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Eva Schoenke:

1. TEXTLINGUISTIK - EIN ÜBERBLICK

A Analysen

A 1. 1

Um zwölf Uhr kommen sie aus dem Portal,
jeder dem nächsten die Tür haltend, alle in Mantel und Hut
und immer zur gleichen Zeit, immer um zwölf Uhr.
Sie wünschen sich, gut zu speisen,
sie grüßen sich, sie tragen alle Hüte.
Und jetzt gehen sie schnell,
denn die Straße scheint ihnen verdächtig.
Sie bewegen sich heimwärts
und fürchten, das Pult nicht geschlossen zu haben.
Sie denken an den nächsten Zahltag,
an die Lotterie, an das Sporttoto, an den Mantel für die Frau,
und dabei bewegen sie die Füße,
und hie und da denkt einer, daß es eigenartig sei, daß sich die Füße bewegen.
Beim Mittagessen fürchten sie sich vor dem Rückweg,
denn er scheint ihnen verdächtig,
und sie lieben ihre Arbeit nicht, doch sie muß getan werden,
weil Leute am Schalter stehn, weil die Leute kommen müssen.
Dann ist ihnen nichts verdächtig,
und ihr Wissen freut sie,
und sie geben es sparsam weiter.
Sie haben Stempel und Formulare in ihrem Pult,
und sie haben Leute vor den Schaltern.
Und es gibt Beamte, die haben Kinder gern
und solche, die lieben Rettichsalat,
und einige gehn nach der Arbeit fischen,
und wenn sie rauchen, ziehen sie meist die parfümierten Tabake den herberen vor,
und es gibt auch Beamte, die tragen keine Hüte.
Und um zwölf Uhr kommen sie alle aus dem Portal.

(In: Peter Bichsel (1964). Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen.
Olten: Walter (wieder abgedruckt (1996) Frankfurt: suhrkamp: 43/44).)
  1. Unterstreichen Sie die Wörter, die für den Sinnzusammenhang in diesem Text die wichtigste "pronominale Verkettung" (Harweg 1968) bilden. Verbinden Sie diese Wörter graphisch so, dass die textuelle Vernetzung, die "Vertextung" deutlich wird.
  2. Markieren Sie farbig die Textinformationen, die durch Aktivierung "passenden" Vorwissens Erfolge in Ihrer Suche nach einem Konzept (für die zunächst als sie bezeichneten Personen) bewirkten.
  3. An welcher Stelle wurde Ihre Konzeptsuche beendet? Welche Personengruppe vermuteten Sie ursprünglich hinter dem Pronomen sie? Warum?
  4. Stellen Sie weitere pronominale Verkettungen fest? Welche?
  5. Welche Textstellen erscheinen Ihnen außerdem als besonders wichtig? Warum?

A 1. 2

Erklären Sie die graphischen Markierungen in der folgenden Textwiedergabe.

A 1. 3

Kennzeichnen Sie nun die textuellen Phänomene, die für   I h r e  Rezeption dieses Textes besonders wichtig waren. Notieren Sie am linken Rand kurze Erklärungen.

 

Ü Übungen

Ü 1. 1

Das übersah er und wollte gerade die Straße überqueren.

Ist dieser Satz grammatisch akzeptabel? Verstehen Sie die Bedeutung der Aussage? "Vertexten" Sie diesen Satz, d. h. fügen Sie ihn so in benachbarte Sätze ein, dass ein sinnvoller Zusammenhang hergestellt wird.




Ü 1. 2 (f)

Nachdem sie das getan hatten, verließen sie ihn.

Betten Sie diesen Satz in einen passenden Kontext ein.




Ü 1. 3

Bei diesem Gang ist das unmöglich.

Können Sie die Bedeutung dieser Aussage mit anderen Worten wiedergeben? "Vertexten" Sie diesen Satz (auf drei verschiedene Arten) so, dass das Wort Gang durch den Kontext jeweils eine andere eindeutige textuelle Bedeutung erhält.

1.


2.


3.


Ü 1. 4

Halt! Hindernis!

Handelt es sich hier um einen Text? Beschreiben Sie eine entsprechende Ausgangssituation. Welche Funktion hat der Text in der von Ihnen beschriebenen Situation?




Ü 1. 5

Beschreiben Sie eine andere Situation, in der ein kurzer Text (ohne vollständige Sätze) für eine beabsichtigte Situationsveränderung besser geeignet ist als ein längerer (durch mehrere Sätze gebildeter) Text.


Ü 1. 6 (f)

Formulieren Sie den Anfang eines Textes, für dessen Verständnis ein bestimmtes Konzept besonders wichtig ist, das sprachlich zunächst jedoch noch nicht explizit realisiert wird. (Markieren Sie die Textstellen, die durch Aktivieren des "passenden" Vorwissens die Konzeptsuche besonders unterstützen könnten.)





Lösungsvorschlag

 

Z Aufgaben zu Zitaten

Z 1

Prüfen Sie die Zitate Z 1. 1 bis Z 1. 7 unter folgenden Gesichtspunkten:

  1. Welche Bezeichnungen werden hier anstelle des Begriffs Text verwendet?
  2. Zu welchen textlinguistischen Untersuchungsschwerpunkten (z. B. Transphrastik, globale Textstrukturen) werden hier schon in der traditionellen Textforschung Aussagen gemacht?
  3. Was ist Ihnen beim Lesen der einzelnen Zitate besonders aufgefallen? Was erschien Ihnen als besonders wichtig bzw. bemerkenswert?

Z 1. 1

Eine Einheit ist der logos (gr.) in zweifacher Hinsicht: entweder entsprechend der Einheit des Bezeichneten oder durch die Verknüpfung von mehrerem.
(Aristoteles. Poetik Kapitel 20.)
Die Sprache muß entweder eine fortlaufende Reihe bilden, die nur durch Bindewörter zusammengehalten wird [. . .], oder sie muß Kehren bilden [. . .]. Der Abschnitt muß aber zugleich mit dem Sinn zu Ende sein und darf nicht zerschlagen sein [. . .].
(Aristoteles. Rhetorik III, 9.)

a.
b.
c.




Z 1. 2

Man muß ein Werk als ein inhaltliches Ganzes betrachten, Anfang und Ende miteinander kombinieren, das Behalten und Auslassen des sprachlichen Materials bestimmen, die einzelnen Abschnitte verbinden und das ganze Werk zu einer Einheit organisieren, so daß die Gliederung auch bei reichem Inhalt in sich geschlossen ist. Beim Bau [eines Hauses] wird Wert auf das Fundament und den Dachstuhl gelegt. [. . .] Für einen Studenten der Literatur ist es vor allem wichtig, den Sprachstil in Ordnung zu bringen. [. . .] Im allgemeinen gleicht ein literarisches Werk einem verästelten Baum oder einem Strom mit zahlreichen Nebenflüssen. Um die Nebenflüsse zu regulieren, fängt man bei der Quelle an. Den Stamm aufwärts ordnet man die Äste. Deshalb muß man, um die sprachlichen Ausdrücke und den Inhalt eines Werkes zu ordnen, das Wesentliche zu erfassen und alle Wege zum gleichen Ziel führen zu lassen, die verschiedenartigen Gedanken miteinander harmonisieren, damit die einzelnen Teile nicht wegen der Mannigfaltigkeit in Unordnung geraten und die sprachlichen Ausdrücke nicht wegen der Fülle wie zerzauste Seidenfäden aussehen.
(Liu Xie (um 500). Wenxin diaolong. Literaturherz und Drachenschnitzen. The Literary Mind and the Carving of Dragons. (Kapitel 43). In: Li Zhaochu (1997). Traditionelle chinesische Literaturtheorie. Liu Xies Buch vom prächtigen Stil des Drachenschnitzens (5. Jh.). Dortmund: projekt verlag: 83.)

a.
b.
c.




Z 1. 3

Wisse: Die menschliche rede ist es, die den wissenschaften ihre plätze anweist, ihre rangstufe klarstellt und ihre formen offenbar macht. Sie pflückt deren mannigfaltige früchte, sie zeigt ihre geheimnisse auf, sie bringt ans licht, was in ihrem inneren verborgen ist. [. . .] Wenn sie nicht wäre, so würde der nutzen des wissens über die person des wissenden nicht hinausgehen; der vernunftbegabte könnte von den blüten der vernunft nicht die umschließenden kelche lösen; [. . .]
(Abdalqahir al-Curcani (Dschurdschani) (gest. 471/1078). Asrar al-Balaga (Die Geheimnisse der Wortkunst). Aus dem Arabischen übersetzt von Helmut Ritter (1959). Wiesbaden: Steiner: 1.)
[. . .], daß dasjenige, was solche worte zu einem vers bzw. einem stück prosa macht, eben die bestimmte weise ihrer anordnung, die besondere form ihrer verknüpfung ist. - Die bestimmte ordnung in den worten ist aber abgeleitet von einer entsprechenden ordnung der sinninhalte, welche in der seele nach den gesetzen der vernunft angeordnet sind. (10)

a.
b.
c.




Z 1. 4 (f)

Oratio autem plena est sensu, voce et littera.
(Isidor v. Sevilla (um 600). Etymologiae (Origines) I, 1, 3.)

a.
b.
c.


Z 1. 5

Eine Rede (oratio) ist eine Reihe Worte, welche Vorstellungen bedeuten, die miteinander verbunden sind.
(Meier, Georg Friedrich (1757). Versuch einer allgemeinen Auslegungskunst. Halle: § 106.)

a.
b.
c.


Z 1. 6

Die Rede ist ein sprachlicher Zusammenhang, in dem sich ein geistiger Inhalt, ein Gedanke, darstellt.
(Ammann, Hermann (1925). Die menschliche Rede. Sprachphilosophische Untersuchungen. Lahr: 38)

a.
b.
c.


Z 1. 7

Die übliche Grammatik behandelt den Satz als höchste syntaktische Einheit, wenn sie auch immer wieder gezwungen ist, über den Satz hinauszublicken. Tatsächlich aber ist der Satz nur eine Untereinheit der Rede. Unter "Rede" wird dabei nicht die gesprochene Rede (parole) im Gegensatz zur Sprache (langue) verstanden, sondern Aufbau und Gliederung einer Gesamtäußerung. Es geht also nicht um die jeweils wechselnde Aktualisierung, sondern um die Bedingungen, unter denen eine Gesamtäußerung zustande kommt.
(Brinkmann, Hennig (1965). Die Konstituierung der Rede. In: Wirkendes Wort 15/65: 157-172: 157.)

a.
b.
c.


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