Z 4. 1
Wer wüßte denn nicht, daß die Wirkung eines Redners sich vor allem darin zeigt, daß er das Herz der Menschen sowohl zum Zorn, Haß oder Schmerz antreiben wie auch von diesen Regungen in eine Stimmung der Milde und des Mitleids zurückversetzen kann? Diese erwünschte Wirkung kann in seiner Rede nur der erreichen, der die natürliche Veranlagung der Menschen und das gesamte Wesen der menschlichen Natur sowie die Gründe, die Stimmungen erzeugen und in eine andere Richtung lenken, gründlich kennt.
(Cicero, Marcus Tullius (55 v. Chr.). De oratore/Über den Redner. 1. Buch (53) (Crassus, 140-91)
|
Z 4. 2
Ich bin also der Meinung, fuhr Crassus fort, daß erstens die natürliche Begabung von entscheidender Bedeutung für die Rede ist [. . .]. Denn es muß eine ganz geschwinde Beweglichkeit des Geistes gegeben sein, um im Ersinnen Scharfsinn, in der Erklärung und Ausschmückung reiche Fülle und im Gedächtnis Festigkeit und Dauer zu beweisen. (113)
Denn ohne sie (Lerneifer und Lern-"Begierde", E. S.) erreicht man schon im Leben nichts Besonderes und sicherlich erst recht niemals das Ziel (ein guter Redner zu werden, E. S.). (134)
Doch eifriges Bemühen, irgendwohin zu gelangen, nützt wahrhaftig nichts, wenn man den Weg nicht kennt, der zu dem angestrebten Ziel führt. (135)
Auch ein gewisses Maß an Übung müßt ihr auf euch nehmen [. . .] (147)
Am wichtigsten jedoch ist das, was wir [. . .] am wenigsten tun - denn es kostet viel Mühe, die wir meistens scheuen -, möglichst viel zu schreiben. Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Urheber und Lehrmeister für die Rede [. . .]. (150)
Wer von der Übung im Schreiben zum Reden kommt, bringt auch die Fähigkeit mit, daß, selbst wenn er aus dem Stegreif spricht, das, was er sagt, doch ähnlich wie ein schriftlich formulierter Text aussieht. (152)
Auch das Gedächtnis müssen wir trainieren, indem wir möglichst viele eigene und fremde Schriften bis aufs Wort auswendig lernen. (157)
|
Die Fähigkeit, sprachlich wirkungsvoll zu handeln, wurde in der traditionellen Textforschung vor allem in der Rhetorik untersucht.
- Was sah Cicero als wichtiges Ziel des Redners an?
-
Was führte Cicero als notwendige Voraussetzungen für die Entwicklung zu einem überzeugenden Redner an?
-
Vertreten Sie dazu eine andere Auffassung? Welche?
Z 4. 3
|
[. . .] sei die gesamte Tätigkeit des Redners in fünf Teile eingeteilt: Er müsse erstens finden, was er sagen solle, zweitens das Gefundene nicht nur hinsichtlich der Anordnung, sondern auch nach der Bedeutung und entsprechend seinem Urteil ordnen und zusammenstellen, es schließlich drittens in wirkungsvolle Worte kleiden, dann im Gedächtnis aufbewahren und endlich würdevoll und elegant vortragen. (Cicero a. a. O.: (142).)
|
Z 4. 4
[. . .] die Stadien eines Handlungsprozesses
(I) Einschätzung der Situation
(II) Motivation
(III) Zielsetzung
(IV) Plan/Planbildung
(V) Ausführung
(VI) Resultat [. . .]
(Rehbein, Jochen (1977). Komplexes Handeln. Stuttgart: Metzler: 184.)
|
Worin unterscheidet sich das Thema Rehbeins von dem Ciceros?
Welcher der beiden Autoren geht präskriptiv vor, welcher deskriptiv?
Welche weiteren wesentlichen Unterschiede stellen Sie fest?
Gibt es auch Übereinstimmungen? Welche?
Z 4. 5
|
[. . .] Dabei verlangt die Vorschrift, daß wir erstens sprachlich richtig, zweitens klar und deutlich, drittens wirkungsvoll und viertens der Würde unseres Themas angemessen und gleichsam schicklich formulieren. (Cicero, a. a. O.: 144)
|
Vergleichen Sie Ciceros Hinweise auf die (monologische) Rede mit den Konversationsmaximen von Grice (für die dialogische Kommunikation).
Ausgehend vom Kooperationsprinzip, nach dem Gesprächsbeiträge akzeptabel und verständlich formuliert werden sollen, stellt Grice 1975 (dtsch. 1979: 244 ff) Konversationsmaximen auf: die Maxime der Quantität (Informativität), der Qualität (Wahrheit), der Relation (Relevanz), der Modalität (Vermeidung von Mehrdeutigkeit und Weitschweifigkeit und Beachtung der Reihenfolge) (vgl. Glossar, Stichwörter Konversationsmaximen und Kooperationsprinzip).
Z 4. 6
Im Unterschied zur propositionalen Auffassung beruht die dynamische Auffassung von ´Text´ auf der Annahme, daß der ´Text´ primär als kommunikative und und handlungsbezogene Einheit zu verstehen ist, [. . .].
(Isenberg, Horst (1977). ´Text´ versus ´Satz´. In: Daneš, František, Dieter Viehweger (Hrsg.). Probleme der Textgrammatik II. Berlin: Akademie-Verlag: 119-146: 119.)
Wenn Menschen überhaupt sprachlich kommunizieren, so kommunizieren (sprechen/schreiben) sie in Form von Texten. Mit anderen Worten: Der ´Text´ ist die Einheit, in der sich die sprachliche Kommunikation organisiert. [. . .] Einer der Gesichtspunkte, die für die Betrachtung der Ganzheitlichkeit des Textes eine Rolle spielen, beruht auf der Handlungsbezogenheit von Texten. (144)
|
Welche Unterscheidung nimmt Isenberg vor? Was hat dabei für ihn Priorität?
Welchen Zusammenhang hinsichtlich der Schwerpunkte in der textlinguistischen Forschung stellt Isenberg fest?
|