Es
steht mehr da als da steht
Nico ter Linden
hilft die Bibel zu verstehen
Manfred
Spieß
aus: DIE BRÜCKE - Jesus für Anfänger - 2000, 30-31
Es gibt Bücher, bei deren Lektüre einem schlagartig die Augen
aufgehen. Die Bibelerzählungen von Nico ter Linden bieten sowohl
für Anfänger als auch für "alte Bibelhasen"
völlig neue Zugänge und Sichtweisen. Der Autor läßt
auf eine unnachahmliche Art die Geschichten der Bibel selbst erklingen.
Die Bilder und die Symbole vergangener Zeiten werden erschlossen und
die großen Erzähllinien der Bibel entfalten ihre Wirkung.
Der holländische Autor (und auch sein deutscher Übersetzer
Stefan Häring!) spielt meisterhaft mit der Sprache: Ich übersetze,
ich übertrage für uns, ich entschlüssele, denn:
Es steht nicht nur da, was da steht!
Im
ersten von insgesamt fünf vorgesehenen Bänden nimmt sich der
holländische Pastor die sogenannten 5 Bücher Moses vor. Der
heutige Leser erfährt, dass der Priester im Schöpfungsbericht
Gen 1 keine Vorlesung über die Entstehung der Welt hält, sondern
unter Einbeziehung seines Weltbildes das bekennt, was er glaubt: hinter
und über dieser Welt steht Gott. Der sogenannte Sündenfall
besteht nicht in einer einmal vollzogenen Tat der ersten Menschen, sondern
in der immer wieder kommenden Versuchung: Ihr werdet sein wie
Gott. Das kann nicht gut gehen, denn: Wer sich selbst vergöttlicht
entmenschlicht. Die weiteren Geschichten der Bibel zeigen in unzähligen
Variationen: So sind die Menschen!
Bleiben wir in der Urgeschichte Kain, der erste geborene
Mensch, schon ein Brudermörder! Er stellt die zentrale Frage: Soll
ich etwa meines Bruders Hüter sein? Ja, Kain, genau das!
Menschsein ist Mitmensch-sein. Der Dreiklang übersetzen,
übertragen, entschlüsseln den ter Linden meisterhaft
anstimmt, bringt die alten Texte zum modernen Menschen. Ich entdecke
plötzlich neuen Sinn hinter Altvertrautem und eine Menge Sympathie
für die biblischen Personen, deren Höhen und Tiefen geschildert
werden. Die biblischen Geschichten zeigen mir: So geht es zu bei den
Menschen. Indem so von ihrem Menschsein erzählt wird, wird auch
von ihrem Glauben erzählt. Unter dieser Perspektive sind die Erzählungen
von Adam, Kain, Noah, Abraham und Moses unendliche Variationen desselben
Themas: vom Gelingen und Mißlingen der Beziehung zwischen Gott
und Mensch. Wer mit ter Lindens Hilfe sich auf eine Entdeckungsreise
in die Bibel aufmacht, wird begeistert bis zum Ende mitgehen. Bei diesem
Band bis an die Grenze des gelobten Landes.
Im zweiten Band kommen Markus und Matthäus mit ihren Geschichten
von Jesus zur Sprache. Der Erzähler Nico ter Linden begibt sich
mit ihnen ins Gespräch, erweist sich dabei auch als guter Zuhörer:
Halt ein Markus, du bist so schnell. Die knappe Ausdrucksweise
des Markus-Evangeliums verlangt nach Pausen zum Nachdenken und Erinnern.
Die Fülle der biblischen Tradition, auf die die Evangelisten zurückgreifen,
bietet einen wichtigen Verständnishintergrund für die Jesuserzählungen:
Ägypten, die Wüste, die Taufe, Schicksale der Propheten und
die Lieder der Psalmen sind Bedeutungshorizonte zum Verstehen der Jesusbotschaft.
Fast nebenbei lernt der Leser viel über die Geschichte Israels,
die Bedeutung vieler Namen und Orte, religionsgeschichtliche Symbole.
Und die Psychologie biblischer Personen ist von der heutiger Zeitgenossen
nicht sehr verschieden. Die Merkmale der großen Erzähllinien
werden bald vertraut und erweitern die eigenen hermeneutischen Möglichkeiten.
Band
3 erzählt von Königen Richtern und Propheten. Diese Bibelerzählungen
sind wirklich nicht einfach zu verstehen, rufen bei Zeitgenossen oft
Unverständnis und Ablehnung hervor. Kriege, Genozide, Mord und
Totschlag sind hier massenhaft zu finden. Nico ter Linden hilft beim
Durchschauen: Viele Kriegsgeschichten sind nicht historisch korekt überliefert,
sondern werden aus erzählerischem Interesse so gestaltet. Jede
Zeit hat in der medialen Vermittlung ihre reißerischen Besonderheiten,
damals wie heute!
Sehr hilfreich sind die Entschlüsselungen der Vorgänge um
die Personen. Josua, die Richter, die ersten Propheten und die ersten
Könige Israels spiegeln den Umgang mit Glauben und Leben in allen
menschlichen Variationen wider. Diese Erzählungen beeindrucken
durch ihre Dichte, und der rote Faden in der biblischen Überlieferung
wird auch dem heutigen Leser deutlich. Auch die Rolle der Frauen in
den alttestamentlichen Geschichten wird besonders zur Sprache gebracht
und gewürdigt.
Nico
ter Linden nimmt die Leser auf eine spannende Reise durch verschiedene
Überlieferungsschichten mit. Wir gelangen zu den biblischen Erzählern/Schriftstellern
und erfahren viel über ihre Motive, Inhalte und Ziele. Rückblenden
beleuchten von der Vergangenheit her. Ohne dass dem Leser schwindelig
wird, nimmt der Autor ihn wieder mit ins Heute. Besser kann man den
garstigen historischen Graben, der den Theologen oft so
zu schaffen machte, nicht überwinden. Die historische Bibelwissenschaft
wird dabei nicht ausgeblendet, sondern wird anders eingesetzt als bisher
üblich. Bibelwissenschaft und narrative Theologie sind hier helfende
Partner keine Gegner. Das Erzählen reicht auch
in Tiefen hinein, die mit methodischem Instrumentarium allein nicht
zu erreichen sind. Ter Lindens Erzählungen inspirieren zum Mitmachen,
zum Weitererzählen. Darum sind diese Bücher eine wertvolle
Bereicherung für jeden, der aus theologischem, religionspädagogischem
oder aus persönlichem Interesse heraus die alten Seiten der Bibel
neu aufschlagen will.