The Culture and History
of Science Page
[73] Folgt man der Kunstgeschichtsschreibung,
dann war die Ausgliederung von Weiß und Schwarz aus dem Kanon der Grundfarben
die große Leistung der Kunsttheorie im Zeitalter der Entdeckungsreisen,
da nun Licht und Dunkel gegeben waren, die Dinge in ihrer Körperlichkeit
darzustellen. Die Beschränkung auf eben dieses Hell/Dunkel wurde freilich
als größter Mangel der frühen Fotografie aufgefaßt,
so daß nachträgliches Kolorieren der eigentlichen Fehlerretusche
noch vorausgegangen ist. Immerhin setzte die Fotografie allmählich eine
eigenständige Farbtonlehre gegenüber der Malerei durch und wirkte
schließlich mit ihrer analytischen Behandlung der Lichtführung
sogar vorbildlich. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehrten sich jedoch die
Stimmen, die zu einer antifotografischen Farbgebung in der Malerei zurückkehren
wollten, indem die Stofflichkeit von Form und Farbe gegen die Lichtmalerei
der Fotografie gekehrt wurde. (Abbildung links: Albert Einstein im amerikanischen Südwesten). Die synthetistische Bewegung machte sich zum Wortführer
einer Kunst, die nicht die Gegenstandswelt in Lichtmodulationen überträgt,
sondern Farb- und Formbedeutung für eine geistige Erfassung der Natur
einsetzt. Sieht man vom widersprüchlichen Verhältnis der synthetistischen
Maler zur Fotografie ab – etwa Gauguins Absage an die Fotografie und seine
gleichzeitige Verwendung von Fotografien als Vorlagen für seine Bilder
–, so ermöglichte die Zurückweisung einer naturalistischen Bildwirklichkeit
eine zuvor nicht gekannte Integration außereuropäischer Kunststile.
Die Herausforderung an die fotografische Monochromie und die Entdeckung außereuropäischer
Farbigkeit fielen in eine Zeit großer Prosperität, in der eine
zuvor nicht gekannte Nachfrage nach handkolorierten Fotografien, Diapositiven
und schließlich farbigen Ansichtskarten bestand. (Abbildung rechts: Paul Gauguin, Straße in Tahiti, ca. 1890-1903).
Ferne Weltbilder I. In: Fotogeschichte.
Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Jg. 6.
Nr. 19. Frankfurt/Main 1986. Seite 73-74.
(This electronic text can be quoted like the printed
copy. Please make use of the bold page numbers enclosed in square brackets
[ ], denoting the beginning of a new page in the printed copy.) Copyright
© 1986, 1998 Hartmut Krech.
![]()


In Nordamerika gehört die Malerschule von Taos nicht unwidersprochen
zur synthetistischen Bewegung; zu sehr dominiert in ihren Gemälden ein
fotografisch genauer Naturalismus. Doch mit der architektonischen Verwendung
klarer, ungebrochener Farben, mit der Integration traditioneller Ornamentik
und der Bevorzugung historisch idealisierter Themen zeigt sie wesentliche
Kennzeichen der Bewegung. Die vorliegende Publikation präsentiert eine
große Auswahl von handkolorierten Diapositiven, die zwischen 1890 und
1930 im Südwesten der Vereinigten Staaten entstanden. Die auf den ersten
Blick überraschende Farbgebung reflektiert Einflüsse der Schule
von Taos und ihrer Auseinandersetzung mit der natürlichen Farbigkeit
des Südwestens. Erstmals eine Übersicht über diese Richtung
innerhalb der amerikanischen Fotografie vorgelegt zu haben, ist sicher Hauptverdienst
dieses Bildbandes, denn die Auseinandersetzung mit der kunstgeschichtlichen
und historischen Problematik scheint gründlich mißlungen:
Teri C. McLuhan: Bilder für den weißen Mann. Eisenbahntourismus und der amerikanische Indianer 1890 -- 1930. München: Schirmer/Mosel, 1985. (29,7 : 24,7 cm, 200 S., 153 farbige u. 12 S/W-Abb. Leinen, Schutzumschlag.)
Die deutsche Übersetzung, die wenige Monate nach dem Erscheinen des Buches in New York vom Verlag Schirmer/Mosel in München herausgegeben wurde, versucht durch andere Titelgebung, dem Inhalt des Bandes näherzukommen. "Die Eisenbahn und der Indianer", wie der Original-Untertitel lautet, verweist nämlich auf einen wesentlich größeren Komplex, dem die Autorin immerhin ein Kapitel ihres Buches (zwischen S. 15 und 20) widmet. Es sollte in der amerikanischen Ausgabe wohl eine Vollständigkeit vorgetäuscht werden, die vom wesentlich enger gezogenen Gegenstand des Textes nicht erreicht wird.
Genaugenommen befaßt sich das Buch mit dem Engagement
einer einzigen privaten Eisenbahngesellschaft, der Atchison, Topeka &
Santa Fe Railway (ATSF), auf dem Gebiet der Förderung von Kunst, Fotografie
und Fremdenverkehr im Südwesten der Vereinigten Staaten zwischen den
Wirtschaftskrisen von 1890 und 1930. Zur Abbildung gelangen Farbreproduktionen
von Gemälden der Taos-Schule und Beispiele der Gebrauchsgrafik der ATSF,
wie Illustrationen zu Jahres-Almanachen und Werbeanzeigen.
![]() Hirschtanz im Santa Clara Pueblo |
![]() (Photo courtesy Atchison, Topeka & Santa Fé Railway Co.) |
Im Hauptteil des Buchs (S. 47-191) werden 111 handkolorierte Diapositive des Ausgangsformats 8x10 cm reproduziert. Die Bilder sind entsprechend der drei wichtigsten Indianergruppen des Südwestens zusammengefaßt. 31 Abbildungen widmen sich außerdem der Landschaft und allgemein touristischen Szenen, wobei auch Gegenden in Kalifornien und Colorado wiedergegeben sind. Bei der Behandlung der Hopi-Indianer sind 15 Vergrößerungen aus einem Dokumentarfilm eingefügt, der 1912 von der berühmten Schlangenzeremonie aufgenommen wurde.
Wer das Buch zur Hand nimmt, um sich über eine reichlich willkürliche Zusammenstellung von Ansichten des täglichen und religiösen Brauchtums der Hopi-, Navajo- und Pueblo-Indianer belehren zu lassen, bekommt das Abgebildete durch eine Reihe von Zitaten ausführlich erläutert. Dieser Charakter eines Bilderbuchs war wohl der Anlaß, eine deutsche Ausgabe vorzulegen. Im Hinblick auf die weiteren Aspekte wird der Leser vom Text jämmerlich im Stich gelassen. Die deutsche Übersetzung (Dr. Inge Leipold) folgt grammatisch genau den Gespreiztheiten und Untiefen der Vorlage. Etwas mehr Komfort hätte wohlgetan.
Die These der Autorin ist ebenso einseitig klischeehaft wie schwer zu widerlegen. Sie steht auf dem Standpunkt, daß der Indianer als Verlierer der Geschichte auf einer höheren geistigen Ebene der wahrhafte Sieger ist, während jegliches menschliche Streben (wie die Planung und Durchführung von Werbekampagnen) als pure Sünde zu verdammen ist. Es sind natürlich völlig unhistorische, moralische Kategorien, in denen die Autorin argumentiert, und die das Fell der Eisenbahngesellschaft waschen, ohne es naß zu machen. Wer die ATSF kennt, weiß, daß sie auch heute noch die große Landschaftsfotografie im Westen durch Vergabe zweckfreier Aufträge fördert und über ein historisches Archiv mit Themen verfügt, die außerhalb des Sammelinteresses anderer Geldgeber liegen. Wenn schon Kritik, dann wäre ein selektives Sammelinteresse zu untersuchen, das den öffentlichen Archiven die problematischen und weniger lukrativen Themen überläßt. Doch von der Bildauswahl der ATSF profitiert ja gerade diese Veröffentlichung, die nicht den Mut zu einer differenzierten Meinungsbildung findet.
Die Landnahme im Westen der Vereinigten Staaten durch die Eisenbahngesellschaften ist ein wichtiges Thema, das die vorliegende Darstellung verschenkt. Die Ausbreitung europäischer Besiedlung folgte einem einfachen Schema: Die Bundesregierung finanzierte die Erschließung des Kontinents durch die Vergabe von Landtiteln an konkurrierende Eisenbahngesellschaften. Geologisch-geografische Vermessungstrupps bestimmten über den Verlauf der Erschließung durch die Erkundung von Bergpässen und Flußübergängen. Nur vermessenes Land war gesetzlich geschützt. Meldungen über sensationelle Bodenfunde zwangen die Armee zur Verteidigung von Siedlern, die in Indianergebiet vorgedrungen waren. Im Schutz der Armee bewegte sich die Eisenbahn westwärts, für deren Dienste nun ein Bedarf bestand, noch ehe sie die Außenposten der Besiedlung erreicht hatte.
Die Landnahme im Westen vollzog sich keineswegs so spontan und unerwartet, wie man vermuten könnte. Bereits 1841 hatte der Bremer Geograf Johann Georg Kohl (1808-1878) über die "Förderungsmittel des Verkehrs und der menschlichen Ansiedlungen" geschrieben. Er zählte hierzu noch geistige "Gewalten, welche die Menschen zu den Menschen führen" (Kohl 1841, 15). Gegen Ende [74] seines Lebens mochte er nur noch Bodenschätze und Handelsgüter als "natürliche Lockmittel des Völker-Verkehrs" gelten lassen.
Die wesentliche Eigenschaft des Goldes und der Bodenschätze bestand zunächst aber darin, daß ihr Vorkommen bekannt war. Für den Einsatz der Fotografie bei der Landvermessung gab es wichtige Gründe, nicht zuletzt die Zeitersparnis bei der Anfertigung von Karten des vermessenen Landes, worauf der Berliner Fotografie-Professor Hermann Wilhelm Vogel (1834-1898) anläßlich seiner Amerika-Reise hinwies: "Wenn Landkarten eine Horizontalprojektion der dargestellten Regionen liefern, so gibt die Photographie eine Vertikalprojektion. Landschaftsphotographien sind in diesem Sinne als geographische Karten aufzufassen. (...) Ein Landschaftsbild hat einen weitergehenden Werth als ein Porträtbild, es soll nicht blos gefallen, sondern belehren über Fels- und Gebirgsformationen, über Vegetation, über menschliche und thierische Staffage, über Luft und Wasser. Ja, mathematisch genau aufgenommene Bilder (...) geben ein Mittel in die Hand, (...) treue photographische Karten zu konstruiren. (...) Eine Forschungsreise ohne Mitnahme photographischer Apparate ist in Amerika ganz undenkbar." (Vogel 1879, 120).
Daß die Landschaftsfotografie ein schwieriges Geschäft war, konnte Vogel nicht verborgen bleiben: "Während Porträtphotographie meistens auf directe Bestellung ausgeführt wird, gehört die Aufnahme einer Landschaft auf Bestellung zu den Seltenheiten. Man überlässt solche Aufnahmen dem Speculanten, der die Photographie als Mittel verwendet, beliebte Partien besuchter Gegenden bildlich darzustellen und damit bei den Touristen sein Geschäft zu machen." (Vogel 1874, 156).
Als der U.S. Census des Jahres 1890 die Landnahme im Westen für abgeschlossen erklärte, lagen über sechstausend Fotoplatten der Landesvermessung im Nationalarchiv in Washington. Die gesammelten Bilder waren im Kampf um das Vertrauen der Menschen in die Besiedlung ungewohnter und abweisender Landschaften eingesetzt worden. Die fotografische Aneignung ferner Gegenden war der eigentlichen Besiedlung noch vorausgegangen. Zu den Zufälligkeiten der Entwicklung gehörte es, daß nicht der mit viel Patriotismus vom südlichen Nachbarn Mexiko erworbene Südwesten zuerst besiedelt wurde, sondern die nördlicher gelegenen Staaten Colorado und Utah, wo man unerwartet reiche Bodenschätze gefunden hatte. Mit gehöriger Verspätung wurden Arizona und Neu-Mexiko erst 1910 und 1912 gleichberechtigt in den Verband der Vereinigten Staaten aufgenommen, nachdem die Fotografie in einer beispiellosen Aktion die eindrucksvollen Schätze dieser Staaten herausgestellt hatte. In diesen Jahren wurde der Mensch selbst in seiner Farbigkeit zu einer Attraktion, seine Nähe wurde zumindest mit der Kamera gesucht. Es gibt kaum eine Berühmtheit, die seinerzeit nicht auf Einladung der Atchison, Topeka & Santa Fe in den Südwesten gereist wäre, um dem genius loci Amerikas zu huldigen.
Aufgabe einer fotogeschichtlichen Publikation ist es zweifellos, die wechselseitigen Anregungen aufzuspüren, die in der medienreichen Zeit nach der Jahrhundertwende auf die Fotografie einwirken konnten. Sogar wissenschaftliche Fotografien wurden damals handkoloriert. Während die Grand-View-Fotografie der 70er Jahre im viel kleineren Postkartendruck neu aufgelegt wurde, führte die wachsende Bedeutung der Amateurfotografie zu einer Verflüchtigung der fotogratischen Arbeit. Schnappschußserien verdrängten die sorgfältige Fotostudie (A.C. Vroman), und die Konkurrenz des Kinofilms förderte die Projektion bunter Laterna-magica-Bilder, die mit der Farbigkeit von Gemälden in Wettbewerb traten.
Wer von der Autorin eine Würdigung dieser verschiedenen
Strömungen und Kräfte erwartet, erwartet zu viel. Ihr fotogeschichtlicher
Text beschränkt sich auf drei Seiten mit Kurzbiografien, die kaum etwas
über Entstehung und Verwendung der Fotografien aussagen. Das Verzeichnis
der Bildautoren (S. 200) verweist häufig in ungeschriebene Leere. Ein
wichtiges Thema der amerikanischen Fotogeschichte harrt seiner Behandlung.
Hartmut Krech
![]()
Dr. Hartmut Krech
D-28215 Bremen
Germany
eMail
kr538@zfn.uni-bremen.de
The Culture and History
of Science Page
![]()