Sehr geehrte Damen und Herren, werte Unifreunde, liebe Kolleginnen und Kollegen,
zunächst einmal möchte ich mich - auch im Namen von Thomas Krug und Thomas Temme - ganz herzlich für Ehrung bedanken, die Sie uns zuteil werden lassen. Unser besonderer Dank gilt den Studierenden des Seminars 'Bausteine für eine Soziologie des Cyberspace', die wesentlichen Anteil am Gelingen unseres Projekts hatten.
In unserer Wahrnehmung haben wir den Preis für zweierlei erhalten: 1. für eine soziologische Veranstaltung zum Thema 'Neue Medien' und 2. für unser Seminar-Interface , ein experimentelles Computerprogramm, das zukünftig auch in anderen Lehrveranstaltungen eingesetzt werden kann. Es ist uns eine große Freude, gerade für dieses Lehr- und Lernprojekt ausgezeichnet zu werden.
Über die Veranstaltung selbst hat schon Kai Lehmann als Vertreter der Studierenden berichtet. Wir möchten deshalb in unserem Beitrag nur kurz auf das von uns entwickelte und erprobte Computerprogramm eingehen: Es dient nicht, wie viele der heute angebotenen Multimedia-Module der Interaktion zwischen einem Menschen, dem Lernenden, und einer Maschine, dem Computerprogramm. Es dient vielmehr der Kommunikation zwischen Menschen, zwischen Lehrenden und Lernenden.
Unser Seminar-Interface ist also kein Lernprogramm, sondern ein Kommunikationsmittel, das sich der Möglichkeiten der neuen Medien bedient. Ziel seines Einsatzes ist es, einen zusätzlichen virtuellen Kommunikationsraum bereitzustellen, in dem Präsenzveranstaltungen, vor- und nachbereitet oder auch aus der Ferne begleitet werden können.
Das Thema 'neue Medien in der Lehre' spielt gegenwärtig an unserer Universität ja eine herausragende Rolle. Wir möchten deshalb die Gelegenheit nutzen, über einige unserer Erfahrungen mit dem Einsatz solcher Techniken zu berichten. Drei Punkte sind uns dabei besonders wichtig:
1. Die Virtualisierung von Lehre ist kein Wert an sich. Die Diskussionen, die wir mit vielen Studierenden geführt haben, zeigen ganz deutlich, daß die Präsenz - in den Lehrveranstaltungen, aber auch an der Universität allgemein - als hoher sozialer und didaktischer Wert angesehen wird. Auch eine teilweise 'Virtualisierung' wird nur dann gewünscht, wenn die Arbeits- oder Lebenssituation die ständige Teilnahme an Präsenzveranstaltungen unmöglich macht. Dies allerdings ist leider bei immer mehr Studierenden der Fall.
2. Notwendig ist eine Orientierung an konkreten Lernaufgaben und Lernsituationen. Was in der Chemie-Ausbildung didaktisch sinnvoll und technisch machbar ist, muß dies in der Soziologie-Lehre noch lange nicht sein. Und umgekehrt natürlich. Unseres Erachtens sollten Multimedia-Anwendungen prinzipiell dezentral für konkrete Aufgabenstellungen und unter Beachtung der Lehr- und Lernbedingungen der einzelnen Studiengänge entwickelt werden. Nur vor Ort kann geprüft und entschieden werden, was didaktisch sinnvoll, technisch machbar und auch arbeitsökonomisch effizient ist.
3. Ausgangspunkte sollte das Prinzip 'Learning by Doing' sein. Letztlich verschenken wir Kompetenz, Motivation und Lernchancen, wenn wir Studierende immer nur mit fertigen Multimedia-Anwendungen konfrontieren. Die Besonderheit unseres Projekts bestand darin, daß das Seminar-Interface primär von Studierenden entwickelt, erprobt und immer wieder verändert wurde. Daß dieser Prozeß auch jetzt noch weitergehen kann, ist der großzügigen Unterstützung durch den Fachbereich 8 zu verdanken, die wir hier ausdrücklich hervorheben möchten.
Wir wünschen uns, daß unser Projekt von anderen Lehrenden und Lernenden als Beispiel und Ermutigung angesehen wird, selbst aktiv zu werden. Das heißt, im Rahmen der Lehre multi- und telemediale Anwendungen zu entwickeln und zu erproben. Nach unseren Erfahrungen erwerben dabei alle Beteiligten handlungspraktisches Wissen, das gerade auch für die spätere Arbeit außerhalb der Universität von großer Bedeutung ist. Eine reine Mausklick-Pädagogik hingegen, wie sie das Ziel mancher Multimedia-Planungen scheint, ist in der universitären Ausbildung wenig sinnvoll.
Wir drei verstehen den Preis ausdrücklich als Ermutigung, uns auch in Zukunft an der Weiterentwicklung unsere Universität zu beteiligen. Wir haben deshalb beschlossen, einen Teil des Preisgeldes unmittelbar in ein weiteres Projekt zu investieren, das wir gerade gemeinsam mit einigen Mitstreitern und Mitstreiterinnen aus der Taufe gehoben haben: Die Creative Network Factory. Dies soll eine kooperative Denkfabrik werden, die perspektivisch auch als Fortbildungs- und Karriere-Netzwerk für Bremer Soziologie-Absolventen und -Absolventinnen gedacht ist. Und zwar insbesondere für diejenigen, die sich der Arbeit mit den Neuen Medien verschrieben haben.
Zentraler Anstoß für dieses neue Projekt ist die große Diskrepanz zwischen dem anhaltenden Interesse von Soziologie-Studierenden an den Neuen Medien und den realen Kompetenzen, die ihnen auf diesem Gebiet im Studium bislang vermittelt werden. Die Studierenden bemerken offenbar schneller als manche Uni-Gremien, daß nicht nur eine große gesellschaftliche Nachfrage nach mediensoziologischer Kompetenz besteht, sondern daß diese Nachfrage sich im Moment auch in zukunftsträchtige Jobs transferieren läßt. Dies setzt allerdings die entsprechenden Qualifikationen voraus. Und da es kaum einen rasanteren Arbeitsmarkt gibt als den der neuen Medien, schien es uns höchste Zeit, hier die Initiative zu ergreifen.
Mit diesem Ausblick auf unsere zukünftige Arbeit möchte ich auch schon schließen.
Haben Sie alle noch einmal herzlichen
Dank!