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Aus der Zeit,
bevor Bremen
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Bremen und der erste
Weltkrieg
Mitten in einem schönen Sommer, am 29. Juni 1914, berichteten
die ,Bremer Nachrichten" über das Attentat von Sarajewo.
Die brisante Kriegsgefahr erkannten die Bremer, wie überall
sonst auch, aber erst Wochen später mit dem Ultimatum Österreichs
an Serbien (23.07.). Über die eigentlichen Hintergründe
konnten sie nichts wissen, geschweige denn die Konsequenzen einer
solchen Kontroverse abschätzen. Schrieb doch eine örtliche
Tageszeitung: Der Krieg ist schrecklich, trotzdem er, rein
theoretisch gesprochen, unter Umständen eine Erlösung
bedeuten und glücklichere Zustände schaffen kann".
Deutschland wolle zwar den Frieden, dürfe aber einen
Angriff des mit Serbien verbündeten Rußlands auf Österreich-Ungarn
nicht hinnehmen. Diese Ansicht wurde von einem großen Teil
der von nationaler Begeisterung getragenen Bevölkerung geteilt.
Die in drei Gruppen unterschiedenen Sozialdemokraten waren grundsätzlich
gegen einen Krieg. Während die Linkssozialisten auf Flugblättern
jedoch die Proletarier aller Nationen aufforderten ,Friedenswillen
den wuchtigsten Ausdruck" zu verleihen und notfalls zu Massenstreik
aufforderten, wies der ,rechte" Flügel auf französischen,
britischen und russischen Imperialismus hin, dem Deutschland
sich widersetzen müsse. Als dann Deutschland am 1. August
Rußland und am 3. August Frankreich den Krieg erklärte
und mobil machte, ließ sich auch die bremische Arbeiterschaft
in den Kriegstaumel hineinziehen. Die Zahl der Kriegsfreiwilligen
selbst an den Schulen war groß. Fast der gesamte Abitursjahrgang
1914 und viele Realschüler meldeten sich.
Es galt als Schande, nicht genommen zu werden. Durch die Einberufung
von Lehrern ergaben sich später erhebliche organisatorische
Schwierigkeiten im Bildungswesen.
Als vom 22. August ab die Siegesmeldungen von der Westfront eintrafen,
wurde die Begeisterung durch Flugblätter, Flaggen- und Denkmalschmuck,
Gottesdienste sowie öffentlichen Chorgesang gefeiert. Kriegsanleihen
wurden in den nächsten Monaten in zunehmender Höhe
gezeichnet. Skeptiker befanden sich in der Minderheit und zeigten
sich selten in der Öffentlichkeit. Das änderte sich
langsam, als am 18. August das Bremer Regiment starke Verluste
hinnehmen mußte, und am 5. September die ersten Verwundeten
in der Stadt eintrafen.
Nach den Parlamentsferien war am 12. August die Bremische
Bürgerschaft zusammengetreten, um die"Maßnahmen
aus Anlaß des Krieges" des national eingestellten
Senats entgegen zu nehmen, der voll hinter Kaiser und Oberster
Heeresleitung stand. Dazu gehörte auch die Wahl der Mitglieder
der "Kriegsdeputation". Der Bürgermeister Dr.
Stadtländer forderte zur Einigkeit in der Bürgerschaft
auf.. Bürgerschaftspräsident Dr. Rudolph Quidde beendete
seine Rede mit dem Ruf: ,Hoch Kaiser und Reich! Hoch Heer
und Marine! Hoch! Hoch! Hoch!"
Von den Mitgliedern der Bürgerschaft waren bis Januar 1915
nur 14 eingezogen worden (Wahlen fanden während des gesamten
Krieges nicht mehr statt). Im Plenum tagte man öffentlich
etwa einmal im Monat für Routinefragen; die wichtigen Beratungen
erledigte man vielmehr in vertraulichen Sitzungen. Die Beschlüsse
der Beratungen wurden bis zur Lebensmittelkrise 1916 zügig,
gemeinschaftlich umgesetzt. Erst dann fanden wieder politische
Auseinandersetzungen statt.
Seit der Bundesrat per Gesetz vom 04.08.1914 ermächtigt
war, fast unbeschränkt Verordnungen zu erlassen, befand
sich die Staatsführung mehr oder weniger in Berlin und nicht
mehr in Bremen. Allein im rein kommunalen Bereich besaßen
Senat und Bürgerschaft noch Handlungsspielraum. Dies bezog
sich auch auf die ,Deputation wegen Maßnahmen des Krieges"
kurz ,Kriegsdeputation", die sich mit der Einrichtung von
Lazaretten, mit Arbeitslosigkeit und mit der Versorgung der Bevölkerung
befassen mußte. Hier machte sich besonders das Mitglied
der Lebensmittelkommission, Senator Heinrich Bömers, als
,Kartoffelsenator" in den Hungerjahren ab 1916, weil er
angeblich dafür sorgte, daß Bremen besser als andere
Städte mit diesen Früchten versorgt war und Senator
Hermann Hildebrand im ,Zentral-Hilfsausschuß des Roten
Kreuzes" einen Namen. Die Kriegsdeputation verwaltete auch
Finanzmittel, die aus der Besteuerung von Kriegsgewinnen, der
Erhöhung der Einkommensteuer und der Einführung einer
Vermögenssteuer angefallen waren und zur Unterstützung
von Soldatenfamilien sowie für Beihilfen von Lebensmittelkäufen
eingesetzt wurden.

Mit Ausbruch des Krieges wurde der ,Belagerungszustand"
ausgerufen. Die Kontrolle der eingeschränkten freien Meinungsäußerung
und Versammlungsfreiheit oblag der Militärbehörde,
die sich wiederum Zivilbehörden und der Polizei bediente.
Es gab indessen keine politische Polizei, wahrscheinlich deshalb,
weil politische Parteien nicht ausgeschaltet waren und in ihrer
Mehrheit die Kriegsmaßnahmen der Regierung unterstützten.
Als die Neigung zu Streiks und Unruhen ab 1915 zunahmen, ersuchte
am 26. April 1916 die SPD-Fraktion der Bremischen Bürgerschaft
den Senat, sich beim Bundesrat für die Aufhebung des Belagerungszustandes,
des Versammlungsverbots und der Pressefreiheit einzusetzen, damit
berechtigte Demonstrationen gegen Lebensmittelwucher möglich
würden. Tatsächlich gab es Lockerungen. Ab 1917 konnte
die Einhaltung des ,Belagerungszustandes" und des ,Burgfriedens"
kaum noch kontrolliert gehalten werden.
Mit Ausbruch des Krieges mußte sich die außenhandelsorientierte
Bremer Wirtschaft auf den Binnenhandel umstellen. Das ganze Ausmaß
der Schwierigkeiten, mit denen die Firmen
des Überseehandels zu kämpfen hatten, kommt
stellvertretend in dem Brief eines Kaufmanns zum Ausdruck: ,In
meinem Im- und Exportgeschäft wird von meinen früheren
47 Kontorangestellten der letzte in den nächsten Tagen einberufen;
ich habe dann niemand mehr. Meine Kontorräume sind verödet,
die Tätigkeit hat aufgehört, meine überseeischen
Gründungen sind vernichtet. In englischen Kolonien sind
sie zwangsweise liquidiert, ihre Werte verschleudert, in neutralen
amerikanischen Ländern sind sie infolge der Zwangsmittel
von Nordamerika und England an Neutrale übergegangen."
Seeverkehr auf der Weser gab es so gut wie nicht mehr. Von den
462 Dampfern der bremischen Seehandelsflotte gingen bei Kriegsbeginn
sofort 50 verloren. Viele Schiffe lagen in den Häfen neutraler
Länder fest oder gerieten anschließend auf die Verlustliste,
als einzelne Kapitäne versuchten, doch noch deutsche Häfen
zu erreichen, was nur in Ausnahmefällen gelang. Die in Deutschland
liegenden Schiffe wurden zu Lazaretten oder Hilfskreuzern umgerüstet.
Einige moderne Schnelldampfer operierten von Bremerhaven, New
York und Kiautschou als Kaperschiffe.
Durch den Krieg benötigte das Reich und die freie Wirtschaft
größere Finanzmittel, was zu einem beschleunigten
Geldumlauf, zu Preissteigerungen und zu Inflation führte.
Weil man die üblichen Gold- und Silbermünzen für
den Finanzbedarf im Außenhandel benötigte, wurden
diese eingezogen und durch Banknoten ersetzt. Aus patriotischen
Gefühlen heraus kamen viele Bürger der Aufforderung
nach und gaben nicht nur ihre Münzen sondern sogar Edelmetalle
in Form von Schmuckstücken ab. Nicht wenige tauschten ihre
goldenen Eheringe gegen solche aus Eisen ein mit der Aufschrift
,Vaterlandsdank 1914." Am 15. Juli 1915 wurde vor dem Rathaus
der ,Eiserne Roland" aufgebaut. Es handelte sich dabei um
eine Rolandstatue, in die jeder Bürger für 10 Pfg.
pro Stück einen eisernen Nagel einschlagen konnte. Einnahmen
daraus flossen in die Spendenkasse.
Manche Firma schaffte die Umstellung nicht und geriet in ernste
Zahlungsschwierigkeit. Der Staat mußte gesetzlich eingreifen,
in dem er z.B. Einlösungstermine für Wechsel hinausschob.
Am 3. November 1914 wurde im Gewerbehaus eine "Kriegshilfsbank
für Kleinhändler und Gewerbetreibende" gegründet,
an der sich die Reichsbankhauptstelle Bremen, der Bremer Staat
und die Wirtschaft beteiligten.
Die Schwierigkeiten in den Firmen mit Auftragsstornierungen und
Zahlungsunfähigkeit führte auch zu Arbeitslosigkeit.
Anfang September 1914 schätzte man die Zahl der Arbeitslosen
im Stadtgebiet Bremen, einschließlich der Unterweserorte
auf zwischen 7.000 und 9.000 Personen. Am 28. August 1914 forderte
die Gewerbekammer dazu auf, unbedingt Arbeiten für Handwerker
in Auftrag zu geben. In der neu eingerichteten Koordinationsstelle
für Arbeitsvermittlung, der ,Bremer Zentrale für Arbeitsnachweise"
im Gewerbehaus unter der Leitung eines Senators und je eines
Vertreters der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, meldeten sich Tausende
von Arbeitslosen.
Bereits 1915 war die Umstellung auf Kriegswirtschaft jedoch vollzogen,
die Arbeitslosigkeit behoben, und es gab sogar Anzeichen von
Hochkonjunktur. Zunächst war Bremen bei der Vergabe von
Rüstungsprodukten nur unzureichend berücksichtigt worden.
Anfang 1915 erreichte aber die Gewerbekammer, daß größere
Aufträge im Textilbereich nach Bremen vergeben wurden, wodurch
Frauen eingezogener Handwerker lohnende Beschäftigung fanden.
Ab 1916 holten Bremer Wirtschaftskreise auch Aufträge zur
Herstellung von Waffen und Munition an die Weser. Da das Heeres-
und Marineamt keine Aufträge an einzelne Handwerksmeister
vergab, förderte der Krieg das Genossenschaftswesen, das
z.B. den Einkauf von mangelnden Rohstoffen besser als die Einzelbetriebe
erledigen konnte. Auch der Außenhandel belebte sich wieder
etwas. Zwar fielen Wolle, Jute und Luxuswaren wie Kaffee ganz
aus dem Seeverkehr heraus; Baumwolle auf neutralen amerikanischen
Schiffen erst, als die Engländer dies unterbanden, aber
Zellulose und Eisenerze aus dem Ostseeraum kamen im verstärkten
Maße dafür in Bremen und Bremerhaven an. Die boomende
Kriegswirtschaft mit hohen Gewinnen führte bereits 1915
zu Lohnforderungen der Arbeitnehmer. Eine Gesetzesvorlage zur
Besteuerung von Kriegsgewinnen wurde am 2. Juni 1915 in der Bürgerschaft
eingebracht, die Annahme indessen vertagt.
Um den zunehmenden Rohstoffmangel unter Kontrolle zu bringen,
wurde - unter dem Protest der Handelskammer - ein Netz vom Staat
überwachter Gesellschaften zur Erkundung neuer Importmöglichkeiten,
sowie zur Genehmigung von Warenverteilungen gegründet, in
denen auch einige Bremer Kaufleute mitwirkten, so z.B. die ,Baumwoll-Import-Gesellschaft
1915 mbH" oder die "Deutsche Tabakhandels-Gesellschaft"
(Detag).
Auf Initiative des Bremer Kaufmanns Alfred Lohmann schickte man
im Sommer 1916 das Handels-U-Boot ,Deutschland" mit einer
wertvollen Warenladung nach Amerika, von wo es Rohgummi, Nickel
und Zinn zurückbrachte. Diese und eine weitere erfolgreiche
Reise wurden in Bremen in Gegenwart des Grafen Zeppelin triumphal
gefeiert, obwohl die Menge des transportierten Warengutes in
keinem Verhältnis zu dem riesigen Bedarf und vor allem zu
dem Risiko stand, von den Engländern versenkt zu werden.
So blieb ein zweites U-Boot mit dem Namen ,Bremen" seit
seinem ersten Einsatz verschollen. Der Kriegseintritt der USA
am 6. April 1917 verhinderte den Einsatz von U-Booten dann völlig.
Wegen des akuten Arbeitskräftemangels wurden erstmals Schaffnerinnen
in reinen Männerberufen auf Straßenbahnen eingesetzt;
im November 1915 im Industriehafen Kriegsgefangene untergebracht,
um deren Arbeitskraft zu nutzen. Die ,Zentrale für Arbeitsnachweise"
im Gewerbehaus übernahm die Aufgaben einer ,Zentralauskunftstelle
für den Arbeitsmarkt" von der aus Arbeitsuchende und
freie Stellen für eine zentrale Statistik direkt nach Berlin
gemeldet wurden. Mit dem Gesetz über den ,Vaterländischen
Hilfsdienst" vom 5. Dez. 1916 wurden dann alle nicht zum
Militärdienst eingezogenen männlichen Deutschen vom
17. bis zum 60. Lebensjahr zum kriegswichtigen Arbeitseinsatz
verpflichtet. Betriebe, die nichts zum Kriegsdienst beitragen
konnten, wurden stillgelegt, und deren Arbeitskräfte anderweitig
eingesetzt. Im Februar 1917 meldeten sich 2.500 Bremer Schüler
über 12 Jahre mit Genehmigung der Eltern zum Einsatz in
der Landwirtschaft. Frauen waren durch das Gesetz zu Hilfsdiensten
nicht verpflichtet, doch wurde ihr Einsatz als patriotische Tat
gefeiert.
Für die kriegswichtigen Werften in Bremen, AG ,Weser"
und ,Bremer Vulkan", sowie ,Joh. C. Tecklenborg" in
Geestemünde waren stets ausreichend Arbeitskräfte und
Aufträge vorhanden. Das gleiche galt für die Munitionsfabrik
,Otwi-Werke" und die ,Norddeutsche Hütte", für
die kaum genug Rohstoffe herangeschafft werden konnte. Die Mineralölindustrie,
z.B. die ,Deutsche Vacuum Oil Company" hatte noch nicht
die gleiche Bedeutung wie später im Zweiten Weltkrieg. Auch
die Textilindustrie in Bremen war nach anfänglichen Schwierigkeiten
mit Aufträgen gut versehen, mußte allerdings großenteils
mit Ersatzstoffen produzieren. Stark auf Grundstoffe aus dem
Ausland angewiesen, war die Lebensmittel- und Genußmittelindustrie
im besonderen Maße negativ betroffen. Fünf Brauereien
mußten stillgelegt werden; das Bier in den Verbliebenen
wurde verdünnt. Da die Preise von staatlicher Seite festgelegt
waren, konnten die Brandweinproduzenten kaum Gewinne einfahren.
Ein ,schwarzer Markt" mit alkoholischen Erzeugnissen auf
hohem Preisniveau blühte. Die Kaffeeröstereien stellten
auf Ersatzkaffee um; so produzierte die ,Kaffee HAG" sogar
Wellpappe und Trockengemüse. Aus Mangel an Kakao fertigten
die Schokoladefabriken Zuckerprodukte. Die Reismühlen kamen
fast ganz zum Stillstand. Speisefett, Öl und Essig wurden
nur in kontingentiertem Umfang hergestellt. Die Tabakwarenindustrie
litt zu Beginn des Krieges unter starker Kaufunlust der Bevölkerung
infolge der Arbeitslosigkeit und der Verteuerung. Das änderte
sich aber wieder, und ab 1916 bestand eine akute Unterversorgung,
die dem Schwarzhandel Vorschub leistete. Da die Einfuhr von Rohtabak
durch die Reichsregierung verboten war, mußte sich der
Markt aus dem Inland mit minderwertigen Qualitäten versorgen.
Das Handwerk und der Einzelhandel mit Lebensmitteln litt sowohl
unter Personal- wie unter Rohstoffmangel. Von Höchstpreisverordnungen
waren folgende Artikel betroffen: Mehl, Bohnen, Erbsen, Reis,
Zucker, Fleisch, Butter, Margarine, Kartoffeln, Kohle, Petroleum.
Etwa einhundert Bäckereien geschlossen, weil die Inhaber
eingezogen worden waren. Gebote, wie die Einführung der
Brotkarte, Verbote und die Zuteilung von schlechtem Mehl behinderten
die Verbleibenden. Vor den Geschäften bildeten sich lange
Schlangen und die Käufer gaben den Bäckern unberechtigt
die Schuld für die schlechte Qualität ihrer Produkte.
Im Baugewerbe gab es so gut wie keine privaten Aufträge
mehr, da sich die Baukosten bis zu 500% erhöht hatten. Zudem
fehlten Materialien und Facharbeitskräfte, die beim Ausbau
von Rüstungsfabriken eingesetzt waren. So herrschte bald
große Wohnungsnot, die auch die Deputation für das
Wohnungs- und Siedlungswesen vom Mai 1917 nicht beheben konnte.
Am 10. Juli 1918 wurde ein Wohnungsnachweis mit Meldezwang eingeführt,
der ergab, daß am 1. Oktober 1918 in Bremen 200 obdachlose
Familien gezählt wurden.
Um der Rohstoffverknappung entgegen zu wirken, beschlagnahmte
man endlich Kupferdächer, Tür- und Fenstergriffe, sowie
Kirchenglocken. Umfangreiche Sammlungen von Textilien wurden
organisiert.
Am 11. Oktober 1915 bekamen die Bremer zum ersten Mal den Krieg
direkter zu spüren. Mit dem Läuten aller Kirchenglocken
wurde für eine halbe Stunde Fliegeralarm gegeben, der sich
jedoch als blinder Alarm erwies. Obwohl die Bevölkerung
sehr erschreckt reagierte, gab es keine Panik. Durch eine Verordnung
vom 27. November 1915 wurde daraufhin verfügt, daß
Alarm in solchen Fällen nicht durch die Kirchenglocken sondern
durch Schiffspfeifen und Sirenen ausgelöst werden soll.
Auch der zweite Fliegeralarm am 3. Februar 1916 blieb ohne zerstörerische
Folgen.
1917 hatte die Reichsmark 50% ihre Wertes von 1914 verloren,
was zu steigenden Importpreisen, zu Mangel auf allen Ebenen,
sowie zu steigender Verbitterung der Bevölkerung führte.
Die Verknappung des Kleingeldes sollte durch gedruckte 50-Pfennig-Scheine
behoben werden. Auch verschiedene Bremer Betriebe gaben Notgeldscheine
aus. Die geforderte Einrichtung eines Postscheckamtes in Bremen
zur Erleichterung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs kam jedoch
nicht zustande.
Im Sommer 1917 hatte sich die Lage derart verschlechtert, daß
die Diskussion über einen Frieden immer mehr Anhänger
fand. Während in der Arbeiterschaft und bei den Sozialdemokraten
sogar ein Friede um jeden Preis erwogen wurde, glaubte man im
bürgerlichen Lager vielfach noch an einen ,Siegfrieden".
So lehnte die Bremer und die Hamburger Kaufmannschaft in einem
gemeinsamen Telegramm an den Kaiser am 3. September 1917 die
Friedensinitiative des amerikanischen Präsidenten Wilson
rundweg ab. Am 2. Oktober verlieh man die Ehrenbürgerrechte
an den Generalfeldmarschall von Hindenburg. Selbst fast ein Jahr
später, am 1. Mai 1918, forderte die liberale Bürgerschaftsmehrheit
den Senat noch dazu auf, im Bundesrat darauf hinzuwirken, daß
bei künftigen Friedensverhandlungen die bestehenden deutschen
Reichsgrenzen, der Kolonialbesitz, die deutschen Auslandsforderungen,
eine angemessenen Kriegsentschädigung, die Freiheit der
Meere und eine freie Betätigung der deutschen Wirtschaft
auf dem Weltmarkt sichergestellt werde.
Am 1. Februar 1918 brach - von der AG ,Weser" ausgehend
- ein Streik in Bremen aus, der sich gegen die schlechte Versorgung
und gegen den Wucher richtete, sowie für eine Demokratisierung
der Verfassungen und einen Verständigungsfrieden eintrat.
Als die Militärbehörden den Arbeitern mit Einberufung
an die Front drohten, und Bürgermeister Donandt sich weigerte
eine Delegation der Streikenden zu empfangen, brach der Streik
am 3. Februar wieder zusammen.
Im Laufe des Jahres 1918 verschlechterte sich auch die militärische
Lage Deutschlands zusehends. Nach den Matrosenaufständen
von Wilhelmshaven und Kiel zwischen dem 30. Oktober und 4. November
bildete sich am Abend des 6. Novembers auch in Bremen der erste
Soldatenrat. Mit dem Waffenstillstand von Compiègne war
dann die heiße Phase des Ersten Weltkrieges vorüber.

Bilder: Kriegerdenkmal Altmannshöhe
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