Startseite

Aus der Zeit,
bevor Bremen
eine Stadt wurde

1. Jahrtausend
11.Jahrhundert
12.Jahrhundert
13.Jahrhundert
14.Jahrhundert
15.Jahrhundert
16.Jahrhundert
17.Jahrhundert
18.Jahrhundert
1789 - 1914
1914 - 1918
1918 - 1919

1919 - 1933
1933 - 1939

1939 - 1945
1945 - 1949
1949 - 1968
1968 - 1989
1989 -

Schlagworte

H.H. (Hermann Henrich) Meier

von Susanne Süß und Imke Schwarzrock

1. Vorbemerkung
Obwohl es im 19. Jahrhundert viele wichtige Persönlichkeiten im politischen und wirtschaftlichen Leben Bremens gegeben hat, war H.H.Meier neben Smidt, Duckwitz und Gevekoht wohl eine der wichtigsten und der rührigsten. Meier war nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Politiker und Diplomat. In seinen unterschiedlichen Funktionen war er aber nicht nur in Bremen tätig. Er hatte vielfältige Verbindungen nach England und Amerika, zeigte großes Interesse an der Gründung des Deutschen Reiches und war politisch in Bremen, aber auch auf Reichsebene aktiv.

Bei den vielseitigen Aktivitäten Meiers bot es sich an, Schwerpunkte zu setzen. So entschlossen sich die Autorinnen, neben seinen wichtigsten Lebensstationen zwei bedeutende Wirkungsbereiche Meiers zu beleuchten. Susanne Süß setzte sich mit Meiers politischer Tätigkeit auseinander, während sich Imke Schwarzrock mit der Gründung des Norddeutschen Lloyd beschäftigte.

Die Quellenlage für eine Beschäftigung mit H.H.Meier ist günstig, da sich sein umfangreicher und relativ gut sortierter Nachlaß im Staatsarchiv Bremen befindet. Des weiteren wird Meier in jeder Darstellung der Geschichte Bremens im 19. Jahrhundert und selbstverständlich solchen des Norddeutschen Lloyd mehr oder weniger ausführlich erwähnt. Darüber hinaus gibt es eine ausführliche Biographie von Friedrich Hardegen, die nach Hardegens Tod von Meiers Tochter Käthi Smidt zu Ende geführt wurde. Die Biographen, die Meier sehr nahe standen, neigten naturgemäß dazu, seine Handlungen eher positiv zu bewerten. Die eigentlichen Fakten scheinen aber völlig korrekt zu sein, so daß für die Darstellung von H.H.Meiers Lebensstationen vor allem auf diese Biographie zurückgegriffen wurde.

2. Lebensstationen (1)
Hermann Henrich Meier, in Bremen allgemein bekannt unter dem Namen H.H.Meier, wurde am 16. Oktober 1809 in Bremen geboren. Er entstammte einer alteingesessenen Bremer Familie, die überwiegend in den Rechtswissenschaften und der Politik zu Hause war, aber auch eine kaufmännische Tradition besaß(2) . Sein Onkel, Caspar Meier, und sein Vater, der ebenfalls Hermann Henrich Meier hieß, griffen die kaufmännische Tradition auf und gründeten die Handelshäuser C. & H.H.Meier in New York und H.H.Meier & Co. in Bremen. Letzteres bildete für Meier den Ausgangspunkt seiner Karriere.

Seine ersten Lebensjahre verbrachte H.H.Meier in Bremen, bis 1821 sein Vater verstarb. Seine Mutter, Lucie Meier geb. Warneken, entschloß sich, 1823 mit ihren beiden jüngsten Kindern nach Stuttgart zu ziehen. Dort besuchte Meier eineinhalb Jahre das Obergymnasium und ging dann für ein Jahr in ein Internat, wo er eine auf seinen zukünftigen Beruf zugeschnittene Ausbildung erhielt. Die Ausbildung beinhaltete neben allgemeinbildenden Fächern auch Buchhaltung und die Sprachen Englisch und Französisch.

Im Alter von 17 Jahren kehrte H.H.Meier nach Bremen zurück und begann seine fünf Jahre dauernde praktische kaufmännische Ausbildung im Geschäft seines Vaters, das seit dessen Tod von Johann Helfrich Adami geleitet wurde.
Nach seiner Ausbildung bereiste Meier - den Gepflogenheiten des Kaufmannsnachwuchses, aber auch der eigenen unruhigen Veranlagung entsprechend - Amerika und England, um Beziehungen anzuknüpfen, seinen Horizont zu erweitern und endlich eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zu können. Mit diesem Wunsch war der selbstbewußte und tatendurstige H.H.Meier wiederholt mit dem vorsichtigeren, und wie er meinte, etwas schwerfälligen Adami aneinandergeraten.

Im September 1831 verließ Meier Bremen, um über Hamburg und Amsterdam nach England und in die Vereinigten Staaten von Amerika zu reisen. Dort besuchte er erst das Geschäft seines Onkels in New York und ging dann als Agent der Firma H.H.Meier & Co nach Boston. Er blieb bis 1838 in Amerika und erweiterte die amerikanische Zweigstelle erheblich. Als er Boston verließ, übergab er die Geschäfte vier Agenturen; je einer in Boston, New Bedford, Richmond und Baltimore.

Noch in Amerika hatte Meier erste Berührungen mit politisch-diplomatischen Tätigkeiten; er setzte sich recht erfolgreich für die Fortsetzung eines Handelsvertrages zwischen Amerika und Bremen ein.

Am 1. Januar 1834 war H.H.Meier, nach seinem Bruder Diedrich August, als dritter Teilhaber in das väterliche Unternehmen aufgenommen worden, dessen Seniorchef und alleiniger Teilhaber er im Alter von 42 Jahren wurde, nachdem sein Bruder sehr früh verstorben und J.H.Adami als Teilhaber ausgeschieden war.

Aber zurück in die 30er und 40er Jahre. Der 29jährige H.H.Meier kehrte nach Bremen zurück. 1840/41 begab er sich auf eine ausgedehnte Italienreise, auf der er auch Gelegenheit fand, seinem Interesse für Kunst nachzugehen, das er zu anderen Zeiten den kaufmännischen Belangen unterzuordnen pflegte. Nach dieser Reise hatte Meier wohl endgültig das Gefühl, des Umherziehens und Wanderns müde zu sein. Er entschloß sich, seßhaft zu werden, und dazu gehörte auch die Gründung einer eigenen Familie. Im Hause seiner Schwägerin, Meta Meier geb. Rommel, lernte er Mathilde Quentell kennen. Die beiden heirateten im Jahre 1843. Durch diese Verbindung wurde Meier Schwager von Fr. Gabain, dem Teilhaber von D.H.Wätjen & Co. (3) Die Eheleute Meier hatten zwei Kinder, den Sohn Hermann Henrich und die Tochter Käthi, ein weiterer Sohn verstarb sehr früh. Mathilde Meier findet wenig Erwähnung in Hardegens Biographie, was natürlich an dem Frauenbild der damaligen Zeit liegt. Aber wir denken, Mathilde Meier hat durch ihr Agieren im Hintergrund, also die Führung des Meierschen Haushaltes, die Kindererziehung, die Gästebewirtung und die Pflege der gesellschaftlichen Kontakte in Bremen, dem tatenfreudigen H.H.Meier den "Rücken frei gehalten" für seine geschäftlichen und politischen Tätigkeiten. Denn was würden die "großen Männer" ohne ihre Ehefrauen tun, die ihnen die Wäsche und die Seele waschen?

Ab 1844 begann für Meier das eigentliche öffentliche Leben, da er jetzt als Diakon der St. Martini Gemeinde berechtigt war, am Bürgerkonvent und anderen politischen Entscheidungsforen teilzunehmen. Er war von 1844 bis 1874 fast ununterbrochen Mitglied des Bürgerkonvents, bzw. der Bürgerschaft. Durch die ebenfalls 1844 erfolgte Wahl seines ältesten Bruders zum Senator, war er selber von der Erlangung der Senatorenwürde erst einmal ausgeschlossen. Allerdings kam er im Jahre 1847 zu anderen Würden, die im damaligen Bremen hochgeachtet waren. Meier wurde am 12. März zum schwedisch-norwegischen Konsul ernannt, und fortan war die Anrede Herr Konsul eine sehr gängige, auch nachdem er das Amt schon lange nicht mehr innehatte.

1846 wurde H.H.Meier Mitglied in der Deputation für Bremerhaven und der Deputation zur Förderung der Dampfschiffahrts-Unternehmungen zwischen New York und Bremen. Falls er sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit Gedanken über die Einrichtung einer transatlantischen Dampferverbindung trug, so fanden diese ihren Niederschlag in seinem Einsatz für das Zustandekommen der Ocean Steam Navigation Company.

Seit 1844 war die Einrichtung dieser Dampferverbindung geplant gewesen, als deren europäischen Endhafen Arnold Duckwitz und C.T.Gevekoht Bremerhaven hatten durchsetzen können. Aber im Frühjahr 1846 drohte dieses für Bremen so wichtige Unternehmen doch noch an der nicht ausreichenden Aktienzeichnung für die Company zu scheitern. Als Mitglied der Deputation zur Förderung der Dampfschiffahrt schlug Meier daher eine bremische Subvention des Unternehmens vor. Zusammen mit Gustav Kulenkampff und C.A.Heineken gelang es ihm nicht nur, den Widerstand der Dampfschiffahrts-Deputation gegen einen dahingehenden Senatsvorschlag zu überwinden, sondern auch, die preußische Regierung zu einer Beteiligung zu bewegen.

Für die Raddampfer der Ocean Steam Navigation Company war der 1830 fertiggestellte Hafen in Bremerhaven zu klein, so daß 1846/47 der Bau eines neuen Hafens bewilligt werden mußte. H.H.Meier hatte, vielleicht als einziges Mitglied der Deputation, Bedenken gegen den von J.J.van Ronzelen vorgelegten Plan für die Schleuse des neuen Hafens. Der Plan wurde schließlich nach heftiger Intervention Meiers, in deren Verlauf er Hafenbaumeister aus Holland und England anreisen ließ, tatsächlich verworfen.

Ebenfalls 1846/47 entwarf Meier ein erstes Statut für eine in Bremen zu errichtende Bank (4) , die den bremischen Handel fördern sollte. Das Projekt wurde allerdings wegen der angespannten wirtschaftlichen und politischen Lage erst einmal nicht weiter verfolgt. Nach dem Ende der akuten politischen Spannungen, insbesondere der Verfassungskämpfe, nahm Meier seine Pläne wieder auf. Nachdem 1855 die Braunschweiger Bank eine Filiale in Bremen eröffnet hatte, reichte Meier, der seit 1853 auch der Handelskammer angehörte, dem Senat am 30. Oktober 1855 sein Statut für die geplante Bremer Bank ein. Am 31. Januar 1856 erhielt die Bremer Bank die Rechte einer juristischen Person; am 24. Februar ernannte das Gründungskomitee Meier zu seinem Vorsitzenden; am 1. Juli 1856 wurde die Bremer Bank eröffnet. H.H.Meier blieb bis zur Vereinigung mit der Dresdner Bank 1895 der Vorsitzende des Verwaltungsrates.

1857 "gründete" Meier den Norddeutschen Lloyd (NDL). Die Geschichte der Lloyd-Gründung und Meiers Bedeutung für dieselbe werden später ausführlich geschildert. Hier nur soviel: Der Norddeutsche Lloyd war Meiers größtes und wohl auch erfolgreichstes Projekt. Er war trotz aller anderen geschäftlichen Projekte sein "liebstes Kind".

Man kann H.H.Meier sicherlich als führendes, besser maßgebliches Mitglied der Bremer Kaufmannschaft und Gesellschaft bezeichnen. So verwundert es nicht, daß er auch Mitglied der Handelskammer Bremens war, und zwar von 1853 bis 1864 und nach der vorgeschriebenen Pause nochmals von 1866 bis 1874. Auch dort gab es ein Projekt, an dem Meier federführend beteiligt war. Gemeint ist die neue Bremer Börse. Die Kaufmannschaft Bremens hatte schon Mitte der 1850er Jahre die Idee, eine neue Börse zu bauen. Zuerst gab es Probleme mit der Finanzierung. Die Idee, eine Aktiengesellschaft zu gründen, an der H.H.Meier sich nicht beteiligte, scheiterte. Aber die Idee, eine Börsensteuer einzuführen, an der Meier sehr wohl beteiligt war, brachte den gewünschten Erfolg. 1857 konsultierte Meier den Architekten Heinrich Müller, um mit ihm Pläne für den Bau der Börse zu besprechen. Müller zeichnete die Pläne und eruierte in aller Stille ein geeignetes Grundstück in der Innenstadt. Hardegen beschreibt die Umstände, die zum Kauf der Grundstücke führten, als "(...) Uneigennützigkeit der Bremer Bürger in Sachen des Gemeinwohls!" (5) , durchgeführt wurden sie allerdings mit Methoden, die an Grundstücksspekulationen erinnern. Man hatte sich Grundstücke in bester Lage zwischen Dom und Marktplatz ausgesucht. Die Grundstücke wurden im Winter 1859/60 von Mitgliedern der Börsenkommission der Handelskammer in aller Stille aufgekauft. Erst nach dem Grundstückskauf wurde der Plan, an dieser Stelle eine Börse zu bauen, der Öffentlichkeit bekanntgegeben. Senat und Bürgerschaft genehmigten das Bauvorhaben; es sollte die Stadt ja auch keinen Pfennig kosten. Im Winter 1860/61 wurden die Häuser, die auf den Grundstücken standen, unter ihnen zwei sehr alte, sehr schöne Patrizierhäuser, abgerissen, und die Handelskammer konnte als Bauherr mit dem Bau der neuen Börse beginnen. H.H.Meier kümmerte sich persönlich um den Bau, zumal er im Jahre 1863 Präsident der Handelskammer war. Die Börse wurde am 5. November 1864 eingeweiht.

1874 konnte H.H.Meier seine engen Beziehungen zum deutschen Kaiserhaus zur Geltung bringen. Er war einer der Präsidenten des Hauptkomitees zur Ausrichtung der Internationalen Landwirtschaftsausstellung in Bremen. Meier konnte den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich III., als Schirmherrn für dieses Projekt gewinnen. Kronprinz Friedrich Wilhelm erschien persönlich zu der Ausstellung und wohnte als Gast im Meierschen Haushalt. Das Kaiserpaar Wilhelm I. und Augusta von Sachsen-Weimar stiftete Ehrenpreise und sendete Grußadressen.

Meier hatte also durchaus auch Kontakte zu höchsten Kreisen auf Reichsebene. Dies verwundert nicht, da er ja auch auf Reichsebene politisch tätig war. Meier war von März bis Mai 1849 Mitglied der Nationalversammlung in Frankfurt, 1867 Mitglied des konstituierenden Reichstags des Norddeutschen Bundes und wurde 1868 auch in den ordentlichen Reichstag desselben gewählt. 1878 bis 1887 war er Mitglied des Reichstages des Deutschen Reichs. Hierzu auch nur soviel, da auch dieses Thema später ausführlich behandelt wird.

In Meiers Leben gab es ein Amt, daß keinerlei wirtschaftliche oder politische Vorteile versprach. H.H.Meier wurde 1865 zum Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gewählt. Allerdings muß dazu gesagt werden, daß Meier dieses Amt zuerst gar nicht annehmen wollte, da er zwar an die Wichtigkeit, nicht aber an den Erfolg einer solchen Einrichtung glaubte. Erst als sich bei der Kieler Gründungsversammlung eine ungeahnte Einigkeit der örtlichen Rettungsvereine herauskristallisierte und Meier ungefragt zum Vorsitzenden gewählt wurde, nahm er das Amt an.

Dr. Arwed Emminghaus, der Initiator und Gründer der DGzRS, und Meier kümmerten sich rege um die finanziellen Mittel. Der größte Coup gelang H.H.Meier hierbei, als er den preußischen König Wilhelm zur Schirmherrschaft über das Rettungswerk bewegen konnte.

Mit seinem sehr unglücklichen Austritt aus dem Verwaltungsrat des Norddeutschen Lloyd 1888 war Meiers führende Rolle im öffentlichen Leben beendet. Das einzige wichtige Amt, das er bis zu seinem Tode behielt, war der Vorsitz in der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Die durch das Alter verursachte physische Eingeschränktheit war für den immer sehr dynamischen Meier sehr schwer zu akzeptieren. So ließ es sich trotz fortgeschrittenen Alters auch nicht nehmen, täglich in das Kontor seines Unternehmens, das inzwischen von seinem Sohn geleitet wurde, zu gehen und die Börse zu besuchen.
H.H.Meier verstarb am 17. November 1898 nach nur zweitägiger Krankheit in seinem Haus.

 

3. Die Gründung des Norddeutschen Lloyd
3.1. Die Dampfschiffahrt auf der Weser
1856, noch während der "heißen Phase" der Gründung der Bremer Bank, begann Meier mit dem, was in der Bremischen Biographie als "seine Hauptlebensarbeit und sein größter Lebenserfolg", von Friedrich Hardegen gar als "die größte, folgenschwerste Tat seines Lebens" betitelt wird - der Gründung des Norddeutschen Lloyd.

Bereits seit spätestens 1853 scheint Meier einen Plan zur Einrichtung einer transatlantischen Dampferlinie gehabt zu haben. Das wäre als solches noch nicht weiter erwähnenswert, denn es gingen offenbar diverse solcher Pläne in Bremen um, seit die Ocean Steam Navigation Company plötzlich hohe Gewinne abwarf und mit der aufgelösten Brommy-Flotte billig Schiffe zur Verfügung standen (6) . Hardegen zählt allein sechs derartige Pläne zwischen 1853 und 1856 . So gibt u.a. Arnold Duckwitz in seinen "Denkwürdigkeiten" an, schon bei Verkauf der ehemaligen Brommy-Flotte die Idee zum Ankauf einiger ihrer Schiffe zwecks Einrichtung einer transatlantischen Linie in Umlauf gebracht zu haben, "allein der Druck der Zeiten war nicht dazu angethan, genügende Geldmittel rasch disponibel zu machen" (8) . Daß er allerdings der eigentliche "Erfinder" des Namens Norddeutscher Lloyd sei, wie Arnold Rehm, der "Hofschriftsteller" des NDL in einer Randbemerkung in seinem Exemplar der "Gründung" von Hardegen andeuten will, läßt sich hieraus aber nicht ableiten. Denn Duckwitz spricht von seiner Idee, "nach dem Vorgange von Triest, einen Weser-Lloyd" zu bilden, was keineswegs Hardegens - wenn auch stilistisch heute nicht mehr recht zeitgemäßer - Behauptung entgegensteht, daß, als Meier "mit großer, klarer Schrift die Worte Norddeutscher Lloyd" auf den Aktendeckel des Statutenentwurfs schrieb, diese hierbei "vielleicht zum ersten Mal einer Feder entflossen" wären. (10) Im Gegenteil, die Formulierung von Duckwitz läßt ahnen, daß der Name "Lloyd" für neue Dampfschiffahrtslinien - in Anlehnung an den 1837 in Triest gegründeten Österreichischen Lloyd - mehr oder weniger in der Luft lag.
Tatsächlich erwarben W.A.Fritze und Carl Lehmkuhl 1853 die Raddampfer HANSA und GERMANIA aus der ehemaligen deutschen Kriegsflotte und richteten mit ihnen eine neue Schiffahrtslinie nach Nordamerika ein. Die beiden Schiffe erwiesen sich jedoch als so unrentabel, daß man froh war, sie bereits ein Jahr später bei Ausbruch des Krimkrieges an England verchartern zu können.

H.H.Meiers erste eigene Transatlantiklinienpläne scheinen ursprünglich von diesbezüglichen englischen Wünschen ausgegangen zu sein, so daß er auch auf finanzielle Unterstützung von englischer Seite hoffen konnte. (11) Das Statut, das er für die projektierte "Bremisch-Englische Schraubendampfschiffahrts-Gesellschaft zwischen Europa und Nordamerica" entwarf, hatte aber bereits in vielen Punkten große Ähnlichkeit mit dem Entwurf des späteren Lloyd-Statuts. (12) Aber während die Verhandlungen über die Gründung der Gesellschaft noch in Rechts- und Prestige-Problemen feststeckten, brach der Krimkrieg aus, und bereitete dem gesamten Plan ein vorläufiges Ende. (13)

Letztendlich dürfte Meier das Scheitern dieses Planes wohl ganz recht gewesen sein, ließ er doch in dem bereits zitierten Brief an Kerst - also noch während der laufenden Vorverhandlungen zur Brem.-Englischen Schraubendampfschifffahrtsgesellschaft - durchblicken, daß er ohnehin ein "selbstständiges, unabhängiges Unternehmen" (14) favorisierte. Unter "selbstständig" war hierbei unabhängig von England zu verstehen. Statt dessen hoffte er für sein neues Gedankenspiel nach dem Vorbild englischer Reederei-Subventionen auf die Unterstützung der preußischen Regierung, der er als Gegenleistung für eine Zinsgarantie die Überlassung der Schiffe im Kriegsfall zusichern wollte. Dieser Plan verlief jedoch ebenfalls im Sande. Meiers Freund Kerst, offenbar zu Sondierungsgesprächen in Berlin, gab ihm wenig Anlaß zur Hoffnung, da der erhoffte Ansprechpartner Preußen seiner Meinung nach wegen Finanznot und innerer Querelen bezüglich des Marineministeriums kaum geneigt gewesen sei, auf die Vorschläge Meiers einzugehen. (15)

Unterdessen fuhr dieser aber fort, sich mit einer an Unterwanderungstaktik erinnernden Geschicklichkeit an die Spitze praktisch jeglicher Dampfschiffahrtsunternehmung auf der Weser zu stellen, um so offenbar planvoll eine Grundlage für sein noch imaginäres Unternehmen zu schaffen. Bereits seit 1844 gehörte er der Direktion der "Weser-Hunte-Dampfschifffahrtsgesellschaft" an. Im Juni 1853 zog er sich den Zorn der um ihre Existenz fürchtenden Bremer Kahnschiffer zu, als er zusammen mit Gustav Kulenkampff und Alexander Fritze die "Schleppschifffahrtsgesellschaft auf der Unterweser" gründete, die bereits im folgenden Jahr - unter der Leitung Meiers als Vorsitzers der Direktion - den Auswanderertransport von Bremen nach Bremerhaven übernahm. Ebenfalls 1854 betätigte Meier sich auch als Mitbegründer der "Gesellschaft für eine Dampfschleppschifffahrt auf der Oberweser" und gehörte dann in dieser Gesellschaft ebenfalls dem Direktorium an.

Daß H.H.Meier bereits seit spätestens 1854 Verschmelzungsabsichten hinsichtlich der drei genannten Gesellschaften hegte, schloß Fr.Hardegen aus einem Brief des technischen Direktors des Norddeutschen Lloyd, Th.Overbeck, den dieser 1864 an Meier schrieb. Hierin erinnerte sich Overbeck, daß Meier ihm schon 1854 oder 1853 - bereits vor der Übernahme der Leichterfahrt zwischen Bremen und Bremerhaven durch die Schleppschiffahrtsgesellschaft - versprochen hätte, daß die drei "vorhandenen Gesellschaften nur Anfänge eines größeren Unternehmens sein würden, wenn die Verhältnisse eine Verwirklichung Ihrer [Meiers] Pläne möglich machen sollten." (16) Eben jene Verhältnisse waren aber zunächst offenbar eher widrig. Der noch andauernde Krimkrieg und eine starke Inanspruchnahme Meiers durch die Gründung der Bremer Bank verzögerten die Realisierung der Verschmelzungspläne. Des weiteren scheint es, als habe Meier den Bau einer Eisenbahnverbindung Bremen - Geestemünde abwarten wollen, die dann allerdings erst 1862 in die Tat umgesetzt wurde.
3.2. Meier und Crüsemann
Wahrscheinlich ermutigt durch die gute Aktienzeichnung für die Bremer Bank entwarf H.H. Meier offenbar im Frühjahr 1856 ein neues Statut für eine transatlantische Dampfschiffahrtsgesellschaft, der er jetzt den Namen "Norddeutscher Lloyd" geben wollte. Anfang Juli 1856 weihte er Karl Mathy, den Direktor der Berliner Diskonto-Gesellschaft, in seinen Plan ein, den er ansonsten vorerst noch unter Verschluß hielt. Mathys Antwort hinsichtlich der Finanzierung war allerdings wiederum wenig ermutigend. Während Meier noch auf die Rückkehr des Finanziers Hansemann nach Berlin wartete, durch dessen Einfluß er doch noch auf bessere Chancen für die Finanzierung hoffte, trat im August 1856 Eduard Crüsemann an Meier heran. (17)

Crüsemann, Sohn eines Berliner Kaufmannes, fühlte sich durch sein eigenes kleines Bremer Import- und Reedereiunternehmen nicht ausgelastet und hatte, unabhängig von den anderen kursierenden Reederei-Gründungsplänen, die Errichtung eines Universalunternehmens ins Auge gefaßt, das als "Bremer Handels Comp." neben Im- und Export auch Bank- und Assekuranzgeschäfte, sowie Reederei und Industriebeteiligungen betreiben sollte. Für die Realisierung dieses Unternehmens hoffte Crüsemann jetzt auf die Unterstützung Meiers als einer der führenden Persönlichkeiten der Bremer Kaufmannschaft. Daß Crüsemann bei seinem ersten Gespräch mit Meier noch nicht ahnte, wie weit dessen eigene Pläne fortgeschritten waren, geht deutlich aus einem Brief Crüsemanns an seinen Vater hervor, in dem er ihm berichtete: "Consul Meier hörte mich schweigend an. - Er fühlte nur zu gut, daß HANSA und GERMANIA als einzige Retter unseres Verkehrs mit New York Bremens nicht mehr würdig sind..." (18) . Allerdings war es Crüsemann in seinem Überschwang doch nicht ganz verborgen geblieben, daß sich auch Meier bereits mit der Gründung einer Dampfschiffahrtslinie auseinandergesetzt hatte. So schrieb er weiter:
Daß er [Meier] mit dem Gedanken der Belebung der Schiffahrt Bremens umgegangen ist, ging daraus hervor, daß er sofort die Coalition der bestehenden Flußschiffahrtsgesellschaften mit der Assecuranzenanstalt für die Oberweser ins Auge faßte, die die Grundlage zu der neuen Gesellschaft evtl. geben könnte.(19)

Obwohl die Gründungspläne Meiers und Crüsemanns sich eigentlich nur in bezug auf die Dampfschiffahrt und Assekuranz überschnitten, muß das Zusammentreffen dieser beiden Männer ein auslösendes Moment im Gründungsprozeß gewesen sein. Jedenfalls weihte Meier Crüsemann seinerseits in seine eigenen Pläne ein, die von da an von dem fast schon ungeduldig wirkenden jüngeren Mann mit großer Energie mitverfolgt wurden. Der in der Literatur oft vermittelte Eindruck, daß Crüsemann bereits in diesem ersten Gespräch von H.H.Meier dessen Entwurf für das Lloyd-Statut ausgehändigt bekam, stimmt jedoch nicht, was aus dem bereits zitierten Brief hervorgeht, zumal Crüsemann fortfährt: "Consul Meier wird nun auf Grund meiner Ausführungen und seiner Ergänzungen mit den hervorragendsten Leuten sprechen." (20)

Spätestens Ende August 1856 hatte Meier Crüsemann sein Lloyd-Statut aber zur Ansicht und Überarbeitung mitgegeben. Crüsemann versuchte nun, die beiden Ansätze - seinen eigenen und den H.H.Meiers - in einem neuen Statut miteinander zu verschmelzen, wobei allerdings mehr von dem Crüsemann'schen als vom Meier'schen Plan eingeflossen zu sein scheint. So dehnte er in seinem neuen Statuten-Vorschlag u.a. den Wirkungskreis des Unternehmens praktisch wieder auf seine ursprünglichen Vorstellungen von einem Universalunternehmen aus, was er unter anderem damit begründet, daß eine Reederei in der Lage sein sollte, notfalls ihren eigenen Frachtraum zu füllen. (21) In der versandfertigen Version des Lloyd-Statuts, die im November 1956 an diverse Banken verschickt wurde, hatte er sich aber mit den meisten seiner Vorschläge nicht durchgesetzt. Die wichtigsten Veränderungen gegenüber Meiers erstem Lloyd-Statut waren die Aufstockung des Grundkapitals von 2 auf 4 Millionen Taler (Crüsemann hatte ursprünglich 3, dann 5 Millionen vorgeschlagen), der Wegfall der Zinsgarantie für die Aktionäre sowie die Aufgabe der zeitlichen Begrenzung der Gesellschaft auf 20 Jahre und vor allem die erheblich veränderte Stellung von Verwaltungsrat und Direktion, an denen Crüsemann berechtigterweise starke Kritik geübt hatte. (22) Der Verwaltungsrat wurde nun zum regierenden Organ der Gesellschaft, während die Direktion, bestehend aus ein bzw. zwei festbesoldeten Angestellten, praktisch ausschließlich als Exekutive dienen sollte. (23)

Das im neuen Statut vorgesehene Grundkapital mußte aber erst einmal aufgebracht werden. So reiste Crüsemann Anfang Oktober 1856 nach Berlin, wo er sich durch persönlichen Einsatz eine Unterstützung durch die Berliner Handelsgesellschaft (BHG) erhoffte, bei der er seine Lehrzeit absolviert hatte, und mit deren Direktor Conrad er freundschaftlich verbunden war. Von Conrad erhielt er allerdings einen abschlägigen Bescheid, da die gespannte Lage an den Börsen und die große Zahl neugegründeter Unternehmen mit ähnlichen Wirkungskreisen wie der geplante NDL eine Beteiligung für die BHG zumindest vorläufig unattraktiv erscheinen ließen. Ende Oktober reiste Meier selbst nach Berlin, hatte aber sowohl bei BHG als auch beim Berliner Bankverein ebensowenig Erfolg wie vorher Crüsemann. Schriftlich wandte sich Meier daraufhin an potentielle Geldgeber in verschiedenen deutschen Staaten, wobei er mit positiven Auswirkungen des geplanten Unternehmens auf Handel und Industrie aller deutscher Staaten warb. (24) Die Zeichnung der Aktien kam trotzdem nur extrem schleppend voran, da viele fest eingeplante Geldgeber sich gar nicht oder mit weniger Kapital als angenommen beteiligten. Meier und Crüsemann scheinen schließlich aus der Not geradezu eine Tugend gemacht zu haben, indem sie hohe Beteiligungen einzelner Institute als der angeblich erwünschten großen Streuung der Aktien abträglich bezeichneten. Einzig die Dessauer "Kreditanstalt für Industrie und Handel" beteiligte sich schließlich mit 1_ Millionen Talern, wofür ihrer Zweigniederlassung in New York die Lloydagentur in jener Stadt zugesichert wurde. Während also die erhoffte Beteiligung großer Geldgeber in den Finanzplätzen Deutschlands ausblieb, setzte in Bremen selbst - ganz entgegen Meiers Erwartungen - nach Bekanntwerden der Lloyd-Pläne ein regelrechter Run auf die Aktien ein, so daß allein in Bremen bis Dezember 1856 Aktien im Werte von 1_ Millionen Taler gezeichnet worden waren, inklusive allerdings des ca. 333.000 Taler betragenden Kapitals der vier Stammgesellschaften.(25)

Diese vier Gesellschaften - die Weser-Hunte-Dampfschifffahrtsgesellschaft, die Schleppschifffahrtsgesellschaft auf der Unterweser, die Dampfschleppschifffahrtsgesellschaft auf der Oberweser und die Allgemeine Assecuranzenanstalt für die Oberweser - mußten nun noch ihre Zustimmung zu der geplanten Fusion zur Gründung des Lloyd geben. Mit den Direktorien, denen er allen angehörte, verhandelte Meier seit September 1956 und erreichte offenbar schnell Zustimmung. Nun sollten noch die Generalversammlungen und besonders die zu 1/6 an der Weser-Hunte-Dampfschifffahrtsgesellschaft beteiligte oldenburgische Regierung überzeugt werden. Obwohl eine klare Aussage seitens Oldenburgs lange ausblieb, nahm Meier anscheinend eine positive Bewertung bei einer Besprechung am 20.11.1856 als Quasi-Zustimmung und fuhr mit der Umsetzung seiner Pläne fort. Am 26. November genehmigten die Direktionen der vier Gesellschaften das Lloyd-Statut, so daß am 29. November die breite Öffentlichkeit durch Anzeigen im "Bremer Handelsblatt", der "Weser-Zeitung" und der "Preußischen Correspondenz" informiert werden konnte.

Je ein Mitglied der Direktionen der vier Gesellschaften wurde daraufhin gewählt, um ein Gesuch um Erteilung der Rechte einer juristischen Person an den Senat einzureichen. Am 8. Dezember 1856 billigte der Senat das Lloyd-Statut und stellte die Erteilung der Rechte in Aussicht. Im Verlauf des Dezembers fanden die Generalversammlungen der Stammgesellschaften statt, die ebenfalls ihre Zustimmung gaben, so daß Ende Dezember die vier Direktorien einen provisorischen Verwaltungsrat wählen konnten, deren Vorsitzer H.H.Meier wurde, während Crüsemann den von ihm so ersehnten Direktorenposten erhielt. Schließlich gab am 30. Dezember auch die Oldenburger Regierung ihre definitive Einwilligung. Am 18.2.1857 erteilte der Senat dem Norddeutschen Lloyd die Rechte einer juristischen Person und am 20. Februar konnte der provisorische Verwaltungsrat, nach Zeichnung von mehr als der Hälfte des Aktienkapitals und erfolgter erster Einzahlung, statutengemäß die Konstituierung der Gesellschaft beschließen. Mit der ersten Generalversammlung, die am 17.3.1857 den definitiven Verwaltungsrat wählte, war damit die Gründungsphase des NDL abgeschlossen. H.H.Meier wurde Vorsitzer auch dieses Verwaltungsrates und blieb es bis zu seinem Ausscheiden aus der Gesellschaft im Jahre 1888. Eduard Crüsemann wurde ebenfalls in seinem Amt bestätigt, das er bis zu seinem frühen Tod 1869 innehatte.
3.3. Meier oder Crüsemann?
In der Sekundärliteratur über den Norddeutschen Lloyd und seine Gründung kommt es wiederholt zur Kontroverse darüber, ob H.H.Meier oder/und Eduard Crüsemann als "Gründer" des NDL zu gelten haben. Dieser Punkt soll deshalb hier nicht unerwähnt bleiben.

In den frühen Jahren des Lloyd scheint H.H. Meier allgemein als der Gründer angesehen worden zu sein, wobei Eduard Crüsemann als überaus fähiger Direktor und Mitwirkender an der Gründung anerkannt war. So meldete z.B. der "Courier an der Weser" über die Feierlichkeiten bei Indienststellung der ersten BREMEN:
Toaste auf den Senat, den Lloyd und seinen Verwaltungsrath, den Director Crüsemann, die Vereinigten Staaten, die Kaufleute Bremens [wurden] ausgebracht. ... Namentlich aber hob Bürgermeister Duckwitz die Verdienste des Gründers des Lloyd Consul H.H. Meier, hervor und bemerkte: Wäre Hermann Meier nicht, wir wären nicht hier! (26)
Moritz Lindeman bezeichnete Meier in seiner Geschichte des NDL von 1892 als den "Vater des Norddeutschen Lloyd ..., wenn er auch ohne tüchtige Mithülfe und Mitarbeiter das Werk nicht hätte in's Leben rufen können." (27) Den oder die Namen dieser Helfer und Mitarbeiter erwähnte er aber nicht.

Pünktlich zu den Feierlichkeiten zum 50jährigen Bestehen des NDL schlug die Stimmung um. In einer Berliner Tageszeitung vom 21. Februar 1856 war anläßlich dieses Jubiläums ein wiederentdeckter Brief Crüsemanns abgedruckt worden. Allerdings nicht nur in gekürzter sondern auch in an entscheidender Stelle veränderter Form. Bei diesem Brief, dessen Zeitungsversion Kolonialdirektor Bernburg in seiner Festrede zu den Jubiläums-Feierlichkeiten verlaß, handelte es sich um ein Schreiben, das Crüsemann am 10. Mai 1856 an seinen Vater sandte, also gut drei Monate vor seinem Zusammentreffen mit H.H.Meier. In der verlesenen Version wurde Crüsemann jetzt folgendermaßen zitiert: "Wie Du selbst zugibst, ist das Projekt des Norddeutschen Lloyd , was Dir vorliegt, keine schlechte Idee." (28) Während es in dem Crüsemann'schen Brief ursprünglich geheißen hatte: "Das Projekt an und für sich ist keine schlechte Idee, wie Du selbst zugiebst". (29) Mit "dem Projekt" war Crüsemanns geplante "Bremer Handels Comp." gemeint, deren Statutenentwurf er seinem Vater am 1.5.1856 zur Ansicht geschickt und dessen Kommentierung er gerade von ihm zurückerhalten hatte.(30) Durch die Ergänzung "das Projekt des Norddeutschen Lloyd", die vom Autor des Zeitungsartikels wahrscheinlich ganz arglos als Erklärung - wenn auch eines falschen Sachverhaltes - eingefügt worden war, mußte jetzt der Eindruck entstehen, Projekt samt Namen des Lloyd wären allein von Crüsemann ausgegangen. Folgerichtig war dann auch bei Wilhelm Ehlers in seiner Festschrift zum Lloyd-Jubiläum zu lesen:
Allerdings geht die erste Initiative nicht von ihm [Meier] aus, sondern von dem alsbaldigen ersten Direktor C.E.Crüsemann. Dieser ging mit dem weiter unten zu erwähnenden fertigen Aufruf zu H.H.Meier und fand dann allerdings bei diesem die fördersamste Unterstützung. (31)
Ebenso glaubte nun auch Paul Neubaur, der im ersten Kapitel seines zweibändigen Jubiläumswerkes Eduard Crüsemann bei der Darstellung der Gründung des NDL nicht einmal namentlich erwähnt hatte, jetzt in diesem den eigentlichen Lloyd-Gründer gefunden zu haben, dem der gebührende Ruhm vorenthalten worden war. Neubaur arbeitete die durch den bewußten Brief zwischenzeitlich gewonnenen "neuen Erkenntnisse" in die an die Ausführungen im zweiten Band angehängten Biographien wichtiger Persönlichkeiten der Lloyd-Geschichte ein. In der Biographie Meiers hieß es jetzt: "Im Jahre 1856 trat Eduard Crüsemann ... an H.H.Meier mit der von Crüsemann völlig ausgearbeiteten Idee zur Gründung des Norddeutschen Lloyd heran..." (32) . In der Crüsemann-Biographie betonte er noch einmal:
Die Tatsache, dass Crüsemann den Gedanken der Gründung des Norddeutschen Lloyd zuerst und selbständig bis in seine Einzelheiten, auch unter Zugrundelegung des später beschlossenen Grundkapitals von 3 Millionen Taler Gold, ausgearbeitet hatte, geht mit unzweideutiger Sicherheit aus Familienbriefen hervor, welche erst jetzt, ein Jahr nach dem Tode seiner Gattin, zugänglich gemacht worden sind. (33)
Die Briefe, auf die Neubaur anspielte und die er im weiteren Verlaufe zitierte, sind der Brief Crüsemanns vom 1. Mai 1856, in dem er seinem Vater seinen Statutenentwurf für die "Bremer Handels Comp." übersandte, und jenes bereits erwähnte Schreiben aus der zweiten August-Hälfte, in der er ihm von seinem ersten Zusammentreffen mit H.H.Meier berichtete. Unglücklicherweise scheint Neubaur den darauffolgenden Brief Crüsemanns an Meier nicht gekannt zu haben, in dem dieser die beiden existenten Statutenentwürfe - seinen der "Bremer Handels Comp." und den ihm von Meier überlassenen des "Norddeutschen Lloyd" - diskutiert und zu verschmelzen versucht: "Ich habe den Hauptinhalt des von Ihnen ausgearbeiteten Statuts des "Norddeutschen Lloyd" darin aufgenommen mache aber nicht im entferntesten den Anspruch, als sollte das Statut der "Bremer Handels Comp." so bleiben, wie ich es hingeworfen." (34)

Nur wenige Jahre später kam Friedrich Hardegen, der Einsicht in den Meier'schen Nachlaß, also auch in die von ihm erhaltenen Briefe hatte, in seiner "Gründung des Norddeutschen Lloyd" zu einem ganz anderen Ergebnis. Für ihn stand fest, daß nur H.H.Meier als Gründer des NDL zu bezeichnen sei, was er noch einmal mit der der Abhandlung folgenden Biographie Meiers bekräftigte, die er unmißverständlich "H.H.Meier - der Gründer des Norddeutschen Lloyd" (35) betitelte, während er Crüsemann nur noch zugestand, die "anspornende Persönlichkeit" in der Endphase der Gründung gewesen zu sein. (36) Allerdings ging er in der später begonnenen Biographie nicht mehr so scharf gegen die "Crüsemann-Partei" vor, wie noch in der "Gründung", was die Vermutung nahelegt, daß die letztgenannte Monographie eine direkte Reaktion auf die immer noch umlaufenden Anschuldigungen gegen Meier gewesen sein könnte.

Auch wenn Hardegen als Freund der Familie Meier auf den ersten Blick nicht gerade als neutraler Gutachter gelten kann, so ist ihm - jedenfalls durch Bezugnahme auf den Nachlaß von H.H.Meier und die im Staatsarchiv in Abschriften vorhandenen Briefe Crüsemanns - keinerlei Verdrehung oder Beugung der Tatsachen zu Gunsten Meiers nachzuweisen. Im Gegenteil, die Briefe Crüsemanns lassen deutlich werden, wie wenig sicher sich dieser seiner Position in der Unternehmung war. Obwohl Hardegen z.B. zu erkennen glaubte, daß bei der Abfassung des endgültigen Lloyd-Statuts "der Posten des Direktors auf den noch jugendlichen Crüsemann zugeschnitten war", ebenso wie "auf H.H.Meier der des Vorsitzers des Verwaltungsrats" (37) scheint sich Crüsemann selbst lange Zeit dieser Position keineswegs gewiß gewesen zu sein. Er sah seine Chancen auf Erlangung eines Direktorenpostens anfangs offenbar als von seiner Fähigkeit der Kapitalbeschaffung über die Berliner Handelsgesellschaft abhängig. Als ihm klar wurde, daß von dieser Seite nicht mit einer Aktienzeichnung zu rechnen war, entwickelte er einen ausgeklügelten Plan, um sich mit Hilfe seines Bruders doch noch den Posten zu sichern. (38)

Aus den Crüsemann-Briefen geht aber auch klar hervor, daß er ein nicht zu unterschätzendes antreibendes Moment im Gründungsprozeß war und zudem viele wichtige Ideen mitbrachte, auch wenn er mit seinen Vorstellungen weit über das Nahziel des Machbaren hinausschoß. H.H.Meier hätte den Lloyd der größten Wahrscheinlichkeit nach auch ohne Crüsemann gegründet, Crüsemann seine "Bremer Handels Comp." aber nicht ohne H.H.Meier. Aber hätte Meier den Lloyd so schnell, also noch rechtzeitig vor der nächsten Erschütterung der Finanzmärkte durch die von Amerika herüberschwappende Krise von 1857, und mit einer in den nächsten 31 Jahren so erfolgreich arbeiteten Verwaltung gegründet? Wohl kaum. So wird Eduard Crüsemann in der neueren Literatur denn auch gerechterweise entweder als Mitbegründer des Norddeutschen Lloyd bezeichnet (39) oder doch zumindest sein entscheidender Einfluß auf die Gründung durch H.H.Meier hervorgehoben. (40)

4. Der Reichspolitiker
1848 wurde Deutschland von einer bürgerlichen Revolution aufgewühlt. Die Fürsten mußten sich den Revolutionären beugen, und so trat am 31. März ein Vorparlament in Frankfurt zusammen, das freie Wahlen zur Nationalversammlung vorbereiten sollte. Im Mai 1848 zogen 586 Abgeordnete in die Frankfurter Paulskirche ein, die das Sitzungshaus der Verfassunggebenden Nationalversammlung war. Die Abgeordneten waren durchweg bürgerlicher Herkunft, wobei die Akademiker, vorwiegend Juristen, überwogen.

Bis 1849 hatte man sich unter erheblichen Schwierigkeiten auf eine Verfassung geeinigt. Das größte Problem war die Frage, ob Österreich in den zu bildenden Nationalstaat einbezogen werden sollte. Das Parlament einigte sich mit knapper Mehrheit auf die "kleindeutsche Lösung", also ein Deutsches Reich ohne Anschluß Österreichs.

Das Deutsche Reich sollte eine konstitutionelle Monarchie werden, wobei eine Gewaltenteilung zwischen Erbkaisertum und Reichstag vorgesehen war. Der Preußische König Friedrich Wilhelm lehnte die ihm angebotene Kaiserwürde jedoch ab. Preußen hatte ohnehin schon eine eigene Verfassung oktroyiert, die die in Frankfurt entwickelten Grundrechte (Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit der Person, Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Pressefreiheit, Abschaffung erblicher Vorrechte, etc.) außer Acht ließ. Abgeordnete wurden von ihren Regierungen zurückgerufen oder traten selbst aus der Nationalversammlung aus. Im Mai 1849 gingen die übriggebliebenen Parlamentäre nach Stuttgart, wo die Nationalversammlung wenig später gewaltsam aufgelöst wurde. Die Einigung Deutschlands und die Verwirklichung von Grundrechten für jedermann war gescheitert.

Nach den Kriegen gegen Dänemark und Österreich wurde 1867 unter der Regie Bismarcks der Norddeutsche Bund gegründet, ein Staatenbündnis zwischen Preußen und den norddeutschen Staaten. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes beinhaltete aber die Option des Anschlusses der süddeutschen Staaten. Zu einer endgültigen Einigung kam es erst 1870/71. Während des deutsch-französischen Krieges schlossen sich die süddeutschen Staaten dem Norddeutschen Bund an und unter preußischer Führung wurde das Deutsche Reich gegründet. Der preußische König wurde in Versailles zum Kaiser gekrönt und stand fortan an der Spitze des Reiches. Er regelte die Außenbeziehungen des Reiches, war oberster Heeresführer und ernannte den Reichskanzler und die Staatssekretäre.

Der Bundesrat bildete die Ländervertretung und hatte Gesetzgebungs- und Verordnungs- und Aufsichtsrechte, wobei die 17 preußischen Vertreter ein Vetorecht besaßen.
Der Reichstag, aus freien allgemeinen und gleichen Wahlen hervorgegangen, bewilligte jährlich das Reichsbudget.

Die Reichsverfassung von 1871 bleibt weit hinter den demokratischen Vorstellungen von 1848 zurück - kein Gedanke an allgemeine Grundrechte - allein die Reichseinigung unter preußischer Führung war erreicht.

4.1. Deputierter in der Nationalversammlung zu Frankfurt
H.H.Meier wurde unter bemerkenswerten Bedingungen Deputierter der Nationalversammlung in Frankfurt. Man wählte Meier zunächst als Ersatzmann, ohne überhaupt zu wissen, welche politische Richtung er vertrat. Der Wahlkreis Bremervörde im Königreich Hannover hatte sich in den Kopf gesetzt, ehrenwerte Bremer Kaufleute nach Frankfurt zu senden, und fragte bei dem demokratischen Tischlermeister Wischmann, der eine führende Persönlichkeit der Bremer Märzrevolution war, nach, wen er da empfehlen könne. Dieser empfahl John Droege und H.H.Meier. So wurde Droege am 2. Mai 1848 zum Abgeordneten gewählt und Meier zu seinem Ersatzmann. Nach der Wahl teilte man beiden mit, zu welchen Würden sie gekommen waren.

Diese Anekdote verdeutlicht sehr schön, wie patriarchalisch geprägt die bürgerliche Revolution von 1848 war. Die Auswahl der Volksvertreter war nicht bestimmt von politischen Ideen und Gemeinsamkeiten, sondern von der Reputation des Einzelnen und dessen Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft. Es gab noch keine politischen Parteien oder politische Programme, so daß die Überzeugung des Individuums der Maßstab politischen Handelns war.

Erst Tage nach der Wahl beschloß die Volksversammlung des Wahlkreises Bremervörde, eine politische Stellungnahme der beiden anzufordern. Meier und Droege hatten am 6. Mai 1848 ein Dankesschreiben an die Wahlkommission formuliert, indem sie zuvorderst betonten, daß die Wahl nicht wegen persönlicher Verdienste auf sie gefallen seien konnte, sondern wegen der "(...) innigen Gemeinsamkeit, welche zwischen Bremens Handel und Schiffahrt und dem Handel, Ackerbau und den Gewerben des Königreichs Hannover (...) besteht."(41) Sie waren " auf das festeste überzeugt (...) , daß die Blüthe beider Staaten durcheinander bedingt sei."(42) In ihrem politischen Bekenntnis weisen sie aber nachdrücklich darauf hin, daß " uns vor allem Anderen die heilige Pflicht obliegt, die Einigung unseres geliebten Deutschen Vaterlandes selbst unter Opfern von Sonderinteressen nach besten Kräften mit zu erstreben." (43)

Die Einigung Deutschlands stand für Meier und Droege an erster Stelle. Sie wollten wohl dem Wahlkreis Bremervörde klar zu verstehen geben, daß sie sich nicht für partikularistische Sonderinteressen einsetzen würden. Aus dem Schreiben geht hervor, daß sie in einem reformierten und geeinigten Deutschland die Grundbedingungen für wirtschaftliche und soziale Blüte auch in Hannover und Bremen sahen.

Auf die Forderung der Wahlversammlung legte Meier dann ein ausführliches "politisches Glaubensbekenntnis" (44) ab. - Droege war zu dem Zeitpunkt schon nach Frankfurt abgereist.- Neben der nochmaligen Versicherung, daß die Einheit Deutschlands sein größtes Anliegen sei, bekannte H.H.Meier sich dazu, Republikaner und gegen einen deutschen Kaiser zu sein. Er war der Ansicht "(...) der deutsche Erbfehler ist (sei) vor allem Uneinigkeit, in einer stark ausgeprägten Individualität und daraus folgendem Provinzialismus des deutschen Charakters begründet,(...)" (45) . Dies hätte der Gesetzgeber berücksichtigen müssen, da mit der Kaiserfrage ein Problem aufgeworfen würde, daß die deutsche Einheit verhindern könnte. Meier befürchtete wohl, daß man sich nicht auf eine Person einigen könnte, aber wohl auch, daß die deutschen Fürsten nicht gewillt sein würden, sich einer solchen Zentralgewalt unterzuordnen, bzw. daß eine solche Zentralinstitution die Autonomie der Einzelstaaten irgendwann erdrücken würde, da ein Erbkaiser eine unkontrollierbare Machtposition eingenommen hätte, die unabhängig von allen Kontrollinstanzen der Länder gewesen wäre. Des weiteren sah er in der Kaiserwürde aber auch eine sehr kostspielige Institution, deren Finanzierung man den Völkern nicht unbedingt auferlegen müsse. Hier sprach sicherlich der Kaufmann H.H.Meier.

Die Organisation der Zentralregierung stellte Meier sich folgendermaßen vor: Der Bundestag und eine Ländervertretung, ähnlich dem heutigen deutschen Bundesrat, ernennen ein Bundesministerium. Diesem Bundesministerium sollte ein Ministerpräsident vorstehen. Das Bundesministerium sollte die exekutive Behörde des gesamtdeutschen Parlaments sein und die Verwaltung der Heeres-, Finanz-, Auswärtigen -, Handels- und Zollangelegenheiten übernehmen. In dieser Form der Zentralregierung, sah Meier die Möglichkeit die Autonomie - Meier spricht zwar von Souveränität, der Begriff wäre nach heutiger Definition aber falsch, da die Länder keine von der Zentralregierung völlig unabhängige Politik hätten betreiben können - der Einzelstaaten zu erhalten, aber gleichzeitig den Beschlüssen des Parlaments Nachdruck zu verleihen, da die einzelnen Staaten an der Wahl der Zentralregierung beteiligt gewesen wären.

Als nächstes trug Meier seine Einstellung zur Handelspolitik vor. Er war bis dahin ein "entschiedener Gegner" (46) des preußischen Zollvereins, da dort von fachfremden Theoretikern Politik gemacht worden war, vertrat aber die Ansicht, daß im geeinten Deutschland Fachleute über die Handels- und Zollpolitik entscheiden würden und damit eine sinnvolle Politik zu erwarten wäre.

Die Frage der Schutzzölle behandelte er dahingehend, daß er sie als Starthilfe für junge Industrien als sinnvoll erachtete, als Dauersubvention aber für unangebracht hielt. Meier war immer ein Verfechter der Freihandelspolitik, was mit Schutzzöllen nicht in Einklang zu bringen war.

Nachdem er seine politische Einstellung offengelegt hatte, erklärte er sich bereit, sein Mandat zurückzugeben, falls die Wähler nicht mit ihm übereingestimmt hätten. Diese akzeptierten aber die Einstellung des Mannes, den sie gewählt hatten, ohne ihn zu kennen, und so blieb H.H.Meier Ersatzmann für John Droege. Letzterer trat im März 1849 aus der Nationalversammlung aus. - Warum, ließ sich nicht ermitteln. -

Somit reiste Meier Ende März 1849 nach Frankfurt und erlebte den Untergang der Nationalversammlung mit. In der kurzen Zeit, die Meier in der Nationalversammlung verbrachte, konnte er natürlich nicht sehr viel ausrichten oder durch besonderes Engagement hervortreten. Er meldete sich nur einmal im Parlament zu Wort, und zwar bei einer Debatte über Kriegs-Kaperbriefe. Meier sprach sich entschieden gegen Kaperbriefe aus, da er sie als Seeräuberei betrachtete. Er dachte dabei sicherlich auch an seine eigenen Schiffe, die im Kriegsfalle freie Beute für den Gegner waren und ein gekapertes Schiff enorme Verluste für den Reeder bedeutete. H.H.Meiers Antrag die Ausstellung von Kaperbriefen abzulehnen und auf internationaler Ebene für die Abschaffung derselben zu plädieren, wurde angenommen.

Meier wurde im April noch in den Marineausschuß der Nationalversammlung gewählt, der zu diesem Zeitpunkt schon keinen Einfluß auf die Gestaltung der deutschen Marine mehr hatte, da für diese Aufgabe eine Abteilung im Handelsministerium geschaffen worden war. H.H.Meier plädierte dafür, den Aufbau einer deutschen Kriegsmarine großzügig zu finanzieren. Er vertrat die Ansicht, daß eine starke Kriegsmarine Deutschland zur Großmachtstellung verhelfen würde.

Viel interessanter als seine Tätigkeit im Parlament, ist die Frage, wie Meier zum Kaisertum stand. Er hatte sich in seinem politischen Glaubensbekenntnis von 1848 noch eindeutig gegen einen Kaiser ausgesprochen. Als er 1849 in die Nationalversammlung eintrat, schloß er sich dem Augsburger Hof an. Es gab damals noch keine politischen Parteien und die Abgeordneten mit ähnlichen politischen Vorstellungen trafen sich in Frankfurter Hotels und Gaststätten. Die so gebildeten Fraktionen wurden nach ihrem jeweiligen Treffpunkt benannt, und so gab es das Casino, den Würtemberger Hof, das Deutsche und das Steinerne Haus und eben auch den Augsburger Hof. Der Augsburger Hof war einer der Klubs, in dem sich Vertreter des Erbkaisertums trafen. Es ist keine Stellungnahme Meiers zu finden, warum er seine Einstellung geändert hatte. Auch sein Vorgänger John Droege hatte im Parlament für die konstitutionelle Monarchie gestimmt.

Es bleiben also nur Vermutungen. Würde man Meier aus dem boshaften Blickwinkel betrachten, müßte man ihm politischen Opportunismus vorwerfen. Ich denke aber, daß man ihm Opportunismus einfach nicht vorwerfen kann. Er war ein ausgesprochen selbstbewußter Mann, der es durchaus auch ertragen konnte, im Widerspruch zu anderen zu stehen. Und er war sicherlich auch ein Mann, der sich für seinen Standpunkt engagierte. Ich denke, daß H.H.Meier einfach ein Pragmatiker war. Für ihn war die Einheit Deutschlands das vordringliche Ziel, und wenn dies nur mit einem Monarchen an der Spitze machbar war, dann hielt Meier seine Vorbehalte gegen einen Kaiser zurück und arbeitete weiter, um die Einheit in seinem Sinne mitzugestalten. Der Augsburger Hof war daher sicherlich das Forum, das Meiers Ansichten am nächsten stand. Dort war die politische Einstellung vorwiegend freisinnig und liberal und eindeutig abgegrenzt von radikal-demokratischen oder konservativen Ideen.

Am 21. Mai 1849 trat Meier gemeinsam mit vielen anderen Parlamentariern aus der Nationalversammlung aus. Sein Wahlkreis schickte ihm noch eine Aufforderung auszuharren, aber diese erreichte ihn schon nicht mehr in Frankfurt. In einem ausführlichen Schreiben legte er seinen Wählern dar, warum er die Nationalversammlung verlassen hatte. Nachdem der preußische König die Kaiserwürde abgelehnt hatte und die deutschen Fürsten die Verfassung nicht anerkannten, schrieb H.H.Meier, daß er nur zwei Wege sähe, die jetzt noch gangbar gewesen wären, "(...) entweder der raschere, aber gewiß sehr zweifelhafte Weg der offenen, gewaltsamen Revolution oder der langsamere, den der friedlichen, nachhaltigen und innerhalb der bestehenden Landesgesetze sich bewegenden Agitation (...)". (47)

Meier entschied sich für die Agitation, da er befürchtete, daß
G(g)anz abgesehen von der Rechtmäßigkeit zur offenen Gewalt, von den großen moralischen und materiellen Nachteilen und allen den sonstigen schrecklichen Folgen eines blutigen Bürgerkrieges für das Vaterland, welche als Preis für die Deutsche Einheit und Freiheit es werth sein möchten, hegte ich keinerlei Zweifel, daß dieser Kampf eine Aussicht auf irgendeinen Erfolg nicht habe, daß im Gegenteil der Reaction eine mächtige Waffe dadurch in die Hand gegeben, daß die Freiheit auf manche Jahre wieder gefährdet und das endlich die Einheit durch den Bruderkrieg in ferne Zukunft hinaus gerückt, wenn nicht auf immer in Frage gestellt werden würde (...). (48)2

Meiers Einschätzung der Situation war gewiß nicht falsch. Die Nationalversammlung hatte auf die Kooperation der Fürsten gerechnet. In dem naiven Glauben, die Regenten der Länder wären von den reformatorischen Ideen genauso überzeugt wie das Bürgertum, hatte man nicht damit gerechnet, daß die Reaktion, von wiedergewonnenem Selbstbewußtsein angetrieben, die Veränderungen rundheraus ablehnen würde. Das Parlament hatte seine eigene Machtlosigkeit völlig verkannt und hatte es versäumt, Mittel und Wege zu finden, um die Durchführung der Verfassung auch gegen den Willen der Regierungen zu erzwingen.
Ein Bürgerkrieg hätte, wie Meier richtig einschätzte, keinerlei Aussicht auf Erfolg gehabt. Man war nicht bewaffnet und hatte auch keinerlei militärische Unterstützung zu erwarten. Ein bewaffneter Aufstand wäre, wie es sich ja auch in Baden gezeigt hat, in kürzester Zeit niedergeschlagen worden. Auch ein Ausharren in der Nationalversammlung hätte keinen Erfolg gebracht. Dies zeigte sich ja in Stuttgart, wohin sich die übriggebliebenen Parlamentäre zurückgezogen hatten, wo das Rumpfparlament mit Waffengewalt aufgelöst wurde.

Inwieweit die von Meier angesprochene Agitation zum Erfolg geführt hätte, ist natürlich auch sehr fraglich. Die sehr weit gehenden demokratischen Forderungen hätten niemals Seite an Seite mit den Regenten durchgesetzt werden können. Für eine Revolution unter demokratischen Vorzeichen hätte nur dann eine reelle Chance bestanden, wenn das Bürgertum den Adel entmachtet hätte.

Meier erntete harsche Kritik für seine Entscheidung, aus der Nationalversammlung auszutreten. Die "Politische Wochenschrift für die Gegenden der Unterweser und Elbe" vom 31.05.1849 schrieb: "Wir erklären das Weglaufen des H.H.Meier hiermit für eine nicht laut und offen genug zu tadelndes Verlassen der Sache des deutschen Vaterlandes. Auch dieser Mann, ein unabhängiger Republikaner, ist so schwach, der Fürsten Vorsehung höher zustellen als Gottes Vorsehung und das Recht. Wer nicht beharren wollte, da, wo das Geschick des Vaterlandes sich entscheiden soll, hat das Vertrauen seiner Wähler gemißbraucht! Selbst die Schwäche ist in diesem Augenblicke strafbar vor der Geschichte. Wie mag H.H.Meier ohn' Erröthen in dem in dem "freien" Bremen wandeln, da er dem Vaterlande, welches Rechenschaft fordert, Nichts zu antworten weiß, als "ich habe das Vaterland im entscheidenden Augenblicke verlassen." (49)

4.2. Die Zeit des Norddeutschen Bundes 1867- 1871
4.2.1. Sonderbevollmächtigter des Bremer Senats (1866)
Schon 1866 wurde H.H.Meier als Sonderbevollmächtigter des Bremer Senats nach Berlin geschickt.
Preußen und Österreich kämpften 1866 um die politische Vormachtstellung in Deutschland. Preußen gewann den deutsch-deutschen Krieg und rief im Juni 1866 zu einem reformierten Deutschen Bund ohne Österreich auf. Bremen hatte dem Bündnis zugestimmt. Nach dem Eintritt in das Bündnis wollte man schnell einige Fragen lösen, in denen es immer wieder zu Konflikten mit Hannover gekommen war. Die Stellung Hannovers war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Die preußischen Truppen hatten Hannover, das an der Seite Österreichs gekämpft hatte, zwar besiegt, aber in Bremen nahm man an, daß Hannover seine Eigenständigkeit innerhalb des neuen Bundes behalten würde.

Es war daher durchaus geschickt, Meier nach Berlin zu schicken, da dieser kein Senatsmitglied war, aber renommiert und politisch erfahren, und mit guten Beziehungen zur preußischen Regierung ausgestattet war. Die Bremer Wünsche konnten über Preußen in die Friedensverhandlungen einfließen, ohne daß Bremen offiziell in Erscheinung trat. Auf diesem Wege verärgerte man Hannover nicht und hielt sich für zukünftige Verhandlungen gute diplomatische Beziehungen offen.

Die zu verhandelnden Fragen waren von verkehrs- und handelspolitischer Bedeutung. Zum einen ging es um die Militärhoheit Hannovers in Bremerhaven. Die Hannoveraner hatten ihre Schutzwälle zur See hin so unglücklich gebaut, daß bei einem Angriff von See die Hafenanlagen zerstört worden wären. Da Preußen wenig militärisches Interesse an diesem Gebiet hatte, sollte Meier darauf hinwirken, daß Bremen die Militärhoheit über Bremerhaven bekommen würde.

Ein weiterer Punkt war die Bahnlinienführung. Bremen wollte, daß die Bahnlinie Paris - Hamburg direkt über Bremen führen sollte, während Hannover die Linienführung über Vegesack bevorzugte.

Weitere Streitpunkte waren der Bahnhof in Geestemünde, der zu weit von Bremerhaven entfernt war, und die Tatsache, daß Sonderzüge für Auswanderer, aber nicht für Einwanderer bereitgestellt wurden. Außerdem wollte man die Beschränkungen im Telegrafendienst - Telegramme aus Bremerhaven und Vegesack durften nur bis Bremen gehen, nicht über die Stadtgrenzen hinaus - aufgehoben wissen.

Als Meier in Berlin erfuhr, daß Hannover von Preußen annektiert worden war, entwickelte er eigenständig Pläne für die Verhandlungen mit Preußen. Bremen sollte erstens Geestemünde und zweitens alle an Bremen vorbeiführenden Bahnlinien aufkaufen. Diese Ideen wurden aber vom Bremer Senat zurückgewiesen, da man sie als zu kostspielig erachtete.

H.H.Meier konnte aber alle anderen Angelegenheiten zur Zufriedenheit des Senats klären. Er wurde im gleichen Jahr in Anerkennung seiner Leistungen mit der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Bremen ausgezeichnet.
4.2.2. Abgeordneter im Reichstag des Norddeutschen Bundes
1867 konnte Bismarck, mit Rücksicht auf französische Interessen, nur die Staaten nördlich des Mains vereinigen. Die Wahlen zum konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes fanden am 12. Februar 1867 statt. Für die Wahl war das allgemeine gleiche Wahlrecht der Verfassung von 1849 vorgesehen. Demnach hatte Bremen einen Sitz im Reichstag. Es wurden zwei Kandidaten aufgestellt: Erstens der Kaufmann und Demokrat Wilhelm Brandt. Hinter Brandt standen Demokraten aller Schattierungen, Proletarier mit ersten sozialistischen Tendenzen aber auch der bürgerliche Mittelstand, der durch das Acht-Klassen-Wahlrecht in Bremen durchaus benachteiligt war. Brandt trat für die Demokratisierung aller staatlichen Organe ein und für ein allgemeines gleiches Wahlrecht auch in Bremen. Er vertrat auch die Ansicht, daß Bremen dem Zollgebiet beitreten sollte, um die industrielle Entwicklung Bremens voranzutreiben.

Demgegenüber stand H.H.Meier, der ein Repräsentant der bürgerlichen Oberschicht war, und dessen Überzeugung es war, daß die Interessen der gehobenen bremischen Kaufmannschaft eng mit dem Wohl des bremischen Staates verbunden waren.

Als überzeugter Liberaler war Meier durchaus für ein allgemeines und freies Wahlrecht, hatte aber wirtschaftspolitisch völlig andere Vorstellungen als Brandt. Für Meier war das Freihandelsrecht Bremens von elementarer Wichtigkeit, womit er natürlich auch in liberaler Tradition stand und den handelspolitischen Interessen der Kaufmannschaft gerecht wurde.
H.H.Meier gewann die Wahl. Er hatte bei 82% Wahlbeteiligung 10 525 Stimmen (50)1 bekommen.

Brandt war allerdings auch nicht erfolglos, er hatte in Bremerhaven, in der Neustadt und in den Vorstädten, deren Bevölkerungsstruktur einen hohen Arbeiteranteil aufwies, immerhin 4 818 Stimmen (51)2 sammeln können.

Meier, bis dahin parteilos, trat in die neugegündete nationalliberale Partei ein. Diese vertrat eine Preußen-freundliche Politik und unterstützte Bismarck vorbehaltlos. Bismarck war bei den Liberalen nicht unumstritten. Der sehr autoritäre und reaktionäre Politiker hatte es aber mit seiner Kriegspolitik geschafft, das Nationalgefühl des liberalen Bürgertums anzusprechen. So auch sicherlich bei H.H.Meier, der schon 1848/49 seine republikanische Position aufgegeben hatte und mit der Erbkaiserpartei des Augsburger Hofes sympathisiert hatte. Der tief in dem Wertesystem der hanseatischen Oberschicht verwurzelte Meier konnte sicherlich eher Berührungspunkte mit den Machtstrukturen des preußischen Adels finden - der dem Bürgertum mittlerweile ein gehöriges Maß an Mitspracherecht zugestand - als sich auf demokratische oder gar sozialistische Ideen einzulassen. Die hierarchischen, oder besser die patriarchalen Strukturen der Bremer Oberschicht ließen einen Gedanken an demokratische Organisation eines Staates, oder gar Volkssouveränität nicht zu. Von daher stand Meier der Politik Bismarcks sicherlich einfach näher als irgend einer anderen politischen Richtung. Außerdem, wie vorher schon gesagt, war H.H.Meier Pragmatiker; mit Bismarck war ein Deutsches Reich, mit weitestgehender Selbständigkeit Bremens in der Handelspolitik, in greifbare Nähe gerückt und deswegen war die nationalliberale Partei sein politisches Forum.

Allerdings auch nicht vorbehaltlos. Meier trat 1868 wegen sachlicher Differenzen, welche, war leider nicht zu ermitteln, aus der nationalliberalen Partei wieder aus. Er mußte jedoch sehr schnell erkennen, daß er als Individualist nichts erreichen konnte, und trat der Fraktion wieder bei.

Die Verfassungsverhandlungen waren für Meier dominiert von der Frage, ob die Hansestädte Lübeck, Hamburg und Bremen Freihandelszonen bleiben konnten oder nicht. Für H.H.Meier, dessen Unternehmen vorwiegend im Überseehandel tätig waren, war diese Frage natürlich eine existentielle. Die Hansestädte konnten ihre Position behaupten und ihnen wurde der Zollanschluß freigestellt.

Eine weitere viel diskutierte Frage in Bremen war die Frage nach dem militärischen Engagement im neuen Bündnis. Bismarck betrachtete die militärische Beteiligung Bremens als selbstverständlich, er hatte Bremens Beteiligung schon beim deutsch-deutschen Krieg gefordert und erhalten. In einem Schreiben vom 2. Februar 1867 an sein Wahlkomitee bezieht Meier zu diesem Thema Stellung. Er schreibt: "Der allgemeinen Wehrpflicht, sowohl zu Lande, als auch zur See, werden wir uns nicht entziehen können, und ich meine, auch nicht entziehen wollen, denn in der Tath, sie ist eines großen freien Volkes, welches bereit ist, für das Vaterland Gut und Blut einzusetzen, allein würdig. Es müssen aber solche Einrichtungen getroffen werden, daß Deutschlands berechtigter Antheil am großen Welthandel nicht dadurch beeinträchtigt wird, daß Deutschlands Seeschiffahrt, an Größe die dritte der Welt, nicht dadurch gehemmt wird, daß die Marine den Handelsschiffen die Besatzung nimmt, (...)". (52)1 Auch hier wird deutlich, daß Meier bei allem Patriotismus seine geschäftlichen Interessen nie vergaß. Er wollte durchaus das Ansehen Deutschlands durch ein starke Marine gefördert sehen, aber die Befürchtung, Personal zu verlieren, konnte er nicht ganz unterdrücken.
Meier blieb bis zur Auflösung des Norddeutschen Bundes im Dezember 1870 Reichstagsabgeordneter.
4.2.3. Abgeordneter im deutschen Reichstag 1878 - 1887
Noch während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 wurde das Deutsche Reich gegründet. Die Süddeutschen Staaten hatten sich während des Krieges mit Preußen verbündet und beantragten im Oktober 1870 den Anschluß an den Norddeutschen Bund. Im November schon wurden die Verträge abgeschlossen und im Dezember vom Norddeutsche Reichstag ratifiziert. Im Januar 1871 wurde dem preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal zu Versailles die deutsche Kaiserkrone überreicht.

In Bremen hatte man eine Kandidatur zum deutschen Reichstag an H.H.Meier herangetragen. Dieser lehnte aber ab, da er den damit verbundenen ständigen Aufenthalt in Berlin nicht mit seinen Geschäften und seiner Familie vereinbaren konnte. So wurde ein anderer nationalliberaler Kandidat, Walter Mosle, aufgestellt und gewählt.

1874 mußte Meier die bittere Erfahrung einer Niederlage machen. Er hatte sich entschlossen, wieder in die Politik zu gehen, da sein Sohn aus Amerika zurückgekehrt war und in die Firma H.H.Meier & Co eintrat und seinen Vater somit entlastete. Da Mosle aber ein nun schon bekannter und erprobter Kandidat war, wählte man diesen wieder in den Reichstag.

Erst 1878 bekam Meier ein Mandat des Wahlkreises Schaumburg-Lippe und wurde wieder Mitglied des Reichstages. Bei der Reichstagswahl 1881 erhielt er wieder ein Bremer Mandat, da Mosle inzwischen für den Zollanschluß plädierte, was den Bremern gar nicht gefiel.

Der inzwischen 76jährige Meier ließ sich 1887 nochmals für eine Wahl aufstellen, verlor diese aber in einer Stichwahl gegen den Freisinnigen Constantin Bulle, da die Sozialdemokraten Bulle in der Stichwahl unterstützt hatten.

H.H.Meier war also neun Jahre lang Mitglied des Deutschen Reichstags. Er war sicherlich kein professioneller Politiker, aber er war der Ansicht,
"(...) daß meine (seine) langjährigen und vielseitigen practischen Erfahrungen in den verschiedenen Zweigen des Verkehrslebens und die daraus gewonnene Kenntnisse nicht sehr häufig im Reichstag vertreten sein werden, wie es im allgemeinen gewiß wünschenswerth wäre;" (53)
Gemäß dieser Überzeugung trat Meier auch vorwiegend bei handels- und verkehrspolitischen Debatten in Erscheinung.

Meier war Zeit seines Lebens überzeugter Freihändler. Durch den Bismarckschen Schwenk zur Schutzzollpolitik sah er sich in die Opposition gedrängt, da er als Kaufmann, dessen Geschäfte vorwiegend im Überseehandel verankert waren, diese Politik nicht befürworten konnte und durch diese auch seine Geschäfte beeinträchtigt sah.

Zum Beispiel wollte die Fraktion der "Schutzzöllner" einen verdreifachten Zoll auf importierten Rohtabak einführen. Und man spielte sogar mit der Idee ein staatliches Tabakmonopol einzuführen. Ein staatliches Tabakmonopol wäre für Bremen und auch für die Firma H.H.Meier & Co eine Katastrophe gewesen. Das Gesamtvolumen des in Bremen im- und exportierten Rohtabaks betrug 140 Mill. Mark, dazu kam noch mal ein Volumen von ca. 9 Mill. Mark für Tabakprodukte (54) - vorwiegend Zigarren. Auch H.H.Meier & Co handelte mit Tabak aus Amerika. Meier wandte sich natürlich gegen das Tabakmonopol, aber auch der Bremer Senat bekämpfte es energisch. Die Erhöhung des Zolls konnte man nicht abwenden, aber die Monopolidee wurde vorerst fallen gelassen.

Auch Meiers kolonialpolitische Einstellung war von seiner freihändlerischen Überzeugung geprägt. Er war der Überzeugung, daß die Kolonialpolitik sich in Zeiten des freien Verkehrs überlebt habe. Der Handel mit den Kolonien sei eigentlich allen Völkern zugänglich, und daher sah er keine Notwendigkeit, daß Deutschland eigene Kolonien aufbaute. Zumal er jegliche staatliche Beeinflussung des Handels verurteilte. Seine Maxime war, daß "sich aller Handel möglichst frei und ungehemmt bewegen müsse, um zu gedeihen, (...)" (55) Meier vertrat damit sicherlich eine für seine Zeit ungewöhnliche Position in der Kolonialpolitik.

Ein anderes Thema behandelte er weit weniger ungewöhnlich. In einer Wahlrede vom 11. Oktober 1881(56) bezog H.H.Meier Stellung zu den Themen Sozialversicherungen, insbesondere die Renten- und Unfallversicherungen, und die Sozialistengesetze. Auch hier vertrat Meier die klassische liberale Position der Nichteinmischung des Staates. Die soziale Frage und die Problematik zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern lasse sich am besten durch Selbsthilfe der Betroffenen lösen. Sozialversicherungen durften daher keine staatlichen Institutionen sein, sondern müßten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern selbst ausgehandelt werden. Staatliche Intervention würde das Volk (die Arbeiter) nur in Abhängigkeit und Trägheit bringen. Das Volk würde seine eigene Initiative verlieren und wäre der Eigenverantwortung beraubt.

Meier unterstützte die Sozialistengesetze von 1878. Wobei ich denke, daß hier weniger wirtschaftsliberale Überlegungen von entscheidender Bedeutung waren, sondern Ängste des kapitalistischen Bürgertums. Die sozialistische Bewegung hatte in den 1870er Jahren stetig an Bedeutung gewonnen. Die 1875 gegründete "Sozialistische Arbeiterpartei Deutschland" stellte revolutionäre Forderungen. Ein Mann wie H.H.Meier, dessen Sozialisation in der Oberschicht des Bürgertums stattgefunden hatte, der ein Kind bürgerlichen Denkens war, mußte sich von sozialistischen Forderungen bedroht fühlen. Als es Bismarck gelang, das Attentat auf den Kaiser im Mai 1878 der sozialistischen Bewegung zuzuschreiben, war es dann auch für den liberalen Meier keine Frage mehr, daß hier staatliche Intervention von Nöten war.

H.H.Meiers Biographen Friedrich Hardegen und Käthi Smidt betonten immer wieder, daß Meier sich in seinen politischen Aktivitäten nur dem Gemeinwohl verpflichtet habe.
Ich denke, H.H.Meiers politische Laufbahn war immer von zwei Zielen geleitet: Erstens, aus den deutschen Satellitenstaaten eine Einheit zu schaffen, und zweitens, innerhalb dieser Einheit die Interessen Bremens und der Bremer Kaufmannschaft soweit als irgend möglich zu wahren.

Die Einheit Deutschlands hat ihm unzweifelhaft sehr am Herzen gelegen. Er war, wie man seinen Wahlreden und sonstigen politischen Äußerungen entnehmen kann, immer bereit, die Interessen Bremens in einem gewissen Maße zurückzustellen, wenn dies der Einheit Deutschlands dienlich gewesen wäre. Meier war gewiß ein Patriot seiner Zeit. Er unterstützte den preußischen Anspruch, daß Deutschland neben England und Frankreich eine Vormachtstellung in der Welt gebührt. Dies kann man wiederholt an seinen Ausführungen zum Thema Kriegsmarine erkennen. Meier plädierte immer für eine große Kriegsflotte, da Deutschland mit einer großen Flotte seinen Anspruch auf Überlegenheit demonstrieren und nur auf diesem Wege neben England und Frankreich bestehen könnte.
Aber Meier ging es nicht nur um eine führende Stellung Deutschlands in der Weltpolitik, er wollte sicherlich auch die ökonomischen Vorteile, die die Einheit Deutschlands mit sich brachte, für Bremen und seine eigenen Geschäfte nutzen.

So beschäftigte sich H.H.Meier als Reichspolitiker vorwiegend mit wirtschafts- und verkehrspolitischen Fragen. Seine Aktivitäten und Interessen waren aufs engste mit den Interessen der Bremer Kaufmannschaft verbunden, und für diese engagierte er sich voll und ganz. In der Paulskirche trat er vehement gegen die Kaperei an, im Parlament des Norddeutschen Bundes und später im Reichstag kämpfte er für die Freihandelsstellung Bremens, und er sorgte sich sogar, daß eine Kriegsflotte das Personal der Handelsflotte vereinnahmen könnte. Aber insbersondere Bremens Stellung als Freihandelszone lag ihm sehr am Herzen. Die Bremer Kaufleute und auch H.H.Meier lebten vom Überseehandel; sie importierten alle nur erdenklichen Waren aus Nord- und Südamerika, aus der Karibik und aus Südostasien. Ein Anschluß Bremens an das deutsche Zollgebiet hätte die Geschäfte der Bremer Kaufleute stark beeinträchtigt. Wobei man andererseits die Zolleinheit nur begrüßen konnte, da sie den Warenverkehr ins übrige Deutschland erstens stark vereinfachte und zweitens die Verdienstspanne erhöhte.

Ich denke, Meier vertrat die Überzeugung, daß gutgehende Geschäfte immer auch dem Gemeinwohl dienlich seien, daß der Reichtum der Kaufleute immer auch der Stadt Bremen zugute komme und damit der Allgemeinheit. Diese Überzeugung ist aus der Perspektive der Bremer Oberschicht vollkommen nachvollziehbar, inwieweit die Allgemeinheit tatsächlich partizipieren konnte, bleibt fraglich.

Juni 2000

 

Sekundärliteratur
Bessel, Georg: 1857 - 1957 Norddeutscher Lloyd - Geschichte einer bremischen Reederei,
Carl Schünemann, Bremen, 1957.

Drechsel, Edwin: Norddeutscher Lloyd Bremen 1857 - 1970 History - Fleet - Ship Mails,
Vol. I, Cordillera Publ. Co., Vancouver, B.C., 1994.

Duckwitz, Arnold: Denkwürdigkeiten aus meinem öffentlichen Leben von 1841 - 1866,
Carl Schünemann, Bremen, 1877.

Ehlers, Wilhelm: Fünfzig Jahre Norddeutscher Lloyd - Zur Erinnerung an das fünfzigjährige Jubiläum
am 20. Februar 1907
, Carl Schünemann, Bremen, 1907.

Hardegen, Friedrich: Die Gründung des Norddeutschen Lloyd, Gustav Winter, Bremen, 1913.

Hardegen, Friedrich und Käthi Smidt: H.H. Meier - der Gründer des Norddeutschen Lloyd,
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig, 1920.

Historische Gesellschaft des Künstlervereins (Hrsg.): Bremische Biographie des neunzehnten Jahrhunderts,
Bremen, 1912.

Historische Kommission bei der bayerischen Akademie der Wissenschaften (Hrsg.):
Neue Deutsche Biographie, Bd. 6, Berlin, 1964.

Kloos, Werner: Bremer Lexikon - Ein Schlüssel zu Bremen, H.M. Hausschild, Bremen, 1977.

Lindeman, Moritz: Der Norddeutsche Lloyd - Geschichte und Handbuch, Carl Schünemann, Bremen, 1892.

Neubaur, Paul: Der Norddeutsche Lloyd - 50 Jahre der Entwicklung 1857 - 1907, Bd. I und II,
Fr. Wilh. Grunow, Leipzig, 1907.

Reeken, Dietmar von: Lahusen - Eine Bremer Unternehmerdynastie 1816 - 1933, Edition Temmen,
Bremen, 1996.

Schwarzwälder, Herbert: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen,
Bd. 2: Von der Franzosenzeit bis zum Ersten Weltkrieg (1810 - 1918). Edition Temmen, Bremen, 1995.

Witthöft, Hans Jürgen: Norddeutscher Lloyd, Köhlers Verlagsgesellschaft, Herford, 21973.

 

Fußnoten:
(1) Eine Zusammenfassung nach: Hardegen/ Smidt
(2) vgl. Anlage 1
(3) Außer bei Meiers Bruder Diedrich August, der die aus Kassel stammende Meta Rommel heiratete, kommt damit die
innerbremische Familienpolitik wieder voll zum Tragen. Großvater Diedrich hatte eine Smidt, Vater Hermann Henrich eine
Warneken geheiratet. Über den Bruder John Daniel kam die Verbindung zu Kulenkampffs zustande, während die kleine
Schwester Betty in die Familie Noltenius einheiratete. H.H.s Tochter Käthi bildete mit der Hochzeit mit dem Enkel von
Bürgermeister Smidt schließlich den Abschluß dieser Reihe. Für einen groben Überblick über die
Verwandtschaftsverhältnisse der Familie Meier, in der sich u.a. Georg Gröning, Martin Christian Leberecht Lahusen und
seine Schwester Adelheid, sowie Lloyd-Mitgründer Johann Gustav Kulenkampff finden, vgl. Stammbaum in Anlage 1.
(4) Hardegen/Smidt, S.99
(5) Hardegen/Smidt, S.161
(6) Die erste deutsche Kriegsflotte, kommandiert von Admiral Brommy, war 1853 endgültig aufgelöst worden, und ihre Schiffe
standen zum Verkauf.
(7) Hardegen, Gründung, S. 8/9
(8) Duckwitz, S. 126
(9) Duckwitz, S. 126
(10) Hardegen, Gründung, S. 16. Das Exemplar von Arnold Rehm befindet sich im Deutschen Schiffahrtsmuseum in
Bremerhaven.
(11) vgl. Brief Meiers an L. Kerst vom 19.10.1853 (Abschrift), StaB 7/16 26/6 XX 3
(12) Statuten der "Brem. - Englischen Schraubendampfschifffahrtsgesellschaft zwischen Europa und Nordamerica" StaB 7,16
26/6 XX 2; Statut des Norddeutschen Lloyd 1857 StaB 7,16 26/6 XX 61
(13) Hardegen/Smidt, S. 116
(14) StaB 7,16 26/6 XX 3
(15) Hardegen/Smidt, S. 117/118
(16) Hardegen/Smidt, S. 120
(17) Hardegen/Smidt, S. 123/124
(18) Brief Crüsemanns an seinen Vater, August 1856, StaB 7,16 26/6 XX 5
(19) ebd.
(20) ebd.
(21) Brief Crüsemanns an Meier vom 30. August 1856, StaB 7,16 26/6 XX 5
(22) ebd.
(23) Hardegen/Smidt, S. 127 - 9
(24) Hardegen/Smidt, S. 131
(25) Hardegen/Smidt, S. 133
(26) Courier an der Weser, 16.6.1858, StaB 7,16 26/6 XX 41
(27) Lindeman, S. 9 ff.
(28) Festrede gemäß der Zweiten Beilage zu Nr. 46 der "Nordwestdeutschen Zeitung" vom 23. Februar 1907, Kursive von der
Autorin
(29) StaB 7,16 26/6 XX 5
(30) ebd. Die Autorin befindet sich in der unangenehmen Lage, die Originale der entscheidenden Crüsemann-Briefe nicht eingesehen zu haben, da sich ihr Verbleib nicht klären ließ. Es besteht allerdings kein Grund, an der sachlichen Richtigkeit der im Staatsarchiv befindlichen Abschriften zu zweifeln, zumal sich die zur Debatte stehenden Sachverhalte auch aus dem Zusammenang der diversen Brief ebenfalls ableiten lassen. Nur falls eine stringente Fälschung sämtlicher im Staatsarchiv vorhandener Crüsemann-Briefe vom Mai 1856 bis Januar 1857 vorläge, würden andere Schlüsse angebracht sein. Hiervon ist aber wohl kaum auszugehen.
(31) Ehlers, S.1
(32) Neubaur, Bd. 2, S. 591
(33) Neubaur, Bd. 2, S. 596
(34) Crüsemann an Meier, 30. August 1856, StaB 7/16 26/6 XX 5
(35) Das Kapitel über die Lloyd-Gründung in der Biographie von Hardegen ist ein Zusammenfassung seiner Abhandlung
"Die Gründung des Norddeutschen Lloyd". Es enthält nur kleinere Ergänzungen gegenüber der früheren Veröffentlichung.
(36) Hardegen/Smidt, S. 127
(37) Hardegen/Smidt, S. 130
(38) Brief an seinen Bruder vom 29.10.1856, StaB 7,16 26/6 XX 5. Letztlich hat sich dieser Plan dann doch wohl als
überflüssig herausgestellt, da Crüsemann bereits vom provisorischen Verwaltungsrat zum Direktor ernannt wurde.
Sein Aktienplanspiel hätte aber erst bei der ersten Generalversammlung zum Tragen kommen können.
(39) Kloos, S. 70; Drechsel, S. 3
(40) Bessel, S. 18 - 20; Witthöft, S. 11
(41) StaB 7,16 29/7 Nr.3
(42) ebd.
(43) ebd.
(44) StaB 7,16 29/7 Nr.8
(45) ebd.
(46) StaB 7,16 29/7 Nr.8
(47) StaB 7,16 29/7 Nr.14
(48) ebd.
(49) StaB 7,16 29/7
(50) StaB 7,16 31/7 Nr. 19
(51) ebd.
(52) StaB 7,16 31/7
(53) StaB 7,16 31/7
(54) vgl. Schwarzwälder, S. 332
(55) vgl. Hardegen/Schmidt, S. 236
(56) vgl. StaB 7,16 31/7 Nr.87