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Kohäsion

semantisch-syntaktische Verknüpftheit von Sätzen in einem Text
Die terminologische Abgrenzung von Kohäsion und Kohärenz ist nicht einheitlich; beide Begriffe wurden in einzelnen Phasen der textlinguistischen Entwicklung und in verschiedenen textlinguistischen Ansätzen unterschiedlich verwendet (vgl. dazu auch Rickheit/Schade 2000).
Unter dem Begriff Kohäsion lassen sich semantisch-syntaktische satzgrenzenüberschreitende, in der Regel jedoch lokal begrenzte Beziehungen in einem Text zusammenfassen. Dieser transphrastische Zusammenhang entsteht durch die Wiederaufnahme sprachlicher Ausdrücke und durch Konnexion (aufgrund bestehender Relationen zwischen Propositionen benachbarter Sätze).
Textkohäsion kann bei expliziter Konnexion und expliziter Wiederaufnahme deutlich auf der Textoberfläche signalisiert sein oder muss als implizite Konnexion (aus den zugrundeliegenden Sachverhalten) und als implizite Wiederaufnahme (aus semantischen und wissensabhängigen Relationen zwischen einzelnen Ausdrücken) erschlossen werden.
Brinker (1992) unterscheidet (in Anlehnung an Harweg 1968) bei den "grammatischen Bedingungen der Textkohärenz" (26) die explizite Wiederaufnahme (26 ff) und die implizite Wiederaufnahme (34 ff).
 
  1. Kohäsionmittel bei expliziter Wiederaufnahme aufgrund von Koreferenz (meist anaphorisch, seltener kataphorisch)
    Proformen:
    • Pronomen (z. B. er, sie),
    • Proverben (z. B. tun, machen),
    • Proadjektive (z. B. solche, diejenigen);
    Rekurrenz:
    • direkte Wiederholung von Wörtern oder Wortgruppen,
    • partielle Rekurrenz (z. B. Er war sehr glücklich. In seinem Glück . . .),
    • Ellipsen (als verkürzte Wiederholung),
    • Paraphrasen.
    Über diese Kohäsionsmittel werden im Text Verweisungen vorgenommen und Beziehungen hergestellt.
    "In längeren Textstrecken besteht die Hauptoperation darin, herauszufinden, wie schon verwendete Elemente und Muster wieder verwendet, verändert oder zusammengefügt werden." (Beaugrande/Dressler 1981: 57)
  2. Kohäsionsmittel bei expliziter Konnexion: Konnektoren
    Diese Kohäsionsmittel geben keine Suchinstruktionen (wie in 1.), sondern spezifizieren, "in welcher Weise das im Text Vorangegangene mit dem im Text Nachfolgenden verbunden wird" (Kallmeyer/Meyer-Hermann 198O: 248). Es handle sich dabei "nicht um die Verbindung von Sätzen, d. h. syntaktischen Einheiten, sondern um die Verbindung von semantischen Einheiten, also Propositionen" (248).
    Zu den Konnektoren gehören
    • Konjunktionen (z. B. und, oder, aber, denn; subordinierende Konjunktionen stellen nur satzintern Verbindungen her),
    • Satzadverbien (z. B. folglich, trotzdem),
    • mehrgliedrige Konnektoren (z. B. sowohl - als auch).
  3. Kohäsion wird weiterhin  u n t e r s t ü t z t
    • durch Verwendung aufeinander beziehbarer Tempusformen in einem Text,
    • durch bestimmte Abfolgen von Thema-Rhema-Gliederungen in benachbarten Sätzen und durch die Satzakzente (vgl. Brazil 1985),
    • durch Parallelismus (als satzstrukturelle Wiederaufnahme mit lexikalischen Varianten).

Der Begriff Kohäsion wurde von Halliday/Hasan (1976) eingeführt. Als Haupttypen der Kohäsion nennen sie:
  • Konjunktionen,
  • Referenz,
  • lexikalische Kohäsion,
  • Substitution
(Halliday/Hasan 1976: 324).
Beaugrande/ Dressler fassen Kohäsion  n e b e n  Kohärenz als textzentriertes Kriterium der Textualität auf (Beaugrande/Dressler 1981: 8).
Halliday/Hasan beziehen Kohäsion auf semantische Relationen, die innerhalb eines Textes existieren (Halliday/Hasan 1976: 4); Beaugrande/Dressler verweisen die Kohäsion in den Bereich der Syntax (Beaugrande/Dressler 1981: 50 f).
Kong stellt der Satzverknüpfung durch Wiederaufnahme (Kong 1993: 15 ff) die Satzanknüpfung durch Konnektoren (43 ff) gegenüber und setzt beides in Beziehung zur Thema-Rhema-Gliederung (91 ff). Sie weist die Bevorzugung bestimmter Vertextungsmittel in verschiedenen Texttypen nach (125 ff).

Kohärenz, Wiederaufnahme, Referenzbeziehungen, Textphorik, Konnexion, Konnektor, Textisotopie, Textualität, thematische Progression, Proform, Textgrammatik, grammatische Kohärenzbedingungen

Kommunikation

Verständigung durch sprachliche, sprachbegleitende und nichtsprachliche Zeichen;
(wechselseitige) Übermittlung von Informationen
In der schriftlichen Kommunikation unterscheiden sich Texte der verschiedenen Textsorten in ihren Funktionen und Strukturen.
In der mündlichen Kommunikation zeigen die in den verschiedenen Kommunikationsarten entstehenden Texte deutliche strukturelle Unterschiede:
  • die dialogische Kommunikation (Gespräche),
  • die monologische Kommunikation (Informationsübermittlung nur von einer Person ausgehend),
  • die intrapersonale Kommunikation (z. B. Selbstgespräch, lautes Denken),
  • die interpersonale Kommunikation (z. B. Ansprache, Vorlesung).
"Prototypisch für den Gebrauch der Sprache in mündlichen Sprachspielen ist dialogisches, nicht monologisches Sprechen." (Weinrich 1993: 819)

Text, Textlinguistik, Textsorten, Glossar Geprächslinguistik

kommunikatives Handlungsspiel

Sprachverwendung in Handlungszusammenhängen der Textkommunikation, zentraler Begriff in der Texttheorie von Schmidt (1976)
Schmidt fasst das kommunikative Handlungsspiel als "Fundamentalkategorie einer kommunikationsorientierten Linguistik" auf (Schmidt 1976: 44). Für ihn ist das kommunikative Handlungsspiel der "Organisationsrahmen für Kommunikationsakte" (Schmidt 1976: 153).
    "Ein kommunikatives Handlungspiel ist eine abgrenzbare Kommunikations´geschichte´ [. . .]." (46)
Nach Schmidt (1972) integriert jedes kommunikative Handlungsspiel als "elementare Kategorie der Texttheorie [. . .] zumindest vier Operationen, die im Anschluss an Austin (1962) und Searle (1969) so bestimmt werden können:
  1. Äußerung eines Textes (utterance act),
  2. Referenz und Prädikation (propositional act),
  3. Vollzug eines sozio-kommunikativen Handlungsschemas (illocutionary act),
  4. Modifikation der Dispositionen und Handlungsbereitschaften der Kommunikationspartner (perlocutionary act)" (Schmidt 1972: 61).

Handeln, sprachliches Handeln, Sprechakt, Texttheorie, Textpragmatik, Kommunikation

kommunikatives Textmodell

Modell der Beschreibung und Erklärung von Texterzeugung und Textrezeption als Handlungen
Bei der Entwicklung eines kommunikativen Textmodells bilden für Motsch nicht die (Text-)Strukturen den zentralen Untersuchungsgegenstand, sondern Prozesse der Texterzeugung und der Textrezeption: Texte werden als Illokutionsstrukturen betrachtet (Motsch 1983: 49O, Motsch 1986: 264, 271).
Dabei gelten Intentionen als übergeordnet; im kommunikativen Textmodell werden die Illokutionen hierarchisiert, um das Erreichen des Gesamtziels über Teilziele beschreiben zu können. Motsch/Viehweger unterscheiden zwischen der dominierenden Illokution und subsidiären Handlungen, die der globalen Textstruktur und den lokalen Strukturen zugrundeliegen (Motsch/Viehweger 1991: 116, 121 ff).

Illokutionsstruktur, Textpragmatik, Texttheorie

Kompatibilitätsprinzip

Grundsatz, nach dem das Hauptthema in einem Text  d a s  Thema ist, das am stärksten der Textfunktion entspricht
Brinker erklärt die Beziehungen zwischen dem Hauptthema eines Textes und den Nebenthemen bzw. der Textfunktion nach dem Ableitbarkeitsprinzip und dem Kompatibilitätsprinzip (Brinker 1992: 52 ff).
Nach dem Kompatibilitätsprinzip ist  d a s  Thema das Hauptthema eines Textes, das am besten zur Textfunktion passt, während nach dem Ableitbarkeitsprinzip  d a s  Thema als Hauptthema eines Textes zu betrachten ist, von dem sich die anderen Themen (als Nebenthemen) ableiten lassen (52).

Textthema, Textfunktion, Ableitbarkeitsprinzip, thematische Entfaltung, Textstruktur

Konjunktion (textlinguistisch)

sprachlicher Ausdruck, der Sätze miteinander verknüpft, indem er Relationen, Sinnzusammenhänge zwischen Propositionen verdeutlicht; Mittel der Kohäsion
Durch koordinierende Konjunktionen (z. B. und, oder, aber, denn) lassen sich satzgrenzenüberschreitend Beziehungen zwischen Propositionen ausdrücken, während subordinierende Konjunktionen diese Funktion bei der Verknüpfung von Teilsätzen übernehmen. Van Dijk unterscheidet die semantische und die pragmatische Verwendung von Konjunktionen (van Dijk 1980 b: 87 f).

Konnektor, Konnexion, Kohäsion, Transphrastik

Konjunktionaladverb

Satzadverb

Konnektiv

Konnektor

Konnektor (textlinguistisch)

sprachliches Mittel, durch das transphrastisch Relationen zwischen Propositionen und sprachlichen Handlungen explizit ausgedrückt werden; Mittel der Kohäsion; auch: Konnektiv
Als Konnektoren werden Konjunktionen (z. B. doch, aber, denn) und Satzadverbien (Konjunktionaladverbien) (z. B. daher, folglich) verwendet. Konnektoren können eingliedrig sein (z. B. und, oder) oder mehrgliedrig (z. B. entweder - oder, sowohl - als auch).
Konnektoren verknüpfen Sätze, indem sie Beziehungen zwischen Propositionen und sprachlichen Handlungen explizit ausdrücken. Van Dijk unterscheidet den semantischen und den pragmatischen Gebrauch von Konnektoren:
    "[. . .] die ersteren verweisen auf Beziehungen zwischen Sachverhalten, die letzteren auf solche zwischen Sprechakten" (van Dijk 1980 b: 87).
Nach van Dijk können Konnektoren bewirken, dass "zusammengesetzte Propositionen" entstehen (29). Konnektoren können kausale, konsekutive, temporale und andere Relationen zwischen Propositionen verdeutlichen. Unter pragmatischem Aspekt kann nach van Dijk und z. B. die "Ergänzung oder Fortführung einer Behauptung" ausdrücken (88). Van Dijk bezeichnet aber als besonders typisch für pragmatische Konnektoren, da aber z. B. einen Einwand gegenüber einer vorausgegangenen sprachlichen Handlung oder einen Vorwurf signalisieren könnte (88).

Konnexion, Relationssemantik, Propositionsanalyse, Satzadverb, Kohäsion

Konnexion (textlinguistisch)

Zusammenhang, Verknüpftheit von Propositionen benachbarter Sätze in einem Text; Zusammenhang von Sachverhalten im Text
Der Begriff Konnexion erfasst die Relationen zwischen den Propositionen in einem Text (auf der Grundlage des Zusammenhangs zwischen den entsprechenden Sachverhalten). "´Konnexion´ bezieht sich [. . .] auf die Verknüpfung von Propositionen (Satzinhalten)." (Brinker 1996 c: 1516)
Nach van Dijk sind Propositionen "miteinander verbunden (konnex), wenn die durch sie repräsentierten Tatbestände miteinander verbunden sind. Diese Konnexivität ist eine relative, bezogen auf ein bestimmtes Thema (die Makrostruktur) des Textes oder ein Thema seiner Passagen, aber auch bezogen auf die an der verbalen Interaktion Teilnehmenden." (van Dijk 1980 b: 86)
Van Dijk weist darauf hin, "dass die Konnexivität relativ zum Wissen von Sprecher wie Hörer gegeben ist, [. . .]" (86).
Die logisch-semantischen Beziehungen zwischen den Propositionen können kausaler, temporaler, disjunktiver oder anderer Art sein. Besonders häufig bestehen Teil-Ganze-Relationen, Vergleichs- und Kontrastbeziehungen; die Relationen können auch auf Präsuppositionen beruhen.
Man kann zwischen expliziter und impliziter Konnexion unterscheiden. Bei expliziter Konnexion wird die Relation zwischen den Propositionen durch Konnektoren explizit ausgedrückt (z. B. durch Konjunktionen wie aber, denn oder durch Satzadverbien wie deshalb). Bei impliziter Konnexion werden keine Konnektoren verwendet, die Art der Relation zwischen den Propositionen muss aus dem Zusammenhang der in den Propositionen formulierten Sachverhalte erschlossen werden.
Häufig vorkommende Relationstypen (und bei expliziter Konnexion dazu gehörende Konnektoren):
  • kopulativ (und, zudem),
  • disjunktiv (oder, andernfalls),
  • adversativ (aber, doch),
  • temporal (vorher, danach),
  • kausal i. e. S. (denn, nämlich),
  • konzessiv (trotzdem),
  • konsekutiv (also, folglich, deshalb).

Konnektor, Propositionsanalyse, Hyperproposition, Wiederaufnahme, Kohäsion,

konstitutive Prinzipien (textlinguistisch)

die Text-Kommunikation konstituierende Grundsätze
Beaugrande/Dressler übertragen Searles Unterscheidung konstitutiver von regulativen Regeln für das sprachliche Handeln (Searle 1974: 87 ff) auf die Kommunikation durch Texte (Beaugrande/Dressler 1981: 13 f).
Zu den konstitutiven Prinzipien, die danach Kriterien für Textualität sind, gehören nach Beaugrande/Dressler
  • Kohäsion,
  • Kohärenz,
  • Intentionalität,
  • Akzeptabilität,
  • Informativität,
  • Situationalität und
  • Intertextualität.
"Diese Kriterien fungieren als KONSTITUTIVE  PRINZIPIEN [. . .] von Kommunikation durch Texte; sie bestimmen und erzeugen die als Text-Kommunikation bestimmbare Verhaltensform, die zusammenbricht, falls sie zerstört werden." (13 f)
Die regulativen Prinzipien, "die die Text-Kommunikation nicht definieren, sondern kontrollieren", sind nach Beaugrande/Dressler mindestens die folgenden:
  • Effizienz,
  • Effektivität und
  • Angemessenheit (14).

konstitutive Regeln, Textualität, Kohärenz, Kohäsion, Intentionalität, Situationalität, Informativität, Intertextualität, Akzeptabilität, Effizienz, Effektivität, Angemessenheit

konstitutive Regeln

Regeln, die (sprachliches) Handeln konstituieren
Nach Searle ist Sprechen regelgeleitetes Handeln. Bei den Regeln für (sprachliches) Handeln unterscheidet Searle konstitutive von regulativen Regeln:
    "Konstitutive Regeln konstituieren (und regeln auch) eine Tätigkeit, deren Vorhandensein von der Existenz der Regeln logisch abhängig ist" (Searle 1974: 87). "Regulative Regeln regeln eine bereits existierende Tätigkeit, eine Tätigkeit, deren Vorhandensein von der Existenz der Regeln logisch unabhängig ist". (87)
Beispiel für die Anwendung einer konstitutiven Regel nach Searle: ein Versprechen wird konstituiert, wenn in einer Äußerung ein Sprecher die Verpflichtung übernimmt, eine bestimmte Handlung durchzuführen.
Beispiele für die Anwendung regulativer Regeln: ein Versprechen wird vom Sprecher nur dann geäußert, wenn nicht offensichtlich ist, dass er die versprochene Handlung ohnehin ausführen würde; oder: der Sprecher darf nur dann etwas versprechen, wenn er beabsichtigt, die versprochene Handlung wirklich auszuführen (Searle 1974: 1O1).

Konvention, Handeln, sprachliches Handeln, Intention, konstitutive Prinzipien

Kontext (textlinguistisch)

Umgebung einer sprachlichen Einheit
Der Begriff Kontext kann sich beziehen
  1. im engeren Sinn:  n u r  auf die sprachliche Umgebung,
  2. im weiteren Sinn: auf die sprachliche  u n d  die nichtsprachliche Umgebung.

Zu 1. (Kontext im engeren Sinne)
    Als sprachlichen Kontext bezeichnet man den Text bzw. die Textteile vor und nach einem sprachlichen Ausdruck.
Zu 2. (Kontext im weiteren Sinne)
    Vielfach bezieht sich der Terminus Kontext nicht nur auf die sprachliche, sondern auch auf die nichtsprachliche Umgebung einer sprachlichen Einheit, und zwar
    • auf Elemente und Bedingungen der Kommunikationssituation: situativer Kontext,
    • auf Elemente und Bedingungen der (kognitiven) Verarbeitung: Kontext des allgemeinen bzw. des geteilten Wissens.

Situation, Wissen, Wissenssysteme, Anapher, indirekte Anapher, Katapher, Endophora, Exophora, situationsdeiktische Ausdrücke

Kontextgedächtnis

Bereich des Kurzzeitgedächtnisses, in dem Informationen des (sprachlichen) Kontextes gespeichert sind
Durch das Kontextgedächtnis werden Textinformationen für die Textverarbeitung verfügbar gehalten. Dadurch können von den Textverwendern z. B. anaphorische und kataphorische Beziehungen hergestellt werden, kann Koreferenz zwischen Proformen und Bezugsausdrücken und kann Kontiguität zwischen Textteilen erschlossen werden.
Von besonderer Bedeutung ist das Kontextgedächtnis nach Weinrich für alle Klammerformen der deutschen Sprache (Verbklammern, Nominalklammern, Adjunktklammern), die Weinrich als "von Grund auf textuelle Gebilde" bezeichnet (Weinrich 1993: 30).

Wiederaufnahme, Anapher, indirekte Anapher, Katapher, Proform, Referenzbeziehungen, Kontiguität, Kohäsion

Kontiguität

textkonstituierende semantische Relation zwischen Lexemen
Während bei der expliziten Wiederaufnahme durch referenzidentische sprachliche Ausdrücke (z. B. durch Proformen) satzgrenzenüberschreitend Koreferenz hergestellt wird, beziehen sich bei der impliziten Wiederaufnahme nicht referenzidentische sprachliche Ausdrücke aufeinander, weil zwischen ihnen eine semantische Nähe besteht. Diese lässt sich logisch, ontologisch oder kulturell begründen (Harweg 1968: 192 ff, Brinker 1992: 34 ff):
  • logisch begründbare Kontiguität, z. B. Frage - Antwort, Start - Landung, Anfang - Ende,
  • ontologisch (naturgesetzlich) begründbare Kontiguität, z. B. Pflanze - Wurzel, Schwein - grunzen,
  • kulturell begründbare Kontiguität, z. B. Operation - Krankenhaus, Zug - Schiene (vgl. Brinker 1992: 34).
Bußmann erklärt den Begriff Kontiguität als "Relation zwischen Lexemen, die der gleichen semantischen, logischen, kulturellen oder situationellen Sphäre angehören" (Bußmann 199O: 418).
"Solche Kontiguitätsbeziehungen sind als semantisches Gerüst textkonstituierend." (418)
Greber kommt im Zusammenhang mit Überlegungen zu Textkohärenz und Wissensrepräsentation zu einer "Neubestimmung von Kontiguitätsanaphern".
    "Bei Kontiguitätsanaphern handelt es sich um eine spezifische Art von nominalen Anaphern, deren Auflösung besondere Schwierigkeiten bietet, da sie - im Unterschied zu anderen Anaphern - nicht koreferent mit dem Antezedens (beziehungsweise Antezedentien) im Text sind, auf das sie sich anaphorisch beziehen, und daher die Beziehung zwischen Anapher und Antezedens nur durch Inferenz hergestellt werden kann." (Greber 1993: 361)
Für die Kategorisierung von Kontiguitätsrelationen schlägt Greber u. a. vor
  • Raum- und Zeit-Kontiguität, z. B. Tag - Nacht, Berg - Gipfel (375 f),
  • logische Kontiguitätsrelationen (376 f),
  • Teil-Ganzes-Beziehungen, z. B. Rüssel - Elefant (377 f).
In der Kognitiven Linguistik wird der nicht referenzidentische Rückgriff auf einen Anker auch als indirekte Anapher bezeichnet (vgl. Schwarz 2000).

Wiederaufnahme, indirekte Anapher, Textisotopie, Textsemantik

Konvention (textlinguistisch)

Übereinkunft, in welcher Weise sprachliche Äußerungen/Texte verwendet werden
Da Sprachverwendung sozial geregelt ist, gibt es Konventionen, in welcher Weise Äußerungen/Texte gebildet und verstanden werden können.
Nach Lewis ist eine Konvention eine "Verhaltensregularität" unter bestimmten Gruppen von Menschen und bestimmten äußeren Bedingungen (Lewis 1975: 79).
Searle weist darauf hin, dass (neben Intentionen) besonders Konventionen auf sprachliche Handlungen direkt einwirken.
    "Illokutionäre Akte vollziehen heißt, eine regelgeleitete Form von Verhalten ausführen." (Searle 1974: 86)

sprachliches Handeln, Handeln, Handlungswissen, Strategiemuster

Konzept

begriffliche Grundvorstellung; elementare kognitive Einheit bei der Organisation generalisierter Kenntnisse (und der Relationen zwischen ihnen)
  1. In der Kognitionsforschung werden Konzepte als elementare strukturelle Grundeinheiten bei der Organisation von Weltwissen aufgefasst, als kognitive Einheiten bei der Strukturierung, Speicherung und Verarbeitung von Informationen.
  2. In einem weiteren Sinne wird (alltagssprachlich) mit dem Begriff Konzept ein strukturierter Entwurf, die Grundvorstellung über eine Gesamtplanung bezeichnet, also auch ein strukturierter Textentwurf.

Zu 1. (Konzept als Konstrukt der Kognitionsforschung)
    In der Gedächtnis- und Kognitionsforschung wird der Begriff Konzept (R. C. Schank 1975) zur Bezeichnung elementarer kognitiver Organisationseinheiten verwendet. Mit Hilfe von Konzepten werden danach (sonst unüberschaubare) Mengen an Informationen im Langzeitgedächtnis abstrahierend, strukturierend, kategorisierend zusammengefasst, so dass ein schneller Zugriff, eine spontane Aktualisierung und Verarbeitung in der Textproduktion und in der Textrezeption möglich sind.
    Als "fundamentale Prinzipien" für die Organisation des Wissens in Konzepten gelten nach Schwarz:
    • Identität (Identifizierung desselben Objekts/Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten in unterschiedlichen Umgebungen, z. B.: als namentlich bezeichnete Person) und
    • Äquivalenz (Zuordnung mehrerer Objekte zur gleichen Klasse aufgrund gemeinsamer Merkmale, z. B. Mensch, Tisch, Vogel) (Schwarz 1992 a: 84).
    Schwarz unterscheidet
    • Konzepte mit Informationen über individuelle Objekte: Individualkonzepte,
    • Konzepte mit Informationen über Klassen von Objekten: Kategorien bzw. Typ-Konzepte (Schwarz 1992 b: 58 ff).
    "Kategoriale Konzepte sind das Resultat abstrahierender Klassifikationsprozesse und speichern Klassenmerkmale in Form von Prototypen." (Schwarz 1992 b: 63)
    "Konzepttheorien müssen drei fundamentale Aspekte berücksichtigen: Vagheit, Typikalität und Grenzfälle." (Schwarz 1992 b: 60)
    Konzeptualisierung ist für Schwarz ein "fundamentaler Prozess, der mentale Einheiten überhaupt erst generiert, indem extern erfahrbare Einheiten und Zustände in den mentalen Modus überführt werden" (58). Kategorisierung ist für sie ein "Klassifikationsprozess, der die Teilprozesse der Subordination, der Abstraktion und der Hierarchisierung umfasst" (58).
    Konzepte sind durch Relationen zu Schemata verbunden.
      "Die im Langzeitgedächtnis repräsentierten Konzepte stellen die Grundeinheiten kognitiver Strukturen dar und werden in komplexen mentalen Schemata gespeichert." (Schwarz 1992 a: 99)
    Bei der Darstellung von Schemata in Netzwerken fungieren die konzeptuellen Einheiten als Variablen, die je nach Situation unterschiedlich besetzt werden können (z. B. im GEBEN-Schema die Variablen GABE, GEBER, EMPFÄNGER) (Schwarz 1992 b: 85).
    Nach Schwarz ist das semantische System untrennbar an das konzeptuelle System geknüpft (71).
      "Semantische Lexikoneinträge entstehen durch die Verknüpfung konzeptueller Wissenseinheiten und sprachlicher Formen." (72)
    Danach ist die konzeptuelle Strukturbasis universal und sind die Verbalisierungs- und Subkategorisierungsprozesse sprachspezifisch (73).
      "Semantische Strukturen sind immer konzeptuelle Strukturen, aber nicht umgekehrt." (99)
    Nach Schwarz ist der Übergang zwischen Konzepten fließend (86).

Zu 2. (Konzept im weiteren Sinne)
    Mit dem Begriff Konzept wird in alltagssprachlichem Verständnis bei der Textproduktion und der rezeptiven Textverarbeitung die logisch gegliederte Planung, ein antizipierend strukturierter Entwurf bezeichnet: eine Strategie der Textherstellung bzw. des Textverstehens. Dabei werden Teilbereiche der Kenntnissysteme aktualisiert. Textkonzepte entstehen aufgrund von Situationseinschätzungen, Vorwissen und Texterwartungen. Textkonzepte können erweitert, differenziert, modifiziert und revidiert werden.

Schema, Rahmen, Skript, Wissen, Wissensverarbeitung, Wissenssysteme, inferieren, rezeptive Textverarbeitung, Textproduktion, Textwelt, Kohärenz, Textplanung

Koreferenz

Eigenschaft sprachlicher Ausdrücke (in einem Text), sich auf gleiche Objekte und Sachverhalte der außersprachlichen Realität (bzw. einer möglichen oder im Bewusstsein konstruierten Welt) zu beziehen;
Referenzidentität, Referenzgleichheit
Zwischen den sich auf gleiche Referenzobjekte beziehenden Textkonstituenten besteht Referenzidentität; durch Koreferenz verweisen sie auch aufeinander, und dadurch wird Kohäsion im Text hergestellt.
Erst durch die Integration sprachlicher Ausdrücke in einen Text kann eindeutig festgelegt werden, auf welche Referenzobjekte sie sich beziehen (vgl. Kallmeyer u. a. 1974: 52). Es bedarf also aktiver, konstruktiver kognitiver Prozesse der Textverarbeitung, um Koreferenz zu erkennen (bzw. herzustellen).
In Anlehnung an Thrane (1980: 10) fasst Vater (1992) Koreferenz als semantisch-kognitive Relation auf "[. . .] zwischen Bestandteilen eines Textes und der (realen oder projizierten) Welt [. . .]" (36).
    "´Koreferenz´ ist ein zusammenfassender Terminus für verschiedene Referenzrelationen, die eins gemeinsam haben: Es handelt sich um eine Relation zwischen mehreren sprachlichen Ausdrücken im gleichen Text, die sich auf den gleichen außersprachlichen Referenten beziehen, [. . .]". (35 f)
Für Vater ist Koreferenz als semantisch-kognitive Relation an Netzwerken in Texten bzw. Textausschnitten darstellbar. Vater unterscheidet
  • totale Referenzidentität (36 f),
  • partielle Referenzidentität (37 f): ein Referent ist "konzeptueller Bestandteil" eines anderen (Beispiel: Haus - Dach),
  • referentielle Überlappung (38),
  • komplementäre Referenz: "durch gemeinsame Übermengen referentiell miteinander verknüpft" (38),
  • andere Referenzrelationen (39).
Als wichtigste Arten von Referenzrelationen nennt Vater Gegenstandsreferenz (29 ff), Lokalreferenz (32 f), Zeitreferenz (33 ff) und Ereignisreferenz (25 ff) (Beispiel: Sie fuhr nach Berlin. - Die Reise . . .).
Nach Vater spielen temporale Referenzbeziehungen eine wichtige Rolle in Texten (Vater 1992: 138 f), z. B. "Gleichzeitigkeit" als "totale Koreferenz zwischen den Zeitbezügen von Ereignissen" (139), "Nachzeitigkeit" und "Vorzeitigkeit" (139).

Referenz, Referenzbeziehungen, Endophora, Anapher, Katapher, Kohäsion, Wiederaufnahme, textuelle Bedeutung

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