Einen unvoreingenommenen Zugang zu diesem Kontinent gibt es nicht. Jedwede Perspektive ist durch eine Anzahl von "images" geprägt. Auch Experten können Afrika nicht in irgend einen geistigen Griff kriegen. An "Zugriffen" herrscht kein Mangel. Wir können entwicklungspolitisch, touristisch, menschenrechtlich, politisch- ökonomisch, religiös, historisch, kolonialhistorisch, sklavereigeschichtlich, migrationsgeschichtlich, ethnologisch, künstlerisch, medizinisch, psychologisch, an ethnischen Identitätsbildungen etc interessiert sein - bzw. an verschiedenen Problemverknüpfungen - stets werden Erfahrungen und Begegnungen die Vorverständnisse durchkreuzen. In der Presseberichterstattung erscheint Afrika als Kontinent negativer Weltrekorde: mit den meisten Flüchtlingen, der höchsten Schuldenlast, den meisten Aidskranken, Analphabeten, ethnischen Konflikten, Hungernden, der höchsten Kindersterblichkeit. Der Spiegel titelte: "Kontinent ohne Hoffnung" (l8.4. l994) und bezeichnete 20 von 52 afrikanischen Staaten als Krisenherde.
Knappe entwicklungspolitische Länderanalysen finden sich im Handbuch der Dritten Welt (HDW). Das Image des subsaharischen Afrika als "Krisenkontinent" und "internationaler Sozialfall" (Bd.4, S.7) wird hier als Stigmatisierungsmuster, "das rassistische Vorurteile kaum verbergen kann" (Bd.4, S.l4) näher untersucht. W.Michler geht in seinem Weißbuch Afrika genauer auf Probleme der politisch gemachten Hungerkatastrophe ein, die "auch eine Katastrophe des deutschen Journalismus" ist. Als l983 bis 85 weite Teile Afrikas von einer außergewöhnlichen Trockenheit betroffen wurden, hat die Medienberichterstattung "das Ausmaß der Not in nicht mehr verantwortbarer Weise übertrieben" (S.3l). "Daten und Situationsbeschreibungen über die Dritte Welt und über Schwarzafrika insbesondere sind oft bloße Fiktionen, mit denen die Politiker und Medien ihr Geschäft betreiben", schrieb Michler l988 (ebd.). Seit den Bürgerkriegen in Burundi und Ruanda haben sich die Probleme der Berichterstattung allerdings weiter zugespitzt. Ethnische Konflikte zwischen Hutu und Tutsi kosteten l972 etwa l00 000 Menschenleben, l988 etwa 20 000, l99l ca 3000. Juni l993 wurden Exekutive und Legislative in Burundi an die Mehrheit übergeben, fast drei Jahrzehnte Tutsiherrschaft endeten. Es folgte "eine menschliche Tragödie von solchem Umfang, daß die Bezeichnung Völkermord naheliegt". Etwa eine halbe Million Flüchtlinge aus Ruanda wurde Anfang l997 in die Wälder Ostzaires getrieben und von internationalen Hilfeleistungen abgeschnitten - ein "Genozid ohne Waffen". Generalmajor Paul Kagame, Verteidigungsminister und Vizepräsident von Ruanda und vielleicht einer der einflußreichsten Politiker in der Region der großen Seen, der selbst in einem Flüchtlingslager aufwuchs, führt die mörderischen Konflikte zwischen den kulturell und sprachlich voneinander kaum verschiedenen Hutu und Tutsi auf Voraussetzungen in der Kolonialzeit und Nutzung kolonialer Deformationen durch afrikanische Politiker seit der Unabhängigkeit zurück. Inzwischen sind 90% der Flüchtlinge zurückgekehrt. Unter den 10% der Nichtrückkehrer befinden sich nach Kagame die eigentlichen Verbrecher, denen er einen fairen Prozeß machen will.
Wer sich für afrikanische Kulturen, Entwicklungen und Modernisierungsformen interessiert, kann die entwicklungspolitischen Perspektiven des Westens nicht zum Hauptmaßstab machen. Auf der l969 in Dakar abgehaltenen UNESCO- Konferenz über Kulturpolitik in Afrika bezeichnete Ngugi wa Thiong´o die politische und ökonomische Befreiung als Grundvoraussetzung für die kulturelle Befreiung - im Gegensatz zu den meisten afrikanischen Intellektuellen, Künstlern und Politikern, die seines Erachtens damals umgekehrt die kulturelle Befreiung für eine wesentliche Bedingung der politischen hielten. Beim Wort "Kultur" fielen den meisten nur Tänze, Buschtrommeln und Bräuche ein, nicht jedoch eigenständige Nationalkulturen, die sich nur entwickeln ließen, wenn das politische und wirtschaftliche Leben umfassend afrikanisiert werde.
Den meisten Europäern gelingt es kaum, sich ein angemessenes Verständnis für die erste Phase der Unabhängigkeit der jungen afrikanischen Staaten zu erarbeiten. Nachdem die Kolonialmächte nicht nur die wirtschafts- und machtpolitischen Ressourcen, sondern auch das Bewußtsein der Beherrschten vielfach enteignet hatten, bedurfte es gewaltsamer revolutionärer Maßnahmen, um das alle Lebensformen durchdringene koloniale Erbe zu bewältigen.
Soziologische Forschungen haben die "koloniale Situation" als ein Gesamtsystem, eine "Totalität" zu verstehen gelehrt.. Mit wirksamen administrativen Maßnahmen ließ sich der Mythos der ethnischen Überlegenheit der Kolonialherren in relevanten Lebensbereichen institutionalisieren. Dieser Rassismus sollte, wie Okwudiba Nnoli ausführt, die "Eingeborenen" der eigenen Kultur entfremden, sie zur Identifizierung mit der Kolonialmacht veranlassen und ihnen einen tiefen Selbsthaß einpflanzen. In Europa gibt es Völker, so die Sprachregelung, in Afrika dagegen nur "Stämme". Wenn in modernen Ethnizitäsforschungen der Begriff "Stamm" bzw. "Ethnos" im Sinne von "Volk", "Bevölkerungsgruppe" auch wertfrei und nichtdiskriminierend gebraucht wird, so ist das Wort "Stamm" (Englisch: tribe) doch in Afrika von Anfang an ein kolonialistisch belasteter, politischer Kampfbegriff gewesen. Unterentwickelte Gruppen des schwarzen Kontinents seien noch im Stadium der Detribalisierungskämpfe. Im Zuge der Kolonialisierung wurden vielfach afrikanische "Stämme" von den imperialen Mächten erst geschaffen. Heute sind Probleme ethnisch- kultureller Identitätsbildungen in Afrika (und nicht nur dort) auch sozialpolitische, wirtschaftsadministrative und militärtechnologische Grundfragen allererster Ordnung, deren Bedeutung man nicht hoch genug einschätzen kann.
Die OAU (Organization of African Unity) hatte l963 die Prinzipien der postkolonialen Ordnung und damit auch die von den Kolonialmächten willkürlich gezogenen Grenzen festgeschrieben. Mit Befreiungskämpfen und in ihrer Zerstörungskraft "entarteten" (Lourenco do Rosario, Mosambikaner, lehrt in Brasilien) Bürgerkriegen in Angola, Mosambik, Namibia, Simbabwe hat es die regionale Organisation SADCC (Southern African Development Countries Conference) zu tun. Westafrika verzeichnete zu Beginn des Jahres l996 drei Militärputchs (Nigeria, Gambia, Sierra Leone). Das sind wenige - und für uns mißverständliche - Schlaglichter, die nicht nur die politische Macht, sondern die Kulturen insgesamt betreffen.
Über die Kulturbedeutung der Machtverhältnisse geben drei Jahrhunderte weißer Herrschaft in Südafrika Auskunft. Die Eroberung und Vernichtung von Bantuvölkern wurde ein Bestandteil des burischen Nationalmythos. Der Land Act von l9l3 schrieb die Landkonfiskationen fest und verbot den Afrikanern, Land außerhalb der Reservate zu erwerben, in die man sie einsperrte. Knapp l4% des Landes wurde den Einheimischen zugestanden. Von l960 bis l983 wurden 3,3 Mio. Menschen zwangsweise umgesiedelt. Mit dieser welthistorischen Erfahrung der Reservatpolitik kann auch die seit April l996 tagende "Kommission für Wahrheit und Versöhnung" des befreiten Südafrika nicht irgendwie fertig werden. Sie soll die Verbrechen im Kampf für und gegen die Apartheid von l96l bis bis l993 aufklären.
Eine weitere Wurzel der machtpolitisch- kulturellen Entwürdigung, Ressourcen- und Bewußtseins- Enteignung war die Sklaverei. Die Mehrheit der schwarzen Südafrikaner wurde nicht versklavt. l658 schon, 6 Jahre nach der Ankunft Van Riebeecks, begann der Sklavenimport, v.a. aus Westafrika, aus Guinea, Angola, Madagaskar, auch aus Südostasien. 60 Jahre nach der Errichtung der europäischen Kolonie gab es schon mehr Sklaven als freie Bürger am westlichen Kap. l775 wurden die Kinder männlicher Sklaven mit Khoikhoi- Frauen zu "Bastard- Hottentotten" erklärt und mit dem 25. Lebensjahr zur Sklaverei zwangsverpflichtet (indenture System). Man machte auch Jagd auf Khoikhoi und San- Kinder (heute werden sie "Khoisan" genannt, bei uns manchmal noch als "Buschleute" bezeichnet), um sie zu versklaven. Seit Ende des l8.Jhs. wurde die landwirtschaftliche Arbeit zu einem erheblichen Anteil von versklavten Zwangsarbeitern getan. "Die moderne kapitalistische Wirtschaft Südafrikas begann mit der Sklaverei" und endete l834 im "Großen Trek", der zweiten Invasion./
Eine neue Generation afrikanischer Politiker und Intellektueller setzt sich mit den neokolonialen Problemen und dem vielfachen politisch- administrativen Desaster der ersten Dekaden der Unabhängigkeit sehr kritisch auseinander. Afrikanische Bürger- und Menschenrechtsbewegungen finden im Westen Gehör. Ken Saro-Wiwa, der nigerianische Friedensnobelpreisträger, wird Nov. l995 zusammen mit 9 weiteren Bürgerrechtlern gehenkt. Er hatte die Bewegung für das Überleben des Ogoni- Volkes geführt, das im dichtbesiedelten Nigerdelta gegen die Umweltzerstörungen des Ölmultis Shell und die Politik der Junta ankämpfte. In Nigeria zerstört das Gewaltregime auch mit juristisch- administrativen Mitteln die nachhaltige gesellschaftspolitische und kulturelle Entwicklung. Auf der Abschußliste des nigerianischen Geheimdienstes steht auch der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, der im englischen Exil lebt und der nigerianischen Oppositionsbewegung gegen die "wahnsinnige Herrschaft" des machtbesessenen Diktators Abacha international Gehör verschafft. Selbstverständlich gelten die Menschenrechte für alle Kulturen, Völker und politischen Regimes. Einwände dagegen lassen sich leicht widerlegen. Afrikanische Intellektuelle wissen um Zusammenhänge von Entwicklung, Modernisierung und Demokratie. Staatstotalitäre oder -autoritäre gesellschaftspolitische Modelle scheitern und zerstören die legitimen nationalkulturellen Willensbildungen. Das hat die SADCC anerkannt. In ihrer "Erklärung für Afrika" stellten afrikanische Intellektuelle l986 die Menschenrechte ihren sechs Grundforderungen voran. Politiker lassen sich jedoch vom Friedensnobelpreis an amnesty international (l977) in aller Regel nicht beeinflussen. Das gilt auch für den neuen Politikertyp, der in Uganda (Museveni), Äthiopien (Zenawi), Eritrea (Afeworki) und Ghana (Rawlings) an die Macht kam. Von Demokratie nach europäischem Muster halten sie nicht viel.
Europäer haben Sklaverei und Kolonialismus zu welthistorischen und weltgesellschaftlichen Problemen gemacht, wenn auch nicht erfunden. Afrika südlich der Sahara und die Weltgesellschaft wurden von diesen Weltkonfliktherden maßgeblich und nachhaltig mitgeprägt. Im Blick auf manche Darstellungen der afrikanischen Geschichte und allerlei folkloristische Illusionen über Realität und Bedeutung von Kultur und Religion muß man dies unterstreichen. Belege über westafrikanischen Sklavenfernhandel reichen in das 7. Jh. zurück. In afrikanischen Gesellschaften war Sklaverei vielfach institutionalisiert, seit dem 9.Jh. nahmen Sklavenkriege wachsendes Ausmaß an, afrikanische Kriegeraristokratien profitierten vom Gold- und Sklavenhandel. Durch europäische Intervention wird das kontinentale zum welthistorischen und weltgesellschaftlichen Problem. Schätzungen über den Sklavenexport aus Afrika sind schwierig. Vom l6.Jh. an könnten etwa 9- l0 Mio. Menschen über den Atlantik deportiert worden sein.
"Im Namen des Allmächtigen Gottes" - so ist die "General-Akte der Berliner Konferenz" (sog. Kongo- Konferenz, l5.ll.l884- 26.2. l885) überschrieben - teilten die europäischen Imperialmächte den Kontinent kurzerhand in koloniale Interessensphären untereinander auf. Kapitel 6 dieses Dokuments erklärt, welche wesentlichen Bedingungen zu erfüllen seien, "damit neue Besitzergreifungen an den Küsten des Afrikanischen Festlandes als effektive betrachtet werden". Nach wie vor haben Historiker, Anthropologen, Soziologen und viele andere Schwierigkeiten, die welthistorische und weltgesellschaftliche Bedeutung der Berliner Kongo- Konferenz zu rekonstruieren. Der Afrikaner G.N. Uzoigwe bezeichnet die Aufteilung des Kontinents mit Recht als "eine der bedeutsamsten historischen Bewegungen der Moderne". Im allgemeinen wird der revolutionäre Charkater dieses imperialen Prozesses erkannt, wenn auch dessen verheerende Auswirken auf Kolonisatoren und Kolonisierte noch nicht angemessen erfaßt ist. G.N.Sanderson leitet seine Darstellung der Aufteilung Afrikas mit einem Jules Verne- Zitat ein und signalisiert aus europäischer Perspektive, um l880 habe man in Europa das Gefühl gehabt, die Welt sei enger geworden. Verkehrs-, Transport-, Militär- und Kommunikationstechniken hätten die Welt de facto überschaubarer und beherrschbarer gemacht. So ballte sich aus der Furcht vor Ressourcenerschöpfung, der großen wirtschaftlichen Depression der l870er Jahre und der allgemeinen weltwirtschaftlichen Konkurrenz der europäischen Mächte der fragliche Kolonialimpuls zusammen. Zudem habe man in dieser Zeit erst begonnen, Afrika aus einer Summe von Barbaren-, Gold-, Elfenbein- (usw.) Küsten zu einer wirtschaftsgeographischen und politischen Ganzheit zusammenzufügen. Folgt man Sanderson weiter, gelangt man beinahe unversehens in die weltpolitischen Kolonialinteressen- Perspektiven, aus denen sich seit dem l5.Jh. die Aufteilung der Kontinente unter die Europäer mit einer gewissen inneren Logik und Selbstverständlichkeit habe entwickeln müssen. Pierre Bertaux leitete l966 das Kapitel über Grundzüge und Auswirkungen der Kolonisation mit der Beschwichtigung ein, sie habe ja nur ungefähr ein Menschenleben lang, von l885 bis in die l960er Jahre gedauert, wenn man von den portugiesischen Unternehmungen, von Südafrika und dem französischen Eindringen in den Senegal absehe. Von der Eroberung Algiers l830 muß man allerdings auch absehen. Immerhin sei das Gesicht Afrikas entscheidend verändert worden.
Auch die ethnologische Forschung, die teilnehmende Beobachtung der unzähligen dörflichen und nomadischen Lebenswelten und Lebensformen durch Europäer und seit langem auch Europäerinnen, wurde durch den Kolonialismus mitgeprägt. Auf diese Ethnographie bleiben wir angewiesen. Es fällt heute leicht, sie mit einer Kritikkarikatur in Bausch und Bogen zu verdammen. Ein junger Akademiker aus dem Westen lebt etwa ein Jahr im afrikanischen Dorf, schreibt eine Dissertation und später Bücher über seine methodisch und theoretisch geschulten Eindrücke, versteht die Sprache schlecht und vieles falsch, kann jedoch unter Umständen seinen Namen dauerhaft mit dem Namen der betreffenden Bevölkerungsgruppe im Kreise der internationalen Ethnologenzunft verbinden. Zur weiblichen Welt findet er keinen Zugang, wie umgekehrt die Ethnologin zur Männerwelt kaum Zugang findet. Der punktuelle Eindruck macht die Menschen geschichtslos, die zahllosen überregionalen Kommunikationen des Dorfes beiben oft verborgen (usw.). Ethnologen kennen diese Karikatur, untersuchen inzwischen auch die afrikanische Urbanität, reagieren auf Einwände afrikanischer Gelehrter, die die Erforschung Afrikas in die eigenen Hände nehmen.
Francis Mading Deng, l938 im Süd-Sudan in Moong, nahe Abyei, einem Zentrum der Ngok Dinka, geboren, Sohn des Paramount Chief (einer bedeutenden Führungspersönlichkeit), studierte an der Universität in Khartum, promovierte in Yale (Jura), studierte auch in England, reiste und lebte in Europa und den USA, lehrte weltweit, arbeitete an der Menschenrechtsabteilung der Vereinten Nationen und veröffentlichte viele Aufsätze und Bücher, die uns auch sein Volk, die Dinka, näher bringen. Auf eine Begegnung mit einzelnen afrikanischen Völkern kann niemand verzichten, der sich für Afrika interessiert. Francis M.Deng untersucht auch die "Anatomie" afrikanischer Identitätskonflikte. Ethnisches, kulturelles (d.h. auch: geistiges, technisches, wirtschaftspolitisches), sprachliches und religiöses Selbstbewußtsein wirken in Identitäsbildungen zusammen.
Das religiöse Bewußtsein hat in afrikanischen Kulturen ein entscheidendes, nicht jedoch ausschlaggebendes Wort mitzureden. Meist werden die komplexen Problembewußtseins- Verknüpfungen mit dem Schlagwort "Ethnizität" zusammengefaßt. Persönliche und kollektive Identitätsbildung sind vielschichtig mit dem kulturreligiösen Bewußtsein der Menschen verschränkt. Während die internationale Forschung Mühe hat, diese Zusammenhänge vor Ort sachgemäß zu untersuchen, fühlt sich der common sense den wissenschaftlichen Beobachtungen gegenüber in der Regel überlegen. Mord und Leid, Liebe und Lust, Magie, Mythos, Ritus und der unendliche Kosmos spiritueller Vorstellungen werden vom common sense der Kulturen reguliert. Dieser reagiert in höchstem Maße wert-, interessen-, motivations- und machtempfindlich. Traditionale Religionen, Islam und Christentum konnten in Afrika diese Empfindlichkeit besonders wirksam beeinflussen. Da die Schriftreligionen effektiver mit den Entwicklungs- und Modernisierungspotentialen der Weltgesellschaft verbunden waren und sind als die schriftlosen traditionalen Religionen, gewannen Islam und Christentum im Zuge der arabischen und europäischen religiösen Kolonisierung des Kontinents einen irreversiblen Machtvorteil gegenüber den einheimischen "ethnischen" Religionen. Wir haben es jedoch mit einem afrikanischen Islam und einem afrikanischen Christentum zu tun. Der Sudan ist einer der schlimmsten Krisenherde Afrikas. Zehnmal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, Heimat vieler international bekannter Völker, z.B.: Nuer, Dinka, Nuba, Shilluk; fast 600 Bevölkerungsgruppen, unter dem Mahdi (einer religiös- politischen Heilandpersönlichkeit im Islam) Muhammad Ahmad (l844- l885) zu eigener, islamistisch- antikolonialistischer Staatsbildung gelangt, unter Nimeiri zum berüchtigten islamischen Staat unter brutaler Vorherrschaft des muslimischen Nordens ausgebaut, vom endlosen Bürgerkrieg, der religionskriegerisch mitgeschürt wird, zerrissen, (die Sudanesische Befreiungsarmee, deren Chef, der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Oberst Garang, ein Dinka ist, spaltete sich in Dinka- und Nuer- Fraktionen) - hat über eine halbe Mio. Bürgerkriegstote, über vier Mio. Kriegsflüchtlinge zu beklagen und befindet sich seit langem in Ethnozidkonflikten. 64l schon eroberten die Araber den Sudan. Das christliche Königtum der Nubier ging unter. Zur Geschichte der Sklaverei trug das islamische Funj- sultanat vom l6. bis ins l9.Jh. bei. Über 20 islamische Bruderschaften prägten die bedeutende Islamgeschichte des Sudan. Die massive Unterdrückung des Sklavenhandels unter dem Khediven Isma´il (l863- l879) spielt innerhalb der komplexen Voraussetzungen der Sudan- Mahdiyya, der religiös- politischen Bewegung des Mahdi, eine Rolle. Der Islam, eine internationale Schriftreligion mit immensen gesellschaftpolitisch- kulturellen Gestaltungskräften, war jahrhundertelang maßgeblich an der Entwicklung pluralistisch- islamischer Identitäten des Nordsudan beteiligt. Für die islamistische Politik des Nordens kann man aber deshalb nicht den Islam im allgemeinen verantwortlich machen. Auch in islamischen Staaten ist die Religion in Identitätsbildungsprozessen selbst dann nicht der primäre oder ausschlagegebende Faktor, wenn die Schriftreligion die Kultur maßgeblich gestaltet.
Händler, Kleriker, Mystiker, Notable, Könige verbreiteten den Islam südlich der Sahara. Der Islam wurde auch zur imperialen Religion theokratischer afrikanischer Staaten und entwickelte ab etwa l750 eine gesellschaftpolitisch und historisch wirkungsvolle militärische Dynamik. In der Geschichte des westafrikanischen Islam spielt der einem Klerikerclan entstammende Scheich Usuman dan Fodio (l754- l8l7) ein herausragende Rolle. Er war ein bedeutender Gelehrter, Mystiker, Schriftsteller, Reformator und Religionspolitiker in Nordnigeria, wo der Islam schon im l4. Jh.. unter den Oberklassen Fuß gefaßt hatte. Nach dem Vorbild des Propheten Muhammad organisierte er seine hijra (Auswanderung) und überließ seinem Bruder die Führung in den religionspolitischen Feldzügen (jihads) der islamischen Fulani gegen die Aristokratie der Gobir, deren Islam ihm als polytheistisch galt. So löste das zentralistische Sokoto- Kalifat die vorausgehenden Kleindynasten ab. Ein islamisches Reich entstand, das Regionen der modernen Staaten Nigeria, Benin, Niger und Kamerun umfaßte und auf einem System lokaler Emirate beruhte. Der Sultan von Sokoto wurde l903 von der britischen Kolonialmacht abgesetzt. Durch diese jihad- Bewegung wurde der Islam in Nordnigeria Staatsreligion.
Das afrikanische Christentum hat sich von den kolonialen Missionskirchen in den letzten l00 Jahren weitgehend unabhängig gemacht. Mit dem Terminus "Indigenisierung" wird diese bedeutsame religiös- gesellschaftspolitische Bewegung gelegentlich abqualifiziert. Europäische Christen bewundern und exotisieren die vielberufene afrikanische Spiritualität. Seit den l860er Jahren wuchsen Tempo und Ausmaß der "Sezessionen". David B.Barrett zählte in den l960er Jahren an die 6000 "independent church movements". Jährlich entstünden etwa l00 neue Bewegungen, notierte er. Christliche Missionare wollten den Afrikanern das reine Evangelium Christi predigen und ahnten meist nicht, daß sie ihre religiöse Botschaft mit den westlichen kulturellen Werten wie Literalität, westliche Medizin, Schuldbildung, Technik, Lohnarbeit usw. verknüpften. Mit der Konversion verband sich ein kultureller Identitätswechsel. Die neuen Kirchen werden meist von prophetischen Heilern und Charismatikern begründet, deren Biographien mit den Jesuserzählungen der Evanglelien bemerkenswerte Übereinstimmungen aufweist.
Simon Kimbangu wurde l9l8 während einer Epidemie unter Eisenbahnzwangsarbeitern im Kongo als Prophet berufen. Er hörte eine Stimme, die ihm mitteilte: "Ich bin Christus; meine Diener sind ungläubig. Ich habe dich ausgewählt, vor deinen Brüdern Zeugnis abzulegen und sie zu bekehren". Kimbangu hielt sich für nicht geeignet, floh vor der Stimme, aber die Berufungen wiederholten sich. l92l hatte er gegen seinen Willen große Heilerfolge. Sein Ruf als Wunderheiler verbreitete sich schnell. Kimbangu realisierte das aus dem alten Testament bekannte Muster des klassischen Propheten. Die belgische Kolonialmacht verurteilte ihn erst zum Tode und sperrte ihn dann lebenslänglich ein. Seine Kirche Jesu Christi auf Erden durch den Propheten Simon Kimbangu ist Mitglied des Weltkirchenrats.
In jüngster Zeit haben Pfingstbewegungen auch im afrikanischen Christentum immer größeren Einfluß. Neue autonome Pfingstkirchen entstehen. Das Christentum kann auch als eine "religion of business" bewertet werden. Die Aladura- (=betenden) Kirchen in West- Nigeria lassen sich als eine Form des Christentums verstehen, die wesentlich durch die traditionale Yoruba- Religion geprägt ist. In zahllosen Varianten kommen traditionale ritualsymbolische Ausdrucksformen in afrikanischen Kirchen zur Geltung. Neben der religiös- rituellen Heilung und dem prophetischen Charisma ist hier die Geistergriffenheit (spirit possession) zu erwähnen. Der "heilige Geist" der Christen ergreift auf traditionelle, den Menschen seit je bekannte Weise eine Person und gibt ihr besondere Fähigkeiten, vermittelt ihr Botschaften oder heilt sie von Krankeit und Leid.
Auf die traditionalen Religionen kann ich hier nicht mehr eingehen. Wenn die "ethnischen" Religionen Afrikas bei uns auf ein weniger vorbelastetes Interesse stoßen würden, das bereit wäre, die religiöse und kulturelle Gleichberechtigung dieser traditionalen Weltreligionen mit Christentum und Islam ernst zu nehmen, wäre viel gewonnen. Darauf wird eine verschwindende Minorität bei uns vergeblich warten. Der weltgesellschaftliche common sense ist stärker. Sind diese Religionen nicht an Geister, Hexerei, blutige Opfer, magische Riten, kurz: an schriftlose und primitive Kommunikationsverhältnisse gebunden, die von der geballten Macht der christlichen und muslimischen sakralen Texte und Einstellungen als abergläubisch verpönt worden sind? Wähnen die Besitzer dieser sakralen Texte nicht den Fortschritt und die Kultur auf ihrer Seite? Sind diese Schriftreligionen wirklich stark genug, Menschen als gleichberechtigt zu akzeptieren, denen aus religiösen Gründen die basale kulturelle Würde abgesprochen und deren Spiritualität als primitiv verabscheut wird? Haben die monotheistischen europäischen Christen und europäischen Muslime ein religiös formulierbares Interesse, "ethnische" Fremdreligionen, deren Geister und Götter sie seit Jahrhunderten verabscheuen müssen, als gleichberechtigt zu akzeptieren? Zweifel sind angebracht.