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Jörg Wollenberg

Die Bedeutung des Novemberpogroms innerhalb der nationalsozialistischen Judenverfolgung
   

   

1. „Wenn der Abend kommt, darf es keine Juden mehr in Deutschland geben“

„Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor“, notiert Goebbels über die Parteiversammlung, die am Abend des 9. November 1938 im alten Rathaus von München stattfand. Er bestimmt: „Demonstrationen weiter laufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen“. - „Das ist richtig“, fährt der Propagandaminister dann in seinem Tagebuch fort. „Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei.“ [1] ) Unmittelbar darauf hält er seine aufwiegelnde Rede. Die anwesenden Parteiführer stürzen sich danach auf die Telefone, um die „Aktion“ in Gang zu setzen. Der SA-Gruppenführer Nordsee und Bremer Bürgermeister Heinrich Böhmcker, der sich schon bei der Verfolgung der Juden und der Anhänger der Arbeiterbewegung als Eutiner Regierungspräsident von 1932 bis 1937 bewährt hatte und dafür als „Latten-Heini“ in die Geschichte des alten Fürstentums Lübeck einging, befiehlt den SA-Verbänden vor Ort: „Sämtliche jüdische Geschäfte sind sofort zu zerstören. Nach der Zerstörung hat eine SA-Wache aufzuziehen, die dafür zu sorgen hat, daß keinerlei Wertgegenstände entwendet werden können... Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu setzen ... Die Feuerwehr darf nicht eingreifen... Der Führer wünscht, daß die Polizei nicht eingreift...“. Gemäß seiner telefonischen Anweisung sollte die Festlegung der Listen und Adressen der jüdischen Geschäfte, Magazine und Lager in Absprache mit den örtlichen Bürgermeistern erfolgen. Böhmckers Befehl kulminiert in der Aufforderung, die Juden aus ihren Wohnungen zu entfernen, um diese in den nächsten Tagen „Nicht-Juden“ zuzuteilen. Die Juden, die Widerstand leisten, sind „sofort über den Haufen zu schießen“. [2] )

Die in Lübeck, Bremen, Nürnberg und anderswo zur Gedenkfeier an den Hitler-Putsch vom 9. November 1923 versammelten, teilweise schon alkoholisierten SA-Stürme und Trupps organisierten noch in der Nacht vom 9. zum 10. November „spontane“ Aktionen. Wohnungen und Geschäfte wurden verwüstet, Synagogen in Brand gesteckt. Mindestens 91 Juden wurden in Deutschland in dieser Nacht ermordet, davon allein 11 in Nürnberg und 5 in Bremen. Hunderte begingen als Folge  von Mißhandlungen und Verzweiflung Selbstmord. Aber vergessen wir nicht hinzuzufügen: Die Verbrechen gegen die Juden hatten einen solchen Umfang erreicht, daß die Parteileitungen der NSDAP nicht umhin kamen, Untersuchungen gegen SA- und SS-Mitglieder einzuleiten. Das höchste Parteigericht der NSDAP befaßte sich u.a. am 20. Januar 1939 mit den Vorgängen im Gefolge der Pogromnacht. Der angeklagte SA-Sturmhauptführer und Bürgermeister von Lesum rechtfertigte sich mit dem Hinweis auf eine Mitteilung von seiner SA-Standarte: „Wenn der Abend kommt, darf es keinen Juden mehr in Deutschland geben“ [3] ) . Dieser Befehl wurde weitergegeben, als in Bremen „die Nacht der langen Messer schon im Gange war“, wie die SA-Gruppe Bremen mitteilte. Solche Befehle, die in ähnlicher Form auch vom SA-Gruppenführer Nordmark, Joachim Meyer-Quade, ausgingen und den Lübecker SA-Oberführer Dr. Georg Währer erreichten, faßten die SA-Vertreter vor Ort vielfach als Bestätigung zum „Vernichten der Juden“ auf; insbesondere dort, wo Streicher mit seinem „Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“ eine massive und systematische Judenhetze gefördert hatte: „Die Juden sind unser Unglück“ verkündete seit 1923 Woche für Woche der „Stürmer“, der sich dabei auf eine alte Formulierung des preußischer Kathederfürsten Heinrich von Treitschke berufen konnte. Bereits drei Monate vor dem organisierten Novemberpogrom veranlaßte Julius Streicher die Zerstörung der im maurischen Stil errichteten Nürnberger Hauptsynagoge der Israelischen Kultusgemeinde auf dem Hans-Sachs-Platz. Vor 100.000 freiwillig versammelten Nürnbergern hielt der Gauleiter am 10.8.1938 eine "richtungsweisende Ansprache": "Es kommt die Zeit, in der einmal die Judenfrage in der ganzen Welt radikal gelöst werden wird, weil die Menschheit keinen anderen Ausweg mehr findet. Heute brechen wir hier eine Synagoge ab, und niemals wieder wird sie errichtet werden. In dieser Stadt wollen wir arbeiten und darüber wachen, daß das deutsche Blut und die deutsche Seele rein erhalten bleiben; denn wenn der Jude in Deutschland noch einmal die Macht erringen würde, dann wäre es mit dem deutschen Volke für immer vorbei. Wir leben in einer großen Zeit. Die Saat, die wir gesät haben, geht auf. Die Würfel sind gefallen. Die Zeit der Juden ist für immer vorbei. Ihr Nürnberger Arbeiter, die ihr einst Sklaven der Juden gewesen seid und die ihr jetzt freudig mithelft, das neue Reich Adolf Hitlers zu bauen, nun gebe ich euch den geschichtlichen  Befehl: Fanget an!".  [4] )

In der Tat gingen die Franken voran. Aber der exponierte Vertreter des „Radau-Antisemitismus“, der in seiner Region den SA-Anhängern allzu freie Hand ließ, wurde wegen der getätigten unglaublichen Zwangsaktionen jüdischen Eigentums im Gefolge der Pogromnacht von der durch die Parteileitung eingesetzten „Göring-Kommission“ am 13.02.1940 entmachtet und als „zur Menschenführung nicht geeignet“ verurteilt. [5] ) Damit war der letzte Versuch derjenigen gescheitert, die mit ihrer radikalen Gangart die Judenfrage lösen wollten, ohne sich auf gesetzliche Grundlagen berufen zu können. In dem Bericht über die Exzesse, der von Heydrich vorgelegt und dem höchsten Parteigericht später zugestellt wurde, heißt es schon am 12. November 1938: Der materielle Schaden ist auf eine Million Mark zu schätzen. Die Anzahl der demolierten Läden betrug bereits 7.500. Verbrannt oder demoliert waren zumindestens 267 Synagogen, sämtliche jüdische Friedhöfe im Reichsgebiet waren geschändet. Die Behörden berechneten, daß allein der Wert des Glases der demolierten Ladenschaufenster 6 Millionen Reichsmark betrug (die halbjährige Produktion der belgischen Glasindustrie). Der Wert der anderen materiellen Schäden (demolierte Wohnungen usw.) betrug aus der Sicht der SS-Führung einige hundert Millionen Mark. [6] )

Der Bericht Heydrichs bestätigt noch einmal, daß die SS von Anfang an in Vorbereitung und Ablauf des Novemberpogroms einbezogen war. Der Polizeipräsident von München, SS-Obergruppenführer von Eberstein, sagte nach dem Krieg als Zeuge im Nürnberger Prozeß aus, daß ihn noch vor Mitternacht vom 9. zum 10. November der Münchener Landrat über die Inbrandsteckung „durch unbekannte Täter“ des Planegg-Palastes, der dem Juden Baron Hirsch gehörte, informiert habe. Etwas früher hätte er die Meldung vom Brand der Synagoge in München erhalten, der die antijüdischen Exzesse und Demonstrationen in München einleitete. [7] )

Im Mechanismus des Progroms bildete ein wesentliches Element der Besuch Heinrich Himmlers bei dem im Münchener Hotel „Vier Jahreszeiten“ wohnenden Reinhard Heydrich. Himmler hatte kurz zuvor mit Hitler in dessen privater Wohnung ein Gespräch geführt und von ihm Anweisungen erhalten. Himmler legte gegen 1 Uhr in der Nacht mit Heydrich das Verhalten der Staatspolizeileitstellen (Gestapo) „gegenüber den Wünschen der Propagandaämter“ fest. Er sprach von der „Entfaltung der Obhut über die Juden und ihr Vermögen“. Der Reichsführer der SS unterstrich, daß die „Aktion“ in den Händen der Gaupropaganda-Ämter liege und den Gestapobeamten die „Schutzaufgabe“ zu übertragen sei. Heydrich übermittelte die ihm von Himmler übertragene Aufgabe an die Führer der SD-Oberabschnitte. Diese wiederum verbanden sich telefonisch mit den territorialen SS-Einheiten. Der Geheimbefehl Heydrichs (Blitz-Fernschreiben) an alle Gestapostellen und SD-Oberabschnitte wurde um 1.20 Uhr in der Nacht vom 9. zum 10. November weitergegeben. [8] )  In einem gesonderten Befehl an die Leiter der Stapo-Stellen und an die SS-Führung ordnete Heydrich an, daß das Justizministerium bereits die Staatsanwälte angewiesen haben, keinerlei Untersuchungen und Fahndungen nach den in dieser „Aktion“ an Juden verübten Verbrechen einzuleiten. [9] )  Gestapo-Chef Heinrich Müller präzisierte in eigenen Befehlen die Aufgaben der Beamten der Sicherheitspolizei im Laufe der Pogrome und verpflichtete u.a. die Stapostellen zu einer unverzüglichen Verhaftung von ca. 20-30.000 reichen Juden, die in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen eingeliefert wurden. An dieser „Aktion“ nahmen ebenfalls SS-Abteilungen teil.  [10] )

2.  Der Novemberpogrom als Auftakt zur Enteignung jüdischer Unternehmungen

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Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Pogrom der „Kristallnacht“ eine von oben gesteuerte, gezielte Aktion war, an der sich alle beteiligten, die zu den Vorbereitern der Endlösung gehörten. Das fand in einem vom höchsten Parteigericht der NSDAP gefälltem Urteil seinen Ausdruck, in dem festgestellt wurde: „Auch die Öffentlichkeit weiß bis auf den letzten Mann, daß politische Aktionen, wie die des 9. Novembers, von der Partei organisiert und durchgeführt sind, ob dies zugegeben wird oder nicht“.[11] ) Dem sogenannten Volkszorn wurde nur scheinbar freie Hand gelassen. Die NS-Führung verständigte sich darauf, daß radikale Maßnahmen zur Lösung des Judenproblems erforderlich sind und daß die Verantwortung für die „Lösung der Judenfrage“ klar zu regeln sei. Deshalb wurde die Judenfrage formal in die Hände Görings gelegt, praktisch übernahm die SS aber die Arbeit. Die mangelnde Koordination zwischen SS- und SA-Formationen, unter Beteiligung der Gestapo, der Polizei und Einheiten der Nazipartei führte nach dem Pogrom vom 9. Novcember 1938 zu der Einsicht, ein neues Gesetzgebungsverfahren in Gang zu setzen, das den größten Enteignungsfeldzug in Deutschland einleiten sollte.  [12] )

Nicht nur in Bremen, Lübeck oder Nürnberg sondern im ganzen Reich und im angeschlossenen Österreich folgte dem Judenpogrom die Arisierung jüdischer Geschäfte, Banken, Kaufhäuser und die Verhaftung von zunächst 30.000 vornehmlich wohlhabenden Juden. Der Judenpogrom von 1938 war so ein in der Geschichte beispielloser Auftakt zur Enteignung und Vertreibung jüdischer Unternehmungen. Der Verdrängungsprozeß, der 1933 mit der Ausschaltung der Juden in bestimmten Berufen begann, wurde nach den Boykottaktionen mit den privaten Interessen an stiller Bereicherung auf Kosten der entrechteten Juden nach 1938 als Staatsinitiative fortgesetzt und endete in der physischen Vernichtung und Ausplünderung der europäischen Juden.

Zum Anlaß des letzten Alarmsignals vor dem Endlösungsprogramm nahmen die Nazis das am 7. November 1938 verübte Attentat des deutsch-polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den Legationssekretär Ernst von Rath in der deutschen Botschaft in Paris. Doch während die NS-Machthaber die brutalen Ausschreitungen als spontane Reaktion der „kochenden Volksseele“ auf die Ermordung vom Rath’s ausgaben, wurden sie in Wahrheit von höchster Stelle organisiert und entfacht. Hans Jürgen Döscher hat überzeugend nachgewiesen, daß die Pogrome von 1938 im Gegensatz zu früheren Auffassungen weniger als „Schicksalsjahr“ (Barkai) oder als „Wendepunkt“ und „Etappe einer neuen Politik“ erscheinen, „denn als neue, radikale Gangart auf dem Wege zur existentiellen Vernichtung der Juden im Deutschen Reich." [13] ) Weite Kreise der Bevölkerung begrüßten oder tolerierten diese Politik. Kein Widerspruch war zu vernehmen, als nach den Ende Oktober 1938 zur deutsch-polnischen Grenze deportierten 17.000 Juden polnischer Nationalität am 10. November 1938 30.000 Deutsche jüdischen Glaubens in die deutschen KZ verschleppt wurden.

An dieser Episode fortschreitender Rechtlosigkeit wollen die Lübecker wie viele Deutsche nicht beteiligt gewesen sein, ihr Endergebnis wollen sie nicht gewußt haben. Deren Vorstufen, die zahlreichen gesetzlichen Regelungen und Boykott-Aktionen, die Juden aus dem bürgerlichen Leben und den staatlichen und beruflichen Stellungen verdrängten, verschweigen nach wie vor allen voran die Arisierungsgewinner und andere Profiteure der Judenverfolgung in Deutschland.

Die NS-Führung nutzte die November-Ereignisse als Mittel zur Entfernung der Juden aus der Wirtschaft. Nach der Einschränkung der öffentlich-rechtlichen Stellung der Juden durch das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" von 1933 und den "Nürnberger Gesetzen" von 1935 bedienten sich die NS-Machthaber der Pogrome, um nicht nur den antisemitischen Druck ihrer Basis durch antijüdische Aktionen zu kanalisieren. Sie nahmen das Attentat von Paris auch zum Vorwand, um durch eine Vielzahl von Gesetzen die "Endlösung der Judenfrage" vorzubereiten. Die auf der wohlvorbereiteten Regierungskonferenz vom 12. November 1938 von den Spitzenkräften der einzelnen Ressorts unter Vorsitz von Göring und in Gegenwart von Frick, Gürtner, Goebbels, Funk, Stuckart, Heydrich, Woermann und Blessing verabschiedeten Verordnungen markieren den Übergang von der Verfolgung zur existentiellen Vernichtung der Juden in Deutschland.[14]) Der so "gesetzlich" abgesicherte größte Enteignungsfeldzug in der deutschen Geschichte hieß im Nazijargon "Entjudung der deutschen Wirtschaft". Seit den "Nürnberger Gesetzen" von 1935 setzte sich für diesen Vorgang der Begriff "Arisierung" durch. Nach der Ideologie des Nationalsozialismus gehörten die Juden nicht zum deutschen "Volk". Mit den Nürnberger Gesetzen wurden die Juden deshalb formal rechtlich von der "Volksgemeinschaft" ausgeschlossen. Sie hatten damit kein Recht auf das "Volksvermögen". Dieses mußte dem Volk oder den "Volksgenossen" als den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden. Dieser in der Nazi-Zeit von 43O Verordnungen und Ausführungsbestimmungen begleitete Prozeß einer unter Druck vorgenommenen Eigentumsübertragung jüdischen Vermögens an "Arier" vollzog sich in zwei Phasen mit insgesamt 170 "Sonderrechten" für Juden in Wirtschaftsfragen:

1.- Die sogenannten freiwilligen Arisierungen vom Januar 1933 bis zum November 1938. Sie bestanden darin, daß teilweise unter massivem Druck und Boykott jüdische "Verkäufer" ihren Besitz arischen deutschen "Käufern" über "freiwillige" Verträge veräußerten und zur Auswanderung gezwungen wurden. In Lübeck betraf das z.B. die Direktoren und Besitzer der Hochofenwerke (Moritz Neumark) und der Norddeutschen Bürstenfabrik Albert Asch & Co.
   
2.-  Die "Zwangsarisierungen", d.h. jene Veräußerungen, die nach dem Judenpogrom vom November 1938 aufgrund staatlicher Verordnungen stattfanden und mit denen Juden zum Verkauf ihres Eigentums gezwungen wurden. Die "Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" vom 12.11.1938 legte dafür die Grundlagen. [15] )

Der verantwortliche Minister für den Vierjahresplan der Kriegsvorbereitung, Hermann Göring, und die Reichsregierung sicherten sich einen nicht unerheblichen Anteil der jüdischen Vermögenswerte. Sie kassierten die Beträge an Bargeld und sonstigen liquiden Mittel, welche die Juden im Verlauf der Arisierungen als Bezahlung für ihre Firmen erhalten hatten. Dieses Geld trieb das Finanzministerium mit Hilfe zweier Vermögenssteuern ein: der "Reichsfluchtsteuer", die mit der Verordnung vom 26. April 1938 eine Verschärfung dadurch erfuhr, daß alle in Deutschland lebenden Juden aufgefordert wurden, ihr in- und ausländisches Vermögen, das mehr als 5.000 Reichsmark betrug, anzumelden. Das war zugleich eine der wirkungsvollsten Vorbereitungsmaßnahmen für den bevorstehenden Arisierungsprozeß. Die am 12. November 1938 von Göring verkündete "Sühneleistung" für die Ermordung des Gesandtschaftsrats vom Rath in Paris belastete die Juden als zweite Vermögenssteuer mit einer abgabenpflichtigen "Sühneleistung" von 20 % des angemeldeten Vermögens.
Die beiden Steuern brachten einen Gesamtbetrag von 2 Milliarden Reichsmark. Der Gegenwert, den die Juden nach 1938 für ihr arisiertes Vermögen erhielten, reichte in vielen Fällen nicht mehr aus, um die Vermögenssteuer zahlen zu können. Dazu kam die Sperrung der Ausfuhr von Zahlungsmitteln. Da viele Juden jetzt so arm gemacht worden waren, daß sie nicht einmal mehr ihre Ausreise bezahlen konnten, bestand für sie kaum noch eine Chance, dem bevorstehenden systematischen Vernichtungsprozeß zu entgehen.

Im Januar 1933 hatte es im Deutschen Reich noch rund 100.000 Betriebe in jüdischem Besitz gegeben, darunter neben Privatbanken, Warenhäusern und Betrieben vor allem Arzt- und Anwaltspraxen, Handwerksbetriebe und Einzelhandelsgeschäfte. Nach den Boykottmaßnahmen zählte man im April 1938 nur noch 39.532 jüdische Betriebe. 60 % waren also schon vor dem Judenpogrom "arisiert" oder liquidiert worden.  [16] ) Und von den etwas mehr als eine halbe Millionen Menschen jüdischen Glaubens, die zum Zeitpunkt der NS-Machtübernahme im Deutschen Reich lebten (0,76 % Gesamtbevölkerung), befanden sich 1938 weniger als die Hälfte noch in Deutschland.

Hatten die Boykottaktionen vom 1. April 1933 vor allem den Einzelhandel getroffen, so zielten die Verdrängungsmaßnahmen nach der "Illusion der Schonzeit" (Barkai) von 1934 bis 1937 auf die größeren Unternehmen. Wer von den Besitzern zu lange abwartete und zögerte, wurde nach dem November 1938 - bei dem "Endspurt" im Wettlauf um die jüdischen Betriebe ausgeplündert und war froh, wenn er, nach "Schutzhaft" und KZ, mit dem nackten Leben davonkam.
Im Grunde handelten die distinguierten und wohlerzogenen "arischen" Großunternehmer nicht anders als die mittelständischen kleinen Nazis. Wenn es darum ging, jüdisches Vermögen an sich zu "raffen", waren sie in der Wahl ihrer Mittel letztlich nicht zimperlich. Sie versuchten lediglich, sich die eigenen Hände nicht allzu dreckig zu machen.
So begann z.B. der Einkäufer Georg Karg seine steile Karriere als Kaufhausbesitzer von "Hertie" durch die Übernahme des jüdischen Besitzes von Hermann Tietz, den schon 1933 ein Bankenkonsortium "arisiert" hatte. Der Leonhard Tietz-Lehrling und spätere Einkäufer Helmut Horten "kaufte" sich 1936 mit Bankenhilfe beim jüdischen Kaufhaus Alsberg in Duisburg ein, bevor er später seinen Kaufhaus-Konzern mit der Übernahme von Schocken ausbaute.
Josef Neckermann begann seine Karriere mit der "Arisierung" des Nürnberger Kaufhauses Carl Joel und Friedrich Flick, der mit dem Kauf der Simsonschen Fabrik zu lange gewartet hatte, wurde bei der "Arisierung" des Petschek-Konzerns im Sudetenland mit einem Neunmillionen Dollar-Verdienst "entschädigt".  [17] ) Viele der vom Berufsverbot und "Arisierungswettlauf" betroffenen jüdischen Unternehmer, Ärzte, Rechtsanwälte und leitenden Angestellten mußten sich als Hausierer durchschlagen. Nur wenige hatten Deutschland rechtzeitig verlassen können. Die Pauperisierung der deutschen Judenheit führte über die "Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft" in die Arbeitslosigkeit, von dort über die Zwangsarbeit und die Deportation in die Ghettos und in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

3. Der November und seine Folgen für die Kultur in Deutschland

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Der Judenpogrom war nicht nur die Vorstufe zum Massenmord und zur Vernichtung der europäischen Juden. Mit der Vernichtung der Kultstätten, Geschäftshäuser, Wohnungen und den mit ihnen zerstörten Kunstschätzen und Archivstücken gingen die für die deutsche Kultur so wichtigen Assimilationsprozesse der sozialen und rechtlichen Emanzipation der Juden seit der Aufklärung ebenso verloren wie die Besonderheiten der autonomen jüdischen Kultur in Deutschland. "Rassen"wahn und "Fremden"haß des "tausendjährigen Reiches" trugen entscheidend dazu bei, den schon vorher gefährdeten Beitrag der Juden gänzlich unterdrücken zu helfen. Dabei sind Deutschlands kulturelle und wissenschaftliche Leistungen im 19. und 20. Jahrhundert ohne Deutsche jüdischen Glaubens nicht denkbar. Die gegenseitigen Einflüsse deutscher und jüdischer Kultur sind unübersehbar. Nur mit Albert Einstein, Max Born, James Franck oder David Hilbert wurde die mathematisch-naturwissenschaftliche Führungsposition Deutschlands in der Welt erreicht.
Der Glanz des deutschen Theaters vor 1933 ist ohne die Juden Elisabeth Bergner, Conrad Veidt, Max Reinhardt, Erwin Piscator, Fritz Kortner oder Albert Steinrück nicht darzustellen. Ist die deutsche Literatur denkbar ohne Heinrich Heine, Feuchtwanger, Canetti, Joseph Roth, Alfred Döblin, Hermann Kesten, Nelly Sachs, Anna Seghers, Arnold Zweig, Hans Sahl, Peter Weiss, Stefan Heym, Rose Ausländer oder Kurt Tucholsky? Die Musik ohne Bruno Walter, Otto Klemperer, Arnold Schönberg, Leo Blech?
Die Sozial- und Geisteswissenschaften ohne Husserl, Plessner, Löwith, Hallgarten, Cassirer oder Marx? Kann Aufbau und Entwicklung der ersten deutschen Republik nach 1918 ohne die Leistung jüdischer Intellektueller und Politiker wie Walter Rathenau, Hugo Preuß, Hugo Haase, Eduard Bernstein, Karl Korsch, Julius Moses, Rosa Luxemburg, Paul Levi, Kurt Eisner, Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam oder Fritz Solmitz verstanden werden? Können wir die Geschichte der Volkshochschulen und Arbeiterbildung ohne die jüdischen Intellektuellen verstehen, ohne Lassalle, Hermann Heller, Paul Honigsheim, Max Adler, Franz A. Neumann, Ernst Fraenkel, Walter Fabian oder Theodor Lessing? Und ist die Geschichte der großen Hansestädte wie Lübeck, Hamburg, Bremen zu schreiben, ohne auf die Leistung Deutscher jüdischen Glaubens einzugehen?  [18] )

4. Niemand war dabei und keiner hat’s gewußt?

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Was aber immer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auf Befehl der obersten Naziführung unmittelbar nach der aufputschenden Rede von Goebbels zum Gedenken an die „alten Kämpfer“ des Hitler-Putsches am 9. November 1923 überall in Deutschland geschah, es vollzog sich vor einer breiten Öffentlichkeit. Viele waren dabei, und die Mehrheit der Bevölkerung hat es gewußt. Mag sich noch mancher deutsche Bürger von den brutalen Ausschreitungen, Krawallen und Morden der Judenpogrome von 1938 distanziert haben, gegen die nachfolgenden gesetzlichen Regelungen zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, gegen die Austreibung und die dann folgende Vernichtung erhob kaum jemand Einwände. Denn „der Jude war der wichtigste Mann in Hitlers Staat“ (Victor Klemperer). Das Judentum hatte die Plagen des Kapitalismus und des Kommunismus in die Welt gesetzt, insbesondere trachtete es nach Deutschlands Unglück und Untergang, zersetzte die Reinheit der Rasse und die Wehrkraft und schürte Zwietracht unter den Volksgenossen. Hitlers mit beispielloser Energie vollzogenen Plan seiner „Endlösung der Judenfrage“, den „Vernichtungsantisemitismus“ (Silbermann), wollen die deutschen Reichsbürger allerdings nicht mitbekommen haben. Seit mehr als 60 Jahren verweigert sich die Tätergeneration der Frage, was sie sich während des größten geschichtsbekannten Verbrechens eigentlich gedacht hat.

Auch die Wissenschaft ist sich nicht einig. Sie streitet mit Hans Mommsen immer noch darüber, ob die Vollstreckung der „Endlösung“ Hitler allein zugeschrieben werden könne oder Folge rein ideologischer Faktoren in der deutschen politischen Kultur ist, also Ausdruck jenes „elimmatorischen Antisemitismus“, den Goldhagen postuliert. Oder ist die „Endlösung“ mit Saul Friedlander eher als Folge des „Erlösungsantisemitismus“ zu interpretieren, also der apokalyptischen "Vision einer Weltgeschichte, in der die Errettung und Erlösung der arischen Menschheit einzig von der Eleminierung einer Macht des Bösen abhing, die angeblich mit jedem Tag gefährlicher wurde: den Juden"?  [19] )
Wie auch immer: Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden gingen - wie schon der Novemberpogrom - von Parteigremien und staatlichen Stellen aus. Und von Anfang an verknüpften sie ihre antisemitischen Zielvorstellungen mit militärstrategischen Überlegungen zur Vorbereitung und Durchführung des Krieges. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion erhielt Heydrich z.B. am 31. Juli 1941 von dem für die Reichsverteidigung verantwortlichen Reichsfeldmarschall Hermann Göring den Auftrag, die erforderlichen Vorbereitungen für eine „Gesamtlösung der Judenfrage“ zu treffen.
Aber Hitler hielt sich stets die Entscheidung vor und stellte die Weichen, die dem Antisemitismus des NS-Regimes die Richtung vorgaben, weil der Kampf gegen die Juden das Kernstück seiner Politik war und blieb. Der Antisemitismus war so eine notwendige, aber keinesfalls ausschließliche Bedingung für den Holocaust.
Als Erklärung für den Judenmord reicht die antisemitische Ideologie nicht aus. Jüngere Forschungen von Jan Kershaw, Götz Aly, Christian Gerlach, Ulrich Herbert u.a. betonen die Rolle der Kriegswirtschaft und der Bevölkerungs- und Ernährungspolitik nicht nur im Blick auf die deutsche Bevölkerung, sondern vor allem für das deutsche Millionenheer in der Sowjetunion. Von vornherein nahm die NS- und Wehrmachtsführung in Kauf, daß die Ernährung der deutschen Soldaten den Hungertod von Millionen Menschen zur Folge haben würde. Das Massensterben unter den sowjetischen Kriegsgefangenen war keine Fehlentwicklung, sondern bewußt geplante Politik im Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg. Damit wird die alte Kontroverse um den Primat von Ideologie oder Ökonomie, also die Frage, ob der Wille zur „Endlösung der Judenfrage“ sich gegen die Erfordernisse der Kriegswirtschaft hat durchsetzen können, auf eine neue Weise geführt. Denn die These von Gerlach, der damit eine Überlegung von Götz Aly und Susanne Heim aufgreift, behauptet die kriegswirtschaftliche Rationalität des Massenmords. Schon Arno J. Mayer hatte 1989 in seinem Buch "Der Krieg als Kreuzzug" von der "Rationalisierung des Wahnsinns" gesprochen und die Ausrottung der Juden als Folge des sich abzeichnenden Debakels der NS-Kriegsmaschine nach dem vergeblichen Anrennen gegen Moskau im November/Dezember 1941 dargestellt.  [20] )

Doch noch einmal zurück vom umstrittenen Wissen der Wissenschaftler zum postulierten Nichtwissen der deutschen Bevölkerung: Vor dem Hintergrund eines ungebrochen behaupteten Nichtwissens gibt der 60. Jahrestag des Judenpogroms vom November 1938 Anlaß, die ganze öffentliche, auf den Straßen und im Gesetz- und Verordnungsblatt abgewickelte Judenverfolgung mit dem Geheimnis der Vernichtungsstätten zu vergleichen. Sind das millionenfach Gewußte und das sogenannte Nichtgewußte qualitativ grundverschieden?
Oder ist es der Unterschied von Todesurteil und Vollstreckung? Stehen die Reichsbankbeamten, die die Goldzähne zum Schmelzen in die Preußische Staatsmünze trugen, auf einem anderen menschlichen Niveau als jene Polizeibeamten, die in den Einsatzgruppen auf Juden schossen? Sind die Angestellten der Volkswohlfahrt, die Wäsche und Geschirr der verschleppten Juden nach der „Reichskristallnacht“ umverteilten, von anderer Qualität als jene Ärzte, die am Guckloch der Gaskammer ihren Dienst taten? Gehen die öffentlichen und geheimen Teile der Judenverfolgung so zwanglos und normal ineinander über, wie dies bei Verwaltungsvorgängen üblich ist? Die Tat war singulär, doch mit geläufigen Methoden. Selbst die Vergasung feindlicher Zivilpersonen zirkulierte in der Vorstellungswelt. Ganz Deutschland übte mit Gasmasken. Von den Reichsbürgern, die nach 1942 in die Vergasungsbetriebe abkommandiert wurden, ist nicht bekannt, daß der Schock sie lähmte. Sie empfanden allerdings, wie Himmler und Eichmann, die physische Auslöschung meist anstrengender als die aktenförmige. Grauenvoll war nicht die Tatsache der Vernichtung der europäischen Juden, sondern der Anblick.

Heute ist es genau umgekehrt. Der Anblick von Auschwitz und Treblinka ist inzwischen jedem Schulkind geläufig. Der Anblick der Arisierungsakten hingegen ist nach wie vor eisernes Geheimnis der Firmenarchive. Die Arisierungsgewinner, darunter „spätere Väter“ des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit wie Horten, Neckermann, Ries (Pegulan) oder die großen Banken vor und nach 1933 und 1945 - wie die Deutsche Bank und die Dresdner Bank - unterschlagen dieses Kapitel ihrer Bereicherung. Die Erinnerung an die Judenvernichtung ist getrübt und zusammenhanglos auf uns gekommen. Die Brände der sogenannten Reichskristallnacht und der gelbe Stern sind im nationalen Gedächtnis der Deutschen gespeichert, die Deportationsgeschichte der Städte und Landkreise aber kaum aufgearbeitet.
Wer kennt z.B. jene Deportationsliste der Gestapo, die für die Zeit von 1941 bis 1944 1631 Nürnberger aufzählt, die in die Konzentrationslager nach Theresienstadt und Auschwitz verschleppt wurden und von denen lediglich 72 überlebten? Wer übernahm in Lübeck den repatrierten Judenbesitz der am 6. Dezember 1941 nach Riga deportierten 90 Juden? Wer schlüpfte in die Leibwäsche der Familie Katz? Wer tafelte mit dem Silbergeschirr der Carlebachs? Wir könnten es wissen. Registrierte doch das für die Liquidation zuständige Finanzamt in Lübeck fein säuberlich die Umverteilung der Gegenstände und den Preis, den der Volksgenosse dafür bezahlte. Zu welchen überraschenden Erkenntnissen ein solcher Einblick in die Akten der obersten Finanzbehörde führen kann, habe ich im Rahmen des Begleitprogramms zur Wehrmachtsausstellung in Bremen versucht vorzuführen. In der nach wie vor umstrittenen Ausstellung befindet sich ein Foto aus dem Minsker Ghetto. Innerhalb von zwei Tagen wurden hier im Juli 1942 mehr als 10.000 Juden liquidiert, darunter auch 426 von 440 Bremer Juden, die am 18. November 1941 nach Minsk deportiert worden waren. Die Spur dieser Mitmenschen führt ins Nichts, aber der Verbleib ihrer Bettwäsche, der Teppiche, Kleiderschränke, des Küchengeschirrs, der Klaviere und Flügel wurde penibel genau festgehalten. Diese Gegenstände gehen "legal" im Dezember 1941 u.a. in den Besitz der Direktoren und Aufsichtsräte der Atlas Werke in Bremen über, also jener "Pfeffersäcke", die das Kulturleben als Mäzene bis heute bestimmen und als ehemalige Senatoren die Bremer Straßen mit ihren Namen schmücken.  [21] )

Es wird Zeit, dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte aufzuarbeiten und in den Mittelpunkt der Aufklärungsarbeit von Schulen und Bildungseinrichtungen zu stellen. Dabei sollte das Gedenken an die sogenannte Reichskristallnacht vor 60 Jahren sich nicht darauf beschränken, an die SA-Knüppel zu erinnern. Das ganze, von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptierte System der Beraubung, Verfolgung und Vernichtung der Juden steht zur Diskussion.

Als ich diese Forderung 1988 aus Anlaß des 50. Jahrestages des Judenpogroms in Nürnberg erhob und dabei die Namen prominenter Arisierungsgewinnler veröffentlichte, wurde dieses von den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft als Provokation empfunden.
Mit Androhungen von Klagen versuchten mich die Unternehmen mundtot zu machen, die sich ansonsten nicht scheuten, den 50. Jahrestag ihrer Firmengründung öffentlich zu begehen. [22] ) Aber erst Daniel Jonah Goldhagen hat mit seinem Buch über „Hitlers willige Vollstrecker“ und der These vom ganz normalen Deutschen einen Sturm der Entrüstung in der Bundesrepublik hervorgerufen. Ist die Vergangenheit, die nicht vergeht, zugleich die Zukunft Deutschlands? Sind die Deutschen immer noch nicht bereit, die richtigen Lehren aus ihrer NS-Geschichte zu ziehen? Hat diese Verweigerung möglicherweise mit der „zweiten Schuld“ der Deutschen zu tun, die nicht nur den Aufstieg des Nationalsozialismus mehrheitlich zuließen (erste Schuld), sondern die Integration der NS-Täter in die bundesrepublikanische Gesellschaft konfliktlos ermöglichten (zweite Schuld) ?
Nachdem die als Kriegsverbrecher vor den alliierten Gerichten in Nürnberg und anderswo verurteilten Eliten aus Wirtschaft, Militär, Justiz, Medizin, Diplomatie und der Staatsbürokratie  im Gefolge des Kalten Krieges wieder gebraucht wurden, setzte jene „Kalte Amnestie“ ein, die es den Arisierungsgewinnlern und NS-Verantwortlichen erlaubte, sich als normale Männer am Wiederaufbau der Bundesrepublik zu beteiligen und als "ehrenwerte" Männer das Bundesverdienstkreuz entgegenzunehmen. Konkretisieren wir diese von Norbert Frei beschriebene „Vergangenheitspolitik“ an einigen Beispielen, die sich im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizgebäudes ereigneten.

5. Die Judenverfolgung im Spiegel des Schwurgerichtes

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Eines der skandalösesten Nazi-Urteile, das zur Ermordung Leo Katzenbergers führte, beschäftigte juristische Instanzen in weiteren vier Nachkriegsverfahren vor dem Militärgerichtshof, dem Landgericht Nürnberg und dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Worum ging es? In dem Schwurgerichtssaal 600 wurde am 13. März 1942 in einer öffentlichen Sitzung des Nürnberger Schwurgerichtes der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg, Leo Katzenberger, wegen „Rassenschande“ zum Tode verurteilt. Die angeblich intime Beziehung des 68jährigen Katzenberger zur jungen „arischen“ Fotografin Seiler veranlaßte den Gerichtshof, das Todesurteil auszusprechen.
Der Landgerichtsdirektor und Vorsitzende des Sondergerichtes, Oswald Rothaug, dazu: „Für mich reicht es aus, daß dieses Schwein gesagt hat, ein deutsches Mädchen hätte ihm auf dem Schoß gesessen“. Das Vergehen der Rassenschande, dessen Katzenberger beschuldigt wurde, fiel unter § 2 des „Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Dieser lautete: „Außerehelicher Verkehr zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes ist verboten“. [23] )

Mit dieser Anwendung der „Nürnberger Gesetze“ von 1935 lernen wir einen besonders schlimmen Fall kennen, die „Judenfrage“ auf „legalem Weg“ zu lösen. Hans Globke, der damalige Ministerialrat im Reichsinnenministerium Fricks und spätere Staatssekretär im Bundeskanzleramt Adenauers, hatte dazu 1935 in dem offiziellen Kommentar zu diesen Gesetzen eine Interpretationshilfe angeboten, die mit der juristischen Einführung von „Ersatzhandlungen“ Rothaug-Urteile ermöglichte: „Außerehelicher Verkehr ist nur der Geschlechtsverkehr. Unter Geschlechtsverkehr ist zwar nicht nur der Beischlaf . . . zu verstehen, sondern auch beischlafähnliche Handlungen, z.B. gegenseitige Onanie“. [24] ) Mit den „Nürnberger Gesetzen“ und ihren juristischen Interpretationshilfen begann eine neue und entscheidende Etappe der Diskriminierung der Juden, die über die Entrechtung, den Boykott, die „Entjudung der deutschen Wirtschaft“ und die Verfolgung mit der Vernichtung in den Gaskammern von Auschwitz und Birkenau endete.

10 Jahre nach den „Nürnberger Gesetzen“ wurde die „Stadt der Reichsparteitage“ das Tribunal für den Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher des NS-Systems. Der von Repräsentanten der Siegermächte zusammengesetzte Internationale Militärgerichtshof (IMT) erklärte die Angeklagten im Hauptkriegsverbrecherprozeß vom 20.11.1945 bis zum 1.10.1946 im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizgebäudes wegen Verschwörung zur Vorbereitung und Durchführung von Kriegsverbrechen und schwerer Verbrechen gegen die Menschheit für schuldig. Der „Frankenführer“ Julius Streicher wurde zusammen mit weiteren hauptverantwortlichen Nazi-Führern wie Hermann Göring, Wilhelm Keitel, Hans Frank, Alfred Rosenberg, Fritz Sauckel, Joachim Ribbentrop, Wilhelm Frick, Arthur Seyß-Inquart und Alfred Jodl zum Tode verurteilt. Den fanatischen Antisemiten Streicher belasteten u.a. auch die Dokumente, welche die Göring-Kommission 1939 zusammengetragen hatte. Zwölf weitere Kriegsverbrecherprozesse gegen die Eliten des deutschen Staats-, Militär- und Industrieapparates folgten von 1946 bis April 1949 unter alleiniger Verantwortung der USA (Nürnberger Nachfolgeprozesse gegen 199 Angeklagte).  [25] )

Am 3.12.1947 sprach der Nürnberger Gerichtshof das Urteil gegen die besonders dienstwilligen Juristen. Er verurteilte u.a. den Nürnberger Sonderrichter Rothaug zu lebenslänglicher Haft und charakterisierte die „Prostituierung eines Rechtssystems zur Erreichung verbrecherischer Ziele . . .begangen im Namen des Rechts unter der Autorität des Justizministeriums und mit Hilfe der Gerichte“ insgesamt mit dem klassischen Satz: „Der Dolch des Mörders war unter der Robe des Juristen verborgen.“  [26] )

Im Zuge der Begnadigungswelle wurde Rothaug nach neun Jahren entlassen und machte Versorgungsansprüche bei der Bayerischen Staatsregierung geltend. Noch besser kam ein anderer, schwer belasteter Kriegsverbrecher davon: Friedrich Flick, der durch Arisierungsgewinne zum größten Privatunternehmer im Dritten Reich aufgestiegen war. Am 22.12.1947 wurde er zwar als Hauptangeklagter im Flick-Prozeß zu sieben Jahren Haft wegen Ausbeutung zur Sklavenarbeit, Plünderung besetzter Gebiete und Förderung der SS verurteilt. Die Arisierungsgewinne Friedrich Flicks standen nicht zur Diskussion. Friedrich Flicks hochentwickeltes Unrechtsbewußtsein erleichterte das Verdrängen jeder Schuld. Vor dem Gericht führte er aus: „Niemand aus dem großen Kreis derer, die meine Mitangeklagten und mich kennen, glaubt, daß wir Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben, und nichts wird uns davon überzeugen, daß wir Kriegsverbrecher sind.“ [27] )

Im „Gnadenfieber der 50er Jahre“ (Robert M.W. Kempner) wurden Flick, Krupp und weitere verurteilte Kriegsverbrecher und Ariseure bald wieder aus dem Zuchthaus entlassen - Flick übrigens eine Woche, nachdem Bundeskanzler Adenauer im August 1950 vor den Hohen Kommissaren der Besatzungsmächte in aller Form die Aufstellung einer westdeutschen Armee verlangt hatte. Das neue Rüstungsgeschäft brauchte seine alten Waffenschmieden und Helfershelfer. Wen wundert es, daß andere noch von den US-Amerikanern vorbereitete Kriegsverbrecherprozesse gegen die Hauptgewinner der Arisierung nicht mehr eröffnet wurden? So hatte z.B. die Finanzabteilung der amerikanischen Militärregierung nach intensiven Untersuchungen gegen die IG Farben, die Deutsche Bank und die Dresdner Bank übereinstimmend festgehalten, „daß sie eine übermäßige Konzentration wirtschaftlicher Macht“ darstellten „und an der Durchführung der verbrecherischen Politik des Nazi-Regimes auf wirtschaftlichem  Gebiet teilgenommen“ hatten, wie es in der Zusammenfassung jener Ermittlungen heißt, die 1985/86 von der Dokumentenstelle zur NS-Politk Hamburg im Greno-Verlag veröffentlicht wurden und eine Fülle an schwerwiegenden Belastungen und Dokumenten zur Arisierungsproblematik enthalten.  [28] )

Nach einem Blick in jene belastenden Akten hatte der amerikanische Präsident Roosevelt schon am 8.9.1944 an den Außenminister Hull geschrieben: „Die Geschichte der Verwendung der IG-Farben durch die Nazis liest sich wie ein Kriminalroman. Auf die Niederwerfung der Naziarmeen wird die Ausrottung solcher Waffen des Wirtschaftskrieges folgen müssen.“  [29] ) Dazu sollte es nicht kommen. Roosevelts Nachfolger Truman eröffnete bald den Kalten Krieg. Dazu waren nun die ehemaligen Gegner als Bündnispartner gut zu gebrauchen. „Die kalte Amnestie“ erleichtere NS-Tätern wie Krupp, Flick und Co. die Integration in den neuen Staat. „Die Tätergemeinde hat sich spurlos in die Nachkriegsgesellschaft verflüchtigt, ist dort nicht weiter auffällig geworden und stirbt gegenwärtig friedlich aus. Den Aufbau von Demokratie und Rechtsstaat hat der NS-Täter nicht behindert. Das größte geschichtsbekannte Verbrechen wurde mit dem größten Resozialisierungswerk abgeschlossen“, schrieb dazu mein damaliger Nürnberger Mitarbeiter Jörg Friedrich schon 1984. [30] )

Zu den Resozialisierten gehörte auch „Himmlers Mann in Nürnberg“, der SS-Brigadeführer, Gestapo-Chef und Polizeipräsident von Nürnberg, der sich später zum heimlichen Widerstandskämpfer und Anhänger des 20. Juli erklärte. Der u.a. für Judendeportation, das KZ Flossenbürg und das Lager Langenzenn verantwortliche Benno Martin wurde mehrfach vor Gericht und Spruchkammern gestellt, aber immer wieder freigesprochen. Das letzte Mal am 1. Juli 1953. Nach einem vierjährigen Verfahren sprachen die Richter des Landgerichts zu Nürnberg Benno Martin im Schwurgerichtssaal 600 davon frei, nachweislich verantwortlich zu sein für jene Deportation von 4754 Juden aus dem fränkischen Raum in das Vernichtungslager von Auschwitz. Zu diesem Zeitpunkt galt Martin in Nürnberg inzwischen für viele, die es eigentlich besser wissen mußten, als einer derjenigen, die nur mitgemacht hatten, um Schlimmeres zu verhindern. Mit der 1946 verfaßten Verteidigungsschrift „Mein Kampf gegen Streicher“, die auch auf den Arisierungsskandal in Nürnberg eingeht, betrieb er seine eigene Entlastung. Das Bamberger Metropolitankapitel unterstützte mit einem einstimmigen Beschluß vom 20. Juni 1951 diese „Kehre“, indem es den Bayerischen Ministerpräsidenten „um vollständige Rehabilitierung“ Martins bat.  [31] )

Solche gezielte Integration der Holocaust-Angestellten in den neuen Rechtsstaat trug dazu bei, antijüdische Maßnahmen des NS-Systems zu verdrängen. Die lang umkämpfte und von Adenauer gegen erheblichen Widerstand in den eigenen Reihen durchgesetzte Wiedergutmachung vermittelte den Eindruck, die „Nazi-Sonderrechte für Juden“ „aussöhnen“ zu können. Damit ging aber auch ein tieferes Verständnis für jene systematische Vernichtung der europäischen Juden verloren, die über „Sonderrechte“ zum formal legalisierten Massenmord führte. Diesen juristisch abgesicherten unvergleichlichen Vorgang hat der ehemalige stellvertretende Hauptankläger der Vereinigten Staaten in Nürnberg, Robert M.W. Kempner, bis 1933 Ministerialbeamter im preußischen Innenministerium, folgendermaßen treffend zusammengefaßt.

„Man hat ihnen die Berufe genommen, das Besitztum gestohlen, sie durften nicht erben oder vererben, sie durften nicht auf Parkbänken sitzen oder einen Kanarienvogel halten, keine Restaurants, keine Kinos, Theater oder Konzerte besuchen, für sie galten bestimmte Rassegesetze, ihnen wurden sämtliche staatsbürgerlichen Rechte entzogen, die Freizügigkeit wurde ihnen genommen, ihre Menschenrechte und ihre Menschenwürde wurden in den Staub getreten, bis sie in Konzentrationslager deportiert wurden und in die Gaskammern kamen (. . .) Um dieses Vernichtungsprogramm, gestützt auf Rassenwahn und Habgier, durchzuführen, wurde innerhalb der Staatsverwaltung der NSDAP und der Berufsgruppen ein riesiger Apparat aufgebaut (. . .) Dieser Vernichtungsapparat wucherte wie ein Krebsgeschwür allmählich in allen Teilen des gesamten Staatsapparates. Seine Schöpfer und Exekutivorgane waren besessen von dem Gedanken der Legitimierung. Sie glaubten, keine Raubmörder zu sein, wenn sie ihren Verbrechen gegen die jüdischen Bürger ‘gesetzliche’ Mäntelchen umhängten und jede Missetat an Juden in die Form von Verordnungen, Erlassen, Verfügungen usw. verpackten.“  [32] )

6. Eine "Vergangenheit, die nicht vergeht": gegen die Relativierung, Normalisierung und Entsorgung der NS-Vergangenheit

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"Ein Albtraum droht mir das Herz zuzuschnüren: es kann doch nicht sein, daß sich alles noch einmal wiederholt... Genau vor 54 Jahren hatte ich das schrecklichste Erlebnis meiner Kindheit. 1938. In jenem November lief ich durch die Nachbarschaft, bis ich zufällig zum Nürnberger Kaulbachplatz kam. In diesem Viertel waren die großräumigen Jugendstilhäuser meist von wohlhabenden Juden bewohnt. Aber nun, nach dieser furchtbaren Nacht, in der die SA-Horden gewütet hatten, bot sich mir Neunjährigem ein Bild des Schreckens. Auf den Straßen lagen aufgeschlitzte Betten, zerstörter Hausrat und auf den zerschlagenen Möbeln saßen jüdische Frauen und heulten ihren Männern nach, die von den braunen Schergen abgeholt worden waren, manche auf Nimmer-wiedersehen. Überall lagen Glassplitter. Ich stand da wie gelähmt, das Elend, daß sich mir kleinem Buben auftat, war so erschütternd, daß momentan aller Nazieinfluß durch Schule und Jungvolk einfach in den Hintergrund trat. Was ich am Kaulbachplatz nicht angetroffen hatte, waren die den Schergen beifallklatschenden Nachbarn (wie es woanders leider durchaus gewesen war). Das entsetzliche Geschehen hat mich nie wieder vergessen lassen, was Menschen Menschen antun können."

Mit dieser Erinnerung an den Judenpogrom von 1938 drückte am 9. November 1992 einer meiner politischen Weggefährten in Nürnberg seine Betroffenheit darüber aus, was sich nur eine Generation später in anderer Weise noch einmal zu wiederholen drohte und 1938 den Auftakt für noch Schrecklicheres lieferte. Wieder zogen 1992 gröhlende Rechtsradikale mit Nazisymbolen ungestraft durch die Straßen, brannten Häuser nieder, schmähten Minderheiten, schändeten jüdische Friedhöfe, legten Feuer in Synagogen und verbrannten Menschen. Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen und danach Lübeck stehen für den im geeinten Deutschland gewaltsam wieder aufbrechenden Rechtsextremismus und Rassismus. Und anders als bei ähnlichen Ausschreitungen in der alten Bundesrepublik konnten die Täter mit dem Beifall des gaffenden Publikums rechnen. Für alle sichtbar ist ein Tabu gebrochen. Man darf sich im neuen Deutschland als fremdenfeindlich bekennen. Die Medienwirksamkeit dieser Ereignisse trägt dazu bei, daß die Gewalt der Straße sich durch die Politik bestätigt findet. Deutschland im Herbst 1992, das bedeutete das Brennen von Flüchtlingsunterkünften. Deutsche Helden warfen schlafenden Kindern Brandbomben in die Betten. Und weil so viele normale Bürger diesem Massenmord applaudierend beiwohnten, verbreitete sich die Parole: "don't worry, be Nazi".

Gewiß sind die politischen Konstellationen heute ganz andere, aber gibt es nicht politische Parallelen, die zum Nachdenken zwingen? Begannen nicht beide Ereignisse mit der Aufhebung von Grundrechten und der Einführung von Sonderrechten? Diesmal sind es (noch) nicht die Juden, sondern es sind die Ausländer, speziell die Asylbewerber und dabei besonders die "Schwarzen" und die "Zigeuner". Aber die zunehmende Diskriminierung der Juden im Gefolge neuer Zwangsarbeiter-Prozesse gegen Banken und Unternehmungen signalisiert Gefahren, die wir nicht unterschätzen sollten. Wird nicht auf die gleiche Weise eine Haßwelle beschworen, die die Polarisierung in der Gesellschaft vorantreibt und die das ohnehin vorhandene Gewaltmilieu weiter stimuliert? Geht es auch diesmal wieder um ein Politikverständnis, das sich davon prägen läßt, dem Druck der Straße nachzugeben?
Kein Zweifel, noch führen Sonderrechte nicht zum formal legalisierten Massenmord; vorläufig geht es nur um das Abdrängen ungewünschter Ausländer und Asylbewerber aus der Wohlstandsfestung Deutschland. Noch nimmt man ihnen nicht, wie nach 1933 den Juden, die Berufe. Noch wird ihnen nicht das Besitztum gestohlen. Noch haben sie ihre Wohnungsschlüssel nicht beim Hausmeister abzugeben. Sie dürfen noch erben und vererben, sie dürfen noch auf Parkbänken sitzen, einen Kanarienvogel halten oder Deutsche heiraten. Aber nicht immer ist sicher, ob sie auch in Restaurants, Kinos, im Theater oder in Diskotheken wohlgelitten sind. Noch gelten für sie keine Nürnberger Gesetze zum "Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre". Noch werden ihnen die eingeengten staatsbürgerlichen Rechte nicht durch ein "Reichsbürgergesetz" entzogen. Noch ist ihnen die relative Freizügigkeit nicht genommen. Aber Menschenrechte und Menschenwürde werden doch von Zeit zu Zeit in den Staub getreten. Daran wird auch die doppelte Staatsbürgerschaft nicht viel ändern. Und weil die extreme Rechte wieder in Kommunal- und Landesparlamente eindringt und in den Köpfen der Bürger Gehör gewinnt, liegt rassistische Ausgrenzungspolitik im Trend.

Das alles geschieht zu einem Zeitpunkt, wo die gesellschaftliche Tabuisierung nationalsozialistischer Positionen - gemeinsam mit deren antisemitischen und rassistischen Untertönen zusammenzubrechen scheint. Seit Ende der 60er Jahre fand wohl im Gefolge des Auschwitz-Prozesses und der Studentenrevolte eine differenzierte Annäherung an die NS-Zeit statt. In deren Folge gewannen der Judenpogrom und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Aufgabe für die "Gründungsidee der Bundesrepublik" (Habermas). Aber nach den erneuten Schadensabwicklungsversuchen durch den Historikerstreit endete der "hilflose Antifaschismus" (Haug) in den achtziger Jahren in der "Gnade der späten Geburt" (Kohl). Noch vor 1989 ging in dem von Ernst Nolte am 8. Juni 1986 in der FAZ eingeleiteten Historikerstreit die Rechnung der sogenannten Re-Nationalisierung auf. Die von ernstzunehmenden Historikern wie Martin Broszat eröffnete "Historisierung des Nationalsozialismus" erleichterte Nolte die Aufrechnung und Relativierung der NS-Verbrechen als ersten Schritt zur "Entkriminalisierung" der deutschen Geschichte und Rückgewinnung eines "gesunden Nationalbewußtseins" ("Der Archipel Gulag ist ursprünglicher als Auschwitz" und die "braune Revolution" von 1933 ist eine Antwort auf die "rote Revolution" von 1917). Die Trennungslinie zwischen neonazistischen und neokonservativen Positionen wurde verwischt.

Die Risiken dieses Denkens mit der Deutschtümelei und Fremdenfeindlichkeit werden wohl erkannt, aber ihre Querverbindungen in die Wissenschaft und offizielle Politik hinein erschweren die Bekämpfung der sich wissenschaftlich gerierenden Anhänger der "Konservativen Revolution“, des neualten "Radikalismus der Mitte". Und wie immer in Deutschland sind diese Feinde der Demokratie auch wütende Antisemiten. Es ist sicher kein Zufall, daß alte Stereotypen der politischen Romantik und des Herrenmenschentums von Wagner-Fans und Riefenstahl-Verehrern - wie Hans-Jürgen Syberberg wieder fortissimo klingen und Säle füllen. Syberberg verkündete 1990, "daß jüdische Linksintellektuelle wie Adorno, Bloch, Benjamin, Marcuse und Kracauer nur Macht über die Menschen erringen konnten“ und nichts anderes als eine „Krüppel-Ästhetik“ hervorgebracht hätten. Die Juden sollten sich klarmachen, daß ihre intellektuellen Verdienste und Kulturleistungen „natürlichen Widerstand wecken“. Unter Hitler hätten daher die „durch den orientalischen Gott blutig unterdrückten und christianisierten Völker Europas endlich Rache genommen am falschen Gott des alten Testaments“. Nunmehr sei das „östliche Restdeutschland“ nach 40jähriger Gefangenschaft zu neuem Leben erwacht. Die Zeit sei gekommen, um den „Lebensraum im Osten“ wieder zu besetzen und zu den Grenzen des Deutschen Reiches zurückzukehren, - aber nicht zu denen von 1937, sondern zu denen von 1914. Anstatt von Fortschritt und Sozialismus zu sprechen, solle nun endlich von „Heimat, Reich und Nation“ die Rede sein. „Die Einheit Deutschlands, Schlesien, Schönheit, Gefühl, Begeisterung. Vielleicht sollte man Hitler neu bedenken".  [33]  )

Und selbst in der "Wirtschaftswoche", ein dem Bundesverband der deutschen Industrie nahestehendes Organ, konnte der Herausgeber, Prof. Dr. Wolfram Engels, am 12. Juli 1992 ohne großen öffentlichen Widerspruch die "Erfolgsrezepte" der Nazis zur Lösung heutiger Probleme empfehlen: "In Deutschland ... herrschte seit 1931 Devisenbewirtschaftung, seit 1932 Lohnstopp, seit 1933 Gewerkschaftsverbot. Ab 1936 wurde, zur Vorbereitung des Krieges, eine Planwirtschaft installiert und 1939 voll in Kraft gesetzt. ... Das Privateigentum blieb erhalten, der Gewinn wurde nicht abgeschafft, das Gewinnstreben vielmehr in den Dienst des Wirtschaftsplans gestellt. Die Arbeitslosigkeit ging von rund sechs Millionen im Winter 1932/33 auf 1,6 Millionen 1936 und hunderttausend 1939 zurück. ... Die Wachstumsrate des realen Sozialprodukts lag bei knapp zehn Prozent, die Preissteigerung bei rund einem Prozent pro Jahr. ... Diese Zahlen sind ... aufregend. Können wir auf Erfolgsrezepte nur deshalb verzichten, weil Adolf Hitler sie angewandt hat? Wir verzichten schließlich auch nicht auf die Teilnahme an Olympischen Spielen, auf deutsche Schäferhunde und auf Chorgesang."

Vielfach werden die über die Nazizeit verhängten Tabus heute gebrochen - auch ein Charakteristikum für die deutsche politische Kultur der 90er Jahre. Die deutsche "verletzte Nation" habe lange genug Asche aufs Haupt gestreut, nun wolle man von Auschwitz nichts mehr hören. Die "Büßerrolle" ist aufzugeben, fordern die vielen Anhänger der "Denkfabriken von rechts". Und jüngst hat Martin Walser mit seinem Frankfurter Plädoyer gegen die Gedenkindustrie und die wohlfeile öffentliche Beknirschung Unfrieden gesät und nicht nur den Schirmherrn dieser Internationalen Tagung herausgefordert.

Wen wundert es, daß in solchen Zeiten der Antisemitismus erneut Furore macht.

Die grundsätzliche Ersetzbarkeit dieses modernen Antisemitismus durch andere Vorurteile wie gegen Ausländer, Aussiedler, Asylanten oder Kommunisten verringert das Maß der akuten Gefahren keineswegs, zumal "Normalisierungsprozesse" zu neuen Tabuisierungen führen. Antisemitistische Vorurteile sind vor allem in der Umgangssprache, in Stereotypen über jüdische Minderheiten nachweisbar. Sie dokumentieren sich auch in dem verharmlosenden Umgang mit verhängnisvollen antisemitistischen Traditionen der Geschichtsschreibung. Oder ist es nur Zufall, wenn kurz vor dem deutschen Vereinigungsprozeß in der großen Ausstellung über "800 Jahre deutscher Orden" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg die von Heinrich von Treitschke herausgegebenen "Preußischen Jahrbücher" von 1862 ausgestellt wurden? Der renommierte Göttinger Historiker Hartmut Boockmann würdigt im Katalog die "Qualitäten dieses bedeutenden Historikers" und charakterisiert gleichzeitig jenen "schwungvoll geschriebenen" Essay Treitschkes von 1862 als "höchst eindrucksvoll". Was aber steht in dem Essay Treitschkes über den deutschen Orden als Vorkämpfer deutschen Expansionsdranges gen Osten? Der deutsch-nationale Borussit beschreibt dort die Ostsiedlung "als das reißende Hinausströmen deutschen Geistes über den Norden und Osten, das gewaltige Schaffen unseres Volkes als Bezwinger, Lehrer, Zuchtmeister unserer Nachbarn". Und zu den später von Hitler durchgeführten schonungslosen Rassenkämpfen im Osten vermerkte Treitschke schon 70 Jahre vorher: "Es weht ein Zauber über jenem Boden, den das edelste deutsche Blut gedüngt hat im Kampfe für den deutschen Namen und die reinsten Güter der Menschheit". Der preußische Propagandist sah das Wirken des Deutschen Ordens als "Siegeszug deutscher Gesittung", für die Polen ist dagegen die deutsche Kolonisation im Osten seit Jahrhunderten die Inkarnation brutaler deutscher Expansion und gewalttätiger Germanisierung.

Wir müssen immer wieder auf die Kontinuität dieses Irrglaubens mit seinen antisemitischen Zügen aufmerksam machen und daran erinnern, daß den meisten gebildeten Deutschen das Wort Heinrich von Treischkes schon vor 1933 als geläufige Parole diente und sie nach 1939 zur unwidersprochenen Ausführung von befohlenen Massenfüsilierungen veranlaßte: "Die Juden sind unser Unglück". Diese im November 1879 in den "Preußischen Jahrbüchern" verkündete Losung Treitschkes wurde schon im 19. Jahrhundert zum Feldgeschrei all jener Hoch- und Niedrigstehenden, die das deutsche Volk vom sozialen Fortschritt und politischer Demokratie abdrängen wollten. Und es muß noch einmal daran erinnert werden, daß die nationalsozialistische pornographische Hetzschrift Julius Streichers, "Der Stürmer", ab 1923 in jeder Nummer auf der ersten Seite die Losung Treitschkes in Balkenlettern verkündete.  [34] )

7.  Der 9. November in der deutschen Geschichte

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Die angedeuteten Gefährdungen lassen sich auch daran ablesen, wie sensibel man in unserem Lande mit dem 9. November umgeht und ihn in geschichtliche Zusammenhänge einordnet. Denn der 9. November 1938 erinnert zugleich an Blutspuren, die auf eine gewollte Zerschlagung demokratischer Strukturen in Deutschland durch konservative und reaktionäre Kräfte hinweisen und die sich immer wieder gegen die Schneisen der Freiheit wenden, die schon Ende des 18. Jahrhunderts die "Morgenröte der Republik" in Deutschland ankündigten. Der 1938 aus Wien vertriebene und seitdem in Palästina/Israel lebende Historiker Walter Grab hat die lange verdrängten demokratischen Traditionen der deutschen Jakobiner wiederentdeckt. Seine großangelegte Gesamt-Darstellung wurde bewußt mit der Aussage eines der bedeutenden Köpfe der frühdemokratischen Bewegung betitelt. Georg Friedrich Rebmann schrieb schon 1798 den Deutschen ins Stammbuch: "Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern, nicht zum Geschenk erhalten". Die deutschen Feudalregierungen unterdrückten jedoch schnell die junge Demokratenbewegung. Schon am 9. November 1789 erließ der Oberrheinische Kreis in Frankfurt/Main ein "Warnungspatent gegen die Störer der öffentlichen Ruhe", die sich bald gezwungen sahen, in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Und für die aus Deutschland vertriebenen Demokraten - vielfach jüdischen Glaubens - endete die Hoffnung auf die Französische Revolution mit dem Staatsstreich von Napoleon Bonaparte, dem Erben und Vernichter der Revolution, der am 9. November 1799, dem 18. Brumaire, begann, die Militärdespotie zu errichten.

56 Jahre nach der ersten, in den Schulbüchern eher vergessenen deutschen Demokratie, der Mainzer Republik von 1792/93, riefen deutsche Demokraten im März 1848 erneut eine "freiheitliche Republik" aus. Während die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche über die zu wählende Form der Republik stritt, wurden die Volkserhebungen mit Waffen erstickt. "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", verkündete die seit Juli 1848 in Berlin erscheinende "Kreuzzeitung". Am 9. November 1848 machte der preußische Militärputsch die demokratischen Hoffnungen zunichte, die von zahlreichen jüdischen Abgeordneten in der Paulskirchenversammlung gestützt wurden. Ebenfalls vor 150 Jahren,  am 9. November 1848, wurde der Kopf der Frankfurter Linken, Robert Blum, der den revolutionären Wiener Arbeitern, Handwerkern und Studenten im Oktober 1848 zur Hilfe geeilt war, durch ein Sondergericht zum Tode verurteilt und in Wien-Brigittenau trotz seiner Immunität als Parlamentsmitglied von der siegreichen Reaktion hingerichtet.

Die Konterrevolution blieb auf der ganzen Linie siegreich. Erneut waren die verfolgten radikalen Demokraten gezwungen, auszuwandern und vornehmlich in der Schweiz, in Frankreich und in England Exil zu suchen.  70 Jahre danach, am 9. November 1918 wurden in Berlin zwei Republiken ausgerufen: die "freie deutsche Republik" durch Philipp Scheidemann und die "freie sozialistische Republik" durch Karl Liebknecht. Schon einen Tag vorher hatte der Pazifist, Jude und Sozialist Kurt Eisner den "Freistaat Bayern" verkündet und sich zum ersten Ministerpräsidenen der "sozialistischen Republik Bayern" wählen lassen.

Gegen die von der Konterrevolution zu "Novemberverbrechern" diffamierten Anhänger der schnell erstickten Novemberrevolution begann vor 80 Jahren ein beispielloser Kampf von rechts mit der Ermordung prominenter Sozialisten, Liberaler und Juden wie Kurt Eisner, Matthias Erzberger, Hugo Haase, Gustav Landauer, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Walter Rathenau. Die im Auftrag von Gustav Radbruch, dem in Lübeck aufgewachsenen Reichsjustizminister, vorgelegte Denkschrift von Emil Julius Gumbel über "Vier Jahre politischer Mord" von 1924 ist nach wie vor ein eindrucksvolles und erschütterndes Dokument über die Skrupellosigkeit der Verschwörer der deutschen nationalistischen Geheimbünde, Freicorps und ihrer Helfershelfer in der Reichskanzlei - mit ihrem latenten oder offenen Antisemitismus. Die "Revolutionäre wider Willen" (H.A. Winkler) aus den Kreisen der MSPD um Noske und Ebert traten diesen Kräften nicht entgegen. Die Schwäche der Konkursverwalter des Obrigkeitsstaats nutzten die Gegner jeder Demokratisierung. Insofern ist die Zerstörung der Weimarer Republik durch Faktoren und Widersprüche mitbestimmt, die bei ihrer Gründung schon angelegt waren.

Den 9. November 1918, die Novemberrevolution rückgängig zu machen, war von Anfang an das erklärte Ziel der Nationalsozialisten. Das Werk jener "Novemberverbrecher, die 1918 das deutsche Heer erdolcht hatten", war für Hitler das gemeinsame Werk des Kommunismus, Sozialismus und Liberalismus. Mit der Bolschewismus-Furcht besaßen die Nazis ein wirkungsvolles Instrument, das ebenso gegen die politisch gespaltene Linke wie gegen den Linksliberalismus eingesetzt werden konnte. Und weil die Novemberrevolution das "Werkzeug der Juden" war, verknüpften die Nazis äußerst geschickt den Antikommunismus mit dem Antisemitismus. So ist es sicher kein Zufall, daß Hitler den 9. November 1923 zum Putsch gegen die "Juden-Republik" mit dem Marsch auf die Feldherrnhalle in der "Stadt der Bewegung" nutzte und dabei Erich Ludendorff als Mitstreiter gewann.

Nachdem der erste Hitler-Putsch gescheitert war, versammelten sich die Nazis jährlich am 8./9. November zu Gedenkfeiern im Münchener Bürgerbräu-Keller. Aber erst nach der Machtergreifung konnten die Juden als "Sündenböcke" offen verfolgt werden.

Und es ist sich sicher kein Zufall, sondern Ausdruck dieser Politik, daß die ersten von den Nazis inhaftierten Widerstandskämpfer jene Kommunisten und Sozialisten waren, die als Pazifisten und Juden schon vorher Diffamierungen ausgesetzt waren und von den Nazis als erste in den Tod getrieben wurden. Fritz Solmitz, Redakteur des "Lübecker Volksboten", am 19. September 1933 im KZ-Fuhlsüttel grausam ungebracht, steht hierfür ebenso wie der Lübecker Apotheker-Sohn Erich Mühsam, den die SS nach schweren Mißhandlungen in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli 1934 im KZ-Oranienburg ermordeten.

Dem Aufruf vom 1. April 1933 an die Bevölkerung, jüdische Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte zu boykottieren, der Bücherverbrennung im "Kampf gegen den undeutschen Geist" vom 10. Mai 1933 und den Nürnberger Gesetzen vom 15.9.1935 zum "Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" folgte nach einer Phase relativer Ruhe die Eskalation in Form der Pogromnacht von 1938, die als bewußt geplante Vorstufe von Auschwitz zu interpretieren ist.

Auch am 9. November 1938 mußten die "Juden als Vorposten für die Bolschewisierung" herhalten. "Den 9. November 1918 hätten die Juden nicht umsonst gemacht, dieser Tag würde gerächt werden", notierte Hitler am 23. Januar 1939.

Nach der Zerschlagung der Arbeiterbewegung begann die Entrechtlichung, Ausbürgerung und baldige Vernichtung der Juden. Deutschland ohne Sozialisten, Kommunisten, Liberale und Juden - das hieß, den 9. November 1918 ungeschehen machen.

Wer das Unfaßbare erklären will, muß mit den Gedenktagen zum 9. November nicht nur Geschichte in Erinnerung rufen. Es gilt vor allem auch, unseren Blick für gegenwärtige gesellschaftliche Umbrüche und deren Folgen zu schärfen. Erinnern für die Zukunft heißt auch, sich nicht allein auf historische Details einzulassen, sondern zu untersuchen, wie die NS-Zeit und der Judenpogrom im öffentlichen Bewußtsein heute wahrgenommen und verarbeitet werden, wie z.B. politisch Verantwortliche in den Kommunen, Ländern und der Bundesregierung mit ethnischen und politischen Minderheiten und Asylbewerbern umgehen.

Auf jeden Fall ist der 9. November wohl weniger ein Tag zum Feiern, sondern eher ein Datum, das zur Trauerarbeit der Deutschen auffordert. Für uns also weniger ein Gedenktag als ein Tag, der Gründe zum "Nachdenken über die deutsche Geschichte" (Nipperdey) gibt. Erinnerung an die gescheiterten, aber nicht vergeblichen deutschen Revolutionen von 1848 und 1918, an den nach dem Golfkrieg vom modernen Bellizismus immer mehr bedrohten Pazifismus in Deutschland nach 1892, an den Hitler-Putsch von 1923, an die brennenden Synagogen und die Arisierung von 1938, aber auch an die friedliche Protestbewegung in der DDR und die Öffnung der Berliner Mauer vom 9. November 1989 oder den "Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit" mit einer Nichtangriffsvereinbarung zwischen der damaligen Sowjetunion und Deutschland vom 9. November 1990.

"Besser als gerührt sein ist: sich rühren" (Klönne), was Klärung voraussetzt. Mit welchen Erbschaften deutscher Politik haben wir es heute zu tun? Was tradiert sich aus der Geschichte des Deutschen Reiches bis 1945 und der beiden deutschen Staaten ab 1949 in die gesamtdeutsche Gegenwart? Wohin verläuft der "deutsche Weg", nachdem die Nachkriegsordnung Vergangenheit geworden ist und die Erinnerung an Auschwitz als "Moralkeule" und "Routine des Beschuldigens" (Walser) diffamiert wird? Sind wir wirklich "ein ganz normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft"? "Er fühlte sich so sehr als Deutscher, was ging ihn da der Antisemitismus an!", stellte Martin Walser schon Ende November 1995 in seiner Laudatio zur postumen Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises an Victor Klemperer fest. Damit wollte er Klemperers reklamierten "Willen zum Deutschtum", das auch Auschwitz überlebt hatte, für sich und seine Position heute instrumentalisieren. Eine eigenartige "selektive Lesart" (Die Zeit), ein Versuch, den "kosmopolitischen Klemperer ... mit fragwürdigen deutschtümelnden Girlanden zu umhängen" (FR); Klemperer zu nutzen gegen das "vorauseilende Gebeugtsein", das Walser mit seinen Einlassungen vom 11. Oktober 1998 aus Anlaß der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels als "ritualisierten Gedenkgestus" erneut kritisierte. Pflegen wir auf dieser Tagung keine Rituale, sondern versuchen wir, mit der Erinnerung so verantwortungsvoll umzugehen, daß wir nicht dem Selbstbetrug des guten Gewissens erliegen, sondern uns wegen der Verantwortung für die Zukunft an die Verbrechen gegen die Menschheit – begangen  im deutschen Namen – erinnern. Ganz normale deutsche Männer folgten den Befehlen und Anweisungen, die von ganz normalen deutschen Eliten vorbereitet und begründet wurden. Diese "Vordenker der Vernichtung" (Götz Aly) steuerten in der NS-Staatsverwaltung den Vernichtungsprozeß, indem sie die Verfolgung und Ermordung der Juden mit Verordnungen, Erlassen, Verfügungen "gesetzlich" legitimierten. Zu Recht lautet deshalb der Schlußsatz im Urteil des Nürnberger Gerichtshofs gegen die Juristen vom 3.12.1947: "Im Talar des Juristen war der Dolch des Mörders verborgen“."

Fußnoten 

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[1] )   „Der Spiegel“, 29, 1992, S. 126 ff, der die Goebbelschen Tagebücher um die Teile ergänzt, die in Moskauer Archiven nach 1990 entdeckt wurden. Es handelt sich dabei um Additionen zu der von R.G. Reuth herausgegebenen Fassung der Tagebücher von Joseph Goebbels, 1992, Bd. 3, S. 1281f.

[2] )   Lawrence D. Stokes: Kleinstadt und Nationalsozialismus. Ausgewählte Dokumente zur Geschichte von Eutin 1918 - 1945, Neumünster 1984, S. 717 ff; Herbert Schwarzwälder, Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, 1985, Bd. 4, S. 315; Marßolek-OH, 1986, S. 340.

[3] )   H. Schwarzwälder, 1985, S. 317.

[4] )   zitiert nach Arndt Müller: Juden in Nürnberg, 1968, S. 236f.

[5] )   zum Fall Streicher vgl. u.a. J. Wollenberg, Enteignung des „raffenden“ Kapitals und das „schaffende“ Kapital. Zur Arisierung am Beispiel von Nürnberg, in: Jörg Wollenberg, 1989, S. 181.

[6] )   zitiert nach Karol Jonca, Pogrom der „Kristallnacht“, 1988, S. 289.

[7] )   H. Lauber, Judenpogrom, Gerlingen 1981, S. 84.

[8] )   Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor der IMT Nürnberg 14.11.1945 - 1.10.1946, Nürnberg 1948, Band XXI., S. 5f

[9] )   Karol Jonca, 1988, S. 283.

 [10] ) Karol Jonca, 1988, S. 283.

 [11] )H. Graml, Der 9. November 1938, Bonn 1953, S. 515.

[12] ) A. Barkai, Vom Boykott zur „Entjudung“, 1987, S. 146ff.

[13] ) H.J. Döscher, „Reichskristallnacht“, 1988, S. 174.

[14] ) vgl. Protokoll der Konferenz vom 12. Nov. 1938; Hilberg, Die Vernichtung europäischer Juden, 1982, S. 94. Anzumerken bleibt, daß der anwesende Vertreter der Reichsbank, Karl Blessing, nach 1945 seine Karriere als Präsident der Bundesbank fortsetzen konnte.

[15] ) In der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12.11.1938 heißt es u.a.:

      § 1: Juden ist vom 1. Januar 1939 ab der Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen, Versandgeschäften oder Bestellkontoren sowie der selbständige Betrieb eines Handwerks untersagt. Ferner ist ihnen mit Wirkung vom gleichen Tage verboten, auf Märkten aller Art, Messen oder Ausstellungen Waren oder gewerbliche Leistungen anzubieten, dafür zu werben oder Bestellungen darauf anzunehmen.
Jüdische Gewerbebetriebe, die entgegen diesem Verbot geführt werden, sind polizeilich zu schließen.
      § 2: Ein Jude kann vom 1. Januar 1939 ab nicht mehr als Betriebsführer im Sinne des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit tätig sein.
Ist ein Jude als leitender Angestellter in einem Wirtschaftsunternehmen tätig, so kann ihm mit einer Frist von sechs Wochen gekündigt werden. Mit Ablauf der Kündigungsfrist erlöschen alle Ansprüche.

[16] ) vgl. neben den Arbeiten von Barkai und Genschel die materialreichen, gut dokumentierten Arbeiten von Arnd Müller, Geschichte der Juden in Nürnberg 1146-1945, Nürnberg 1968, 201ff; Wolf Kristian Schneider, Der Arisierungsskandal in Nürnberg und Fürth, eine unveröffentlichte Diplomarbeit an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen - Nürnberg von 1969, dort vor allem die umfangreichen Anlagen 2-5; zu Lübeck: Albrecht Schreiber, Zwischen Hakenkreuz und Holstentor, 1983; zu Hamburg: Frank Bajohr, Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933 - 45, Hamburg 1997.

[17] ) Bernt Engelmann: Deutschland ohne Juden, 1988, S. 338ff; Heinrich Uhlig, Die Warenhäuser im Dritten Reich, Köln 1956.

[18] ) vgl. neben Engelmann u.a. Dirk Blasius/Dan Diner: Zerbrochene Geschichte - Leben und Selbstverständnis der Juden in Deutschland, 1991, S. 79ff; Walter Grab: Der deutsche Weg der Judenemanzipation 1789-1938, 1991.

[19] ) Hans Mommsen: Die Funktion des Antisemitismus im „Dritten Reich“. Das Beispiel des Novemberpogrom; in: Blasius/Diner (Hg.), 1991, S. 161-171; D. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, 1996; S. Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, 1998.

[20] ) Jan Kershaw: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 1994; Ulrich Herbert (Hg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945, 1998; Wolfgang Benz: Der Holocaust, 1996; Broszat/Frei: Das Dritte Reich im Überblick, 1996, S. 124-136; W. Wippermann: Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, 1997, S. 135-148; Götz Aly „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, 1996; Götz Aly/Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung, 1994; Christian Gerlach: Deutsche Wirtschaftsinteressen, Besatzungspolitik und der Mord an Juden in Weißrußland. 1941-1943, in U. Herbert (Hg.), 1998, S. 263-291; Peter Langerich: Die Ermordung der europäischen Juden, 1989.

[21] ) Jörg Wollenberg: „Die Wohnung habe ich in sauberem Zustand hinterlassen.“ Zur Ausschlachtung der jüdischen Hinterlassenschaften in Bremen 1941/1942. Ein anderer Blick auf die Wehrmachtsverbrechen in Minsk; in: J. Wieszt u.a. (Hg.), Integration contra Nationalismus. Handbuch für Erwachsenenbildung, 1997, S. 111-114.

[22] ) Im Rahmen der Programme zum 50. Jahrestag des Judenpogroms vom 9.11.1938 koordinierte ich für die Städte Fürth, Erlangen und Nürnberg über 400 unterschiedliche Gedenkveranstaltungen. Eine der von mir angeregten und organisierten Höhepunktveranstaltungen fand am 15./16. November 1988 im Nürnberger Bildungszentrum statt. Das Symposium „Von nichts gewußt und Keiner war dabei“ thematisierte mit Zeitzeugen und Wissenschaftlern in Form von Fallstudien die Öffentlichkeit der Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland. Die Niederschriften der 14 Beiträge erschien 1989 in der Serie Piper unter dem Titel „Niemand war dabei und Keiner hat’s gewußt. Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933-1945.“ 1996 legte der Verlag Humanities Press/New Jersey eine von Rado Pribic verantwortete Übersetzung des von mir herausgegebenen Bandes vor - mit dem Titel: „The German Public and the Persecution of the Jews 1933-1945. No one Participated, No One Knew“.
Im Vorfeld der  Gedenkveranstaltungen versuchten prominente Unternehmungen wie Schickedanz (Quelle) oder Wöhrl (Kaufhaus Weißer Turm/Hermann Tietz & Co.) die Nennung ihres Namens im Zusammenhang der Arisierungskampagnen zu verhindern.

[23] ) Zum Fall Katzenberger, der filmisch nach 1945 von den Amerikanern im „Nürnberger Prozeß“ mit Spencer Tracy, Burt Lancaster und Marlene Dietrich popularisiert und zugleich verfremdet wurde, vgl. Jörg Friedrich, Freispruch für die Nazi-Justiz. Die Urteile gegen NS-Richter seit 1948. Eine Dokumentation, Reinbek 1983, S. 274-301; Christiane Kohle: Der Jude und das Mädchen. Eine verbotene Freundschaft in Nazideutschland, 1998.

[24] ) „Kommentar zur deutschen Rassengesetzgebung“, hrsg. von Wilhelm Stuckart und Hans Globke, Berlin, 1937, S. 67f.

[25] ) Jörg Friedrich/Jörg Wollenberg (Hg.): Licht in den Schatten der Vergangenheit. Zur Enttabuisierung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, 1987.

[26] ) Jörg Friedrich, Freispruch für die Nazi-Justiz, 1983, S. 12.

[27] ) Jörg Friedrich, Die Kalte Amnestie, 1994, S. 114; Friederike Littmann, Vom Notstand eines Haupttäters - Zwangsarbeit im Flickkonzern, in „1999“, I/1986, S. 4-43.

[28] ) Omgus, Ermittlungen gegen die Deutsche Bank  - 1946/47 -, Nördlingen 1985. Omgus, Ermittlungen gegen die Dresdner Bank - 1946 -, Nördlingen 1986. Omgus, Ermittlungen gegen die IG Farbenindustrie - September 1945 -, Nördlingen 1986. Alle drei Bände sind als Sonderbände der Anderen Bibliothek, herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger, verlegt bei Franz Greno, erschienen. Vgl. auch Joseph Borkin. Die unheilige Allianz der IG Farben. Eine Interessengemeinschaft im Dritten Reich, Frankfurt 1986.

[29] ) Zit. nach H.W. Armbruster, Treason’s Peach, New York 1947, S. 383.

[30] ) Jörg Friedrich, Die Kalte Amnestie, 1984, S. 2.

[31] ) Zur Rolle und Funktion von Benno Martin siehe die als Band 13 in der Schriftenreihe des Stadtarchivs Nürnberg herausgegebene eher beschönigende Würzburger Dissertation von Utho Grieser, Himmlers Mann in Nürnberg. Der Fall Benno Martin. Eine Studie zur Struktur des Dritten Reiches in der Stadt der Reichsparteitage, Nürnberg 1974.

[32] ) Zit. nach J. Walk (Hg.), Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat, Karlsruhe 1981, I/XIII.

[33] ) H.J. Syberberg: Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem Kriege, 1990; zitiert nach Grab, 1991, S. 350.

[34] ) vgl. Walter Grab, Gefahren des Nationalismus in Deutschland, in: J. Wollenberg (Hg.): Von der Hoffnung aller Deutschen. Wie die BRD entstand. 1945-1949, Köln 1991, S. 341.

 

 

 
Literatur

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Barkai, Avraham: Vom Boykott zur "Entjudung". Derwirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933 - 1943, Frankfurt 1988.

Benz, Wolfgang (Hg.): Die Juden in Deutschland 1933 - 1945, München 1988.

Blau, Bruno: Das Annahmerecht für die Juden in Deutschland, Düsseldorf 1965.

Büttner, Ursula: Das Unrechtregime. Internationale Forschungen über den Nationalsozialismus. Festschrift für Werner Jochmann, Bd. II, 1986.

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Döscher, Hans Jürgen: "Reichskristallnacht". Die November-Pogrome 1938, Berlin 1988.

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Friedländer, Saul:  Das Dritte Reich und die Juden. 1. Band. Die Jahre der Verfolgung 1933-39, München 1998.

Friedrich, Jörg/Wollenberg, Jörg: Licht in den Schatten der Vergangenheit. Zur Enttabuisierung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, Berlin 1987.

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Genschel, Helmut: Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich, Göttingen 1966.

Gerlach, Wolfgang: Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden; Institut Kirche und Judentum. Band 10, Berlin 1987.

Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996.

Graml, Hermann: Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, München 1988.

Herbert, Ulrich: NS-Vernichtungspolitik 1939-1945, Frankfurt/Main 1998

Hilberg, Raul: Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Frankfurt 1982.

Jonca, Karol: Pogrom der „Kristallnacht“ vom 9.-10. November 1938, in: Polnische Weststudien, Bd. VII, Heft 2, 1988, S. 263-297.

Kershaw, Jan: Der NS-Staat, Reinbek 1994.

Longerich, Peter: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München 1998.

Longerich, Peter (Hrsg.): Die Ermordung der europäischen Juden, München 1989.

Mayer, Arno J.: Der Krieg als Kreuzzug, Hamburg 1989.

Paucker, Arnold (Hg.): die Juden im nationalsozialistischen Deutschland, Tübingen 1986.

Paul, Gerhard/Miriam Gillis-Carlebach (Hg.): Menora und Hakenkreuz. Zur Geschichte der Juden in und aus Schleswig-Holstein und Altona 1918-1998, Neumünster 1998.

Pehle, Walter H.(Hg.): Der Judenpogrom 1938. Von der "Reichskristallnacht" zum Völkermord, Fischer-Taschenbuch,4386, Frankfurt 1988.

Rüter, Christian Frederic (Hg.): Justiz und NS-Verbrechen, Amsterdam 1968-1981, Bd. 1-22.

Thalmann, Rita/Feinermann, Emmanuel: Die Kristallnacht, Frankfurt a.M. 1987.

Walk, Joseph (Hg.): Das Sonderrecht für die Juden im NS-Staat, Karlsruhe 1981.

Wollenberg (Hg.), Jörg: Niemand war dabei und keiner hat's gewußt. Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933 - 1945, München 1989; USA: The German Public and the Persecution of the Jews 1933-1945, New Jersey (Humanities Press) 1996.

Wollenberg, Jörg: Den Blick schärfen. Gegen das Verdrängen und Entsorgen, Bremen 1998.

Wollenberg, Jörg (Hg.): Theodor Lessing: „Wir machen nicht mit!“ - Schriften gegen den Nationalismus und zur Judenfrage, Bremen 1997.

Wippermann, Wolfgang: "Wie die Zigeuner". Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin 1997.

 

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