Bassam Tibi: Krieg der Zivilisationen
Politik
und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus.
Hamburg:
Hoffmann und Campe 1995
Rezension
von B. Trautner/InIIS, Bremen
abgedruckt
in: Zeitschrift für Kulturaustausch 46 (1996) 1, S. 119f.
:
vgl. die kommentierte
Linksammlung zum 'Dialog der Kulturen'
Bereits im Titel bezieht sich das Werk auf
die These von Samuel Huntington, der im 'Clash
of Civilizations/Zusammenstoß der Kulturkreise' das künftige Paradigma der
Weltpolitik sieht. Bassam Tibi schließt sich weitgehend der Huntington'schen
Prognose an: Hauptquelle der Konflikte in der internationalen Politik nach dem
Ende des Ost-West-Gegensatzes wird der Zusammenprall zwischen den großen
Kulturkreisen entlang sogenannter 'faultlines/Verwerfungs- bzw. Bruchlinien'
sein. Nach dieser These wird der säkularisierte Westen von den überwiegend
religiös geprägten Kulturen bedroht. Energisch weist der Autor den Vorwurf
vieler Huntington-Kritiker zurück, die vermuten, der Westen habe auf der Suche
nach einem neuen Feindbild
zur Ablösung des alten (Kommunismus/Sozialismus), jenes gefunden in den noch
nicht säkularisierten bzw. sich wieder entsäkularisierenden Gesellschaften. Er
macht stattdessen auf aktuelle wie potentielle Friktionspunkte in den
Beziehungen des Islam zum Westen aufmerksam.
Ausgehend von der Prämisse, daß die gesamte
Menschheit eine Einheit bildet, hält Tibi eine Herauslösung einzelner Staaten
bzw. Regionen aus den globalen Strukturen, etwa im Sinne einer vorübergehenden
Dissoziation vom Weltmarkt nicht für möglich. Die Ausbreitung des liberalen
Wirtschaftsmodells, die zunehmende Verflechtung von multinationalen Konzernen
und die transnationalen Interaktionen von nicht-kommerziellen Zusammenschlüssen
lassen die Bedeutung von geographischen Entfernungen sowie von nationaler
Souveränität schrumpfen. Das wirft Probleme auf, die ebenfalls nur auf globaler
Ebene bewältigt werden können, 'jedoch ohne Beherrschung oder Überlagerung
einer Zivilisation durch eine andere' (S. 183). Es müssen also weltweit gültige
Standards für das Zusammenleben der Menschen in dem solchermaßen verdichteten
Raum gefunden werden. Eine globale Weltethik aber, wie sie etwa der Theologe
Hans Küng als Symbiose aus den großen Weltreligionen zu entwikeln sucht, bleibt für Tibi Wunschdenken.
Den einzigen Weg zur Bewältigung der mit dem Schlagwort der 'Globalisierung'
verbundenen Probleme bietet seiner Auffassung nach allein die kartesianische
Vernunft - die Säkularisierung der religiös definierten 'Zivilisationen'
(gemeint sind Kulturkreise; Tibi übernimmt den englischen Begriff, der im
kontinentaleuropäischen Kontext anders belegt ist).
Aus der Perspektive, daß 'gobale Strukturen
unser Schicksal [sind]' (S. 37) wird die eine Kultur der anderen leicht zum
Feind: so kämpften der Islam und der Westen heute um die Definition der
künftigen Weltordnung, ja, der Islam sei angetreten, den Westen zu erobern (S.
36f)! Doch der Befund ist umstritten: Viele Muslime beharren zwar heute, nach
dem weitgehenden Scheitern importierter Entwicklungsmodelle
(Nationalstaatlichkeit, Sozialismus, Liberalismus) tatsächlich darauf, ein
eigenes authentisches Gesellschaftsmodell hervorzubringen und umzusetzen. Tibi
versucht aber darüberhinaus nachzuweisen, daß ein Rückzug auf die eigenen
kulturellen (und damit auch vor-säkularen) Wurzeln unmittelbar in Konflikt mit
einer 'alle Zivilisationen verbindenden, universellen Moralität' (S. 63) gerät.
Jene nicht-säkularen Gesellschaftsentwürfe müssen regelmäßig mit den sozialen und
geistigen Normen zusammenprallen, die gemeinhin als friedensfördernd gelten:
mit der universellen Gültigkeit der Menschenrechte, der Demokratisierung der
Gesellschaft und mit der Akzeptanz wissenschaftlicher Rationalität als Basis
eines jeden fruchtbringenden Diskurses zwischen den Kulturen.
Anhand der Auswertung sowohl von alten als
auch von aktuell in der heutigen islamischen Welt zirkulierenden
fundamentalistischen Schriften, überdies aufgrund der Darstellung von
Denkansätzen, die versuchen, die islamische Kultur mit den Erfordernissen der
Moderne in Übereinstimmung zu bringen (Konformismus), wird dargelegt, daß der
Islam keine ethische Grundlage zur Bewältigung der neuen Herausforderungen
bietet und dies nicht etwa nur, weil die Religion von der Politik in Dienst
genommen werde. Daß aber der Islam grundsätzlich nicht modernisiert werden
könnte ist umstritten, verhinderte doch -wie Tibi selber anführt (S. 201, 207)
- die Dominanz der Schriftgläubigkeit stets wirkungsvoll eine
historisch-kritische bzw. kontextuelle Auslegung der islamischen Offenbarung.
Daß dennoch arabische Wissenschaftler, Publizisten und Philosophen auch heute
noch unter Gefahr für die eigene Existenz, aus jeweils gänzlich
unterschiedlichen Perspektiven sich bemühen um eine authentische Aktualisierung
der islamischen Kultur, läßt sich aus dem vorliegenden Text nicht ersehen.
Nicht erwähnt sind etwa Nasr Hamid Abu Zaid (Ägypten, z.Zt. Deutschland) oder
Muhammad Abd al-Dschabiri (Marokko); auch die Bedeutung des im französischen
Exil tätigen Muhammad Arkoun wird verkannt. Ebenso spricht die relative Liberalität der praktizierten islamischen Kultur in
Südostasien (beispielsweise in
Indonesien - die Mehrheit der Muslime lebt außerhalb des
arabisch-türkisch-iranischen Kernraumes!) dagegen, daß der Islam 'an sich'
inkompatibel mit der Moderne ist.
Die selektiven Schlüsse, die Tibi aus der
Aufarbeitung von Originalquellen und durch die offensive Auseinandersetzung mit
abweichenden Meinungen in der Sekundärliteratur zieht, werden zur Untermauerung
der These eines unaufhaltbaren (S. 79, 100) 'Krieges der Zivilisationen'
herangezogen. Theoretische Diskussionen und empirische Arbeiten, die dieser
These entgegenstehen, werden nur knapp abgehandelt. Ausführlich werden dagegen
ausgewählte theologische Dogmen in der Form erörtert, wie sie von
Fundamentalisten heute aktualisiert (beispielsweise die Einteilung der Welt in
ein 'Gebiet des Islam' und ein 'Gebiet des Krieges') bzw. uminterpretiert
werden (Konzept des 'Dschihad'). Davon abweichende, in der islamischen Welt
durchaus auch diskutierte Interpretationen dieser Themenkomplexe werden von
Tibi als unzureichend für die Bewältigung moderner Herausforderungen abgelehnt.
Darin stimmt er, besonders bezüglich der (Un-)tauglichkeit islamischer
Menschenrechtserklärungen, mit dem überwiegenden Teil der mit dieser Thematik befassten
Orient-Wissenschaftler überein.
Gegen eine vom Autor angenommene
unmittelbare Wirkung fundamentalistischer Konzepte in der Weltpolitik spricht
gleichwohl, daß die wenigen Versuche, reale Konfliktsituationen
'fundamentalistisch' zu deuten, in der jüngsten Geschichte wenig Widerhall
fanden: Die Apostrophierung des Zweiten Golfkriegs als 'neunten Kreuzzug' des
Westens gegen den Islam wurde in der Tat von einigen Islamisten betrieben,
übersetzte sich jedoch eben nicht -wie aus der Perspektive der Jahreswende
1990/91 befürchtet- in eine neue weltpolitisch relevante Konfliktkonstellation;
der von westlichen Orientexperten beschworene 'Flächenbrand' in der islamischen
Welt blieb aus. Dieser Befund deutet darauf hin, daß die faktische
Nichtanwendung solcher religiösen Konzepte, die weder grundsätzlich widerrufen
noch modifiziert wurden, etwas damit zu tun haben könnte, daß eine schweigende
Mehrheit der Muslime sie weder in klassisch-orthodoxer noch in
fundamentalistischer Interpretation für anwendbar hält.
Zu Recht beklagt Tibi, daß es heute im
Westen an umfassendem Wissen über andere Zivilisationen besonders unter
Experten für internationale Politik mangelt; dies gilt besonders für
Deutschland. Doch die wenigen deutschen Experten, welche die islamische Welt nicht
ausschließlich religionshistorisch/(alt-)philologisch einerseits oder
journalistisch vereinfachend andererseits bearbeiten, werden vom Autor nicht
gewürdigt: Bei ihnen aber können Leser sich informieren beispielsweise darüber,
daß die fundamentalistische Programmatik auch innerhalb der islamischen Welt
heftiger Kritik ausgesetzt ist (vgl. G. Krämer: Die Korrektur der Irrtümer.
Innerislamische Debatten...), wie auch darüber, daß in einem relativ liberalen
innenpolitischen Klima und bei frühzeitiger Beteiligung islamistischer
Gruppierungen an der Macht (d.h. Einbindung in die Verantwortung, wie etwa in
Jordanien) keineswegs immer zu gewalttätigen Konflikten führt (vgl. dies: Die
Integration der Integristen). Schließlich läßt sich auch argumentieren, daß die
monomanische Beschwörung der Gefahren des Fundamentalismus weitgehend von der
Wirklichkeit der eigentlich zugrundeliegenden Machtkämpfe ablenkt, daß die
islamistischen Bewegungen vielleicht sogar vergleichbar mit dem politischen
Konservatismus in der westlichen Welt sind (vgl. V. Perthes: Die Fiktion des
Fundamentalismus...). Leser, die ihren Überblick über das weite Spektrum der
innerislamischen Debatte vertiefen möchten, um eigene Schlußfolgerungen zu
ziehen, lesen die von A. Meier übersetzten und kommentierten Originalquellen
aus der arabischen Welt (A. Hammer-Vlg.) [Weitere Literatur]. Abweichende Meinungen 'schlecht informierter Journalisten und
Schreibtisch-Wissenschaftler' (S. 95), von 'Islam-Schwärmern' (S. 151), von
'weltfrommen Gesinnungsethikern' (S. 46, 302) weist der Autor zurück. Er warnt
zwar vor einer gezielten Übertragung westlicher Konzepte auf andere
Zivilisationen; diese Werte könnten lediglich 'indigenisiert' (heimisch gemacht)
werden (S. 149, 159). Unklar bleibt allerdings, wie dies geschehen kann, da
alle von ihm untersuchten diesbezüglichen Denkansätze aus der islamischen Welt
untauglich sind für den Eintritt in die Moderne - erfüllen sie doch nicht die
Minimalbedingungen einer universellen Moralität.
'Wenn es zur Frontenbildung kommt', läßt
der Autor an seinem persönlichen Standort keinen Zweifel, sei er ein
Gellner'scher 'Aufklärungs-Fundamentalist' (S. 304). Er vertritt diese
Gesinnung gegenüber jeder post-modernistischen Kritik, indem er sich vehement
vom Fortschrittsglauben (sic!) und von allen nicht-intendierten Folgen
distanziert, welche die Umsetzung des Projekts der Moderne auch im Westen,
insbesondere in den USA (S. 75) zeitigte. Dagegen ließe sich einwenden, daß die
Mehrheit der Muslime im islamischen Kernraum dieses Projekt gerade nicht als
Emanzipation des individuellen Geistes, als 'Zeitalter des Lichts', sondern als
autoritäre, jeder Selbstkritik baren Umsetzung kennengelernt hat (vgl. etwa die
gewaltsame Entschleierung von Frauen in Iran, Afghanistan, Türkei). Weil von
der im Namen der Aufklärung betriebenen gesellschaftlichen Modernisierung für
viele Muslime nur deren sozialpathologische Folgen, also der Sieg des
Materialismus, eine Kultur des Geldes und eine 'wertentleerte Gewalt' (T.
Ramadan) sichtbar waren, werden diese Ansätze heute -also vor dem Hintergrund
realer Erfahrung- abgelehnt. Ausnahmsweise gewalttätige bzw. kriegsähnliche
Formen nimmt diese in der Regel defensive Ablehnung aber nicht -wie die
Huntington-/Tibi'sche These insinuiert- gegenüber dem Westen an, sondern
gegenüber den Repräsentanten des weitgehend gescheiterten modernen Staates in
der islamischen Welt selbst (Algerien, Ägypten). Dagegen, daß ausschließlich
'der Westen' ein Copyright erheben könnte auf das Projekt der Moderne (dessen
Kern als einziges Dogma die Fähigkeit zur Selbstkritik einschließt!) spricht
gleichwohl beispielsweise die bis ins 20. Jh. nachwirkende islamische
Lehrmeinung der Mu'tazila (Prinzip der menschlichen Willensfreiheit und
Verantwortlichkeit) aus dem achten Jh. n. Chr.
Wie wird ein 'Krieg der Zivilisationen' im
20. Jh. geführt? Schon bei Huntington war (bis auf die diffuse Rede von einer
'islamisch-konfuzianischen Achse') gänzlich im Dunkeln geblieben, welche realen
Akteure in einer neuen Konfliktkonstellation auftreten könnten - analog also
zum alten Supermachtantagonismus, in welchem die Warschauer
Vertragsorganisation einerseits und die NATO andererseits identifizierbar
waren. Zukünftig etwa: 'der' Westen, dessen innere Zerrissenheit im
jugoslawischen 'Krieg der Kulturen' hinreichend dokumentiert wurde, gegen 'den'
Islam? Gerade Tibis eigene fundierte Forschung über die Rolle des Islam in der
Weltpolitik hat gezeigt, wie wenig monolithisch die islamische Realität
konfiguriert ist und wie die seit Jahrzehnten beschworene islamische oder auch
nur arabische Einheit regelmäßig bereits in den zartesten Ansätzen scheiterte.
Vor diesem Hintergrund ist also die Diagnose, 'daß die regionalen
Zivilisationen sich zunehmend auch politisch formieren (S. 180)' zumindest für
die Region des Vorderen und den Mittleren Orients in Zweifel zu ziehen, denn
ein einheitlich handelnder Akteur, der, legitimiert durch die Staatsführungen
oder durch die Bevölkerung in der islamischen Welt, mit dem Westen um die
Definition der zukünftigen Weltordnung konkurriert, ist noch lange nicht in
Sicht.
Der 'Krieg der Zivilisationen' wird also
nicht mit Waffen und nicht zwischen realen Akteuren, sondern als Konfrontation
zwischen Norm- und Wertesystemen der unterschiedlichen Zivilisationen geführt
(S. 60). Eine dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg vergleichbare
Auseinandersetzung ist demnach nicht zu befürchten. Es stellt sich dann
allerdings die Frage, ob die in dem besprochenen Werk wie auch in der von
Huntington losgetretenen Diskussion durchgängig paradigmatische Verwendung des
historisch besetzten Begriffs 'Krieg' nicht die Gefahr birgt, der Eskalation
eines Konflikts Vorschub zu leisten, die man gerade verhindern möchte.
Neutraler als mit 'Krieg' wäre der Vorgang beispielsweise im
Menschenrechtsbereich mit 'Debatte' zu umschreiben: Sogar der häufig als
Paradebeispiel für fundamentalistische Staaten herangezogene Iran bekannte sich
im Abschlußdokument der UNO-Menschenrechtskonferenz 1993 (Wiener Erklärung) zum universellen Charakter der Menschenrechte, und zwar ohne
Rücksicht auf politische, wirtschaftliche oder kulturelle Besonderheiten.
Tibis Hauptanliegen ist es, offenbar selbst
auf die Gefahr einer möglichen Überzeichnung hin, auf die Unterschätzung
möglicher Konfliktquellen hinzuweisen. Mit Blick auf die Befriedigung von
Forderungen, die nicht nur Muslime auf der Basis vor-säkularer Lebens- bzw. Gesellschaftsentwürfe
innerhalb westlicher säkularisierter bzw.
laizisierter Gesellschaften erheben
(Zulassung ritueller Kopfbedeckung an französischen Schulen, Ausweitung der
Strafbarkeit von Blasphemie auch auf nicht-christliche Religionen in
Großbritannien), also angesichts ihres Kulturkonflikts mit dem Westen auf
dessen Boden warnt der Autor vor 'zivilisatorischer Selbstverleugnung im Namen
einer grenzenlosen Toleranz', für die Angehörige anderer Zivilisationen nur
Verachtung empfinden (S. 36) und vor der Postmoderne 'als Rückzugserscheinung
einer kränkelnden westlichen Zivilisation' (S. 289). Worin die gleichwohl
empfohlenen Brückenschläge bestehen könnten, wenn die multikulturelle Gesellschaft
keine Lösung ist (sie komme einer 'Selbstaufgabe des Westens' gleich, S. 38)
bleibt jedoch offen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß das
besprochene Werk einen fundierten, häufig recht polemisch zugespitzten Beitrag
zur aktuellen Diskussion um ein neues Paradigma für die Analyse der künftigen
Weltpolitik bietet. Verdienstvoll ist - wie auch in den bisherigen Arbeiten des
Autors zur Thematik - die gründliche Aufarbeitung großer Mengen von arabischen
Quellen und vorwiegend amerikanischer Sekundärliteratur, die dem deutschen
Leser auf diese Weise zugänglich wird. Leider erscheinen die daraus gezogenen
Schlußfolgerungen etwas einseitig.
(The
Clash Within Civilisations. Islam and the Accommodation of Plurality.
Bremen:
InIIS-Arbeitspapier 13/99)
Aktueller Stand der Diskussion:
vgl. die kommentierte
Linksammlung zum 'Dialog der Kulturen'