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- 450 Jahre Giordano Bruno -

Prof. Dr. Wolfgang Wildgen

Reisen auf den Spuren Giordano Brunos
Erinnerung an einen leidenschaftlichen Denker




Foto der Ausstellungstafeln (41 KB, zurück mit dem "Back-Button")

Im Januar oder Februar 1548 in Nola bei Neapel geboren, mit 52 Jahren in Rom verbrannt, steht Giordano Bruno für ein halbes Jahrhundert europäischer Geistesgeschichte, für das Ende einer großen Epoche, der Renaissance, und den Beginn einer neuen, der Moderne.

Sein Tod auf dem Scheiterhaufen sollte ein Schreckenszeichen für die Gegner Roms sein, er wurde im 19. Jahrhundert zum Symbol der laizistischen Bewegung. Wofür steht er in Wirklichkeit, welche Zeichen hat er gesetzt, welche Bedeutung hatten Zeichen für Bruno?

Zeichen hängen ab vom Licht, von der Sichtbarkeit, den Konturen, der Form; aber nicht nur vom äußeren Licht der Sonne - und Bruno ging von unendlich vielen Sonnen aus -, sondern vom inneren Licht, das allem zugrunde liegt, alles durchdringt, einer Bedeutungssubstanz, die kosmische Dimensionen hat und Weltseele genannt werden kann. Zeichen sind also Konturen eines unendlich ausgedehnten Bedeutungsfeldes.

Wir Menschen nehmen aber nur die Schatten der eigentlichen Bedeutungen wahr, vermittelt durch die Dinge dieser Welt. Das Denken kann diese Schatten zu Zeichen zusammenführen, sie in der Imagination ergänzen, beleben und sie im Gedächtnis zu geordneten Ganzheiten organisieren. Anstatt Brunos Zeichenlehre theoretisch auszubreiten, will ich sie anwenden, und zwar zur Lektüre einiger seiner Lebensstationen anläßlich seines 450. Geburtstages.

Nola, seine Geburtsstadt, liegt hinter dem Vesuv, der wie eine dunkle Masse die Sicht zum GigliMeer versperrt. Der drohende Berg wird, aus der Nähe betrachtet, zum fruchtbaren Garten. An den Hängen wachsen Reben, gedeihen menschliche Siedlungen. Tod und Leben, Dunkel und Licht berühren sich. Aber auch Nola selbst, an den Ausläufern des Apennins, zeigt sich widersprüchlich, vieldeutig. Die Kirchtürme beherrschen die Stadt; aber einmal im Jahr, zum Fest der Gigli, erhalten sie Konkurrenz: Riesige Holzkonstruktionen, um einen verlängerten Mast gebaut, tanzen von Trägermannschaften bewegt durch die Stadt. Ihre Bedeutung läßt sich von außen nach innen rekonstruieren. Außen befinden sich christliche Zeichen, meist Heiligenfiguren und Elemente eines christlichen Bildprogramms, innen steht der heidnische Baum oder auch der Mast, der auf jene Schiffe verweist, die einst die Vandalen von Nordafrika nach Nola brachten. Wir werden, wie in Brunos Werk, an die antiken und spätantiken Ursprünge erinnert. Die Holzkonstruktionen bestehen aus Quadraten und Dreiecken und expandieren den Kern, das Minimum des Baumes zur bildreichen und veränderlichen "Außenhaut", zur reichhaltigen und willkürlichen Zeichenfläche.

Gigli in Nola

Das Kloster S. Domenico Maggiore, in das Fleisch der neapolitianischen Altstadt hineingeschnitten, ist das Auge des Sturmes, der Bruno erfassen wird. Wie seine Komödie "Candelaio" schildert, ist der junge Student zuerst vom Reichtum der neapolitanischen Kultur fasziniert, er genießt das lockere Treiben von Künstlern und Kurtisanen, verspottet die abergläubischen, geizigen und verkrampftlüsternen Bürger. Später, als Novize im Kloster, muß er sich der strengen Zucht und Ausbildung seiner Lehrer unterziehen, die ihm gleich zu Beginn halb spielerisch mit einem Prozeß drohen, da er allzu freizügig seinen Widerwillen gegen billige Frömmigkeit bekundet. Aber Bruno ist erfolgreich, er erreicht den Höhepunkt theologischer Studien und wird Priester.

Aber selbst das Kloster - von Reformen bedroht - erweist sich als schwankendes Gerüst, und 1576 bricht die klösterliche Welt für Bruno zusammen. In Rom soll ein Prozeß gegen ihn eröffnet werden. Er flieht von Rom nach Norden. Das Mutterkloster der Dominikaner, ebenfalls in der Tiefe der Altstadt verborgen, liegt neben S. Maria Sopra Minerva (griechisch Athene) und war die Schutzherrin der Künstler und Gelehrten. Auf dem Platz vor der Kirche (und dem Kloster) fanden die feierlichen Autodafés statt (zur Eindämmung der Neuerungssucht). Das Pantheon, allen Göttern geweiht, liegt daneben, nur oberflächlich als Kirche getarnt. In diesem Dickicht umgewidmeter, verdrängter, geleugneter Zeichen, mußte sich der 28jährige Klosterzögling auskennen, orientieren, seinen Weg finden. Er flieht.

Stich von St. Maria Sopra MinervaSt. Maria Sopra Minerva

Die Flucht beginnt 1576 in Rom. Vierundzwanzig Jahre später wird sie wenige Schritte vom Pantheon entfernt, an der Piazza Navona, enden. Hier verkündet das Inquisitionsgericht sein Urteil. Was liegt zwischen dem schockierten Mönch, dessen verbotene Erasmus-Lektüre in Neapel entdeckt worden war, und dem "verstockten Ketzer", der 1599 den Widerruf seiner Thesen verweigert?

GeschlechterturmGeschlechterturm in Noli

Den ersten Schatten einer tieferen Bedeutung finden wir in Noli, seinem Zufluchtsort an der ligurischen Küste. Noli - Nola: Bruno könnte zurückgekehrt sein. Die Schiffsmasten sind hier nicht schwankende "Gigli", ihnen entsprechen scharfwinklige Geschlechtertürme (ursprünglich galt: ein Schiff = ein Geschlecht = ein Turm). Bruno lehrt Astronomie und nimmt den Himmel als Maß der Dinge. Aber er paßt nicht mehr in die kleine Welt von Noli - Nola, die Lehrjahre in Neapel haben ihn zu weit nach oben katapultiert, er sucht sein Glück in Venedig. Seine Kraft reicht noch nicht. Genf - Toulouse sind weitere Stationen. In Paris erreicht er den Zenit: Audienz beim König, Lektor am "Collège Royal"; eine Komödie, drei lateinische Schriften erscheinen. Aber auch Paris ist ein Dickicht; die fanatischen Liga-Anhänger, die zeremoniellen Parteigänger des Königs, der prachtvolle Bußprozessionen vom Louvre über die Ile de la Cité zum Quai des Augustins inszenieren läßt, politische Morde, die Standfestigkeit der Aristoteliker bilden ein undurchdringliches Hindernis. Bruno entdeckt einen neuen Stern am geistigen Firmament, den als paradox angesehenen Copernicanismus, der zaghaft in der Palast-Akademie diskutiert wird. Von jenseits des Kanals leuchtet der Hof von Elisabeth I., die Universitäten Oxford und Cambridge; hier könnten platonische Ideale und die neue Kosmologie zur Einheit werden.

LondonLondon - Modellaufsicht

London wird für Bruno ebenso zur Falle wie später Venedig. In den "Heroischen Leidenschaften", die 1585 in London gedruckt werden, vergleicht er sich mit der Motte, die zur Flamme strebt oder mit dem Einhorn, das seinen Kopf in den Schoß der Jungfrau legt. Seine heroische Jagd nach dem Wissen wird ihm zum Verhängnis. Im Dialog "Das Aschermittwochsmahl" wandert Bruno als Philosoph und Semiotiker durch Londons Viertel (Fleet Street, Temple, Strand). Selbst die Themse widersetzt sich den Rudern seines Bootes und drängt durch die schlecht verleimten Planken, der Fußweg zum Temple Bar erweist sich als Schlammloch. Auf dem Weg nach Whitehall wird er am "Strand" vom fremdenfeindlichen Pöbel geprügelt. In seinen Schriften schlägt er zurück, sein beißender Spott trifft die Gegner, entfremdet ihn aber auch seinen Gönnern. Schließlich versteckt er sich im Giebel der französischen Botschaft und schreibt die italienischen Dialoge (in London gedruckt), die seinen europäischen Ruhm begründen.

Die französische Botschaft lag am Salisbury Court neben St. Bride und dem Geburtsort des englischen Buchdrucks (heute befinden sich die Zentren der Presse hier).

St. Bride

Ich will kurz bei St. Bride als semiotisch vielschichtiger Struktur verweilen. Die Kirche ist der irischen Märtyrerin St. Brigida von Kildare geweiht; an diesem Ort befand sich eine Quelle, die bereits von den Kelten und Römern als Heiligtum verehrt wurde. Im 15. Jahrhundert entstand in unmittelbarer Nähe ein Zentrum des Buchdrucks und Bruno war Korrektor seiner italienischen Werke in London. Nach dem großen Brand (1666) wurde St. Bride 1675 von Christopher Wren neu errichtet. Die fünfstöckige Turmspitze wurde zum Symbol auf Hochzeitstorten, wobei Bride - bride (Braut) eine gleichlautende Brücke der Symbolzuordnung bildete. Bruno ist in dieser Geschichte eine unbedeutende Nebenfigur. Aber die Permanenz der Zeichen, ihre Unzerstörbarkeit, paßt gut in das semiotische Weltbild, das er entwickelt hat.

Stich der Wittenberger SchloßkircheStich der Wittenberger Schlosskirche

Zurück in Paris zieht es ihn nach Deutschland. Weshalb ist ungewiß, denn er hatte kein festes Ziel. Marburg lehnt ihn ab, aber Wittenberg erlaubt ihm, das Organon des Aristoteles zu lehren. Welche Zeichen konnte Bruno in Wittenberg zur Orientierung nutzen? Ende des 16. Jahrhunderts warfen die Gründerfiguren der Reformation, Luther und Melanchthon, bizarre Schatten. Der Schwiegersohn Melanchthons, Kaspar Pencer, kam 1574 als Kryptokalvinist in Festungshaft, und in die Zeit von Brunos Aufenthalt (1586 - 1588) fällt die philippistische Universitätsreform, die sein Weggehen erzwingt. Seit seinem Prozeß in Genf war er ein Gegner der Kalvinisten und der pedantisch-logischen Ramisten. Obwohl er sich in London über die Reformation generell lustiggemacht, ja deren Neuerungen verspottet hatte, findet er in seiner Wittenberger Abschiedsrede bewundernde Worte für Luther. Heute heißt Wittenberg Lutherstadt-Wittenberg; die "heroische Leidenschaft" des Reformators hat als Zeichen die Jahrhunderte überdauert.

Karls-Universität Prag

Wir wissen sehr wenig über die sechs Monate, die Bruno in Prag verbrachte, aber man findet Spuren der Ambition Brunos und vieler anderer noch in der Stadtstruktur: der Hradschin, wo Rudolf II. Künstler, Gelehrte und Alchimisten um sich sammelte, schwebt über der Altstadt, und ebenso abgehoben war die Palast-Kultur Rudolf II., in die sich Bruno einfügen wollte. Ein indirekter Reflex des Jahres 1588 findet sich in Marlows Theaterstück "Dr. Faustus", das ebenfalls 1588 erschien. Dort tritt ein Bruno (Sachse aus Wittenberg) auf, der gemeinsam mit dem deutschen Kaiser (Rudolf II) beim Papst unter Anklage steht. Mephisto bringt den Papst und sein Konsistorium in Verwirrung. In Prag hatten die Kirche, der Nuntius, die Jesuiten, bereits eine Konkurrenz-Institution zur Karls-Universität gegründet und hielten die Fäden in der Hand. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Falle für Bruno, später für Rudolf II., zuschnappen sollte. Für Bruno hieß die Falle Venedig, und die Kerkertüren schlossen sich 1591 endgültig für ihn.

Helmstedt - Grauer HofHelmstedt Grauer Hof und Juleanum

Bruno geht von Prag nach Süden, versucht in Tübingen zu lehren und nimmt schließlich ein Angebot in Helmstedt an, wo er, wie in Noli, in der Stille seine Kräfte sammelt und die "Frankfurter Schriften" vorbereitet, die sein philosophisches Vermächtnis werden sollten. Nach der Gefangennahme in Venedig ist Rom die Endstation. Bruno bleibt über Jahre im Kerker des Hl. Ufficiums, neben dem Petersdom. Die Keller der "Glaubensburg" sind eine wahrhaft platonische Höhle, in der Bruno eine Vielfalt von Verteidigungsschriften verfaßt, die allesamt noch im Dunkel der Archive auf den Tag des Lichtes warten. Am Campo di Fiori wird Bruno verbrannt. Das frühere Marsfeld bildete nach Tiberüberschwemmungen häufig einen Blumenteppich. Heute findet dort ein Blumenmarkt statt. Im Teatro di Pompei daneben fanden in der Antike Gladiatorenkämpfe statt. Aber Bruno hat sich diesen Platz zwischen Blut und Blumen, Tod und Leben nicht ausgesucht.

Campo di FioriBruno-Statue auf dem Campo di Fiori

Zuerst schien es, als sei der Tod das Ende seines Weges; mit Galileis Verurteilung wurde sogar das Verdikt gegen die astronomischen und philosophischen Neuerer bekräftigt; aber es geht weiter. Jetzt ist Galilei rehabilitiert, aber eine Revision des Urteils gegen Bruno läßt auf sich warten. Die Kirche beugt sich vor dem Physiker, wird sie auch den radikalen Denker akzeptieren können?

Die Revision des Galilei-Urteils ist das längst fällige Zeichen für den verlorenen Kulturkampf, denn der absolute Anspruch auf die Wahrheit in allen Belangen konnte von der Kirche nicht verteidigt werden. Wie steht es mit der Absolutheit ethischer Ansprüche, mit der Unverrückbarkeit historischer Positionen? Kann die Kirche eine Aufgabe ihrer Positionen überleben? Brunos Denken bleibt eine Provokation, nicht weil er heute - wie Galilei - auf der Siegerseite steht, sondern weil er mit seinem Denken gegen die Übermacht einer Institution, als Einzelner gegen die Gewalt der vielen stand, und diese Geste des Widerstands ist das wichtigste Zeichen, das er gesetzt hat.

Autor: Wolfgang Wildgen

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Last updated: 28.April 1998