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Eva Schoenke:

4.  SPRACHLICHES  HANDELN  MIT  TEXTEN,  TEXTFUNKTIONEN

A Analysen

A 4. 1

Fragebogen

Was ist für Sie das größte Unglück?


Wo möchten Sie leben?


Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?


Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?


Ihre liebsten Romanhelden?


Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?


Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?


Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung?


Ihr Lieblingsmaler?


Ihr Lieblingskomponist?


Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?


Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?


Ihre Lieblingstugend?


Ihre Lieblingsbeschäftigung?


Wer oder was hätten Sie sein mögen?


Ihr Hauptcharakterzug?


Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?


Ihr größter Fehler?


Ihr Traum vom Glück?


Was wäre für Sie das größte Unglück?


Was möchten Sie sein?


Ihre Lieblingsfarbe?


Ihre Lieblingsblume?


Ihr Lieblingsvogel?


Ihr Lieblingsschriftsteller?


Ihre Helden der Wirklichkeit?


Ihre Heldinnen in der Geschichte?


Ihre Lieblingsnamen?


Was verabscheuen Sie am meisten?


Welche geschichtlichen Gestalten verachten Sie am meisten?


Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?


Welche Reform bewundern Sie am meisten?


Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?


Wie möchten Sie sterben?


Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?


Ihr Motto?


(Aus: Frankfurter Allgemeine Magazin. 1. Oktober 1998: 34)

Marcel Proust soll diesen Fragebogen in seinem Leben zweimal ausgefüllt haben.
In welcher Weise wird mit diesem Text gehandelt? Was ist seine Funktion?
noch nicht ausgefüllt:


ausgefüllt:


Wie verändert sich die Situation, wenn man mündlich, unvorbereitet und spontan Fragen dieser Art beantwortet?


Wie verändert sich die Situation, wenn man die Fragen schriftlich beantwortet (und den ausgefüllten Fragebogen abgegeben) hat,
mit Namen,


ohne Namen?


A 4. 2

In welcher Weise wird mit den folgenden Texten gehandelt?

Etruskisch. Vor allem durch Grabinschriften überlieferte, ausgestorbene Sprache Norditaliens. Obgleich in einer dem ->Griechischen verwandten Schrift geschrieben, ist E. nur in Ansätzen bekannt. Die generische Affiliation ist unklar.
Lit.: A. J. Pfiffig [1969]: Die etruskische Sprache. Wiesbaden.
(Aus: Bußmann, Hadumod (1990). Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner: 228.)

Textfunktion


erkennbar an


Situation I


Situation II



Vorsicht! Stufe!


Textfunktion


erkennbar an


Situation I


Situation II



Ist Windows ein Auto?

Auf der Computermesse ComDex hat Bill Gates die Computer-Industrie mit der Auto-Industrie verglichen und folgendes Statement gemacht: "Wenn General Motors (GM) mit der Technologie so mitgehalten hätte wie die Computer-Industrie, dann würden wir heute alle 25-Dollar-Autos fahren, die 1.000 Meilen pro Gallone Sprit fahren würden." Als Antwort darauf veröffentlichte General Motors (von Mr. Welch selbst) eine Presseerklärung mit dem folgenden Inhalt:
"Wenn General Motors eine Technologie wie Microsoft entwickelt hätte, dann würden wir heute alle Autos mit folgenden Eigenschaften fahren":
  1. Ihr Auto würde ohne erkennbaren Grund zweimal am Tag einen Unfall haben.
  2. Jedesmal, wenn die Linien auf der Straße neu gezeichnet würden, müßte man ein neues Auto kaufen.
  3. Gelegentlich würde ein Auto ohne erkennbaren Grund auf der Autobahn einfach ausgehen, und man würde das einfach akzeptieren, neu starten und weiterfahren. [. . .]
  4. Die Öl-Kontroll-Leuchte, die Warnlampe für Temperatur und Batterie würden durch eine "Genereller Auto-Fehler" Warnlampe ersetzt.
  5. Neue Sitze würden erfordern, daß alle dieselbe Gesäßgröße haben.
  6. Das Airbag-System würde fragen: "Sind Sie sicher?", bevor es auslöst. [. . .]
  7. Immer dann, wenn ein neues Auto von GM vorgestellt würde, müßten alle Autofahrer das Autofahren neu erlernen, weil keiner der Bedienhebel genauso funktionieren würde wie in den alten Autos.
  8. Man müßte den "Start"-Knopf drücken, um den Motor auszuschalten.
(Aus: Computer Anzeiger 8/98. Bremen: Computer Anzeiger Verlag: 42)

Textfunktion


erkennbar an


Situation I


Situation II


 

Ü Übungen

Ü 4. 1

Situationsangemessenheit  u n d  Situationslenkung
sind wesentliche Merkmale sprachlichen Handelns.
Erläutern Sie knapp eine Ausgangssituation, durch die sich eine bestimmte Intention entwickelt. Stellen Sie dann an zwei Beispielen erfolgreiches sprachliches Handeln dar,
  1. in einem Gespräch,
  2. durch einen kurzen schriftlichen Text.

Ü 4. 2

Die wichtigsten Situationselemente sind außer den äußeren Bedingungen der Situation die Kommunikationspartner und das Thema. Erfolgreiches situationsangemessenes sprachliches Handeln ist zielorientiert  u n d  adressatenangemessen.
Manchmal ist es notwendig, im sprachlichen Handeln mehrere Ziele zu verfolgen bzw. ganz unterschiedliche Adressaten zu berücksichtigen. Überprüfen Sie diese Aussage an folgenden Beispielen.

Gespaltene/konkurrierende Ziele

  1. beim Schreiben von Abituraufsätzen:


  2. für den Arzt beim Gespräch mit einem schwerkranken Patienten:


  3. für den Redner in einer öffentlich übertragenen Bundestagsdebatte:


  4. für die Auswahl von Analyse- und Übungstexten:


 

Z Aufgaben zu Zitaten (f)

Z 4. 1

Wer wüßte denn nicht, daß die Wirkung eines Redners sich vor allem darin zeigt, daß er das Herz der Menschen sowohl zum Zorn, Haß oder Schmerz antreiben wie auch von diesen Regungen in eine Stimmung der Milde und des Mitleids zurückversetzen kann? Diese erwünschte Wirkung kann in seiner Rede nur der erreichen, der die natürliche Veranlagung der Menschen und das gesamte Wesen der menschlichen Natur sowie die Gründe, die Stimmungen erzeugen und in eine andere Richtung lenken, gründlich kennt.
(Cicero, Marcus Tullius (55 v. Chr.). De oratore/Über den Redner. 1. Buch (53) (Crassus, 140-91)

Z 4. 2

Ich bin also der Meinung, fuhr Crassus fort, daß erstens die natürliche Begabung von entscheidender Bedeutung für die Rede ist [. . .]. Denn es muß eine ganz geschwinde Beweglichkeit des Geistes gegeben sein, um im Ersinnen Scharfsinn, in der Erklärung und Ausschmückung reiche Fülle und im Gedächtnis Festigkeit und Dauer zu beweisen. (113)
Denn ohne sie (Lerneifer und Lern-"Begierde", E. S.) erreicht man schon im Leben nichts Besonderes und sicherlich erst recht niemals das Ziel (ein guter Redner zu werden, E. S.). (134)
Doch eifriges Bemühen, irgendwohin zu gelangen, nützt wahrhaftig nichts, wenn man den Weg nicht kennt, der zu dem angestrebten Ziel führt. (135)
Auch ein gewisses Maß an Übung müßt ihr auf euch nehmen [. . .] (147)
Am wichtigsten jedoch ist das, was wir [. . .] am wenigsten tun - denn es kostet viel Mühe, die wir meistens scheuen -, möglichst viel zu schreiben. Der Griffel ist der beste und vorzüglichste Urheber und Lehrmeister für die Rede [. . .]. (150)
Wer von der Übung im Schreiben zum Reden kommt, bringt auch die Fähigkeit mit, daß, selbst wenn er aus dem Stegreif spricht, das, was er sagt, doch ähnlich wie ein schriftlich formulierter Text aussieht. (152)
Auch das Gedächtnis müssen wir trainieren, indem wir möglichst viele eigene und fremde Schriften bis aufs Wort auswendig lernen. (157)

Die Fähigkeit, sprachlich wirkungsvoll zu handeln, wurde in der traditionellen Textforschung vor allem in der Rhetorik untersucht.

  1. Was sah Cicero als wichtiges Ziel des Redners an?


  2. Was führte Cicero als notwendige Voraussetzungen für die Entwicklung zu einem überzeugenden Redner an?








  3. Vertreten Sie dazu eine andere Auffassung? Welche?




Z 4. 3

[. . .] sei die gesamte Tätigkeit des Redners in fünf Teile eingeteilt: Er müsse erstens finden, was er sagen solle, zweitens das Gefundene nicht nur hinsichtlich der Anordnung, sondern auch nach der Bedeutung und entsprechend seinem Urteil ordnen und zusammenstellen, es schließlich drittens in wirkungsvolle Worte kleiden, dann im Gedächtnis aufbewahren und endlich würdevoll und elegant vortragen. (Cicero a. a. O.: (142).)

Z 4. 4

[. . .] die Stadien eines Handlungsprozesses
(I) Einschätzung der Situation
(II) Motivation
(III) Zielsetzung
(IV) Plan/Planbildung
(V) Ausführung
(VI) Resultat [. . .]
(Rehbein, Jochen (1977). Komplexes Handeln. Stuttgart: Metzler: 184.)

Worin unterscheidet sich das Thema Rehbeins von dem Ciceros?
Welcher der beiden Autoren geht präskriptiv vor, welcher deskriptiv?
Welche weiteren wesentlichen Unterschiede stellen Sie fest?
Gibt es auch Übereinstimmungen? Welche?

Z 4. 5

[. . .] Dabei verlangt die Vorschrift, daß wir erstens sprachlich richtig, zweitens klar und deutlich, drittens wirkungsvoll und viertens der Würde unseres Themas angemessen und gleichsam schicklich formulieren. (Cicero, a. a. O.: 144)

Vergleichen Sie Ciceros Hinweise auf die (monologische) Rede mit den Konversationsmaximen von Grice (für die dialogische Kommunikation).
Ausgehend vom Kooperationsprinzip, nach dem Gesprächsbeiträge akzeptabel und verständlich formuliert werden sollen, stellt Grice 1975 (dtsch. 1979: 244 ff) Konversationsmaximen auf: die Maxime der Quantität (Informativität), der Qualität (Wahrheit), der Relation (Relevanz), der Modalität (Vermeidung von Mehrdeutigkeit und Weitschweifigkeit und Beachtung der Reihenfolge) (vgl. Glossar, Stichwörter Konversationsmaximen und Kooperationsprinzip).

Z 4. 6

Im Unterschied zur propositionalen Auffassung beruht die dynamische Auffassung von ´Text´ auf der Annahme, daß der ´Text´ primär als kommunikative und und handlungsbezogene Einheit zu verstehen ist, [. . .].
(Isenberg, Horst (1977). ´Text´ versus ´Satz´. In: Daneš, František, Dieter Viehweger (Hrsg.). Probleme der Textgrammatik II. Berlin: Akademie-Verlag: 119-146: 119.)
Wenn Menschen überhaupt sprachlich kommunizieren, so kommunizieren (sprechen/schreiben) sie in Form von Texten. Mit anderen Worten: Der ´Text´ ist die Einheit, in der sich die sprachliche Kommunikation organisiert. [. . .] Einer der Gesichtspunkte, die für die Betrachtung der Ganzheitlichkeit des Textes eine Rolle spielen, beruht auf der Handlungsbezogenheit von Texten. (144)

Welche Unterscheidung nimmt Isenberg vor? Was hat dabei für ihn Priorität?
Welchen Zusammenhang hinsichtlich der Schwerpunkte in der textlinguistischen Forschung stellt Isenberg fest?

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