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DIE BRÜCKE

Nico ter Linden

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Oktober/November
2004

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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„Es steht mehr da als da steht“
Nico ter Linden
hilft die Bibel zu verstehen

Manfred Spieß
aus: DIE BRÜCKE - Jesus für Anfänger - 2000, 30-31


Es gibt Bücher, bei deren Lektüre einem schlagartig die Augen aufgehen. Die Bibelerzählungen von Nico ter Linden bieten sowohl für Anfänger als auch für "alte Bibelhasen" völlig neue Zugänge und Sichtweisen. Der Autor läßt auf eine unnachahmliche Art die Geschichten der Bibel selbst erklingen. Die Bilder und die Symbole vergangener Zeiten werden erschlossen und die großen Erzähllinien der Bibel entfalten ihre Wirkung. Der holländische Autor (und auch sein deutscher Übersetzer Stefan Häring!) spielt meisterhaft mit der Sprache: “Ich übersetze, ich übertrage für uns, ich entschlüssele“, denn: „Es steht nicht nur da, was da steht!“

Im ersten von insgesamt fünf vorgesehenen Bänden nimmt sich der holländische Pastor die sogenannten 5 Bücher Moses vor. Der heutige Leser erfährt, dass der Priester im Schöpfungsbericht Gen 1 keine Vorlesung über die Entstehung der Welt hält, sondern unter Einbeziehung seines Weltbildes das bekennt, was er glaubt: hinter und über dieser Welt steht Gott. Der sogenannte „Sündenfall“ besteht nicht in einer einmal vollzogenen Tat der ersten Menschen, sondern in der immer wieder kommenden Versuchung: “Ihr werdet sein wie Gott“. Das kann nicht gut gehen, denn: „Wer sich selbst vergöttlicht entmenschlicht“. Die weiteren Geschichten der Bibel zeigen in unzähligen Variationen: So sind die Menschen!
Bleiben wir in der „Urgeschichte“ – Kain, der erste geborene Mensch, schon ein Brudermörder! Er stellt die zentrale Frage: “Soll ich etwa meines Bruders Hüter sein?“ Ja, Kain, genau das! Menschsein ist Mitmensch-sein. Der Dreiklang – übersetzen, übertragen, entschlüsseln – den ter Linden meisterhaft anstimmt, bringt die alten Texte zum modernen Menschen. Ich entdecke plötzlich neuen Sinn hinter Altvertrautem und eine Menge Sympathie für die biblischen Personen, deren Höhen und Tiefen geschildert werden. Die biblischen Geschichten zeigen mir: So geht es zu bei den Menschen. Indem so von ihrem Menschsein erzählt wird, wird auch von ihrem Glauben erzählt. Unter dieser Perspektive sind die Erzählungen von Adam, Kain, Noah, Abraham und Moses unendliche Variationen desselben Themas: vom Gelingen und Mißlingen der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wer mit ter Lindens Hilfe sich auf eine Entdeckungsreise in die Bibel aufmacht, wird begeistert bis zum Ende mitgehen. Bei diesem Band bis an die Grenze des gelobten Landes.

Im zweiten Band kommen Markus und Matthäus mit ihren Geschichten von Jesus zur Sprache. Der Erzähler Nico ter Linden begibt sich mit ihnen ins Gespräch, erweist sich dabei auch als guter Zuhörer: „Halt ein Markus, du bist so schnell“. Die knappe Ausdrucksweise des Markus-Evangeliums verlangt nach Pausen zum Nachdenken und Erinnern. Die Fülle der biblischen Tradition, auf die die Evangelisten zurückgreifen, bietet einen wichtigen Verständnishintergrund für die Jesuserzählungen: Ägypten, die Wüste, die Taufe, Schicksale der Propheten und die Lieder der Psalmen sind Bedeutungshorizonte zum Verstehen der Jesusbotschaft. Fast nebenbei lernt der Leser viel über die Geschichte Israels, die Bedeutung vieler Namen und Orte, religionsgeschichtliche Symbole. Und die Psychologie biblischer Personen ist von der heutiger Zeitgenossen nicht sehr verschieden. Die Merkmale der großen Erzähllinien werden bald vertraut und erweitern die eigenen hermeneutischen Möglichkeiten.

Band 3 erzählt von Königen Richtern und Propheten. Diese Bibelerzählungen sind wirklich nicht einfach zu verstehen, rufen bei Zeitgenossen oft Unverständnis und Ablehnung hervor. Kriege, Genozide, Mord und Totschlag sind hier massenhaft zu finden. Nico ter Linden hilft beim Durchschauen: Viele Kriegsgeschichten sind nicht historisch korekt überliefert, sondern werden aus erzählerischem Interesse so gestaltet. Jede Zeit hat in der medialen Vermittlung ihre reißerischen Besonderheiten, damals wie heute!
Sehr hilfreich sind die Entschlüsselungen der Vorgänge um die Personen. Josua, die Richter, die ersten Propheten und die ersten Könige Israels spiegeln den Umgang mit Glauben und Leben in allen menschlichen Variationen wider. Diese Erzählungen beeindrucken durch ihre Dichte, und der rote Faden in der biblischen Überlieferung wird auch dem heutigen Leser deutlich. Auch die Rolle der Frauen in den alttestamentlichen Geschichten wird besonders zur Sprache gebracht und gewürdigt.

Nico ter Linden nimmt die Leser auf eine spannende Reise durch verschiedene Überlieferungsschichten mit. Wir gelangen zu den biblischen Erzählern/Schriftstellern und erfahren viel über ihre Motive, Inhalte und Ziele. Rückblenden beleuchten von der Vergangenheit her. Ohne dass dem Leser schwindelig wird, nimmt der Autor ihn wieder mit ins Heute. Besser kann man den „garstigen historischen Graben“, der den Theologen oft so zu schaffen machte, nicht überwinden. Die historische Bibelwissenschaft wird dabei nicht ausgeblendet, sondern wird anders eingesetzt als bisher üblich. Bibelwissenschaft und narrative Theologie sind hier helfende Partner – keine Gegner. Das „Erzählen“ reicht auch in Tiefen hinein, die mit methodischem Instrumentarium allein nicht zu erreichen sind. Ter Lindens Erzählungen inspirieren zum Mitmachen, zum Weitererzählen. Darum sind diese Bücher eine wertvolle Bereicherung für jeden, der aus theologischem, religionspädagogischem oder aus persönlichem Interesse heraus die alten Seiten der Bibel neu aufschlagen will.