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- 450 Jahre Giordano Bruno -

Horst Duddek

Aktaion und die heroischen Leidenschaften




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Der Aktaion-Mythos

Aktaion, Sohn des Aristaios, hatte seine Göttin Artemis (Diana) beim Bade belauscht oder überrascht und war von ihr in einen Hirsch verwandelt worden, den seine eigenen Hunde zerrissen.

Bruno = Aktaion?

"In den Wäldern die Bluthunde und Windhunde macht
der Jüngling Aktaion los, da das Schicksal
ihm einen Weg voll Zweifel und Unsicherheit weist,
den wilden Waldestieren auf der Spur.
Und siehe: Zwischen den Wassern den schönsten
Körper, das schönste Gesicht, das Mensch und Gott je
wohl zu sehen vermögen,
in Purpur und Alabaster und feinem Gold
sah er; und der große Jäger ward zur Beute.
Den Hirsch, der zu undurchdringlicheren
Orten leichteren Schrittes sich wandte,
verschlangen bald seine vielen, großen Hunde.
Ich schicke meine Gedanken aus
nach erlesener Beute, und sie, zu mir zurückgekehrt,
geben mir den Tod mit grausam wilden Bissen."

Vasenbild: Tod des Aktaion (s/w)
Der Aktaion-Mythos, 5.Jhdt. v. Chr., Heratempel v. Selinus

"Ach, ihr Hunde des Aktaion, undankbare Bestien,
die ich schickte, meine Göttin herzuholen,
und ohne Hoffnung kehrt ihr mir zurück.
Im Gegenteil, zum mütterlichen Ufer kommend,
bringt ihr noch mehr Unglück mir und Strafe.
Ihr zerfleischt mich und wollt, daß ich nicht lebe.
Laß mich, Leben, daß ich zurück zu meiner Sonne steige,
da ich zu einem Fluß geworden, der doppelt ist und ohne Quell.
Wann wird es sein, daß die Natur
mich von meiner schweren Last erlöst?
Wann wird es sein, daß auch ich hinweg von hier
mich schnell zum edlen Objekt hebe?
Und mit meinem Herz zusammen
und unser beider Küken dort verweile?"

Zitate aus:
Giordano Bruno "Von den heroischen Leidenschaften"
(De gli eroici furori, 1585)


Brunos Deutung des Aktaion-Mythos

"Aktaion bedeutet die Vernunft auf der Jagd nach der göttlichen Weisheit, nach der göttlichen Schönheit. Dieser entkoppelt die Doggen und Windhunde, von denen diese schneller, jene stärker sind, denn die Tätigkeit des Verstandes geht der des Willens voran, aber diese ist stärker und wirksamer als jene, zumal für den menschlichen Verstand die göttliche Gutheit und Schönheit eher liebenswert als begreiflich ist; außerdem ist es die Liebe, die den Verstand in Bewegung setzt und antreibt, daß er ihr vorausgehe wie eine Laterne.
Dieser Jäger ging um Beute zu machen, und wurde zur Beute infolge der Tätigkeit des Verstandes, mit dessen Hilfe er die begriffenen Dinge in sich verwandelte. Es ist dies eine Jagd infolge der Tätigkeit des Willens, die ihn in das oggetto verwandelt, weil die Liebe ihn verwandelt und umwandelt in die geliebte Sache.
Aktaion, der mit seinen Hunden, seinen Gedanken außerhalb seiner das Gute, die Weisheit und Schönheit, die Tiere des Waldes, suchte, und, sobald er sie gefunden hat, außer sich vor so großer Schönheit ist, wird zur Beute, sieht sich in das verwandelt, was er suchte, und wird sich bewußt, daß er selber zur begehrten Beute seiner Hunde, seiner eigenen Gedanken wird, weil er die Gottheit, die er in sich zusammengezogen hatte, nicht außerhalb seiner suchen mußte. Verfolgt von den eigenen Gedanken läuft er, erneuert, vorwärts in die Region unbegreiflicher Dinge.
Aus ihm, der ein gewöhnlicher und gemeiner Mensch war, wird ein seltener und heroischer, der ein außergewöhnliches Leben führt. So geben ihm seine vielen großen Hunde den Tod: er beendet sein Leben in der törichten, sinnlichen, blinden und phantastischen Welt und beginnt ein geistiges Leben."

aus: H.-U. Schmidt "Zum Problem des Heros bei Giordano Bruno" S.69/70

Vasenbild: Tod des Aktaion
Death of Aktaion, ca. 350-340 v. Chr., unbekannt

Bruno damals - Bruno heute

Als Aktaion, begleitet von seinen Hunden, Artemis beobachtet, fängt er sie "perzeptuell", "geistig". Durch die Verwandlung wird Aktaion zuerst für seine Hunde zur Beute, letztlich aber (dadurch, daß jetzt die Hunde Helfer der Artemis sind) zur Beute der Jagdgöttin. In der Interpretation von Wissenschaft als Jagd sind die Helfer (die Hunde), welche einmal dem Wissenschafler helfen, dann aber ihn im Auftrag der obersten Instanz von Wissenschaft jagen, von Interesse. Bruno spricht von Verstand, der vom Willen losgebunden wird und diesem vorausläuft und somit außerhalb der Kontrolle des Willens gerät; letztlich wird der Wille angetrieben von der Liebe (zur Schönheit, Wahrheit...). Der Verstand bringt dem Wissenschaftler reiche Beute, die dieser sich einverleibt und dabei unmerklich mit dieser einverleibten Beute identifiziert wird. Die außen gesuchte Wahrheit ist plötzlich innen, ja die ganze Jagd war, ohne daß der Jäger dieses wußte, eine Jagd nach dem eigenen Selbst.

Aktaion = Bruno?

Das von Bruno interpretierte Aktaion-Emblem hat autobiographische Züge. Durch seine geistige Autonomie (Unbotmäßigkeit) aus dem Kontext des Klosters (und zunehmend der Kirche als Institution) herausgelöst, beginnt Bruno einen unsteten Lauf, der von ihm wie eine Serie heroischer Herausforderungen erlebt wird. Mit der kopernikanischen Lehre erhascht er einen Blick auf "Artemis", aber die Mitglieder gerade der "scientific community" an den Universitäten und schließlich die Inquisition als rationale und unbarmherzige Interpretationsinstanz des Glaubens jagen ihn bis zur Folter und auf den Scheiterhaufen.

beide Absätze aus: W.Wildgen "Embleme der Leidenschaft oder Leidenschaft der Embleme", 1994

Auswahl: Horst Duddek

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Last updated: 25.April 1998