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Virtuelles Gender-Swapping im Internet
Von Jan C. Oberg (1997)
"Es steckt eine gewisse poetische Gerechtigkeit in der Tatsache, daß ein vom US-Militär initiiertes Computernetz nun die Heimat einer Schar virtueller Transvestiten ist." (J.C.Herz 1996: 156)
Kontakte zwischen Menschen im Internet werden über Chips, Bits und Datennetze vermittelt. Zwischen den beteiligten Personen steht der Computer. Dieser Kommunikationsform fehlt ein wesentliches Merkmal von face-to-face Kommunikation: Körper, Hautfarbe, Aussehen und Geschlecht der Beteiligten bleiben unsichtbar. Sichtbar für die TeilehmerInnen an den Terminals jenseits der eigenen Benutzeroberfläche sind nur die Worte und Zeichen, die der/die GesprächspartnerIn diesseits einspeist. Dementsprechend sehen sich UserInnen beim Eintreten in chat-rooms, MUD's, MOO's usw. immer wieder der Aufgabe gegenüber, Auskunft über ihre geschlechtliche Identität zu geben. Die Immaterialität des Cyberspace läßt es dabei zu, scheinbar "frei" bzw. unabhängig von der Materialität der Körper ein virtuelles Geschlecht zu wählen. Die Praxis, sich im Cyberspace für ein anderes Geschlecht zu entscheiden als das in der Realität gelebte, bezeichnet der Ausdruck "Gender-Switching" oder "-Swapping". Der folgende Aufsatz beschäftigt sich mit dieser virtuellen Umgangsvariante mit Identitäten. Anhand eines Beispieles werde ich mich mit der Bedeutung, dem Auftreten und der Konstruktion von Geschlechtlichkeit im Internet auseinandersetzen.
Ein Gender-Testverfahren für das Internet?
Auf der "Psychology of Cyberspace"-Homepage von John Suler (Rider University / USA) im WWW findet sich ein Hinweis zu einem seiner Artikel zum Thema "Male Gender Switching in Cyberspace" (Suler 1996). Unter der Überschrift "Do Boys Just Wanna Have Fun" formuliert der Autor darin seine Gedanken zu der häufig beobachteten Praxis des Geschlechtswechsels bei der Kommunikation im Internet. Suler beschreibt den Fall von "Brad", der sich nach gemeinsamer Teilnahme an einem MOO (MUDs Object Orientated = Objektorientiertes Multi User Dungeon) in "Natalie" verliebt hat. Als er sie per e-mail um ihre Telephonnummer bittet, erfährt er, daß sich hinter der virtuellen Identität von "Natalie" ein 50jähriger Mann verbirgt. Anschließend macht der Autor einige Erklärungsversuche für das männliche Interesse am Experiment mit einer weiblichen Identität. Die Angabe des weiblichen Geschlechts ermögliche es Männern unter anderem:
Neben der reizvollen Seite ("beauty") dieser Möglichkeiten lokalisiert Suler deren Gefahren auf einer moralisch-rechtlichen Ebene:
"There is a very thin line between the rights to experiment with one's gender and the violation of the rights of others by deliberately deceiving and manipulating them. [...] At some point in an online-relationship, in order to protect one's feelings and one's sanity, it may become necessary to test the companion to see if that person is faking gender." (Suler 1996)
Nach Meinung des Autors gilt es demnach, die Rechte von Betroffenen wie Brad, deren Gefühle und geistige Gesundheit zu schützen und Betrügereien mit dem Geschlecht und "Fälschungen" der Geschlechtsidentität aufzudecken. In einem zu diesem Zweck von Suler entwickelten Testverfahren schlägt er vor, eine Liste von Fragen unauffällig in die Online-Konversation einfließen zu lassen, die es "presented subtly as surreptitious detective work" (Suler 1996) ermöglichen sollen, die tatsächliche geschlechtliche Identität der GesprächspartnerInnen zu entschlüsseln und die Imitate unter den (weiblichen) Originalen zu ermitteln. Seine Liste enthält neun Fragen: In vier davon wird nach den durchschnittlichen Größen von Damenkonfektionsartikeln gefragt [Beispiel: "6. What is the average range of sizes for women's panties?"]; vier weitere Fragen beziehen sich im weitesten Sinne auf den Themenbereich "Gynäkologisches Alltagswissen" [Bspl.: "9. When during her cycle is a woman most likely to become pregnant?"]; und in einem Fall geht es um den Wissenstand des Lesers und der Leserin zur Technik des Haarefärbens (Suler 1996).
Es gibt bestimmt zahlreiche Artikel im WWW, die sich mit dem Thema "Gender-Swapping" auf eine andere - vielleicht weniger moralisch-praktisch orientierte - Weise auseinandersetzen. Dennoch wollte ich Sulers Gedanken zu Beginn referieren, weil sie, wie ich denke, zwei Ansatzpunkte für einen kritischen Einstieg in das Thema bieten. Der eine bezieht sich auf die Auswahl der Zielgrupppe, für die der Artikel geschrieben wurde, der andere betrifft eine Grundannahme, auf der die Ausführungen Sulers offensichtlich basieren
1. Suler entwirft sein Testverfahren in erster Linie für eine männliche Netzklientel. Die Persönlichkeitsrechte dieser Männer sieht er durch die Präsenz von "Frauen-Imitatoren" im Netz gefährdet.
2. Das Testverfahren basiert auf der Annahme der Existenz einer "echten" oder "tatsächlichen" Geschlechtsidentität (gender) von Frauen und Männern, welche sich durch abfragbare Merkmale (Geschlechterrollenstereotype) bestimmen lasse.
Die Unbestimmtheit virtuell konstruierter Identitäten scheint in diesem Fall das Bedürfnis nach der Bestimmbarkeit einer "realen" Geschlechtsidentität hervorzurufen. Ich werde diese beiden Punkte im folgenden aufnehmen und mit Hilfe einiger Ansätze aus dem aktuellen Gender- und Technologie-Diskurs problematisieren.
1. Ist die Ordnung des Internet männlich?
"Brad" ist ein Mann, der sich bei dem Versuch, im Netz eine Frau kennenzulernen, von einem anderen Mann betrogen fühlt. Suler entwirft sein Testverfahren, um Männern wie Brad die Entlarvung von Männern in virtuellen Frauenkörpern zu ermöglichen und kommentiert:
"For the moment I'll focus on the detection of male gender-switching because this seems to be more common." (Suler 1996)
Die Zielgruppe, an die sich Suler mit seinem Artikel wendet, ist offensichtlich das männliche Netzklientel. Tatsächlich sind es bisher noch überwiegend Männer, die das Internet nutzen. Die Angaben zum Anteil der Nutzerinnen schwanken zwischen 10-15 % weltweit (Lehmann 1996: 338) und 5-20 % in Deutschland (Klaus 1997: 7). Es scheint daher kaum verwunderlich, wenn es sich bei der überwiegenden Zahl der Genderswapper ebenfalls um Männer handelt. Valerie Frissen (1994) äußert über das Verhältnis von Geschlecht und Technologie, Frauen seien in einer starken Außenseiterposition, was speziell das Entwerfen und die Produktion neuer Informationstechnologien anginge. Das schließe sie in gewißem Sinne auch von Macht aus. Die ungleiche Verteilung erklärt Frissen damit, daß die Einstellung vieler Frauen zur Computertechnologie von Ängsten und unverhohlener Abneigung bestimmt sei (Frissen 1994: 209). Genauer untersucht wurde die angebliche weibliche Reserviertheit gegenüber der "intimate machine" (Turkle 1988), dem Computer als Medium menschlicher Kommunikation, von der amerikanischen Cyber-Psychologin Sherry Turkle. Sie beschreibt, daß weibliche Kultur und Sozialisationsmodelle Frauen in der Regel eine Begabung im emotionalen Bereich und face-to-face Beziehungen zusprechen. Die Aversion vieler Frauen gegenüber Computern generiere daher aus der Unverträglichkeit des traditionellen Rollenverständnis der weiblichen Sozialisation mit der Vorstellung, eine intime Beziehung mit oder über eine Maschine einzugehen (Vgl. Turkle 1988).
Dale Spender beschreibt in ihrem Buch "1. Auffahrt Cyberspace" (Spender 1996), wie Männern und Frauen unterschiedliche technologische Beziehungen als Teil ihrer Genderidentität beigebracht werden. Dabei wird die Vorstellung vermittelt, Maschinen und Computer seien Spielzeug für Jungen ("boys toys"), während Mädchen angehalten seien, ihre Begabung im sozialen Bereich und in zwischenmenschlichen Beziehungen zu vermuten. Auch sei es für Frauen und Mädchen schwieriger, Rollenvorbilder im männerdominierten Internet zu finden, die zu ihrem Selbstbild als Frauen passten (Spender 1996: 186 ff.). Ein weiterer Bestandteil weiblicher Sozialisation sei das Antrainieren einer vorausdenkenden Art, sich in der Welt zu bewegen und mögliche Folgen von Handlungen stets im voraus einzukalkulieren. Dieses Handlungsmodell könnte aus Vorstellungen weiblicher Unterlegenheit und Verletzlichkeit und den daraus abgeleiteten Erziehungsmethoden resultieren. Die vorrausschauende Art, sich in der Welt zu bewegen, so Spender, stehe im Widerspruch zur Unvorhersehbarkeit und sogenannten Anarchie des Cyberspace. Männliche Sozialisation dagegen sei auf Risikofreude, Abenteuersuche, Eroberungslust, Mut- und Männlichkeitsproben ausgerichtet. Männer fühlten sich daher nicht ohne Grund vom Cyberspace angesprochen, hätten sie doch das System entwickelt (Spender 1996: 188). Die Auswirkungen geschlechtsspezifischer Sozialisation auf den Umgang mit Technologie faßt Spender anhand eines Beispiels zusammen:
"Wenn eine Gruppe Mädchen und Jungen mit einer "neuen" Maschine konfrontiert wird, ist die genderstereotype Antwort klar und unmißverständlich. Die Regel ist, daß die Jungen damit spielen wollen, um zu sehen, wie sie funktioniert, und die Mädchen herausfinden wollen, wie sie funktioniert, bevor sie damit zu spielen versuchen. Frauen wollen die Regeln kennen; sie sind sozialisiert, herauszufinden, wie die Dinge arbeiten und was die Folgen sind, bevor sie den Sprung wagen." (Spender 1996: 188)
Diese Vorgehensweise, die das Verstehen vor das Benutzen setzt, scheint bei Computern und Videospielen oft schwierig in die Tat umzusetzen. Erschwerend hinzu kommt, wie Spender ausführt, ein Aspekt der männlichen Sozialisation: Die männliche "Angewohnheit", die Macht zu übernehmen. Spender beschreibt, wie kleine Jungen im Vorschulalter durch physische Manipulationen eine agressive Hackordnung entwickeln, die den Zugang zu den ohnehin raren Ressourcen, zu denen Computerterminals in Klassenzimmern zählen, bestimmt:
"In computerisierten Klassenzimmern sieht man oft, wie Jungen jeden Alters handgreiflich die Maschinen erobern und die Mädchen beiseite schieben. Die körperliche Gewalt wird begleitet von höhnischen Bemerkungen über die Unfähigkeit der Mädchen." (Spender 1996: 190)
In der Kindheit erprobte und erlernte Verhaltensweisen zur Sicherung des Monopols scheinen sich im Erwachsenenalter in der Benutzung der PC's fortzusetzen. Computervermittelte Kommunikation sei nicht selten von der Neigung einiger Männer dazu geprägt, "in Maschinen eine Extention ihrer Anatomie zu sehen, an der sich Technologie und Gender überschneiden" (Spender 1996: 197). "Revier markieren", "Territorium behaupten", "Grenzen setzen" und "Kontrolle des Machtzentrums" seien die geeigneten Erklärungen für solche Verhaltensweisen, die sich in sexistischem und einschüchternden Benutzerstil, sexuellen Online-Belästigungen und auch "data-rape" (Virtueller Vergewaltigung) ausdrücken. Auf der anderen Seite sieht Spender den Reiz des Cyberspace für Frauen in seinem Kommunikationsangebot. Das Internet als Ort zu begreifen, an dem, ähnlich wie am Telephon, "Beziehungsarbeit" geleistet werden kann, und den Computer als das Medium des Einklickens in Netzwerke und der Herstellung von Freundschaften und Gemeinschaften, ist für sie der Aspekt, der das Netz für Frauen attraktiv macht. Ein Anreiz also, der über das Ansprechen traditioneller Muster weiblicher Sozialisation dazu führen könnte, Frauen zum Einstieg in den Cyberspace zu animieren. Allerdings scheinen sich, dort angekommen, sozialisierte Verhaltensschemata und Geschlechterrollen-Stereotype zu wiederholen.
In einer Reihe von Studien wird die Frage untersucht, ob das Internet, Multimedia und Computertechnologie helfen können, die Differenzen zwischen den Geschlechtern zu begleichen oder die Wirksamkeit von Rollenklischees zu neutralisieren. Die meisten solcher Studien kommen aber zu dem Ergebnis, daß eine Revolutionierung der Geschlechterbeziehungen ebenso wenig vom Internet erwartet werden kann, wie die oft popularisierte Demokratisierung (Vgl. Zulkarnain 1996; Klaus 1997; Tangens 1996; We 1994). Elisabeth Klaus beispielsweise ist der Ansicht, daß die neuen Techniken nicht das Potential haben, Geschlechterollen zu verändern, sondern daß sie selbst geschlechtsspezifisch angeeignet werden, da sie - wie auch Spender beschreibt - unterschiedliche soziale Funktionen für Männer und Frauen haben. Während Frauen die expressive Vermittlerfunktion von Informationsmedien zwischen Individuum und Umwelt betonten, höben Männer eher deren instrumentelle Funktion und die damit verbundenen Möglichkeiten sozialer Abgrenzung (in der öffentlichen Sphäre) hervor. Diese Selbstpositionierung der Geschlechter in Bezug auf Computer bestätige die Zuweisung sozialer und familiärer Aufgaben an Frauen und ihre Einordnung in den privaten Bereich (Klaus 1997: 16 ff.). Damit wird die bestehende Rollenverteilung der Geschlechter an Reproduktion und Produktion kaum berührt. In ähnlicher Weise beobachtet die Künstlerin Rena Tangens (1996), daß es - ganz wie im täglichen Leben - auch in den Datennetzen Anmache und Sexismus gibt. Für wesentlicher hält sie aber einen "... dem gesamten System innewohnenden und auch von Frauen selbst verinnerlichten Androzentrismus" (Tangens 1996: 361). Dieser zeige sich in einer Ungleichheit beim Zugang zu den Netzressourcen, einer Einseitigkeit bei der Themenwahl, die etliche Punkte, die das Leben von Frauen beträfen, auslasse, sowie in einer Voreingenommenheit bei der Software-Programmierung und einer generellen Bedeutungskonstruktion der Technik, in der Menschen mitunter nur in der Rolle von Störfaktoren für den reibungslosen Ablauf von Programmen und Datenproduktion auftauchten (Tangens 1996: 370).
Welche Lösungsstrategien sind für diese Problematiken denkbar? Spender und Tangens fordern Frauen zum verstärkten Einstieg in die Technologie und zur Bildung von Frauennetzwerken auf. Daneben ermutigen sie dazu, den Gender-Diskurs verstärkt auch in der (Netz-) Öffentlichkeit zu führen, denn der Einstieg in die virtuelle Kommunikation allein kann nur begrenzt dabei helfen, die Schwierigkeiten abzubauen, die aus den unterschiedlichen Benutzermentalitäten von Frauen und Männern entstehen können. Susan Herring (1997) untersuchte diese Benutzermentalitäten genauer und sieht die Differenz zwischen den Geschlechtern unter anderem in deren kollidierenden Kommunikationsstilen. Der männliche Stil zeichne sich durch Agressivität und häufiges "Flaming" aus, ein spezifischer weiblicher Stil sei dagegen meist unterstützender und gemeinschaftsfördernder. Dieser Unterschied lasse sich, wie Herring schildert, auf divergierende ethische Positionen beim Kommunizieren von Frauen und Männern zurückführen. Für Frauen seien häufig Überlegungen der Rücksichtnahme und Beachtung der Bedürfnisse anderer ausschlaggebend, dagegen spiegele die Vorliebe vieler Männer zu "antagonistischen Diskussionsformen" deren Hang zu den "bürgerlich-libertinistischen Idealen absoluter Redefreiheit" wieder (Herring 1997: 72). In der Tat ist anzunehmen, daß ein agressiver Diskussionsstil bei der Durchsetzung der persönlichen Interessen helfen kann. Stil wird auf diese Weise zum Stabilisierungsfaktor von Machtpositionen in der soialen Ordnung des Cyberspace, welche sich nicht wesentlich von der bürgerlich-libertinären Sozialordnung realer und alltäglicher Orte unterscheiden dürfte, denn in diesen ist auch der Cyberspace irgendwann entstanden. Männer erklärten ihren Diskussionsstil, wie Herring fortfährt, gerne als ein Mittel, das Wissen zu erweitern. In eine ähnliche Richtung geht eine Beobachtung von Rainer Rilling. In einem Tagungsbericht zum IMD-Kongreß ("Informationsgesellschaft*Medien*Demokratie") 1996 in Hamburg äußert er, es sei "... ein Ergebnis des Flanierens weißer Mittelklassemänner im Netz [...], durch zahllose trendy links Verweiskompetenz vorzuführen" (Rilling 1996). Dieses Bemühen um ständige Demonstration der eigenen Online-Präsenz und des eigenen Wissensspektrums ließe sich vor allem auf das Bedürfnis zurückführen, sich in das Zentrum von Macht und Interesse zu setzen und dadurch Reputation zu erlangen.
Ist Verweiskompetenz also das Instrument, mit dem die eigene zentrale (oder eben nur periphere) Position im Wertesystem und der sozialen Hackordnung des Cyberspace demonstriert wird? Kann ein agressiver Umgangston der Regulierung der sozialen Ordnung im Netz dienen? Mutiert das Flaming damit unter dem Ideal absoluter persönlicher Freiheit zur "Selbstjustiz an der virtuellen Front", wie Herring (1997: 73) es ausdrückt, welche eingesetzt ist, um die patriarchalische Ordnung des vermeintlich anarchistischen Cyberspace zu schützen? Diese Interpretationen erscheinen insofern einleuchtend, als daß, wie weiter vorne vermerkt, die agressive Inbesitznahme und Beherrschung des Rechners bereits bei Kindern zum Mittel sozialer Positionierung geworden ist (Vgl. Spender 1996: 190). Männliches Flaming, die Präsentation von Verweiskompetenz im Netz usw. könnten ein Schritt sein, diese Verteilung der Machtressourcen auch in eine soziale Ordnung innerhalb des Netzes zu übernehmen bzw. sie dort zu erhalten.
Kommen wir an dieser Stelle auf die eingangs zitierte Geschichte von "Brad" zurück. Bei allem Verständnis für Brads Mißgeschick und seine Enttäuschung ist es sicherlich auch denkbar, seinen mißlungenen Flirt mit Natalie aus diesem Bedeutungszusammenhang heraus zu interpretieren: Brads Versuch, Natalie ihre Telephonnummer zu entlocken, entspräche dann der beständigen sexuellen Appetenz einer männlichen Netzklientel und wäre somit auch ein Zeugnis jener männlichen Eroberungslust, für die Spender im Internet die idealen Bedingungen lokalisiert. Sein Scheitern wäre mithin eine Verletzung der Machtposition, die den Versuch, diesem Drang nach Freiheit und Abenteuer nachzugehen, überhaupt erst ermöglicht. Wenn Suler sich die Aufgabe stellt, mit seinem Testverfahren die Rechte von Männern wie Brad zu verteidigen, so fragt es sich, welche Rechte es dort eigentlich zu schützen gilt: Einerseits sicherlich die die verletzten Gefühle einiger Betroffener. Diese will er im Rahmen der "freiheitlichen Ordnung" des Cyberspace verteidigen. Andererseits läßt sich die Interpretation nicht ganz von der Hand weisen, daß, wenn es eine solche Ordnung gibt, und darauf basiert letztlich Sulers Argumentation, dies eine Ordnung sein muß, in deren Hierarchie sozialer Positionierung das männliche Netzklientel an erster Stelle steht. Eine Ordnung, die auch mitunter unerwünschte Formen männlichen Sozialverhaltens, wie "Anmache" (denn darum handelt es sich in Brads Geschichte) prinzipiell mitverteidigt. Sein Handeln und Testen im Namen dieser Ordnung setzt deren virtuelle Gültigkeit voraus und inszeniert gleichsam die Reproduktion der herrschenden Ordnungsverhältnisse für das Internet.
Zusammenfassend erscheint mir die Analyse von Gladys We (1994) einleuchtend, die dem Cyberspace in manchen Bereichen zwar eine geschlechtsneutralisierende Wirkung einräumt, insgesamt aber zu dem Schluß kommt:
"It is obvious that the face-to-face patterns of thought and interaction are replicating themselves in cyberspace, despiting the many advantages that CMC (computer mediated communication) offers for equal speech." (We 1994: 54)
Auch die Konstruktion von Geschlechterrollen und -stereotypen Verhaltensweisen scheint sich in allen Gesellschaftsbereichen zu wiederholen, in materialer und virtueller Realität, wenn auch der Cyberspace einige interessante Möglichkeiten zum Experimentieren damit bieten mag. Die alltägliche und soziale Ordnung innerhalb des Cyberpaces unterscheidet sich wohl nicht sehr von derjenigen außerhalb desselben. Auch Sulers Ansätze entstammen dieser Ordnung. Seine Gedanken bewegen sich innerhalb ihrer Grenzen und zeigen auch deren Begrenztheit auf: Er entwirft sein Testverfahren in erster Linie für ein männliches Netzklientel. Frauen kommen in seinem Artikel entweder als Imitation ("Natalie") oder in der Rolle von Objekten vor, die man suchen kann, und deren Identität zu prüfen ist. Sein zu diesem Zweck erstellter Fragebogen liest sich entsprechend nicht nur als diffuse Anleitung zur Entlarvung männlicher "Gender-Swapper" mit maskierter Identität, sondern auch als Gebrauchsanweisung zur Enthüllung vermeintlich weiblicher "Gender-Originals". Dabei bleibt aber die Frage ungestellt, ob und inwiefern die Gefühle und Rechte der dem Verfahren ausgesetzten Userinnen schützenswert wären.
Der zweite Punkt, an dem ich ansetzen möchte, bezieht sich auf das Bild der "Gender-Originals", das hinter Sulers Vorschlägen zum Umgang mit "Gender-Swappern" sichtbar wird: Sein Testverfahren basiert auf der Annahme der Existenz einer "echten" oder "tatsächlichen" Geschlechtsidentität von Frauen und Männern, die sich durch abfragbare Merkmale bestimmen lasse. Die Frage ist, ob das Identitätskonzept, das hier zugrunde liegt, geschlechtliche Identitäten innerhalb und außerhalb des Cyberspace noch ausreichend beschreiben kann.
Einer der Gründe, die Suler nennt für das Interesse am virtuellen Geschlechtswechsel, ist Transsexualität. Als Transsexuelle werden z.B. Menschen bezeichnet, die empfinden, daß ihr gefühltes Geschlecht nicht ihrem Körper entspricht, und ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht zu ihrer geschlechtlichen Identität passen; Menschen, die sich eingesperrt im "falschen" Körper fühlen. Falls sich nun, wie Suler vermutet, im Gender-Switching u.a. der Versuch Transsexueller ausdrückt, ihrer Identität einen passenden (virtuellen) Körper zu verleihen, ist es dann noch sinnvoll, nach ihrer anderen, ihrer "wahren" Identität, ihrem "richtigen" Geschlecht zu suchen? Wenn der materielle Körper nicht der "richtige" ist, kann dann der virtuelle Körper "falsch" sein? Sulers Anliegen ist es, gefälschte Geschlechter im Cyberspace aufzuspüren. Einige der weiblichen Identitäten im Internet seien nur Imitationen wirklicher Weiblichkeit. Suler spricht von "fake" (Fälschung), aber gibt es ein "Original"?
Juliane Rebentisch beschäftigt sich in ihrem Artikel "Sex, Crime & Computers" (Rebentisch 1997) mit der Idee des Computerpioniers Alan Turing, daß ein mit Fakten und Daten ausreichend gefütterter Hochgeschwindigkeitscomputer dazu in der Lage sein müßte, intelligentes Verhalten zu entwickeln. Zur Überprüfung seiner These entwickelte er das heute als "Turing-Test" bekannte Testverfahren, in dem ein Computer (A), der darauf programmiert ist, menschliche Intelligenz zu simulieren, und ein echter Mensch (B) von einer dritten Person (C) miteinander verglichen werden. Person C sitzt in einem abgetrennten Raum und hat die Aufgabe, das Original unter den beiden Initianden durch ein Frage- und Antwort-Spiel zu identifizieren. Die Regeln des Tests entwickelte Turing, wie Rebentisch erläutert, aus dem sogenannten Geschlechterimitationsspiel: Position A wird dabei von einem Mann eingenommen, Position B von einer Frau. Diesmal ist also die Frau das Original, das es zu identifizieren gilt. Sie selbst soll dabei helfen, der Mann dagegen soll dem fragestellenden Dritten die Identifizierung der Frau erschweren. Wie kann er diese Aufgabe am besten erfüllen? Er wird versuchen, die Frau zu imitieren. Rebentisch beschreibt, wie es auf diese Weise zum Wettstreit um die jeweils glaubhafteste Darstellung von Weiblichkeit kommen muß (Rebentisch 1997: 27). Testperson C hingegen findet sich als Entscheidungsträger in einer ähnlichen Rolle wieder, wie derjenige, der versucht, die "originale" Weiblichkeit von ihren Imitationen im Cyberspace zu unterscheiden.
Das Imitationsspiel ist in mehrfacher Hinsicht interessant. Zum einen setzt die Idee der Imitation die Vorstellung eines Originals voraus. Im Imitationsspiel geht es nicht darum, schreibt Rebentisch, die substantielle Unterscheidung von Mann und Frau in Frage zu stellen, sie ist vielmehr die Grundlage des Spieles:
"Eine glaubhafte Imitation [...] ist nur dann denkbar, wenn das Wissen oder emphatischer: die Wahrheit über das, was den Menschen und damit zugleich die Geschlechter ausmacht, gesichert bleibt." (Rebentisch 1997: 28)
Das Imitationsspiel zeigt gleichzeitig aber, daß dieses Original kopiert werden kann. Im Idealfall gelingt es, die Imitation soweit zu perfektionieren, daß es der Frau nicht mehr möglich ist, sich als Original zu erkennen zu geben. Je besser die Imitation ist, desto schwieriger wird es, das Original zu identifizieren und desto weniger unterscheidet es sich von der Kopie. Je mehr so die Grenzen zwischen Original und Imitat verschwimmen, um so deutlicher wird dadurch der Status des "Originals" und der "Echtheit" grundsätzlich in Frage gestellt. Indem die Imitation zum Original werden kann, entpuppt sich das Original selbst als Imitat und als Konstrukt. Die Möglichkeit, das Original in seinen Bestandteilen zu imitieren, entlarvt es als aus eben diesen Bestandteilen konstruiert. Auch das Original-Geschlecht der Testpersonen zeigt sich damit als Konstrukt. Die "echte" Weiblichkeit, nach der gesucht wird, erweist sich nicht mehr als Wahrheit, sondern als idealtypisch konstruiertes Modell weiblicher Identität. "Weiblich" bewertete Verhaltensmuster erscheinen als Imitationen ihrer "weiblich" definierten Vorbilder. "Weibliche" Identität wird zur Frage der Definition. Die Grundannahme, es existiere eine "reale" oder "tatsächliche" Geschlechtsidentität von Männern und Frauen, verliert damit ihre Basis, denn abfragbar im Sinne des Geschlechtertestverfahrens bleiben nur noch die kulturell definierten Eigenschaften von Identitätsmodellen. Die "realen" Geschlechtsidentitäten erweisen sich im gleichen Ausmaß wie ihre Imitationen als Konstrukte:
"Mit anderen Worten: Durch die Imitation zeigt sich im Spiel die Imitationsstruktur des sogenannten Weiblichen und des sogenannten Menschlichen als solche. [...] Das Original erscheint nun selbst als Imitation eines unerreichbaren und von alltäglichen, institutionellen, kulturellen, sozialen und politischen Praktikern hervorgebrachten Ideals." (Rebentisch 1997: 29)
Rebentisch geht es darum, die Imitationsstruktur, die auch in vermeintlichen "Originalen", wie Weiblichkeit und Männlichkeit, steckt, herauszustellen. Was diesen Ansatz so interessant macht, ist, daß er dazu anregt, den Wahrheitsanspruch gesellschaftlicher Leitbilder zu hinterfragen, indem er sie dekonstruiert. Dies läßt sich gut am Beispiel des Bildes von Weiblichkeit demonstrieren, das sich in Sulers Geschlechtertest verbirgt: In allen neun Fragen wird versucht, die weibliche Geschlechtsidentität durch das Testen des Wissens der Befragten zu Körperlichkeit und Anatomie (weibl. Zyklus) und die damit verbundenen Schönheitsideale (Konfektionsgrößen, Haarfärbetechnik) zu bestimmen. In diesen Fragen ist die Vorstellung enthalten, die geschlechtliche Identität sei körperlich determiniert: Sex (das anatomische Geschlecht) bestimmt Gender (die Geschlechtsidentität). Zu vermuten, die weibliche Geschlechtsidentität konstituiere sich im gemeinsamen Wissen über den Unterschied zwischen "'junior' and 'misses' sizes" und der "average rage of sizes for women's panties" (Suler 1996) scheint aber mehr über das Frauenbild des Autors und das darin enthaltene gesellschaftliche Modell von Weiblichkeit auszusagen, als ein angemessenes Konzept zur Beschreibung von Identitäten darzustellen. Wenn weibliche Identität durch ein ausführliches Wissen über Konfektionsgrößen von Strumpfhosen und die Praxis des Haarefärbens definiert ist, erweist sie sich tatsächlich als Konstrukt, als ein Produkt von Schönheitsnormen und gesellschaftlichen Konventionen. Die Vermutung, der Schlüssel zur Bestimmbarkeit der Geschlechtsidentität von Menschen läge in der Materialität ihrer Körper, also in ihrer Anatomie, ist dekonstruierbar.
Einen Schritt in diese Richtung geht Marie-Luise Angerer. Sie entwirft eine "Technologie des Geschlechts" (Angerer 1997), die Materialität selbst als Prozeß verstanden sehen will. Körper und Geschlecht zeigen sich darin als "zutiefst instabile Kategorien", die strategisch produziert und regelmäßig neu definiert werden zur Legitimierung der herrschenden Gesellschaftsordnung und damit zur Sicherung von gesellschaftlichen Machtpositionen (Angerer 1997: 38). Die Frage nach dem Geschlecht ist für sie keine Frage anatomisch-biologischer Fakten, sondern eine der Definition des herrschenden Diskurses. Judith Butler vertritt in "Das Unbehagen der Geschlechter" (Butler 1991) die Auffassung, daß auch das anatomische Geschlecht letztlich ein Konstrukt ist, denn auch der Körper werde in unserer Gesellschaft erst durch seine Zuordbarkeit zu heterosexuellen Gender-Kategorien lebbar. Die zwangsheterosexuelle Gesellschaftsordnung sei es, die die Geschlechtlichkeit der Körper auf zwei Möglichkeiten reduziert: Männlich und Weiblich. Einerseits besteht auch für sie kein kausaler Zusammenhang mehr zwischen Sex (dem anatomischen Geschlecht) und Gender (der Geschlechtsidentität):
"Wenn der Begriff 'Geschlechtsidentität' die kulturellen Bedeutungen bezeichnet, die der sexuell bestimmte Körper annimmt, dann kann man von keiner Geschlechtsidentität behaupten, daß sie aus dem biologischen Geschlecht folgt." (Butler 1991: 22)
Gleichzeitig stellt sie aber den Wahrheitsanspruch auch der anatomischen Geschlechtlichkeit an sich in Frage, indem sie diese als kulturell und historisch definiertes Ordnungsschema entlarvt. Damit wird für Butler das anatomische Geschlecht genauso wie die geschlechtliche Identität unnatürlich, konstruiert und eingesetzt, um die soziale Machtstruktur in einer zwangsheterosexuellen Gesellschaftsordnung zu erhalten.
Marco Atlas (1996) nimmt diesen Ansatz auf und betont besonders die kulturspezifische Abhängigkeit der Definition von Geschlecht:
"Die ethnologische Forschung [...] behauptete schon lange nicht mehr, der anatomische Körper wäre natürlich, sondern innerhalb historischer spezifischer sozialer Kontexte diskursiv durch bedeutungskonstituierende Bezeichnungen hervorgebracht. In anderen Kulturen gibt es durchaus Kategorien, die die Ambiguität des Geschlechtlichen benennen. [...] Es ist unsere Kultur, die eine Eindeutigkeit des Geschlechts fordert, die die Natur nicht hervorbringt." Insofern könne "das anatomische Geschlecht nicht unhinterfragt im Reich von Natur und Biologie belassen werden." (Atlas 1996: 8)
Sex und Gender stellen sich damit als historisch wandelbare Größen heraus und die Grundannahme einer Existenz stabiler und "echter" Geschlechtsidentitäten wird widerlegbar. Das bedeutet auch, daß herkömmliche Konzepte nicht mehr geeignet sind, Identitäten angemessen zu erfassen: Begriffe, wie "Echtheit", "Originalität", "Stabilität" und "Kontinuität", die bisher verwendet wurden, um Identitäten zu beschreiben, verlieren ihre Gültigkeit und können ersetzt werden durch "Wandelbarkeit", "Vielfalt", "Instabilität" und "Diskontinuität".
Wirkte das traditionelle Verständnis von Identität durch seinen Originalitätsanspruch und seine biologische Herleitung noch stabilisierend und legitimierend auf die "Ordnung der Geschlechter" in der Machthierarchie des bestehenden Systems sozialer Positionierung, so stellt die Vorstellung von instabilen und wandelbaren Identitäten diese an ihren Wurzeln in Frage. Judith Butler sieht daher in der bewußten Dekonstruktion des traditionellen Identitätsbegriffes die Möglichkeit, das zwangsheterosexuell definierte Ordnungssystem selbst zu destabilisieren. Sie schlägt vor, durch Störpraktiken, wie den persiflierenden Umgang mit Geschlechterrollen oder parodistisches Spielen mit der Identität, zur Verwirrung der Geschlechter beizutragen und ihre Konstruiertheit zu enthüllen:
"Die kulturellen Konfigurationen von Geschlecht und Geschlechtsidentität könnten sich vermehren, oder besser formuliert: ihre gegenwärtige Verfielfältigung könnte sich in den Diskursen, die das intelligible Kulturleben stiften, artikulieren, indem man die Geschlechterbinarität in Verwirrung bringt und ihre grundlegende Unnatürlichkeit enthüllt." (Butler 1991: 218)
Der Cyberspace könnte einen für solche Störpraktiken geeigneten Raum darstellen. Im vorigen Abschnitt habe ich zu zeigen versucht, daß er als Produkt unserer Gesellschaft derselben alltäglichen und sozialen Ordnung unterliegt und dieselben Geschlechtermodelle beherbergt, wie die materielle Außenwelt. Seine immaterielle Konsistenz, die den Zugriff auf den anatomischen Körper verwehrt, macht es aber in gewißer Weise möglich, mit geschlechtlicher Identität zu experimentieren. Indem der Cyberspace es für Net-UserInnen nötig macht, ihre Identitäten schriftlich anzugeben, offeriert er ihnen die Möglichkeit, ihre Geschlechter auszuwählen - unabhängig von deren angeblicher Vorbestimmtheit durch Anatomie, unabhängig auch von dem Zwang zur biologischen Beweisführung. Die Möglichkeit, in Realität und Virtualität unterschiedliche Varianten geschlechtlicher Identität zu leben, offenbart die Konstruktion der kausalen Beziehung zwischen Sex und Gender. Sherry Turkle (1996a) sieht denn auch die dekonstruierenden Theorien der Postmoderne und des Poststrukturalismus im Cyberspace anwendbar. Sie beschreibt virtuelle Benutzer-Umgebungen, wie MUDs, als "Identity workshops" (Turkle 1996b: 319), die dazu ermutigten den vormals konstant gedachten Identitätsbegriff zu verändern und Identität als vielgestaltig und flexibel zu erfahren. Vergleichbar mit der Umgebung psychotherapeutischer Milieus spräche die Workshop-Atmosphäre bewußte und unbewußte Bedürfnisse der Menschen an, die Aspekte ihrer selbst kennenzulernen, die sie im "wirklichen Leben" nicht artikulieren könnten. Zum virtuellen Gender-Swapping stellt sie fest:
"Jeder, der es versucht, hat die Möglichkeit, konkret zu erfahren, daß für beide Geschlechter die jeweilige Geschlechterrolle eine soziale Konstruktion ist." (Turkle 1996a)
Ich neige zu der Annahme, daß Gender-Swapping als Störpraxis zur Verwirrung der herrschenden 'Ordnung der Geschlechter' im Sinne Judith Butlers geeignet sein kann. Ich möchte das noch einmal am Beispiel von "Brad" und "Natalie" illustrieren. Es ist wohl nicht unbedingt zu erwarten, "Natalie", die/der 50jährige, hätte ihren Rollenwechsel mit konkreter politischer Absicht unternommen, etwa mit der Prämisse, zur Erschütterung der patriarchalischen Gesellschaftsordnung beizutragen. Tatsächlich aber ist es ihm/ihr mit seinem Rollenwechsel gelungen, die routinierte Selbstverständlichkeit, mit der normalerweise von Rollenstereotypen bestimmte Verhaltensweisen ablaufen (Brad [Mann] bittet Natalie [Frau] um Telephonnummer) geringfügig durcheinander zu bringen. Die kleinen Unregelmäßigkeiten, die durch Natalie und andere Swapper in den normierten und von kulturellen Modellen und Klischees bestimmten alltäglichen Umgang der Geschlechter gebracht werden, sind es, die Suler animieren, sein Testverfahren zu entwerfen. In seinen Fragen zur Biologie der Körper bemüht sich Suler, die Ordnungskategorien "männlich" und "weiblich" wieder abzusichern, die durch das Gender-Swapping in Unordnung gebracht und zweifelhaft wurden. Sein Testverfahren wirkt wie der Versuch, die Ordnung der Geschlechter, die im Grunde eine Ordnung der gesellschaftlichen Modelle von Geschlechtlichkeit ist, wieder herzustellen.
Was durch das Beispiel im Internet, aber auch im "wirklichen Leben" immer wieder deutlich wird, ist das anscheinend vorhandene Bedürfnis nach einer gültigen Ordnung, in der Machthierarchien verfestigt sind, und die bestimmte Ordnungskategorien verwendet, zu denen Geschlecht und Identität zählen. Im ersten Kapitel habe ich versucht zu zeigen, daß Rollenstereotypen und geschlechtsspezifische Verhaltensmuster als Teil dieser Ordnung auch den Umgang der Menschen im Internet miteinander und mit Computertechnologie bestimmen. Im zweiten Kapitel ging es mir darum, deutlich zu machen, daß diese Ordnungskategorien in der virtuellen wie in der materialen Realität stereotyp konstruiert sind. "Männlich" und "Weiblich" sind dabei die gesellschaftlichen Modelle von Geschlechtlichkeit, die die "Ordnung der Geschlechter" vorsieht. Die Praxis, das Geschlecht virtuell zu wechseln und diese Modelle zu kopieren, beweist ihre Konstruiertheit. Neben der am Beispiel deutlich gewordenen Tendenz, mit diesen Geschlechtermodellen zu arbeiten, sie zu bewahren und die entsprechenden Hierarchien zu verfestigen, zeigt das Gender-Swapping aber auch, daß es möglich ist, die Gültigkeit solcher Denk- und Ordnungsschemata spielerisch zu hinterfragen und ihre scheinbare Stabilität aufzubrechen. Auch dafür gibt es offenbar ein Bedürfnis.
ANGERER, Marie-Luise (1997): Space does Matter. Erste Überlegungen zu einer neuen Technologie des Geschlechts. In: Feministische Studien 1/97, 15. Jahrg.: Multimedia. Weinheim: DSV, S. 34-47
ATLAS, Marco (1996): Die poststrukturalistische Kritik am Konzept der Identität. Unveröffentl. Manuskript, Universität Bremen: Fachbereich Kulturwissenschaft
BUTLER, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main: Suhrkamp
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