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Eva Schoenke  Didaktik sprachlichen Handelns

11. Vorlesung
Fachdidaktische Überlegungen zur Ausweitung der Schreibkompetenz: Aufsatzunterricht

Schriftliche Textproduktion ist ein komplexer Prozess, bei dem Handlungs-, Sprach- und Sachwissen integriert verarbeitet werden. Durch (eigene) Antworten auf selbstgestellte Fragen können vorhandene Wissensstrukturen verändert bzw. neu organisiert werden. Die Möglichkeiten des Denkens und Sprechens werden ausgeweitet, Analyse-, Reflexions- und Abstraktionsfähigkeit gefördert. Die zeitliche und räumliche Distanz der Rezeptionssituation von der Schreibsituation erfordert und ermöglicht gründliche Planung und reflektiertes Formulieren.

Cartoon von Roland Bühs

Der Komplexität der Schreibprozesse (beim Verfassen von Texten) können übertrieben einseitige Richtungen in der Aufsatzdidaktik nicht gerecht werden. Zwischen dem spontanen (freien) Schreiben und dem Verfassen gründlich vorbereiteter (und überarbeiteter) Aufsätze gibt es zahlreiche Abstufungen.
  1. Handlungsbereitschaft fördern und Wissensverarbeitung optimieren:
    systematisch arbeiten (prozessorientiert  u n d  produktorientiert)
    u n d  Freiräume für kreatives Schreiben öffnen
    Prozessorientierung,
      weil didaktische Überlegungen auf die Erlernbarkeit des Planens, Strukturierens, Formulierens und Überarbeitens von Texten zielen;
      Arbeitsphasen beim Verfassen von Texten
      • Text vorbereiten:
          Problem bewusst machen, Schreibstrategie (allg. bzw. texttypspezifisch) entwickeln und bei der Planung anwenden, Vorwissen aktivieren, zwecks Problemlösung Handlungs-, Sach- und Sprachwissen integriert verarbeiten, bei Bedarf gezielt durch "Fremdwissen" ergänzen,
          durch geeignete Methoden (z. B. mind mapping, clustering oder chunking) die (noch nicht linearisierte) Stoffsammlung strukturieren, (texttypspezifisch) linear gliedern;
      • Erstfassung herstellen (vorher Beurteilungskriterien, schriftlich):
      • Erstfassung überarbeiten (nach Vorkorrektur oder ohne diese, zeitl. Distanz: wenige Tage):
          prüfen, ob Textteile umgestellt, gekürzt, ausgebaut, Aussagen umformuliert und Satzbaupläne variiert werden sollten;
          (grammat. und orthograph.) Fehler korrigieren;
      • Texte auswerten (in der gesamten Lerngruppe),
          dabei neue Anregungen durch "Veröffentlichungen"

      In allen Arbeitsphasen das Schreiben lesend begleiten:
      Schreiben (bei der Vorbereitung) - (strukturierendes) Lesen - Schreiben (der Gliederung) - (prüfendes) Lesen - Schreiben (Erstfassung) - (prüfendes) Lesen - Schreiben - . . .
      Schreiben lernt man durch Schreiben (und Lesen)
    Produktorientierung,
      weil die Erwartung erreichbarer Erfolge (mit vorzeigbaren Zielprodukten) Leistungsbereitschaft, Ausdauer und Selbstbewusstsein fördert;
      • Gelegenheit zur Präsentation von Arbeitsergebnissen bieten,
      • gemeinsam oder individuell erarbeitete (sorgfältig gestaltete) Zielprodukte "ausstellen" bzw. "vorstellen", z. B. Geschichtenbücher; Bücher zu den Themen Mein Hobby, Im Praktikum, Schulerfahrungen, Ich stelle mich vor (in neu zusammenges. Kl.), Schulzeitung,
        Facharbeiten (zur Information der Mitschüler/innen),
      • Freude über (sichtbare) Arbeitserfolge auslösen
    Freiräume für kreatives Schreiben,
      weil Kreativiät und Phantasie (bes. in der Gegenwart) auch angeregt werden müssen;
      • Eigeninitiativen ermöglichen  u n d  Impulse für kreatives Schreiben geben,
      • "Schreibwerkstatt", Bearbeitung selbst gestellter Themen ermöglichen,
      • spontan geschriebene "gelungene" Texte (bei Zustimmung der Verfasser/innen) vorlesen

  2. Handlungsbereitschaft fördern durch die Wahl geeigneter Aufsatzthemen
      • mit Aufforderungsgehalt zum Schreiben,
      • an Erfahrungen (auch in der Gruppe Gleichaltriger) anknüpfen,
      • Identifizierungsmöglichkeiten bieten,
      • Phantasie anregen und
      • Themen für Facharbeiten (Adressaten: Mitschüler/innen)

  3. Wissensverarbeitung vertiefen durch (partielle) Integration anderer Lernbereiche
      • Aufsatzthemen im Bereich mündliches Sprachhandeln vorbereiten,
      • Lesen: gezielt geeignetes "Fremdwissen" erschließen,
      • Rechtschreibunterricht (auf der Grundlage von Fehleranalysen),
      • Reflexion über sprachl. Strukturen, bes. über Textstrukturen;
        schrittweise (und altersgemäß) das Verständnis erarbeiten
          für Begriffe,
          • die für eine Verständigung im Aufsatzunterricht wichtig sind,
          • die bewusst machen können, welche Anforderungen an einen "gelungenen" (in sich geschlossenen) Text gestellt werden (z. B. Textualität, Kohärenz, Kohäsion),
          für Begriffe,
          • die versch. Möglichkeiten des Textaufbaus, unterschiedl. Arten der Themenentfaltung, der Satzverküpfung oder bestimmte Texttypen bezeichnen und deren Verständnis dazu beiträgt, das Textverfassen lehr- und lernbar zu machen;
      • gezielt grammatische Übungen zur Verknüpfung von implizitem und explizitem Sprachwissen bearbeiten

  4. Schwerpunkte in der Stoffverteilung
      • informieren
          ab 5. Kl. Personen, Dinge, Tiere, Pflanzen beschreiben,
          ab 7. Kl. über Ereignisse berichten,
          ab 8. Kl. Texte beschreiben (Inhaltsangabe),
          ab 8. Kl. Vorgänge beschreiben,
      • erzählen
          alle Stufen, Schwerpunkt 5./6. Kl.,
      • erklären
          ab 8. Kl. Sachverhalte, Abläufe, Zusammenhänge erklären,
      • argumentieren
          5./6. Kl. für etwas eintreten, Behauptungen begründen,
          7./8. Kl. zu einem strittigen Problem Stellung nehmen, Behauptungen begründen, Pro- und Kontra-Argumente gegenüberstellen und prüfen,
          ab 9. Kl. vollständige Argumentationen verfassen:
          strittiges Problem nennen, Ausgangsthese, Behauptungen begründen, Begründungen belegen, aus Begründungen (und Belegen) Schlussfolgerungen ziehen, Argumentationsergebnis (evtl. mit Einschränkungen) formulieren,
          ab 10 Kl. freie Erörterung und Erörterung auf der Grundlage eines Textes

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