorsitzender des Fachverbandes der Religionslehrkräfte im Land Bremen.

Weitere Informationen im Internet:
www.mspiess.de

www.reli-bremen.de

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[1] Häufig wurden (und werden!) die nicht erteilten Religionsstunden anderen Fächern oder Klassenlehrerstunden zugeteilt. Auch das ergaben behördliche Umfragen.

[2] Ein Beispiel aus dem Jahr 2002 ist hier zu finden

[3] Dass der Bürgermeister die Federführung in diesem Arbeitskreis hatte, ist einer besonderen Konstellation in Bremen zu verdanken: der Bürgermeister ist qua Amt gleichzeitig „Senator für kirchliche Angelegenheiten“.

[4] Nach mehreren Wechseln in der Administration endete der Arbeitskreis im Jahre 2010. Es wurde kein Abschlussbericht verabschiedet. Jedoch hat die Fachlehrergemeinschaft eine eigene Bilanz dieser Tätigkeit vorgelegt: http://reli-bremen.de/pdf-dateien-reli/Bilanz-BGU-Arbeitskreis-Bremen-Web.pdf

[5] Gert Otto: Religionspädagogische Zukunftsperspektiven: Religion oder Ethik? In: Hans –Heinrich Rogge (Hg.), Fachtag Religion- Ethik. Fachtag am Wissenschaftlichen Institut für Schulpraxis am 27. Februar 1991. Bremen 1991, 17-42. Hier: 39. Gert Otto war mit der Bremer Situation sehr vertraut. Seit Ende der Sechziger Jahre hat er mehrfach zur Fragen der Bremer Konzeption Stellung bezogen. Sein Schüler Jürgen Lott war von 1977 - 2011 Professor für Religionspädagogik an der Universität Bremen.

[6] Bildungsplan Philosophie Gymnasium Bremen: http://www.lis.bremen.de/sixcms/media.php/13/07-08-23_phil_gy.pdf

[7] Manfred Spieß: Islamkunde an Bremens Schulen. Modellprojekt vor dem Anfang, Die Brücke, H. 2, 2001

[8] Dabei wurde von den Medien besonders hervorgehoben, dass die Fachlehrerin für Islamkunde kein Kopftuch trug!

[9]  Die Schura Bremen ist ein Dachverband islamischer Gemeinschaften im Lande Bremen. Der Verband wurde 2006 gegründet und ist ins Vereinsregister eingetragen als „Schura Islamische Religionsgemeinschaft Bremen e.V.“

[10] Vgl.: VG Bremen vom 19. Mai 2005 – Az: 6 V 760/05

[11] Für eine gründliche Erörterung dieser Frage, die hier nicht vorgenommen werden kann, sei ausdrücklich verwiesen auf: Martin Rothgangel, Religionspädagogisches Gutachten zur Erteilung des „Unterrichts in Biblischer Geschichte auf allgemein christlicher Grundlage“ durch Mitglieder nichtchristlicher Religionsgemeinschaften, in: THEO WEB, Zeitschrift für Religionspädagogik; 5. Jahrgang 2006, Heft 1, 39-64, bes.:60

[12] Ralf Poscher, Gutachten zur Rechtsnatur des Unterrichts in Biblischer Geschichte auf allgemein christlicher Grundlage nach Art. 32 Brem.Verf. und den bekenntnismäßigen Anforderungen an seine Lehrkräfte (im Auftrag der Universität Bremen) 2006.




Literaturhinweise:

Manfred Spieß: "Religionsunterricht oder nicht? Der Biblische Geschichtsunterricht im Lande Bremen". In: Jürgen Lott (Hrsg.), RELIGION - warum und wozu in der Schule? Weinheim 1992, 81-102.

Manfred Spieß: "Hohe Behörde möge verfügen, daß der Religionsunterricht abgeschafft werde". In: Geh zur Schul und lerne was. 150 Jahre Schulpflicht in Bremen. (Hrsg.:) Schulgeschichtliche Sammlung Bremen 1994. 90-97.

Manfred Spieß: "Religion in Bremens Schulen. Was steckt praktisch hinter der Bremer Klausel"? Katechetische Blätter, Heft 12,1993, 837-840. 


Jürgen Lott/Anita Schröder-Klein: Religion unterrichten in Bremen, in: Martin Rothgangel/ Bernd Schröder (Hrsg.): Evangelischer Religionsunterricht in den Ländern der Bundesrepublik Deutschland. Empirische Daten – Kontexte – Entwicklungen. Leipzig EVA 2009, 111 – 127

Manfred Spieß: Das neue Fach Religion, Bremer Lehrerzeitung 11/12-2014, 24-25


Bildungsplan Religion Bremen 2014:  Hier zum Download

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