In seinem Buch "Der symbolische Tausch und der Tod" aus dem Jahre 1976 postuliert der französische Soziologe Jean Baudrillard, daß die neuzeitlichen Gesellschaften durch eine Abfolge kommunikativer Ordnungen geprägt seien, für die jeweils ein spezifisches Verhältnis zwischen der materiellen und der symbolischen Welt charakteristisch wäre. Baudrillard (1991: 79-117) beschreibt drei sich vom Beginn der Moderne bis zur Jetztzeit und in die nahe Zukunft hinein historisch ablösende "Simulakren": (1) In der Ordnung der Imitation bildet die symbolische Welt eine als durch und durch natürlich verstandene Wirklichkeit lediglich nach. Es gilt ein einfaches, ungebrochenes Abbildungsverhältnis: Kommuniziert wird nur das, was aus Sicht der Erzähler wirklich ist oder wirklich war (also: was geschehen ist). Im Zuge der industriellen Revolution entsteht (2) die Ordnung der Produktion: Der natürlichen Welt wird eine neue, künstliche Welt gegenübergestellt. Materielle Wirklichkeit wird nicht mehr nur symbolisch imitiert, sondern auch systematisch produziert. Die alte Vorstellung von der Wiedergabe der Wirklichkeit bleibt dabei jedoch bestehen - charakteristisch für die Wissensproduktion in dieser (weniger zeitlich als kategorial bestimmten) 'Epoche' ist die grundlegende Trennung von Fakten und Fiktionen, also von abgebildeten und erschaffenen Wirklichkeiten. (3) In der Ordnung der Simulation - deren Entstehung wir gegenwärtig beobachten - wird diese Trennung zwischen Realität und Fiktion obsolet; in ihr gibt es "weder etwas Reales noch ein Referenzsystem, mit dem man es konfrontieren könnte" (94). Zeichen bilden hier nicht mehr die Wirklichkeit ab, sondern sie sind die einzige handlungsrelevante Wirklichkeit.
Diesen drei Ordnungen entsprechen in gewisser Weise auch die Begriffe, mit denen die existierende Welt jeweils benannt wird: Realität (von lat. res = Sache) als "Sachheit" bezeichnet die Dinge, so wie sie vorhanden sind, die Wirklichkeit (dtsch. von wirken, weben) als Gewirktes eben das, was gemacht wurde, und die Simulation (lat. simulatio = Verstellung, Vorspiegelung) die Unfähigkeit, das erste vom zweiten zu unterscheiden.
Was heißt dies nun für die Erkenntnismöglichkeiten der Subjekte und der jeweils dominierenden Wissensformen? Die Ordnung der Imitation ist erkentnistheoretisch durch eine Dichotomie geprägt: die Unterscheidung in eine materiell-äußere (natürliche) und eine symbolisch-innere (menschliche) Welt. Sie werden jeweils von den im Entstehen begriffenen Naturwissenschaften auf der einen und Geisteswissenschaften auf der anderen Seite untersucht. In der Ordnung der Produktion wird die materiell-äußere Welt in eine natürliche und eine von Menschen geschaffene verdoppelt. Die symbolisch-innere Welt ist nun mit zwei Referenzsystemen konfrontiert: Neben die Abbildung der vom Menschen vorgefundenen 'natürlichen' tritt die Darstellung der von ihm geschaffenen 'künstlichen' Welt. Aus dieser zweifachen Verdopplung geht die 'Chimäre Sozialwissenschaft' hervor. Sie beschäftigt sich einerseits - der Naturwissenschaft gleich - mit der materiellen, andererseits - wie die Geisteswissenschaft - mit der symbolischen Welt. Dabei bleibt sie jedoch jeweils auf die neue, von Menschen gemachte 'Hälfte der Wirklichkeit' bezogen.
Voraussetzung des klassischen wissenschaftlichen Denkens ist die fraglose Unterscheidbarkeit des einen (der materiellen Welt) von dem anderen (nämlich ihrer symbolischen Abbildung). Diese Trennung wird durch die Feststellung nicht aufgehoben, daß in der von Menschen gemachten Wirklichkeit die Welt der Zeichen in hohem Maße mit dafür verantwortlich ist, wie dieser Teil der Realität gestaltet wird. Auch wenn die Frage umstritten ist, ob die materiellen Verhältnisse eher die Voraussetzung für das Denken der Menschen sind, oder ob eher die großen (manchmal auch die kleinen) Ideen die Menschen dazu bringen, ihren Teil der materiellen Welt in einer spezifischen Form erst hervorzubringen, so bleibt in der Ordnung der Produktion doch eindeutig, daß die von Menschen erzeugte Wirklichkeit (ebenso wie die natürliche) als materielle real existiert und als solche symbolisch angemessen abgebildet werden kann.
Dieser eindeutige Verweisungszusammenhang, auf dem alle Feststellungen der Wissenschaften über die objektive Beschaffenheit der äußeren Welt beruhen, verschwindet nach Auffassung Baudrillards in der Ordnung der Simulation - und zwar nicht deshalb, weil etwa die materielle Welt aufhörte zu existieren (was außerhalb bestimmter Philosophien eine absurde Vorstellung ist), sondern weil die symbolische Welt eine solche Übermacht erlangt, daß zumindest der von Menschen gemachte Teil der materiellen Weltepistemisch ausgelöscht und damit auch für die Wissenschaft zunehmend unerreichbar wird. "Die 'Ordnung der Simulation' verdrängt die als 'authentisch' begriffene und erlebte Wirklichkeit, welche traditionellerweise im Zeichen noch dargestellt wird, unwiederbringlich aus dem Zentrum der Sinneswahrnehmung, während die Realität der Simulationen, die 'Hyperrealität', zum bestimmenden Konstruktionsmodell von Wirklichkeit erhoben wird ..." (Kraemer 1994: 52) Es können nicht mehr soziale, sondern nur noch symbolische 'Tatsachen' empirisch untersucht werden. Das Soziale in der Ordnung der Simulation ist nicht mehr real, sondern - wie Baudrillard es nennt - hyperreal.
Die Kategorie des Hyperrealen beschreibt das Ergebnis des Prozesses, in dem die Trennung zwischen "dem Wahren und dem Falschen, dem Realen und dem Imaginären" in der Simulation aufgehoben wird (Baudrillard 1976/1991: 100). Die im Band von 1976 noch recht assoziativ bleibende Beschreibung der - erst im Entstehen begriffenen - Ordnung der Simulation wird zwei Jahre später im Buch "Agonie des Realen" konkretisiert: Das erste Kapitel dieses Bandes beginnt mit der Wiedergabe einer Fabel von Borges über eine Landkarte, so groß wie das Reich, daß sie abbildet. Die Karte wird zerstört, als und weil das Reich zerfällt. Baudrillard versteht den bei Borges geschilderten Zusammenhang als Beschreibung früherer Simulakren und stellt dann fest, daß das Verhältnis zwischen Abgebildetem und Abbildung in der Ordnung der Simulation umgekehrt ist: "Die Karte ist dem Territorium vorgelagert, ja sie bringt es hervor." (Baudrillard 1978: 7) Die Simulation bezieht sich nicht mehr auf referentielle Objekte in der ontischen Ordnung, sondern sie selbst bringt Realität hervor; Simulation ist "die Generierung eines Realen ohne Ursprung oder Realität, d.h. eines Hyperrealen". Baudrillards Fazit: Die Fabel von Borges ist heute unbrauchbar, weil die souveräne Differenz zwischen Realem und Simulationsmodellen verschwunden ist. Voraussetzung der Entstehung des Hyperrealen ist die Liquidierung aller Referentiale (in der ontischen Ordnung) und deren "künstliche Wiederauferstehung in verschiedenen Zeichensystemen" (9). Das Reale wird durch Zeichen des Realen substituiert.
Mitte der neunziger Jahre geht Baudrillard in einem kurzen Essay noch einmal genauer auf das Verhältnis zwischen den beiden zentralen Kategorien ein: "Es gibt zwischen der Simulation und der Hyperrealität eine Art Homologie. Vielleicht gäbe es viele Differenzen, aber hier bei diesem Konzept nicht. Simulation bedeutet sowieso nicht etwas Falsches, sondern etwas Weder-falsch-noch-Wahres, etwas Weder-Böse-noch-Gutes usw. Die Simulation ist etwas, was über den Sinn hinausgeht, über die Sinn-Differenzen hinauskommt, also ist simuliert/Simulakrum nicht falsch - es ist etwas Weder-falsch-noch-Wahres, denn wir sind über das Falsche und über das Wahre hinaus. Und das ist das Hyperreale auch in dem Sinne, daß das Reale ins Hyperreale gesteigert wird - ich möchte sagen, realer und wirklicher ist als das Reale. Durch diese Steigerung, diese Übersteigerung des Realen, tritt man in einen Bereich oder in eine Sphäre, wo das Reale, das Wahre oder alle guten Dinge an und für sich gar nicht mehr existieren, weil sie potenziert werden und dadurch ihr Realitätsprinzip verlieren." (Baudrillard 1994: 28)
Systematisch betrachtet, läßt sich dieser neue, hyperreale 'Zustand' der Wirklichkeit wohl durch vier Merkmale beschreiben (Baudrillard 1978: 10, 30; 1978a: 45-46, 1991: 90, 114):
1. Es gibt in der Wahrnehmung keinen Unterschied zwischen der Realität und ihrer symbolischen Abbildung.Ursache der Entstehung der Ordnung der Simulation und damit der Herrschaft des Hyperrealen ist die Übermacht, welche die Erzeugung und Verteilung symbolischer Formen gegenüber der materiellen Produktion und Reproduktion erhält. Hervorgerufen wird die Dominanz der Zeichen in erster Linie durch die massenmediale Erzeugung und Verbreitung von "Modellen". Die Rolle der Massenmedien wird von Baudrillard allerdings eher assoziativ denn systematisch bestimmt. Wenn wir den angesprochenen Prozeß und seine Wirkungen aus den in verschiedenen Werken gelieferten Fragmenten rekonstruieren, ergibt sich in etwa das folgende Bild.2. Die Unterscheidung zwischen Wissen über das Reale und über das Imaginäre (also jene zwischen 'Fakt und Fiktion') ist aufgehoben.
3. Die Dichotomie zwischen Wahrem und Falschem ist beseitigt, folglich können alle Hypothesen (lebensweltliche wie wissenschaftliche) zugleich wahr und falsch sein.
4. Tatsachen und Ereignisse werden symbolisch im Schnittpunkt von Modellen erzeugt.
Obwohl allein schon durch die Technik der Montage - heute durch die Digitalisierung aller Informationen perfektioniert - jede Unterscheidungsmöglichkeit "zwischen dem Wahren und dem Falschen" beseitigt wird (Baudrillard 1991: 100), können die Wirkungen der Massenmedien in der Ordnung der Simulation nicht nach den kausalen Vorstellungen von Ursache und Wirkung (im Sinne der traditionellen Manipulationsthese) betrachtet werden. Der Beobachter ist vielmehr mit einem wechselseitigen Durchdringen von 'realem Leben' und Medienwelt konfrontiert, das eine Unterscheidung beider Sphären schließlich unmöglich machen wird. Durch "Auflösung des Fernsehens in Leben, Auflösung des Lebens im Fernsehen" entsteht eine "nicht mehr zu unterscheidende, chemische Lösung" (Baudrillard 1978: 49). Sie erzeugt und verteilt Informationen als geschlossenes System von Frage und Antwort, "durch die Einseitigkeit der Frage, die eben keine wirkliche Befragung mehr ist, sondern das unmittelbare Aufdrängen einer Bedeutung, durch die der Zyklus auf der Stelle abgeschlossen wird" (Baudrillard 1991: 97). Dies zeigt sich insbesondere an der Durchführung von Meinungsumfragen und ihrer massenmedialen Verbreitung: "Zwischen dem Verlust des Realen und des politischen Bezugs und dem Auftauchen von Meinungsumfragen besteht eine strenge, notwendige Beziehung (...) Es ist nicht mehr nötig, daß jemand sich eine eigene Meinung bildet, sich und sie anderen konfrontiert - vielmehr müssen alle die öffentliche Meinung nachbilden ..." (Baudrillard 1978a: 43-44). Dabei werden nicht nur reale Lebenserfahrungen durch die Abbildung dieser Erfahrungen ersetzt, sondern auch Emotionen wie Schuld und Angst "durch den vollkommenen Genuß der Zeichen für Schuld, Verzweiflung, Gewalt und Tod" sowie die Prinzipien von Ursache und Wirkung, Ursprung und Ziel durch die "Euphorie der Simulation" (115-117).
Wegen dieser Ersetzung sind auch die spektakulären 'Ereignisse', über die Massenmedien berichten, simulierte Ereignisse, "und zwar insofern, als sie sich von vornherein in die rituelle Dechiffrierung und Orchestrierung der Massenmedien einschreiben und sie in ihrer Inszenierung und ihren möglichen Folgen vorweggenommen werden" (Baudrillard 1978: 38). Dies wurde bereits in den siebziger Jahren bei der Berichterstattung über politische Skandale und terroristische Gewalttaten deutlich: Welche Interpretation dieser 'Ereignisse' auch immer angeboten wurde, alle Erklärungen und Deutungen waren auf ununterscheidbare Weise gleich wahr (30). Dabei haben alle medialen Inszenierungen gleichzeitig jedoch immer auch die Aufgabe, die Illusion der Faktizität der Ereignisse aufrechtzuerhalten. "In einem Prozeß fortwährender Produktion und Überproduktion versucht die gesamte Gesellschaft das Verschwinden des Realen aufzuhalten und es wieder auferstehen zu lassen." (40) Diese Versuche sind jedoch nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern zeitigen immer auch die entgegensetzten Wirkungen: Je "hysterischer" die Anstrengungen werden, "Illusion einer Ereignishaftigkeit bzw. die Illusion der Realität" aufrechtzuerhalten, desto mehr wird der Prozeß der Ablösung des Realen durch das Hyperreale beschleunigt" (62).
So fragmentarisch Baudrillards Setzungen in einzelnen Werken auch sein mögen, ergeben sie zusammengenommen doch ein theoretisches Gesamtbild, das von erheblichem Einfluß auf die moderne Medientheorie war und ist. Daß Baudrillards Grundthese über das 'Verschwinden der Wirklichkeit in der Simulation' heute auch von anderen Theoretikern geteilt wird (vgl. Bolz 1993: 113-114; Münch 1995: 101), ersetzt allerdings nicht die - regelmäßig fehlende - Erklärung, wie die neuartigen Symbolwelten die behauptete Umkehrung des Abbildungsverhältnisses zwischen Zeichen und Realität hervorrufen könnten.
Betrachten wir, um diese Frage zu beantworten, das Verhältnis von Zeichen und (materieller) Realität zunächst einmal für das lebensweltliche Wissen. Darüber, was im Alltag unter 'Wirklichkeit' verstanden wird, klärt uns die sozial-psychologische Attributionstheorie von Harold H. Kelley (1967; 1978) auf. Es handelt sich um eine "psychologische Erkenntnislehre", die untersucht, "wie der Mensch seine Welt erkennt und - was noch wichtiger ist - wie er Kenntnisse über sein Erkennen gewinnt, d.h. ein Wissen über die Richtigkeit seiner Ansichten und Urteile besitzt" (Kelley 1978: 213). Subjekte weisen nach dieser Theorie beobachteten Phänomenen dann den Status des 'Wirklichen' zu, wenn diese drei Merkmalen genügen (Zusammenfassung nach Heylighen 1997):
1. Invarianz besagt, daß ein Phänomen nicht 'verschwinden' darf, wenn Art oder Zeitdauer der Wahrnehmung sich ändern. Je größer der Bereich der Invarianzen ist (hinsichtlich unterschiedlicher Sinne und der Beobachtungszeit), desto realer wirkt das Phänomen.
2. Das Merkmal Unterscheidbarkeit nimmt an, daß äußere Objekte Wahrnehmungen erzeugen, die reicher in Kontrast und im Detail sind als nur Imaginiertes (z. B. in Träumen).
3. Kontrollierbarkeit schließlich verlangt, daß das Phänomen jeweils angemessen (das heißt primär: wie erwartet) auf unterschiedlichste Manipulationen durch das Subjekt reagieren muß.
Ein Phänomen (Objekt, Ereignis usw.) gilt insgesamt als um so wirklicher, je deutlicher diese drei Merkmale ausgeprägt sind.
Die Ordnung der Simulation zeichnet sich nun dadurch aus, daß die Subjekte den größten Teil ihres Wissen über die Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar (dies gilt für die natürliche ebenso wie für die soziale Welt), sondern über die Massenmedien vermittelt erlangen. Primärerfahrung wird durch Sekundärerfahrung ersetzt. Das Besondere an diesen 'vermittelten' Erfahrungen ist, daß für sie keines der drei genannten Merkmale zutrifft, weil das Subjekt nicht mit dem Gegenstand, der Szene, dem Ereignis selbst, sondern mit dessen Abbildung zu tun hat.
Zu 1: Phänomene werden, wenn sie nicht ohnehin ausschließlich symbolisch vermittelt sind (wie bei Zeitung und Buch), bestenfalls optisch und akustisch wahrgenommen. Eine 'Überprüfung' mittels Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn hingegen ist per se ausgeschlossen. Auch können die Subjekte sich nicht darauf verlassen, alle dasselbe zu sehen und zu hören, weil die Informationen die Sinne nicht unmittelbar, sondern technisch vermittelt erreichen. Schließlich kann eine Invarianz in der Zeit überhaupt nicht mehr überprüft werden, weil das Subjekt den Beobachtungsvorgang nicht selbst steuert, sondern von Entscheidungen anderer darüber abhängig ist, was sofort dargestellt wird, was später und was gar nicht.
Zu 2: Kontrast- und Detailreichtum der Wahrnehmungen werden nicht von den Fähigkeiten der Sinne, sondern ausschließlich von den Möglichkeiten des abbildenden Mediums bestimmt. Ein Foto - um als Beispiel das Medium zu wählen, welches ursprünglich mit dem Anspruch auf 'realitätsgerechte' Abbildung angetreten war - ist schon wegen seiner Unbeweglichkeit nie sehr detailreich (es enthält eine Zahl von Informationen, die maximal dem eines einzelnen Blickes entspricht, jeder Betrachter der seinen Blick über eine Szene streifen läßt, kann ein Vielfaches an Informationen aufnehmen). Wie beim Foto kann vom Betrachter auch bei Film und Fernsehen kein Perspektivenwechsel nach eigenem Willen vorgenommen werden. So kann er z. B. nicht um die gezeigten Gegenstände herumgehen, um zu überprüfen, wie sie auf der 'Rückseite' aussehen. In einem Satz: Der Betrachter ist vollständig von den Vorgaben des Mediums abhängig.
Zu 3: Das - wie auch immer - abgebildete Objekt kann vom Betrachter in keiner Weise manipuliert werden. Dieser bleibt vollständig passiv, kann nur die Information erlangen, die das jeweilige Medium ihm aufgrund seiner Beschaffenheit 'freiwillig' liefert. Um nicht mißverstanden zu werden: Nach dem Merkmal 'Kontrollierbarkeit' gilt ein Objekt bei direkter (nicht medial vermittelter) Wahrnehmung nicht nur dann als 'wirklich', wenn es durch das Subjekt manipuliert worden ist - dies ist allein wegen der Menge der in jeder Minute wahrgenommenen Objekte gar nicht möglich -, sondern es reicht aus, daß die Möglichkeit besteht, den ontologischen Status des Objekts notfalls (eben dann, wenn Zweifel auftreten) auf diese Weise zu überprüfen. Solche direkten Überprüfungen sind bei medialen Abbildungen regelmäßig ausgeschlossen. (Eine Möglichkeit der Überprüfung dieses Merkmals besteht prinzipiell nur dann, wenn die abgebildeten Phänomene zeitlich stabil sind und vom Subjekt auch erreicht werden können. So kann der Reisende sich durch Betasten des Steines davon überzeugen, daß die ihm von einer Abbidlung vertraute Cheopspyramide tatsächlich vorhanden ist. Für temporär eng begrenzte Ereignisse oder Sachverhalte gibt es diese Möglichkeit nicht.)
Eine Veränderung im Wirklichkeitszugang ergibt sich in der Ordnung der Simulation dadurch, daß immer größere Anteile der vom Subjekt aufgenommenen Informationen medial vermittelt sind, also von ihm grundsätzlich nicht mittels der drei genannten Attribute auf ihren Realitätsgehalt hin überprüft werden können. Die Subjekte sind damit gezwungen, an die Wirklichkeitsadäquanz der erhaltenen Informationen entweder zu 'glauben' oder sie zu bezweifeln, ohne daß sie ihre diesbezügliche Entscheidung durch primäre Erfahrung untermauern könnten. Die Frage, was wirklich ist und was nicht, hört auf, eine 'empirisch überprüfbare' zu sein. Der Zustand der Realität wird immer mehr von dem der Hyperrealität abgelöst, je höher der Anteil der natürlichen und sozialen Sachverhalte ist, über welche die Subjekte einer Gesellschaft nur Wissen besitzen, das im erläuterten Sinne nicht mehr überprüft werden kann, sondern geglaubt werden muß. Hier ist für die Subjekte de facto nicht zu entscheiden, ob berichtete Sachverhalte im traditionellen Verständnis existent oder nichtexistent, ob getroffene Bewertungen wahr oder falsch sind.
Der geschilderte Prozeß wird durch die Netzwerkmedien noch verstärkt, weil vom Computer simulierte Wirklichkeiten in zunehmendem Maße das zweite und dritte Wirklichkeitsmerkmal zu erfüllen scheinen: Im Gegensatz zur traditionellen Abbildung kann der Betrachter die Perspektive, mit der er ein Objekt beobachtet, in gewissen Grenzen selbst bestimmen, und er kann eine Zahl von (vorgegebenen) Manipulationen vornehmen. So lassen sich dreidimensionale virtuelle Objekte von allen Seiten betrachten und sie 'reagieren' mit Veränderungen auf Tastatur- oder Mauseingaben des Betrachters. Diese Möglichkeiten sind aktuell auf optische und akustische Wahrnehmungen beschränkt. An Erweiterungen in den haptischen Bereich hinein (z. B. in Form von Datenanzügen, deren eingebaute Pneumatik den Widerstand von materiellen Objekten gegen Bewegungen oder Verformungen simuliert) wird gegenwärtig gearbeitet. Solche künstlichen Umwelten werden zunehmend den Anforderungen der Attributionstheorie gerecht und können sich nach den dort genannten Kriterien als Wirklichkeit bewähren. Stanislaw Lem postulierte in seinem futurologischen Werk "Summa technologiae" (1981: 321-345) die Nichtunterscheidbarkeit von realen und virtuellen Umwelten als letzte Stufe der von ihm 'Phantomatik' genannten zukünftigen Techniken zur Beeinflussung der Wahrnehmung.
Dies - und nichts anderes - scheint mir die epistemologische Grundlage von Baudrillards Theorie zu sein: Die weitgehend symbolische Vermittlung von Realität führt Ereignisse, Zustände, Sachverhalte unweigerlich in den 'Hyperrealität' genannten Zustand über, in dem die herkömmliche Unterscheidung zwischen 'wahr' und 'falsch', 'real' und 'fiktiv' nicht getroffen werden kann.
Man kann die von Baudrillard postulierten drei Simulakren in diesem
Sinne auch als Unterschiede in der Überprüfbarkeit von Wissen
interpretieren. Das Verhältnis zwischen Realität und Realitätszugang
in den drei Simulakren veranschaulicht die folgende Darstellung.

In der Ordnung der Imitation lebt der Mensch in einer Welt aus primär schon vorgegebenen Objekten, deren Wirklichkeit unmittelbar nachprüfbar ist. Der Anteil der symbolisch vermittelten Wirklichkeit ist relativ gering. In der Ordnung der Produktion existiert er in einer Welt aus zunehmend von Menschen geschaffenen Objekten. Ihr Wirklichkeitsstatus ist zwar meist noch nachprüfbar, der Anteil der symbolisch vermittelten Wirklichkeitselemente steigt jedoch an. In der Ordnung der Simulation schließlich besteht die Welt des Subjekts primär aus von Menschen geschaffenen Objekten, deren Status in der Mehrheit der Fälle nicht mehr nachprüfbar ist. Der Anteil der symbolisch vermittelten Wirklichkeit übersteigt hier bei weitem den der unvermittelten Realität. Die Übergänge zwischen den Ordnungen sind dabei hinsichtlich beider Dimensionen fließend - die Skizze verdeutlicht dies.
Für das wissenschaftliche Wissen hat diesen Prozeß Bernhard Giesen (1991) in seinem erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Werk "Entdinglichung des Sozialen" beschrieben. In einem mit "Reflexive Codes: Die Autonomisierung symbolischer Strukturen" betitelten Kapitel untersucht er die Veränderungen im wissenschaftlichen Denken beim Übergang von der Moderne zur Postmoderne (welche theoretisch weitgehend kongruent zu Baudrillards Ordnung der Simulation gedacht zu sein scheint).
Die moderne Wissenschaft ist nach Giesens Auffassung durch den Verlust eines gleichsam natürlichen Zugangs zu den 'Tatsachen' zu kennzeichnen: Aufgrund abnehmender Bindung der Erkenntnis an konkrete und individuelle Erkenntnissubjekte werden nun besondere methodische Anstrengungen zur Gewinnung neuen Wissens über die Welt notwendig (102), "Tatsachen werden von ihrer lebensweltlichen oder gesellschaftlichen Konstitution abgekoppelt und sind universell reproduzierbar" (103). Das dieser 'Entkopplung' seinen Erfolg verdankende Wissenschaftsprogramm der Moderne wird konsequent letztmalig im logischen Empirismus des Wiener Kreises formuliert. Dieser beschreibt - so Giesen - eine erkennbare Welt aus "beobachtbaren Einzeltatsachen, die mithilfe induktiver Schlußverfahren Theorien graduell verifizieren können" (114).
Den Übergang zum postmodernen Denken in der Wissenschaft markiert Poppers Kritizismus: "Der Wandel von Theorien erfolgt jetzt nicht mehr in Reaktion auf neue Tatsachenentdeckungen, sondern er eilt diesen voraus: ohne theoretische Voraussetzungen ist Tatsachenbeobachtung nicht möglich ... Im kritizistischen Verständnis ist die Beziehung zwischen Theorie und Tatsachen spannungsreich und gegensätzlich: Theorien entwerfen mögliche Welten und Tatsachen liefern die Argumente, um diese Weltentwürfe zu beurteilen und zu verwerfen. Im Unterschied zur empiristischen Erkenntnistheorie ist das Tatsachenurteil jedoch niemals endgültig; Tatsachenbeobachtungen sind selbst theoriegeladen und unterliegen damit einer ähnlichen Dynamik wie Theorien selbst (...) alles ist revidierbar und kritisierbar außer dem Tatbestand der Differenz zwischen Theorie und Tatsachen selbst." (115-116) Zwischen Theorie und Tatsachen treten die Wissenschaftler als soziale Akteure mit spezifischen Eigeninteressen. Ursache und Träger von Erkenntnisfortschritt sind nicht mehr 'die Tatsachen' oder 'die abstrakte Theorieentwicklung', sondern Wissenschaftler, "die in sozialen Situationen und kulturellen Traditionen stehen und vor dem Hintergrund gemeinsamer kategorialer Annahmen Antworten auf jene Fragen zu finden suchen, die sie für wichtig und vordringlich halten" (117).
Die Folgen dieser Veränderung in der Erkenntnisfähigkeit der Wissenschaft beschreibt Giesen, auch wenn seine Begrifflichkeiten andere sind, in ganz ähnlicher Weise wie Baudrillard die Ordnung der Simulation. Die Wissenschaft muß unter denselben "dekontextualisierten Strukturen" funktionieren, unter denen auch das Subjekt leben muß: "eine Vielzahl gleichermaßen 'möglicher' Interpretationen in der Welt ist vorhanden, und kein unbestreitbares Fundament, kein allem übergeordneter Bezugspunkt steht zur Verfügung, um über sie zu entscheiden" (118). Tatsachen sind 'nur noch' das Ergebnis sozialer Definitions- und Typisierungsprozesse, Theorien soziale Konstruktionen, die (an Handlungspraxen bestimmter Gruppen gebundene) Zusammenhänge zwischen diesen definierten Tatsachen herzustellen versuchen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist schließlich nichts anderes als das Ergebnis von Aushandlungsprozessen zwischen von unterschiedlichen Interessen geleiteten Akteuren. Dies gilt zwar nicht nur, aber insbesondere für Theorie- und Praxisformen, die von den beteiligten Wissenschaftlern wie von der Gesellschaft als problematisch empfunden werden: "Bei der Anwendung der kategorialen Annahmen im Hinblick auf die Situation, bei der Beurteilung einer Lösung im Hinblick auf das Problem, bei der Auswahl und Definition der Probleme selbst ergeben sich immer Spielräume und Zonen der Unbestimmtheit, die subjektive Urteilskraft, Entscheidung und Konvention erfordern." (117)
Zentrales Charakteristikum des Erkenntnisprozesses der Postmoderne ist, daß für Sachverhalte und Situationen stets mehr Deutungen vorhanden sind, als zutreffend sein können. "Diese Deutungskonkurrenz ergibt sich allein schon aus dem Umstand, daß Deutungen aus ihrem ursprünglichen lebensweltlichen Kontext herausgelöst und zu Deutungsmustern oder Codes verallgemeinert werden, die Geltungsansprüche auch für andere und künftige Situationen stellen. Wenn so Deutungen dekontextualisiert und universalisiert werden, so verdichten sich auch notwendigerweise Deutungskonkurrenz, und so wächst auch der Druck zur Selektion zwischen verschiedenen Codes, die gleichermaßen Geltungsansprüche für eine bestimmte Situation stellen (...) Der Wandel symbolischer Codes vollzieht sich dann als Verdrängung eines Codes durch einen anderen innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft." (121-122) Die für die Wissenschaft der Moderne angenommene "universal gültige und natural generierte Erkenntnis" ist in der Postmoderne abgelöst durch die Beschreibung von Relationen zwischen verschiedenen Wissensbeständen. Die "Angemessenheit von Deutungen (...) ist zeitlich, räumlich und sozial begrenzt und immer geringer als ihr Geltungsanspruch" (122).
Auch wenn bei Giesen der epistemologische Ausgangspunkt und die verwendeten Analysekategorien andere sind als bei Baudrillard, werden die Konsequenzen des geschilderten Prozesses von ihm doch explizit unter Berufung auf dessen Denken beschrieben: Die zukünftig Welt wird beherrscht von Zeichen, die - von ihrem Entstehungskontext abgetrennt - zu Elementen einer umfassenden Symbolwelt werden, "die ihre Bindung an konkrete Gegenstände und Substanzen, an die Dinge der Welt, gelockert und gelöst hat, so daß schließlich die Dinge selbst aus der Reichweite der Zeichen geraten und sich Zeichen nur mehr auf andere Zeichen beziehen. Ist dieser Prozeß der Entdinglichung genügend weit vorangeschritten, so wird die Frage nach der empirischen Begründung von Erkenntnis unbeantwortbar. Die symbolischen Strukturen haben sich von ihrer Verankerung in den Dingen gelöst und bezeichnen nur wieder andere Strukturen, die wiederum sich auf andere Strukturen beziehen." (142). Entstanden ist eine soziale Welt, "in der die Konkretheit der Dinge kostbar und unerreichbar geworden ist" (Giesen 1991: 142).
In dieser Ordnung der Simulation kann keine Gewißheit über
'soziale Fakten' geben, über die sogenannten Tatsachen wird vielmehr
in sozialen Aushandlungsprozessen und evolutionsförmigen Deutungskonkurrenzen
entschieden. Die systematische Verschleifung faktionaler und fiktionaler
Darstellungsmodi - wie wir sie insbesondere in den Netzwerkmedien finden
- läßt dabei in der Lebenswelt auch die Barriere zwischen realitäts-
und phantasiebezogenen Wissensbeständen großflächig aufbrechen.
Ergebnis dieses Prozesses sind Realitätskonglomerate, die nicht mehr
nach dem dichotomen Schema Wirklichkeit vs. Illusion auflösbar sind.
Dies ermöglicht Aliens oder auch 'den Illuminaten' einen Wechsel aus
der Literatur in das 'wirkliche Leben' - wo sie zu den Protagonisten weltumfassender
Verschwörungen werden...
Baudrillard, Jean (1978a): Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Berlin: Merve.
Baudrillard, Jean (1991): Der symbolische Tausch und der Tod. München: Matthes & Seitz (franz. 1976).
Baudrillard, Jean (1994a): Die Illusion der Virtualität. Bern: Benteli.
Bolz, Norbert (1994): Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse. München: Fink.
Giesen, Bernhard (1991): Die Entdinglichung des Sozialen. Eine evolutionstheoretische Perspektive auf die Postmoderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Heylighen, Francis (1997): Objective, Subjective and Intersubjective Selectors of Knowledge http://pespmc1.vub.ac.be/papers/knowledgeselectors.html- Zugriff 29.9.1997.
Kelley, Harold H. (1967): Attribution theory in social psychology. In: Nebraska symposium on motivation (Vol. 15), Hrsg. D. Levine, Lincoln: University of Nebraska Press, S. 192-238.
Kelley, Harold H. (1978): Kausalattribution: Die Prozesse der Zuschreibung von Ursachen. In: Sozialpsychologie, Erster Band: Interpersonale Wahrnehmungen und soziale Einstellungen, Hrsg Wolfgang Stroebe, Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, S. 212-265.
Kraemer Klaus (1994): Schwerelosigkeit der Zeichen? Die Paradoxie des selbstreferentielen Zeichens bei Baudrillard. In: Baudrillard. Simulation und Verführung, Hrsg. Ralf Bohn und Dieter Fuder, München: Fink, S. 47-69.
Lem, Staniwlaw (1981): Summa technologiae. Frankfurt am Main: Suhrkamp (poln. 1964).
Münch, Richard (1995): Dynamik der Kommunikationsgesellschaft.
Frankfurt am Main: Suhrkamp.