Dissertation vorgelegt an der Universität Bremen 1998
Abstrakt
PRÄMISSE
Bisher liegt weder eine umfassende qualitative Studie der ‚schwarzen‘
Unruhen in Großbritannien vor, noch eine Sozialgeschichte ‚schwarzer‘
Bewegungen. Diese historische Phase ist belastet, allzu wach noch sind
die Erinnerungen an jene Zeit, als Englands Städte brannten, ‚Schwarze‘
erschossen, Polizisten erschlagen wurden. Daran zu rühren weckt unangenehme
Erinnerungen, man rühmt sich jener Episode nicht. Trotz Vorlage zahlreicher
englischer Arbeiten zu Fragen von Benachteiligung, eingegrenzter Perioden
sozialer Bewegung oder einzelner Proteste fehlt eine Gesamtdarstellung,
eine Historiographie von Rassismus und ‚schwarzer‘ sozialer Bewegung in
England. Im Hinblick auf gewaltförmige Unruhen zeigt sich sogar, daß
die vorliegenden Veröffentlichungen sogar irreführend sind. Sie
betrachten weder einzelne Perioden, noch die Geschichte der Einwanderung,
die Formierung von Communities oder die verschiedensten Protestzyklen
in ihrem Kontext, deshalb bleiben sie fragmentarisch und letztlich ahistorisch.
Insofern unterscheidet sich der Forschungsstand stark von den Untersuchungen
der US-amerikanischen Ghettorevolten in den 1960er Jahren.
Auch hierzulande ist die englische Geschichte des Rassismus und seiner
Konflikte bislang ebensowenig rezipiert, wie der Prozeß seiner Überwindung.
Dies ist bedauerlich, handelt es sich doch um eine Erfolgsstory. Die könnte,
einmal zur Kenntnis genommen, auch dem bundesdeutschen Diskurs um Ausländerintegration
Impulse geben.
FRAGESTELLUNG
Ziel dieser Arbeit ist, den Organisationsformen und Aktionen der ‚schwarzen‘
Revolten in Großbritannien zwischen 1960 und 1989 nachzugehen, sie
nachzuzeichnen und aus sich selbst heraus sprechen zu lassen. Sie fragt
nach den Zusammenhängen zwischen ökonomischen Bedingungen, Diskriminierung,
sozialen und politischen Organisationsstrukturen, politischen Protesten,
Aufruhr und ‚schwarzer‘ Kriminalität, um die Unruhen vor dem Hintergrund
des Rechtsempfindens, der Moral und Kultur der Partizipanten zu dekodieren,
sie nachvollziehbar und verständlich zu machen. Erst wenn man die
Haltungen der Handelnden selbst berücksichtigt und daraus die subjektive
Perspektive rekonstruiert, erschließt sich der gesamte Zusammenhang
von Benachteiligung, Rassismus und Aufstand.
Die Arbeit versucht eine Rekonstruktion der Genese von Haltungen, Ideologien,
Bewußtsein und Moral in den ‘schwarzen’ Communities zwischen 1960
und 1990. Sie geht der Formierung ‚schwarzer‘ Communities nach, leitet
deren Kultur und Politik ab von den mitgebrachten Ansprüche und Erwartungen
der Migranten.
Besonderes Augenmerk gilt dem spannungsreichen und konflikträchtigen
Verhältnis zwischen den „Fremden“, den ‚schwarzen Jugendlichen‘, später
der gesamten ‚schwarzen‘ Community und der Polizei. Über Dekaden hatte
sich eine regelrechte Feindschaft entwickelt, war Wut gewachsen und hatten
sich die Beziehungen dermaßen verhärtet, daß sich der
Konflikt schließlich in zahllosen gewalttätigen Auseinandersetzungen
entlud.
Sodann wird die Geschichte von öffentlichen und Straßenprotesten
bis hin zu den offenen Aufständen in den 1970er und 80er Jahren chronologisiert
und quantifiziert. Die Arbeit beschreibt die Ereignisse und Ereignisketten,
kondensiert diese überhaupt erst zu einer Sozialgeschichte ‚schwarzer‘
Bewegung, um deren Wechselwirkung mit der Konstituierung von ‚schwarzen‘
Communities zu erfassen.
So lassen sich die zentralen Anliegen beantworten, 1.) die Kontextualisierung
und 2.) die Dekodierung des ‚schwarzen‘ Aufruhrs.
Schlußendlich werden die Aufstände selbst zwischen 1980
und 1989 analysiert, indem eine Anatomie vorgenommen und all jenen Hinweisen
nachgegangen wird, die über Inhalt und Ziel der Aufstände Auskunft
geben konnten. Die Forschungen ergaben einen umfassenden historischen Kontext
‚schwarzen‘ Aufruhrs, der in der Geschichte der Immigration wurzelte, bereits
1969 seinen Ausgang nahm, 1981, sowie 1985 in ausgedehnten Aufständen
kulminierte, um bis in die jüngste Vergangenheit fortzubestehen.
Methode
Um diesem Anliegen gerecht zu werden, stützt sich die Forschung
auf vier wesentliche methodologische Ansätze. Von primärer Bedeutung
für diese Arbeit sind die Konzepte der radikalen englischen Sozialgeschichtsschreibung,
von Thompson, Rude, Hobsbawm, u.a. Diesem Beispiel versucht die vorliegende
Studie zu folgen. In ähnlicher Intention, ‘volkstümliche Gewalt
im Lichte anderer Arten volkstümlichen Protestes zu betrachten‘, formulierten
Forscher die London School of Economics eine sozialpsychologische und -anthropologische
Schule, auf die in der Arbeit zurückgegriffen wird. Hilfreich erwies
sich auch die Berücksichtigung der konstruktivistischen Kommunikationstheorie,
insbesondere deren Betonung von kognitiven Elementen zur Aufdeckung von
Haltungen in Beziehungszusammenhängen. Daneben wurde die politisch
engagierte Schule ‚schwarzer‘ Autoren und Wissenschaftler hinzugezogen.
Diese Herangehensweise unterscheidet sich von vielfach älteren, den US-amerikanischen ‘Ghettoaufständen‘ gewidmeten Arbeiten, welche sich auf soziologisch-marxistische oder anthropologische Methoden stützten. Ebenfalls vermag sie, den soziologischen Reduktionismus von Marginalisierungs- und Verelendungstheorie zu überwinden, die die Ursache von solchen Protesten in externen Bedingungen vermuten und das Selbstverständnis der handelnden Subjekte vernachlässigen.
Der Dekodierung von Haltungen und Aktionen wurden überwiegend den Akteuren zuzuschreibende Quellen, Zeitschriften, Flugschriften, Plakate, Hunderte an der Zahl, Fotos, sowie zahllose Interviews mit Augenzeugen, Zeitzeugen und Experten zugrunde gelegt. Die Recherche basierte auf intensiver Quellenforschung insbesondere der ‚grauen‘ Literatur, den in Kellern und auf Dachböden der Rechtsberatungszentren, Community-Centres und Selbsthilfeinitiativen oder auch bei ehemaligen Aktivisten gelagerten Dokumenten im ganzen Land. Darüber hinaus wurden alle Berichte von Untersuchungskommissionen, der jeweiligen Polizeibehörden, der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, von lokalen sozialpolitischen Arbeitskreisen, sowie teilweise von Rechtsanwälten einbezogen. Es wurde außerdem die wissenschaftliche und Sekundärliteratur berücksichtigt. Sowohl Ereignisse, als auch Haltungen wurden sorgfältig trianguliert. Diese Methode diente der Rekonstruktion des Selbstverständnisses, der Rechtfertigung, den Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen, kurz, der Kultur der Akteure. Erklärtes Ziel war, die Dekodierung der Revolten aus der Perspektive von unten, von den Haltungen der Akteure her abzuleiten, wobei diese Haltungen in Relation zu den sozialstatistischen und in anderen Quellen vorgefundenen harten Fakten gesetzt wurden. Im Verlauf der Arbeit zeigte sich die Notwendigkeit, die Genese dieser Kultur einzubeziehen, die Aggressionen der 80er Jahre auf die Frustrationen der 70er Jahre und jene wiederum auf die Aspirationen der 60er Jahre, sowie die Motivation der Immigranten zurückzubeziehen. Ja, selbst diese noch, wie auch das Wissen um die Wirkung gewaltförmiger Ausdrucksformen müssen auf ihre vielfältigen historischen Wurzeln in Jamaika oder dem Punjab zurückbezogen werden.
Zum Inhalt
Zum Zweck der historischen Kontextualisierung, sowie zur Erforschung
der Genese von Haltungen und Intentionen geht die Arbeit zurück bis
in die Geschichte des indischen Subkontinents, sowie der Karibik, an die
Anfänge der Migration.
Nach dem Krieg bis weit in die 70er Jahre hinein migrierte eine große
Zahl Arbeitswilliger aus Asien, der Karibik und aus Afrika nach England.
Sie fanden Arbeit in der Erzverarbeitung, dem Automobilbau und im Dienstleistungsgewerbe.
Ein Prozess, der die Ära des Wiederaufbau aller nordeuropäischer
Staaten kennzeichnete. Anders als in Deutschland jedoch waren ‘Schwarze’
- Sammelbegriff für alle Nicht-Weißen – keineswegs Ausländer
oder Gastarbeiter, sondern Inhaber britischer Pässe, sie waren Staatsbürger
mit allen Rechten.
Die zeitgenössische britische Migrationsforschung wird dominiert
von einem recht kruden Modell der ‘push and pull’-Faktoren, ein widersprüchlicher,
glättender und unvollständiger Erklärungsversuch. Er beschreibt
Migranten als nahezu willenlose Geschöpfe, vollständig den Kräften
von Überbevölkerung und Arbeitsmarkt ausgesetzt, ihre Subjektivität
bleibt bei solch einem Modell unsichtbar. Ebenfalls suggerierte es das
nahtlose Ineinandergreifen von Arbeitssuchenden in den Auswanderungs- mit
der Arbeitskräftenachfrage in den Einwanderungsländern. Dies
war jedoch keineswegs der Fall. Bei dem Bemühen, die Aspirationen,
Erwartungen und Ansprüche überseeischer Migranten zu ermitteln,
stellte sich heraus, daß sie vielmehr spezifische Vorstellungen mitbrachten,
Vorstellungen von Karrieren, Weiterbildung, sozialer Anerkennung, guten
Löhnen, einem besseren Leben und kulturellen Freiheiten. Wie zur Bestätigung
war der “pull”-Faktor eher schwach entwickelt, die Arbeitslosigkeit zunächst
sehr hoch, es war schwierig, Arbeit überhaupt zu finden. ‘Schwarze’
mußten sich geradezu Nischen suchen, in denen sie unterkamen, dies
galt für den Arbeitsmarkt ebenso wie für den Wohnungsmarkt. Die
vorliegende Arbeit bietet an dieser Stelle alternative Erklärungsmuster
der Migrationsforschung.
Der Untersuchung der Wanderung folgt die Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Bedingungen, den Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, mit Nachbarn, kurz gesagt mit der weißen Dominanzkultur.
‘Schwarze’ fühlten und sahen sich zurückgewiesen und randständig, sahen all ihre Erwartungen und Ansprüche frustriert. Auf der Straße wurden sie gejagt, rassistische Banden veranstalteten regelrechte Pogrome, Brandanschläge bedrohten das Leben der Familien, sie konnten nur die harten, schmutzigen und schlechtbezahlten Jobs erhalten, nur die heruntergekommenen Altbauwohnungen waren ihnen zugänglich. Anhand plastischer Beispiele und knapper sozialstatistischer Verweise werden die sozial-ökonomischen Sachverhalte dargelegt, die Sozialökonomie des Rassismus.
Wie reagierten die Zuwanderer auf diese Verhältnisse, wie wehrten sie sich gegen Übergriffe jedweder Art. Was taten sie, um Mißständen Abhilfe zu schaffen. Wo gingen sie tanzen, wenn ihnen weiße Clubs den Zutritt versagten. Die Antwort liegt in der Bildung auf gegenseitiger Hilfe fußender Gemeinschaften, den sogenannten Communities.
Die Betroffenen waren nun weder weltfremde Bauern noch überhaupt unbefangene Menschen, weder eingeschüchtert noch unerfahren in solchen Dingen, im Gegenteil. Zahlreiche Migranten, Frauen und Männer hatten sich bereits vor ihrer Auswanderung in Selbstorganisationen engagiert, in Arbeiter-, sozialen und nationalen Befreiungskämpfen. Sie wußten sich zu organisieren und für ihre Rechte einzutreten. So formten sie auch in der Diaspora zweierlei Organisationsstrukturen, 1.) Selbsthilfenetze mit eigenen Treffpunkten, sozialen und kulturellen Einrichtungen die schließlich zu Communities, sozialen Gemeinschaften mit eigenen Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen verschmolzen, sowie 2.) Arbeiter- und politische Zusammenschlüsse. Vor dem Hintergrund der Zurückweisung durch die weiße Dominanzkultur formierten sich die Migranten zu ‘schwarzen’ Communities, bauten autonome Strukturen auf, während sie gleichzeitig der Benachteiligung den Kampf ansagten.
Eine besondere Rolle spielte das Verhältnis zwischen ‘Schwarzen’ und der Polizei.
Anhand der Auswertung ‘schwarzer’ Publikationen ließ sich der Schluß ziehen, daß sich vom Ende der 60er Jahre innerhalb der ‘schwarzen’ Communities ein Massenbewußtsein, sowie eine spezifisch ‘schwarze’ Moral herausgebildet hatte, der zufolge 1.) die ‘schwarze’ soziale Lage in Großbritannien als ungerecht, benachteiligt, rassistisch empfunden wurde und 2.) insbesondere die Polizei Anlaß zu großer Furcht und Sorge war. Schwarze waren überzeugt, daß jede Begegnung mit der Polizei zu ihrem Nachteil ausgehen würde, mit ungerechtfertigten Anschuldigungen, Anzeigen, Festnahmen oder gar Schlägen enden würde. Deshalb sei es gerechtfertigt, sich gegen die Polizei zur Wehr zu setzen oder sogar quasi präventiv anzugreifen, um sie aus ‘schwarzen’ Wohnvierteln herauszuhalten.
Diese Konfliktualität hat einen Namen, Rassismus. Rassismus wurde und wird von den Akteuren als soziales Verhältnis beschrieben, als ein Unterdrückungs- und Abwehrverhältnis, welches nicht statisch bleibt, sondern immer wieder neue Formen annimmt.
Die Geschichte der Proteste gegen Diskriminierung, Ungleichbehandlung und Zurückweisung ließ sich tatsächlich bis zu den Anfängen der Migration zurückverfolgen. In diese Geschichte sozialer Proteste bis hin zur Entstehung einer landesweiten ‘schwarzen’ Bewegung, sowie die Geschichte des Wandels ‘schwarzen’ Bewußtseins und ‘schwarzer’ Moral sind die ‘schwarzer’ Revolten eingebettet, kontextualisiert, nur so lassen sie sich dekodieren.
Beschrieben und bewertet wurden ‘schwarze’ Unruhen in der öffentlichen
Meinung zunächst überwiegend als Verbrechen, sinnlose Gewalt
und Zerstörung, als Eruptionen. Es dominierte der Eindruck, sie hätten
keine Vorgeschichte, kannten keine Eskalationsspirale und schienen nahezu
unvermittelt ausgebrochen zu sein.
Dagegen hält die Arbeit die Geschichte des Verhältnisses
zwischen ‘Schwarzen’ and der Polizei, einer Geschichte der Eskalation bis
hin zu den Zusammenstößen, sowie eine detaillierte Anatomie
der Riots nach Auslöser, Ablauf, Teilnehmerzahl, Dauer, Art der Zusammenstöße,
nach Sachbeschädigung und Plünderungen.
Entgegen den bestürzten Reaktionen in den Medien kamen die Unruhen keineswegs aus heiterem Himmel. Bereits seit 1970 hatten sich die Warnungen vor Unruhen, Mahnungen, ja sogar Drohungen gemehrt. Mit den vergeblichen Bemühungen um soziale Gerechtigkeit und Gleichbehandlung, den Anfängen der ‘schwarzen’ Proteste war eine Frustration gewachsen, die sich mit dem Einsetzen der Weltrezession 1973 und noch einmal mit den Massenentlassungen während der Ära Thatcher zunehmend vertieft hatte. Die Interessenvertretung im Rahmen herkömmlicher Institutionen, durch Parteien, Gewerkschaften, Lobbies erschienen zunehmend wirkungslos. Proteste, also Demonstrationen, Mahnwachen, Streiks, Besetzungen traten vermehrt hinzu. Besonders heftig wurde die Rolle der Polizei kritisiert, Schläge, ungerechtfertigte Festnahmen und Razzien, gefälschte Aussagen und Beweise, ja sogar Todesfälle bei Festnahmen wurden erwähnt. Eine immer wiederkehrende Formel in ‘schwarzen’ Publikationen seit der Mitte der 60er Jahre lautete, “wenn das so weitergeht, dann werden wir uns wehren”. Somit war die Frage der politischen Gewalt in den Prozeß der erhobenen Forderungen und Verhandlungen eingebracht. Tatsächlich ereignete sich der erste dokumentierte Fall des gewaltförmigen massenhaften Widerstandes ‘Schwarzer’ gegen eine Polizeiaktion bereits 1969 in Süd-London. Von diesem Jahr an standen Zusammenstöße zwischen ‘Schwarzen’ und der Polizei auf der politischen Tagesordnung. Sie hatten ganz verschiedene Formen und Anlässe, sie entwickelten sich im Rahmen von Streiks, Mahnwachen, Demonstrationen, rund um kulturelle Aktivitäten oder auch anläßlich von Polizeimaßnahmen, wie Razzien, Festnahmen, Personenkontrollen auf der Straße. Eine Vielzahl der Konfrontationen entwickelte sich aus Polizeiaktionen im öffentlichen Raum, die riefen einen Menschenauflauf hervor, gefolgt von Angriffen auf die Polizei, Gefangenbefreiung oder spontanen Demonstrationszügen zu einer Polizeiwache, um dort die Freilassung von Festgenommenen zu verlangen. Um solche Großereignisse herum gruppierten sich zahllose Fälle von individuellem Widerstand gegen Festnahmen und Personenüberprüfungen. Bemerkenswert war, daß während der gesamten 70er Jahre eine Ebene des politischen Lobbyismus fortbestand, daß es Beschwerdebriefe, daß es Treffen zwischen Delegationen ‘Schwarzer’ und der Polizei gab. In zahllosen Kommissionen wurden Anhörungen organisiert, die Problematik diskutiert. Der Konflikt war transparent, es gab eine Ebene von Gesprächen und Verhandlungen, er hatte neben der Gewalt auch eine zivile Ebene. All diese Bemühungen blieben allerdings folgenlos, trugen eher noch zur Vertiefung der Frustration und untergruben den Glauben an eine friedliche Lösung.
In der bisherigen Geschichtsschreibung galt fälschlicherweise ein
Aufruhr in Bristol im April 1980 als der erster eines bis in die jüngste
Zeit anhaltenden Phänomens. Damals griffen nach einer Polizeirazzia
in einem ‘schwarzen’ Café mehrere Hundert überwiegend ‘Schwarze’
die Beamten mit Steinwürfen an, setzten die Streifenwagen in Brand,
vertrieben die Polizei aus dem Quartier, errichteten Barrikaden und plünderten
und brannten Geschäfte nieder. In Anlehnung an nordirische Muster
wurde diese Lage als No-Go-Area bezeichnet. Tatsächlich befand sich
1980 die gesamte ‘schwarze’ Community in einem Zustand andauernder organisierter
Proteste. Die Dichte von Initiativen, Zentren, Publikationen, von Demonstrationen,
Mahnwachen oder go-ins war enorm. Sämtliche Publikationen drückten
eine einzige Haltung aus, “es reicht!”.
Folgerichtig revoltierten Schwarze 1980 und ‘81 massenhaft und zeitgleich
in sämtlichen britischen Großstädten. Nur ein Jahr nach
dem Bristol-Riot kamen in London Zehntausende von ‘Schwarzen’ zu einem
‘Day of Action’ zusammen. Weitere Polizeieinsätze bildeten das Signal
für eine Welle der Gewalt. Allein im nachfolgenden ‘heißen Sommers
‘81’ wurden rund 90 Unruhen registriert, 26 im darauffolgenden Jahr, weitere
acht 1983 und 1984. Die 29 1985 registrierten Unruhen und Zusammenstöße
können als zweiter Höhepunkt angesehen werden. Von 1986 an weiteten
sich die Unruhen ‘Schwarzer’ zunehmend aus, auf andere soziale Gruppen
in den ‘weißen’ Wohngebiete, sowie in ländliche Kleinstädte.
1987 wurden über 200 derartige Zusammenstöße verzeichnet,
bis zu 18.000 Polizeibeamte wurden jährlich im Dienst verletzt. Die
Polizei hatte die Kontrolle über das Geschehen verloren, die öffentliche
Ordnung war dahin.
Im Folgenden soll ein Aufriß der in der Arbeit vorgenommenen detaillierten Anatomie der Unruhen skizziert werden.
Es hatte sich um 105 Einzelereignisse gehandelt, darunter etliche mehrtägige regelrechte Aufstände, in 42 % der Fälle war eine Polizeiaktion der Auslöser, in 16 % eine rechtsradikale Aufmarsch, in 19 % ein politischer Protest, in 13 % ein Kulturfest. Die Gesamtteilnehmerzahl lag bei bis zu einer Viertelmillionen Menschen. Die Zusammensetzung nach Geschlecht und Ethnie läßt sich nicht befriedigend rekonstruieren, jedoch “Gesichter in der Masse” ausmachen (Rudé). An den meisten Unruhen waren Frauen in unterschiedlicher Form Ausmaß beteiligt, mal wurde ihnen die Führung zugeschrieben, mal die Plünderungen. Die ethnische Zusammensetzung spiegelte im Allgemeinen alle in dem Aufstandsgebiet vertreten sozialen Gruppen wieder. Die Übergänge zwischen Aktivisten, Passanten und Gelegenheitssteinewerfern waren fließend. Die Frage nach der Organisierung deckte in vielen Fällen vorrausgegangene Formen der Mobilisierung zu einem Aufruhr auf, ebenso viele Fälle von koordiniertem Vorgehen während der Unruhen selbst. Wirklich bemerkenswert auch war die Tatsache, daß im Verlauf der Riots in mehreren Fällen Verhandlungen zwischen ‘schwarzen’ Aktivisten und der Polizei nachgewiesen werden konnten. Plünderungen bildeten in 40 % aller Fälle einen Bestandteil der Unruhen, geplündert wurden Gegenstände des täglichen Bedarfs, Lebensmittel, Haushaltsgeräte etc. Das Ausmaß der Zerstörungen war enorm, teils waren ganze Straßenzüge niedergebrannt, in nicht wenigen Fällen ließen sich spezifische Motivationslagen erkennen. Insbesondere wurden regelmäßig Orte von rechtsradikaler Bedeutung, sowie Polizeiwachen, Garagen und Fahrzeuge zerstört.
Die allgemeine hielt Unruhe noch bis zu Beginn der 90er Jahre an. 1987 wurden 240 Zusammenstöße mit der Polizei als Aufruhr klassifiziert. Die Autorität der Polizei war verloren gegangen, die öffentliche Ordnung erodiert. 1990 verschmolz die Vielzahl sozialer Bewegungen, die benachteiligten und unteren Bevölkerungsgruppen, Initiativen und Organisationen zu einer landesweiten Verweigerung der neu eingeführten Kopfsteuer, begleitet vom Sturm der Massen auf zahlreiche Rathäuser. Der große Poll Tax Riot in London war es auch, daran sei erinnert, der Thatcher 1990 ihren Posten als Premierministerin kostete.
In den ‘schwarzen’ Publikationen war die Bewertung der Aufstände einhellig solidarisch und verständnisvoll, es hatte keinerlei Distanzierungen gegeben, die Unruhen wurden einmütig als Rebellion begriffen.
Die Krise war mehr als ein Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, auch der gesellschaftliche Konsens war aufgehoben. Der Staat befand sich in einer Legitimationskrise, die galt besonders für die Polizei, die Justiz und das Innenministerium. Das alte Regime mit seinen post-kolonialen Beziehungen war obsolet. Nachdem die Unruhen allein polizeitaktisch kaum mehr einzudämmen waren, vor allem wiederholt aufflammten und sich auch noch ausweiteten spiegelten die staatlichen Reaktionen ein gewisses Verstehen der eigentlichen Ursachen, viele Maßnahmen lasen sich wie Konzessionen an die Aufständischen.
Noch während der Unruhen wurden Gelder für die betreffenden Stadtteile, sowie Sofortprogramme zur Problembeseitigung spezifischer Gruppen bewilligt. ‘Schwarze’ Einrichtungen erhielten Fördergelder, ‘Schwarze’ erhielten Arbeitsplätze, ein ganzer neuer Sektor entstand, heute manchmal etwas abfällig ‘Race Relation Industry’ genannt. Die Gleichstellungsgesetzgebung wurde gestärkt, eine wohlausgestattete, dem Innenministerium angegliederte Behörde, die Commission for Racial Equality überwacht die Einhaltung der Gesetze. Die Befugnisse der Polizei wurden beschnitten, das Strafrecht reformiert, Polizeiverbindungskomitees eingesetzt, unabhängige Polizeiüberwachungsinitiativen gefördert, sowie eine offizielle Beschwerdestelle eingerichtet, die Police Complaints Authority. Endlich wurde auch einer zentralen ‘schwarzen’ Forderung nachgegeben und rechtsradikale Demonstrationen durch deren Wohngebiete verboten. Ausgerechnet während der Ära Thatcher, zu einer Zeit, als die Gewerkschaftsrechte beschnitten und Arbeiterproteste mit großer Härte, zum Teil in offenen Feldschlachten niedergeschlagen wurden, wurde den ‚schwarzen‘ Forderungen weitgehend entgegengekommen.
Ebenso vielsagend, wie die Entschlüsselung der Aufstände sind die Gründe für ihr abebben. „Gewalt zahlt sich nicht aus“ lautet die in allen westlichen Ländern verbreitete Doktrin, für England gilt sie augenscheinlich nicht. ‚Schwarzen‘ geht es besser seit den Unruhen, ihre Rechte werden beachtet, Diskriminierung ist verboten, Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr länger nur ein Wunsch.
‘Schwarze’ Stimmen vermeldeten tatsächlich seit 1986 eine sukzessive
Verbesserung ihrer Situation, eine Abschwächung des polizeilichen
Verfolgungsdruckes und eine insgesamt optimistischere Grundstimmung. Seit
nunmehr 15 Jahren besteht Rechtssicherheit für ‘Schwarze’, Gleichbehandlung
ist einklagbar, Diskriminierung und Rassismus Straftatbestände. 1999
wurde im Rahmen weitreichender Untersuchungskommissionen die letzte Bastion
weißer Vorherrschaft, die Polizei geschleift. Riots, gewaltsame Proteste
gegen Ungleichheit, Aufstände zur Bekämpfung von Rassismus sind
schlicht nicht mehr länger notwendig. Allgemein sind individuelle
Freiheiten, Bürgerrechte und demokratische Institutionen gestärkt
aus dieser Phase herausgetreten.
Heute sind derartige Unruhen nahezu vollständig von der politische
Tagesordnung verschwunden. Gleichwohl lebt die Erinnerung an die Revolten
bis in die heutige Zeit fort. Die Möglichkeit einer sozialen Eruption
ist allgegenwärtig und bildet bis heute ein Regulativ in gesellschaftlichen
Konflikten. Das Wissen um die Machbarkeit einer Revolte bleibt ein starkes
Argument in den Händen Benachteiligter, bis heute wird mit einem Riot
gedroht, wenn einer ‘schwarzen’ Community der Kragen platzt. Polizei und
Einwanderungsbehörden sehen bis heute die Gefahr erneuter Unruhen,
legen ihre Einsätze sensibel an, vermeiden provokative Auftritte und
bemühen sich, die Stimmungslage in der Bevölkerung zu berücksichtigen.
Die Polizei, will sie nicht riskieren, sich von der Bevölkerung, die
es zu schützen gilt, zu entfremden, muß auf die Stimme der Bürgerkomitees
hören. Die Prioritätenliste zu bekämpfender Verbrechen wird
nicht allein von Politik, Legislative und Polizei erstellt, die Bevölkerung
bestimmt mit, welche Verbrechen besorgniserregend sind und welche als nur
untergeordnet betrachtet werden.
Retrospektiv scheint es, als hätten diese Jahrzehnte der Zusammenstöße
und sogar Aufstände im Sinne ‘schwarzer’ Gerechtigkeitsvorstellungen
und Forderungen Erfolg gezeitigt. Sämtliche Institutionen sind ‘Schwarzen’
zugänglich, auch die oberen gesellschaftlichen Schichten sind für
‘Schwarze’ durchlässig geworden. Die Revolten haben das Land verändert,
seine Institutionen und gesellschaftliche Struktur, sie haben Ungerechtigkeit
beseitigt und die Genese ziviler Konfliktlösungsmechanismen beschleunigt.
Die Gewalt auf der Straße hat wesentlich liberalen Kräften,
wie auch dem Modernisierungsprozeß Vorschub geleistet. Die englische
Gesellschaft, insbesondere ihre ‘schwarzen’ Mitbürger gingen einen
langen und schmerzhaften Weg vom rassisch segregierten, traditionellen
Nationalstaat zur multikulturellen, multi-ethnischen Gesellschaft, in der
Diskriminierung und Rassismus zwar nicht verschwunden sind, aber null Toleranz
finden.