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Eva Schoenke:

5. TEXTSORTENKLASSIFIZIERUNG, TEXTTYPOLOGIE

A Analysen

A 5. 1

LITERATUR

Europa in der Grube

Die Geige, die der begabte Junge ins Haus geschmuggelt hatte, entriss ihm der Vater, um sie auf dem Kopf eines anderen Sohnes zu zertrümmern - für Tonkunst war weder Zeit noch Verständnis im Haushalt auf dem Land mit neun Kindern, zwischen Vieh und Filzlappen, Milchkübeln und Hufschrubbern. Doch die barbarische Tat war nur ein Echo dessen, was der Vater selbst erlebt hatte: Im zarten Alter von zehn Jahren war er, wie alle seine Brüder, "mit einem Stück Polenta und Käse in einem roten Taschentuch, aus der Hütte am Rande von Tlumasz in die Welt hinausgetrieben worden". Armut bessert den Charakter keineswegs.

Der Lyriker Moses Rosenkranz schildert den Beginn eines von der Geschichte zerstückelten Lebens, seine Kindheit in der Bukowina. Sehr fremd und unheimlich vertraut mutet diese Geschichte an, rücksichtslos schön erzählt, zart und rabiat im Wechsel, der Umstände halber häufig düster. Denn was das vergangene Jahrhundert, vorwiegend unter deutscher und russischer Regie, in der Heimat des Dichters Rosenkranz (auch Heimat Paul Celans) angerichtet hat, macht allem den Garaus, wovon die Bukowiner erzählen: vorbei die Nachbarschaft der Sprachen, das kulturelle Durcheinander, der Reichtum religiöser und sittlicher Vielfalt. Und unterdessen hat sich "die verworrene Lage auf dem Kontinent dahin geklärt, dass Mitteleuropa unter dem Druck der westlichen Zivilisation in die Grube rutschte und sich der östliche Sumpf mit seiner Fauna, wogegen die deutschen Länder ein Jahrtausend hindurch eine Wehr gewesen, über die Marken der Kultur ergoss". Moses Rosenkranz, der erst von den rumänischen Faschisten, dann von den Stalinisten in Arbeitslagern festgehalten wurde (und den größten Teil dieser Zeit in Sibirien verbrachte), floh 1961 aus Rumänien in die Bundesrepublik und lebt heute im Hochschwarzwald. "Kindheit" ist der erste Teil seiner Erinnerungen, ein Kleinod von besonderer, im wahrsten Sinne seltsamer Größe.
(DER SPIEGEL 31/2001: 133)

Was ist die Funktion dieses Textes? Soll er informieren, bewerten, überzeugen, appellieren? Oder?


Welcher Textart ordnen Sie den Text zu?


Kennzeichnen und nennen Sie Textteile bzw. Ausdrücke, die eindeutig
    informieren


    bewerten


    überzeugen bzw. appellieren


Welche Ausdrücke bzw. Textteile sind schwer zuzuordnen?


dominierende Textfunktion:


Texttyp:


Textsorte:


A 5. 2

Die ziemlich intelligente Fliege

    Eine große Spinne hatte in einem alten Haus ein schönes Netz gewoben, um Fliegen zu fangen. Jedesmal, wenn eine Fliege sich auf dem Netz niederließ und darin hängenblieb, verzehrte die Spinne sie schleunigst, damit andere Fliegen, die vorbeikamen, denken sollten, das Netz sei ein sicherer und gemütlicher Platz. Eines Tages schwirrte eine ziemlich intelligente Fliege so lange um das Netz herum, ohne es zu berühren, daß die Spinne schließlich hervorkroch und sagte: "Komm, ruh dich ein bißchen bei mir aus." Aber die Fliege ließ sich nicht übertölpeln.
    "Ich setze mich nur an Stellen, wo ich andere Fliegen sehe", antwortete sie, "und ich sehe bei dir keine anderen Fliegen."
    Damit flog sie weiter, bis sie an eine Stelle kam, wo sehr viele Fliegen saßen. Sie wollte sich gerade zu ihnen gesellen, als eine Biene ihr zurief: "Halt, du Idiot, hier ist Fliegenleim. Alle diese Fliegen sitzen rettungslos fest."
    "Red keinen Unsinn", sagte die Fliege. "Sie tanzen doch."
    Damit ließ sie sich nieder und blieb auf dem Fliegenleim kleben wie all die anderen Fliegen.
(Thurber, James (1967). 75 Fabeln für Zeitgenossen. Hamburg: Rowohlt: 8.)

A 5. 3

Harry ist britischer Staatsbürger, weil er auf den Bermudas geboren ist. Nach einem Gesetz muß nämlich jeder, der auf britischen Staatsgebiet geboren ist, als britischer Staatbürger gelten. Also ist Harry britischer Staatsbürger, falls er nicht . . .
(in Anl. an Toulmin, Stephen (1975). Der Gebrauch von Argumenten. Kronberg/Ts. (engl. 1958)

A 5. 4

Ein Zeppelin gleicht von der Seite einer riesigen, dicken Zigarre, die vorn und hinten in eine Spitze ausläuft. Am hinteren, schlankeren Ende ragen mehrere flache, flossenähnliche Seitenteile über den Rumpf hinaus. Es sind die Ruderflächen des Leitwerks. Unter dem vorderen Teil befindet sich die Führergondel. . . .
(SD 7 B-W (1995). Braunschweig: Westermann: 120.)

 

Textfunktion / Texttyp zentraler Gegenstand texttypspezifische sprachliche Phänomene auf der Textoberfläche Tempus
informieren /
deskriptiv
Sachen, Personen

Zeppelin,


Attribute (Spezifizierungen, Modifizierungen)

riesig,


Präsens

gleicht,





Handlg., Ereignisse (in best. Reihenfolge)




Konjunktionen (temporal, kausal, final, kond., anreihend, adv.), direkte/ind. Rede




Präteritum (Plusqu., Perfekt)







Stellungnahmen, Bewertungen,




Konjunktionen (u. Adverbien), (kausal, kondit., konsek., final), Modalverben, Antonyme, versch. Negationsformen




Präsens (Perfekt)




A 5. 5

Rafik Schami: Das Schaf im Wolfspelz
Märchen & Fabeln

Das Buch
Es war einmal ein Schaf, das hängte sich einen Wolfspelz um und ging zu den Wölfen. Natürlich mußte es mit ihnen heulen, aber nach der ersten Überwindung gelang ihm das ganz gut. Bald hätte es sich selbst fast für einen Wolf gehalten. Doch schließlich kamen ihm die anderen Wölfe auf die Schliche, und es nahm ein trauriges Ende. Das ist auch gut so. Unter den Menschen jedenfalls gibt es Wölfe genug. Es ist nicht nötig, dass auch die Schafe noch Raubtier spielen. Rafik Schamis märchen- und fabelhafte Geschichten sind bunt und poetisch erzählt. Das macht die Lektüre leicht - und auch die Erkenntnis, dass es sich um Gleichnisse für oft sehr bittere gesellschaftliche Zustände handelt. Überraschend ist die Originalität dieser Gleichnisse. [. . .] Rafik Schami ist ein Märchenerzähler, aber vor allem auch ein Aufklärer und Kämpfer für eine bessere Welt.


Der Autor
Rafik Schami, 1946 in Damaskus geboren,
seit 1971 in der Bundesrepublik.
Verschiedene Arbeiten auf Baustellen und in Fabriken.
Studium der Chemie mit Promotionsabschluß.
Seit 1982 freier Schriftsteller.
Lebt in Kirchheimbolanden.
Werke u. a.:
Andere Märchen (1978),
Das letzte Wort der Wanderratte (1984), [. . .]
Inhalt
Die Zwiebel 7
Fatima 16
Das Schaf im Wolfspelz 36
Die Hölle 52
Der Bäcker und der Gauner 58
Das schwarze Schaf 83
Und die Grille singt doch 90
Die Aufseher 99
Der Südwind 114

Welchem Texttyp ordnen Sie diesen Text zu?

Wie läßt sich seine Dreiteilung begründen?

Worin unterscheidet sich dieser (Gesamt-)Text von den Texten A 5. 2 bis A 5. 4?

Worin unterscheiden sich die drei Teiltexte (von A 5. 5) untereinander?

 

Ü Übungen

Ü 5. 1

Kann ein einziges Wort schon einen sicheren Hinweis auf die Textsorte geben? Bei welchen Textsorten könnte z. B. das Wort König vorkommen?


Könnten Sie auch den Anfang eines "modernen" Berichts formulieren, in dem außer der Einleitung Es war einmal und dem Abschluß Und wenn sie nicht . . . die folgenden Wörter vorkommen:
Königin, Königssohn, Prinzessin, Hexe, verzaubert, erlösen?








Was für ein Text entsteht auf diese Weise?


Ü 5. 2

Man kann durch bestimmte "Indikatoren" in einem Text Hinweise auf dessen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Textsorte erhalten. Diese Indikatoren lassen sich auf der Wortebene (Wortwahl/Lexik), auf der Ebene von Wortgruppen, syntaktischen Konstruktionen oder auf andere Weise nachweisen; sie liefern jedoch nicht immer bzw. nicht in jedem Einzelfall eindeutige Beweise für die Textsortenzugehörigkeit.

Welchen Textsorten ordnen Sie die Texte mit folgende "Indikatoren" zu?

einzelne Wörter
    Nebenwirkungen


    empfehlenswert, weniger empf., nicht empf.


Wortgruppen
    effektiver Jahreszins


    zweite Lesung


syntaktische Konstruktionen
    (auch mit fachspezifischen Komposita)
      vor Inbetriebnahme


      in tiefer Trauer


    imperativischer Infinitiv mit vorangestelltem Objekt
      Waschpulver nach Vorschrift einfüllen


      blaue Taste drücken


    Satz: finite Form von sein zwischen Subjekt und Infinitiv mit zu
      Der Schalter ist vorsichtig nach rechts zu bewegen.


    Passivkonstruktion mit dem Modalverb sollen oder müssen oder mit dem negierten Modalverb dürfen
      Die Tür muß (soll) fest geschlossen werden (darf nicht geöffnet werden).


Sätze
    Wenden Sie sich bei Fragen bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.


    Verlängerungen sind ausgeschlossen.




KLASSIFIZIERUNG  VON  GEBRAUCHSTEXTSORTEN nach Brinker (1985: 125 ff)

Basiskriterium Textfunktion: kontextuelle Kriterien strukturelle Kriterien
("Textsorten-
klassen")
Kommuni-
kations-
form
(direkte Gespr., Tel., Rundf., TV, Briefe, Bücher, . . .)
Handlungs-
bereich
(privat, offiziell, öffentlich)
Art des Textthemas (temporale, lokale Orientierung) Form der Themen-
entfaltung
(deskriptiv, narrativ, explikativ, argumentativ)
Informationstexte (Nachricht, Bericht, Sachbuch, . . .)        
Appelltexte (Werbeanzeige, Gesetz, Antrag, . . .)        
Obligationstexte (Vertrag, Garantieschein, Gelöbnis, . . .)        
Kontakttexte (Kondolenzschreiben, Ansichtskarte, . . .)        
Deklarationstexte (Testament, Ernennungs-
urkunde, . . .)
       


Ü 5. 3

Klassifizieren Sie nach diesem Kriterienraster die folgenden Texte:
Erdkundelehrbuch, Glückwunschschreiben, Rechnung, Leitartikel, Geschäftsbrief, Klausur, Kaufvertrag, Kaufgesuch in der Zeitung, Rundfunkkommentar, "Reifezeugnis", Heiratsanzeige, Heiratsurkunde, Waffenstillstandsvertag.
Erklären Sie die Zuordnung, indem Sie vom Basiskriterium ausgehen.

Bei welchen Texten ist es besonders schwierig, sie zuzuordnen?


Welche Texte gehören ihrer Basisfunktion nach eindeutig zu einer Textsorte?


Welche dieser Texte sind ausgeprägte "Mischtexte"?




MEHREBENENKLASSIFIZIERUNG
nach Heinemann/Viehweger (1991: 147 ff)
"mehrdimensionale Texttypologie", "multidimensionale Zuordnungen von prototypischen Repräsentationen auf unterschiedlichen Ebenen (Schichten)" (147)
    Funktionstypen
    Primärfunktionen:
      SICH AUSDRÜCKEN (SELBST DARSTELLEN),
      KONTAKTIEREN,
      INFORMIEREN,
      STEUERN
    Die primären Textfunktionen gelten auch für fiktionale Texte
    (mit ästhetischen Wirkungen) (149 ff).


    Situationstypen
    Klassifizierung u. a.
      nach der Anzahl der Partner,
      nach sozialen Rollen der Interagierenden,
      nach Grundtypen der Umgebungssituation

    Verfahrenstypen
    "Realisierungen strategischer Konzepte" (158)
    Beispiel (bei dem Funktionstyp STEUERN):
      ANWEISEN, APPELLIEREN, BITTEN

    Textstrukturierungstypen
    Grobstrukturierung der geplanten Texte:
      Kompositionstypen, Sequenztypen

    prototypische Formulierungsmuster
      normative Muster, z. B. Bewerbungsschreiben, Telegramm
      "generelle Ordnungs- und Formulierungsprinzipien" als "textklassenspezifische Kommunikationsmaximen" (165)
      Wissen um prototypische Formulierungs- und Stilmerkmale als Indikatoren einzelner Textsorten (allerdings individuell variiert)

Ü 5. 4

Vergleichen Sie die Klassifizierungen von Brinker und Heinemann/Viehweger.

Ü 5. 5

Nennen Sie fünf verschiedene Textarten, mit denen Sie häufig zu tun haben. Klassifizieren Sie diese nach dem Mehrebenenmodell von Heinemann/Viehweger.

Ü 5. 6

Klassifizieren Sie schriftliche Hausarbeiten Studierender.

Ü 5. 7

Rezensieren Sie spontan (und kurz) eine von Ihnen schon geschriebene Hausarbeit.
Welche informierenden Anteile sind (für das Verständnis der Leser) unverzichtbar?


Wie bewerten Sie (kritisch differenzierend) Ihre Arbeit inzwischen selbst?
Was dominiert in Ihrer Rezension, die Information oder die Bewertung?
 

 

Z Aufgaben zu Zitaten (f)

Z 5. 1

Der Terminus "Textfunktion" bezeichnet die im Text mit bestimmten, konventionell geltenden, d. h. in der Kommunikationsgemeinschaft verbindlich festgelegten Mitteln ausgedrückte Kommunikationsabsicht des Emittenten, die der Rezipient erkennen soll, sozusagen um die Anweisung (Instruktion) des Emittenten an den Rezipienten, als was dieser den Text  i n s g e s a m t  auffassen soll, z. B. als informativen oder als appellativen Text.

(Brinker, Klaus (1985). Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. Berlin: Schmidt: 86.)

Z 5. 2

Einige etablierte Textsorten können nach ihrer FUNKTION definiert werden, d. h. nach dem Beitrag der Texte zur Interaktion.2 Zumindest könnten wir einige DOMINANZEN identifizieren, jedoch ohne eine strikte Kategorisierung für jedes denkbare Beispiel zu erhalten. DESKRIPTIVE Texte dienen demnach zur Auffüllung von Wissensräumen, deren  S t e u e r u n g s m i t t e l p u n k t e  O b j e k t e oder  S i t u a t i o n e n sind.
[. . .] Hingegen wären NARRATIVE Texte solche, die H a n d l u n g e n und E r e i g n i s s e in einer bestimmten sequentiellen Reihenfolge anordnen.
[. . .] Jene Texte, die die Annahme oder die Bewertung von bestimmten I d e e n und Ü b e r z e u g u n g e n als wahr vs. falsch, oder positiv vs. negativ fördern, heißen ARGUMENTATIVE Texte.

2 Der Begriff der "Funktion" richtet sich hier wieder nach der Systemtheorie: der Beitrag eines Elements zum Funktionieren des vollständigen Systems (in diesem Fall des Systems der Kommunikation). (de Beaugrande, Robert-Alain, Wolfgang Ulrich Dressler (1981). Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Niemeyer: 190.)

Z 5. 3

(a) Die Textkonstituenten in literarischen Texten sind polyfunktional vertextet, d. h. sie können bei geeigneter Rezeptionsweise jeweils mehr als eine Funktion erfüllen. Betrachtet man Textkonstituenten als Instruktionen an Kommunikationspartner, deren Bedeutung durch Kontext und Kommunikationsstituation spezifiziert wird, so sind polyfunktional vertextete Textkonstituenten strukturell polyvalent d. h. semantisch unterdeterminiert, funktional überspezifiziert sowie pseudoreferentiell.
(b) Polyvalente Texte sind situationsabstrakt, d. h. sie determinieren keine Kommunikationssituation, auf die sie referentiell eindeutig abgebildet werden könnten.

(Schmidt, Siegfried J. (1972). Ist ´Fiktionalität´eine linguistische oder eine texttheoretische Kategorie? In: Gülich, Elisabeth, Wolfgang Raible (Hrsg.). Textsorten. Differenzierungskriterien aus linguistischer Sicht. Frankfurt: Athenäum: 59-71: 70.)

Z 5. 4

Auch LITERARISCHE Texte enthalten verschiedene Formen von Beschreibung, Erzählung und Argumentation. Daher brauchen wir andere Unterscheidungskriterien. Die umfassendste Definition von "literarischer Text" könnte sein: ein Text, dessen Welt in einer systematischen Alternativbeziehung zur akzeptierten Version der "realen Welt" [. . .] steht.5

5 Literarische Texte werden häufig fiktional genannt, um ihre Nicht-Übereinstimmung mit der "realen Welt" zu signalisieren. Es gibt aber fiktive Texte, die nicht literarisch sind, z. B. Lügen (vgl. Weinrich, 1970) oder Traumberichte. Fiktionalität ist keine hinreichende Begründung für Literarität. (Beaugrande/Dressler 1981: 191)
  1. Wie erklärt Brinker, wie erklären Beaugrande/Dressler den Begriff Textfunktion?
     
  2. Welche "Textsorten" (und Textfunktionen) unterscheiden Beaugrande/Dressler?
     
  3. Vergleichen Sie die Auffassungen von Schmidt und Beaugrande/Dressler über literarische Texte.

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