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- 450 Jahre Giordano Bruno -

Uta Kneller

Giordano Bruno und der Lullismus


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Giordano Bruno und der Lullismus

Raymundus Lullus hat mit seinen Schemata den Grundstein für viele nachfolgende kreative Systematiken geliefert. Der erste bekannte Lullus Interpret war Pico della Mirandola mit seiner "Apologia" von 1487. Besonders die Vierte Figur des Lullus erlangt, vor allem im barocken 17. Jahrhundert, große Berühmtheit. Giordano Bruno, dessen kosmologische Vision ein Universum mit unendlich vielen Welten mit sich bringt, kann mit Hilfe der lullschen Systematik seine eigene, nahezu uferlos wirkende Kombinatorik einfangen und arbeitet deshalb den lullschen Ansatz recht stark heraus. So schlägt Bruno beispielsweise in seinem Werk "De umbris idearum" (Von den Schatten der Ideen) mehrere bewegliche konzentrische Räder vor, wobei jedes Rad 30 Buchstaben aufweist, die wiederum auf Bilder, Handlungen und Situatiuonen verweisen. Die für Bruno typische Vielfalt und Farbigkeit bleibt erhalten, wäre aber ohne die Architektur und Ordnung des Lullschen Systems (der Vierten Figur) kaum denkbar.

Biographie

Ramòn Llull (latinisiert zu Raimundus Lullus und verkürzt zu Lull) kommt im Jahre 1232 auf Palma de Mallorca zur Welt und ist somit Zeitgenosse von Dante und auch Thomas von Aquin. Das 13. Jahrhundert in Spanien ist eine wahre Brutstätte der Synkretismen: Seit 711 ist das Land von den Muslimen besetzt, und birgt, zu Lullus Zeit bereits zur Hälfte zurückerobert, die ganze Vielfalt der drei Hauptreligionen Islam, Judentum und Christentum. Lullus entstammte einer wohlhabenden christlichen Familie und wurde mit zwölf Jahren Page am königlichen Hofe, anschließend avancierte er zum Lehrer des späteren Königs von Mallorca, Jacob II.
Erst im Jahre 1263 hatte er das erste prägnante Erlebnis, das zu einer entscheidenden änderung seines bisherigen Lebens führte: Ihm erschien die Vision des gekreuzigten Christus. Daraufhin stellte Lullus sein Leben ganz in den Dienst Christi, und die sinnvollste Möglichkeit dafür schien ihm die Bekehrung der Sarazenen zum Christentum zu sein. Bald faßte er das Vorhaben, darüber ein Buch zu schreiben, das das beste der Welt sein sollte.
1273 folgte dann das zweite bedeutende Ereignis: Auf dem Berg Randa bekam Lullus angeblich von Gott eine Kunst (die "Große Kunst") mitgeteilt, mit der er die Bekehrung der Ungläubigen erreichen konnte. Im Laufe der Zeit schrieb er 292 Bücher, und seine große Kunst, die "Ars Magna", gipfelt in dem Werk "Ars Generalis Ultima" von 1303. Diese Buch ist die Quelle der folgenden Abbildungen. Aus Platzgrüden können hier nur die Tafel der Prinzipien und die vierte Figur berücksichtigt werden.


Die Tafel der Prinzipien



Diese Tabelle, die in mehreren seiner Werke erscheint, beinhaltet den "Grundbaukasten" der lullschen Kombinatorik. Die "Ars Magna" operiert mit neun Buchstaben des Alphabetes von B bis K, zu sehen ebenfalls in den vier zentralen Figuren der "Ars Generalis Ultima". Die Bedeutungen der Buchstaben lassen sich nun in dieser Tabelle finden. Durch die Festlegung auf insgesamt 45 Begriffe ist der erste Schritt der Eingrenzung getan: Lullus will keine ungezügelte Kombinatorik, sondern ein perfektes christliches Sprach- und Bedeutungssystem schaffen. Durch seine Vorgaben in dieser Tabelle werden die Systeme der vier Figuren von vornherein determiniert.
Die sechs Spalten zeigen neun absolute Prinzipien (auch als "göttlich Grade" bezeichnet), neun relative Prinzipien, neun Fragestellungen, neun Subjekte, neun Tugenden und neun Laster. Aber auch diese 45 Begriffe dürfen nicht willkürlich miteinander kombiniert werden, sondern bedürfen der unterschiedlichsten systematischen Herangehensweisen, aufgezeigt in den Figuren.

Die vier Figuren und die Kombinatorik

Mit den Figuren gibt Lullus feste Strukturen vor, innerhalb derer die Begriffe aus der Tabula Generalis kombiniert werden dürfen. Als nahezu revolutionär gilt seine Idee zur vierten Figur, da man hier mit drei beweglichen Kreisscheiben operieren kann, die eine vielfältige aber dennoch sehr geordnete Kombinatorik erlauben. Diese Figur erlangte große Berühmtheit, und besonders in den lullistische Werken des Barock finden sich zum Teil wunderschön ausgeschmückte Mechanismen, die auch reell beweglich sind. Drei (oder mehr) konzentrische Kreise von abnehmender Größe findet man dort aufeinandergelegt und in der Mitte mit einer Schnur zusammengehalten.
Das 17. Jahrhundert stellte den Bezug zur Kabbalistik stark in den Vordergrund, und auch Lullus hatte möglicherweise durch seine Nähe zum Judentum, das in seiner Heimat stark verbreitet war, Kenntnis der kabbalistischen Schriften gehabt. Die Kabbalistik beinhaltet die Grundidee der Kombinatorik zur Welterschaffung: Der Grundstoff ist hier das hebräische Alphabet, aus dem durch jegliche erdenkliche Verknüpfung fast unendlich viel erschaffen werden kann. Sprache und Schöpfung sind hier eins, der Text ist nicht "Zeichen für", sondern Realität. Diese Ansichten übernimmt Lullus, der aus den Ideen der Weltreligionen Judentum und Islam schöpft, um daraus eine wahrhaftige und allein gültige Christensprache zu entwickeln. Der Unterschied zur kabbalistischen Kombinatorik kommt durch die großen Einschränkungen zustande, die er mit der Tabelle und den Figuren vornimmt.
Denn Lullus kennt die christiche Wahrheit - diese steht völlig außer Frage, mit seiner Kunst will er schließlich missionieren und stichhaltige Argumente für das Christentum aufzeigen, und nicht aber die Möglichkeit zu neuen Kombinationen bieten, die schließlich gotteslästerlich sein könnten.Diese bewußte Begrenztheit ist typisch für Lullus, jedoch nicht für Giordano Bruno und andere Interpreten seiner Kunst. Das lullsche Grundsystem wird bei Bruno sogar Mittel zur Kombination von individuellen, besonders einprägsamen und teilweise auch grausamen Bildern.


Die vierte Figur



Da die Scheiben der vierten Figur beweglich sind, ist es möglich, 84 Kombinationen vom Typus BCD, BCE oder CDE zu bilden. Bleibt man in der ersten Figur, sind es bei der BCD-Kombination die Begriffe Güte, Größe und Ewigkeit, die miteinander (nach dem Muster der aristotelischen Syllogistik) miteinander verknüpft werden können. Lullus hat dieser Figur umfangreiche Tabellen hinzugefügt, die außer drei kombinierbaren Buchstaben noch ein "t" enthalten. Dieses "t" kennzeichnet den Wechsel in eine andere Spalte der Tabelle, man kann also von der Spalte der absoluten Prinzipien in die Spalte der relativen Prinzipien "hinüberspringen" und gleichzeitig noch eine Frage voranstellen. Wenn die Kombination mit einem B beginnt, wird auch die B-Frage "ob?" vorangestellt, bei einer mit C beginnenden Kombination die C-Frage "was?" u. s. f. Hat man die Kombination BCtC gewählt, kann man damit die Frage "ob die Güte groß ist, sofern sie übereinstimmendes enthält?" formulieren.
Insgesamt sind bei dieser Figur 1680 Kombinationen (84 Kolonnen von je 20 Vierergruppen) möglich.

Autorin: Uta Kneller

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Last updated: 10.Mai 1998