Michael Schetsche

Kollaboratives Lernen im Netz - das Beispiel MSI

Modulares Seminar-Interface

Kurzpräsentation auf dem 2. Multimedia-Tag der Universität Bremen am 19.2.2002
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit dem MSI möchte ich Ihnen eine internetbasierte Anwendung vorstellen, die - im Auftrag und mit Finanzmitteln des Fachbereichs 8 - von mir gemeinsam mit zwei Studenten der Soziologie, Thomas Krug und Thomas Temme, entwickelt worden ist.

Auf den ersten Blick ist das Modulare Seminar-Interface ein Werkzeug zur kollaborativen Textarbeitet in Sozial- und Geisteswissenschaften. Auf den zweiten Blick ist das MSI aber noch etwas anderes: ein Baustein nämlich für einen alternativen Weg zur Multimedia-Universität. Aber dazu später mehr.

Daß der Ausgangspunkt meines Teams nicht Träume von einer leuchtenden Multimeda-Zukunft sondern die heutigen Lehr- und Lernbedingungen sind, können Sie schon daran ersehen, wie ich Ihnen das MSI präsentiere. Nämlich genau so, wie die Dozentinnen und Dozenten in der gerade beendeten Erprobungsphase am Fachbereich 8 es ihren Studierenden vorgestellt haben: nämlich mit dem Overhead-Projektor.
 

Konzeption, Aufbau und Funktionen des MSI

Kommen wir nun aber zum MSI selbst. Das Modulare Seminar-Interface ist kein Lernprogramm, sondern ein Kommunikationsmittel, das sich der Möglichkeiten der Netzwerkmedien bedient. Ziel seines Einsatzes ist es, einen zusätzlichen, möglichst offenen virtuellen Kommunikationsraum bereitzustellen, in dem Präsenzveranstaltungen, vor- und nachbereitet oder auch aus der Ferne begleitet werden können.

Welche Möglichkeiten bietet das MSI konkret, was erwartet die Studierenden, wenn sie via Internet mit einem handelsüblichen Browser den virtuellen Seminarraum betreten? Der aus der klassischen Lehrveranstaltung bekannte Seminarplan bildet in verwandelter Form den Einstiegspunkt in die virtuellen Lernräume des MSI. Die Struktur des Seminarplans kann dabei die Terminen und Themen der Präsenzveranstaltung, sitzungsübergreifende Fragen oder die eingerichteten Arbeitsgruppen abbilden [Abbildung 1] Für jeden Termin oder jedes Thema ist eine eigenständiger Web-Bereich im MSI reserviert.

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Die Kernfunktionen des MSI beziehen sich auf die gemeinsame Arbeit mit und an theoretischen, methodischen und lebensweltlichen Texten. Die im Seminar zu bearbeitenden Texte können unmittelbar am Bildschirm mit Stichwörtern, Kommentaren, weiterführenden Links und ergänzenden Text- oder Bild-Dateien versehen werden. Diese Kommentierungen können von allen anderen SeminarteilnehmerInnen ihrerseits kommentiert oder um eigene und fremde Text ergänzt werden.

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Die entstehende Diskussionsstruktur kann im MSI unmittelbar optisch nachvollzogen werden kann. Die Vielfalt der Nutzungsoptinen und die Variabilität der Anwendung ermöglichen den Einsatz in der Vor- und Nachbereitung einzelner Sitzung, eine durchgängigen Begleitung übergeordneter Fragestellungen oder die Koordination von Arbeitsgruppen. Zusätzlich werden vom MSI auch die von handelsüblichen seminar-unterstützenden Anwendungen bekannten Standardfunktionen bereitstellt: Umfassende Indizierungs- und Suchfunktionen erleichtern die Textarbeit, Module zum Dokumentenaustausch und Emailversand erweitern die Kommunikationsmöglichkeiten, Autorenwerkzeuge vereinfachen die
Seminareinrichtung für DozentInnen und Administrationstools helfen das MSI zu pflegen.
 

Die Hochschuldidaktische Philosophie hinter dem MSI

Das MSI ist im gerade abgeschlossenen Wintersemester am Fachbereich 8 in
zehn Lehrveranstaltungen didaktisch erprobt worden. Da die Erhebungsphase der Evaluation erst vor wenigen Tagen abgeschlossen wurde, kann ich Ihnen heute hier die Ergebnisse leider noch nicht vorstellen. Ich möchte stattdessen kurz auf die hochschuldidaktische Philosophie hinter dem MSI eingehen, die sich - so jedenfalls mein Eindruck - doch erheblich vom heute an unserer Universität vorherrschenden Verständnis des Multimedia-Einsatzes unterscheidet. Ich möchte dies anhand der vier Prinzipien verdeutlichen, die unser Projekt angeleitet haben:

Erstens Anwendungen konkret entwickeln, aber offen konzipieren: Was in der Physik-Ausbildung didaktisch sinnvoll und technisch machbar ist, muß dies in der Geographie- oder Soziologie-Lehre noch lange nicht sein. Das MSI wurde für die kollaborative Textarbeit in sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern mit ihrem ganz spezifischen didaktischen und kommunikativen Anfoderungen entwickelt. Nach unserer Philosophie sollten Multimedia-Anwendungen prinzipiell für konkrete Aufgabenstellungen entwickelt werden, dabei aber an unterschiedliche oder sich ändernde Lehr- und Lernbedingungen angepaßt werden können. Wir haben uns deshalb für ein modulares Design entschieden, das offen für verschiedenste Anpassungen ist und leicht modifiziert und weiterentwickelt werden kann.

Zeitens nach dem didaktischem Sinn und der Effizienz fragen: Nicht alles, was an
Multimedia-Anwendungen vorstellbar und technisch machbar ist, ist auch didaktischen und ökonomisch sinnvoll. Es scheint uns unverzichtbar, vor einem Multimedia-Einsatz zu prüfen, ob die angestrebten didaktischen Zwecke nicht auch mit geringerem Ressourceneinsatz zu erreichen sind bzw. ob der erwartete Lerngewinn tatsächlich den betriebenen Aufwand wert ist. Dies setzt insbesondere Diskussionen mit allen Beteiligten über die tatsächlichen didaktischen Ziele von Lehrveranstaltungen und über deren Realisierung voraus. So ist auch die Virtualisierung von Lehre kein Wert an sich, sondern muß sich an konkreten Anforderungen der Lernenden an die zeitliche und räumliche Flexibilisierung von Lernprozessen orientieren.

Drittens die Entwicklung von Anwendungen zur Qualifizierung nutzen: Nach unserer tiefen Überzeugung verschwendet die Universität Kompetenz, Motivation und Lernchancen, wenn sie Studierende - und Lehrende - überwiegend mit fertigen Multimedia-Anwendungen konfrontieren. Das MSI wurde über mehrere Semester hinweg von mir gemeinsam mit Studierenden erdacht, erstellt, erprobt und weiterentwickelt. Unser Projekt zeigt, wie im Rahmen der Lehre telemediale Anwendungen entwickelt und evaluiert werden können, die prinzipiell auch außerhalb der Universität einsetzbar sind. Durch die Entwicklung erwerben alle Beteiligten handlungspraktisches Wissen, das von unmittelbarer Bedeutung gerade auch für die außeruniversitäre Arbeiswelt ist. Diese Qualifizierungschancen sollten wir nicht verschenken.

Viertens den Multimedia-Einsatz an Prozessen, nicht an Produkten orientieren: Ich halte es für einen Fehler, die Einführung multi- und telemedialer Anwendungen und die Virtualisierung von Veranstaltungen primär als Frage der Hard- und Software-Ausstattung anzusehen. Es handelt sich vielmehr um einen hochschuldidaktischen Prozeß, an dem alle betroffenen Gruppen aktiv beteiligt sein müssen, wenn er gelingen soll. Nicht zu letzt aus diesem Grunde steht beim MSI die Kooperation von Lehrenden und Lernenden nicht nur in der Anwendung sondern auch bei der gemeinsame Weiterentwicklung des benutzten Werkzeugs im Mittelpunkt. In diesem Sinne ist das MSI letztlich weniger ein Produkt, als der Name für einen Prozeß, den es zu moderieren und zu gestalten gilt.

Ich will nicht behaupten, daß eine solche Philosophie die hochschuldidaktische Entwicklungsprozeß, in dem wir uns befinden, in allen Anwendungsbereiche, Studiengänge und Fachbereich anleiten könnte. Ich möchte Sie nur bitten, einmal darüber nachzudenken, welche Bedeutung unsere Prinzipien für Ihre Arbeit haben könnten.

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Kollaboratives Lernen im Netz - das Beispiel MSI
   Quelle: http://www-user.uni-bremen.de/~mschet/msivortrag.html
Letzte Aktualisierung: 18.2.2002