Eva Schoenke: METAPHORIK - Glossar
Abstraktum
Substantiv, das etwas sinnlich nicht direkt Wahrnehmbares bezeichnet
Abstrakta bilden eine semantisch definierte Klasse von Substantiven, die etwas bezeichnen, das man mit den Sinnesorganen nicht direkt wahrnehmen kann (z. B. Zweck). Metaphorische Konzepte gehen auf sinnliche Erfahrungen im Raum zurück, Ziele der Übertragungen sind in der Regel Abstrakta. Der Grad an Abstraktheit kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein.
Im Zentrum der Abstrakta stehen Bezeichnungen, die direkt durch Abstraktion (nicht durch Substantivierung von Verben oder Adjektiven) entstanden sind (Ewald 1992). Solche Prototypen sind nach Ewald Substantive, die gar nicht mit sinnlichen Wahrnehmungen in Zusammenhang gebracht werden können (z. B. Pflicht) oder rein quantitative Maßeinheiten (z. B. Woche). Substantive, die durch Substantivierung von Verben oder Adjektiven entstanden sind und sinnlich nicht direkt wahrnehmbare Vorgänge oder Eigenschaften bezeichnen (z. B. Dummheit, das Denken) sind auch Abstrakta, aber nicht deren Prototypen. An der Peripherie der Abstrakta sind solche Substantive einzuordnen, die durch Substantivierung von Verben bzw. Adjektiven entstanden sind und sinnlich wahrnehmbare Vorgänge oder Eigenschaften bezeichnen (z. B. das Singen, Kälte).
Allegorie
Sonderform der Metaphorisierung
argumentationsspezifische Metaphorik
qualitative und quantitative Besonderheiten metaphorischen Sprachgebrauchs in Begründungszusammenhängen
Die Entstehung von Argumentationen setzt strittige Probleme voraus, zu denen in der Regel (im westlichen Kulturraum) Behauptungen mit Begründungen formuliert werden, um dann Schlussfolgerungen ziehen zu können, die meist mit den Ausgangsthesen übereinstimmen. Wegen des hohen Grades an Abstraktheit und Allgemeinheit in Argumentationen ist Metapherngebrauch zwingend erforderlich und sind Metaphern hier besonders häufig (vgl. Lakoff 1990, 1993). Wenn Kommunikationspartner Wissen über einen konkreten Ursprungsbereich teilen, kann bei einer metaphorischen "Überführung" dieses Wissens auch Verständigung in dem abstrakteren und allgemeineren Zielbereich erreicht werden.
Metaphern fungieren in expliziter Argumentation in anderer Weise als in impliziter Argumentation.
Metaphern in expliziter
Argumentation, Metaphern in impliziter Argumentation
Fabel
Sonderform der Metaphorisierung: ARGUMENTATION-ALS-NARRATION
Die Fabel ist eine Textmetapher, ein unterhaltend belehrender narrativer Text, in dem menschliche Eigenschaften auf Tiere übertragen werden, Tiere wie Menschen sprechen und handeln und in dem aufgrund der Übertragungen bestimmte menschliche Verhaltensweisen indirekt kritisiert werden.
Gleichnis
Sonderform der Metaphorisierung: ARGUMENTATION-ALS-NARRATION
Das Gleichnis ist eine Textmetapher religiösen Ursprungs, ein narrativer Text, in dem eine allgemeine Belehrung durch die Darstellung eines typischen Einzelfalls konkretisiert wird.
Beispiele: Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Gleichnis vom verlorenen Sohn
Interaktionstheorie
Metapherntheorie, die Metaphorisierung als Ergebnis wechselseitiger Einflussnahme (Interaktion) von metaphorischer Prädikation und Satzkontext betrachtet
Hauptvertreter der Interaktionstheorie ist Black (1955, 1962, 1977/93); angebahnt wurde die Interaktionstheorie bereits von Richards (1936). An Beispielen wie "man is a wolf" (Black 1962) demonstriert Black die "Interaktion" zwischen "focus" (metaphorischer Prädikation: wolf) und "frame" (Rahmen: Satzkontext). Durch diese Interaktion wird nach Black Spannung erzeugt, und aus der wechselseitigen Beeinflussung resultiert eine Selektion bestimmter Merkmale, die "übertragen" werden. So entsteht nicht nur eine besondere Sichtweise von "man", sondern es kommt auch zu einer nur partiellen Übertragung selektierter Merkmale von "wolf". Metaphorisierung wird von Black als primär kognitiver Prozess aufgefasst, durch den Ähnlichkeiten erzeugt und die Bedeutung der beiden interagierenden Komponenten verändert wird.
Invarianzhypothese
von Lakoff (1990: 72) formulierte Hypothese zur "invarianten" Übertragung ganzer Wissensstrukturen bei Metaphorisierungen (1993 als "Invarianzprinzip" festgelegt)
Invarianzprinzip
von Lakoff formulierte Aussage zur "invarianten" Übertragung ganzer Wissensstrukturen bei Metaphorisierungen
Nach Lakoff wird bei einer Metaphorisierung die Gesamtstruktur des nichtmetaphorischen Konzepts (und damit auch die Struktur der bildhaften Vorstellungen) aus dem Ursprungsbereich u n v e r ä n d e r t in den Zielbereich übertragen. Die invariant übertragene kognitive Struktur entspricht nach Lakoff sowohl der Struktur des Ursprungs- als auch des Zielbereichs. Dadurch werden nach Lakoff auch die einzelnen sinnlich wahrnehmbaren Elemente des Ursprungsbereichs auf die entsprechenden (abstrakten) Elemente des Zielbereichs übertragen, wobei auch deren Relationen erhalten bleiben. "Metaphorical mappings preserve the cognitive topology (that is, the image-schema structure) of the source domain, in a way consistent with the inherent structure of the target domain." (Lakoff 1993: 215)
Konkretum
Substantiv, das etwas sinnlich Wahrnehmbares bezeichnet
Konkreta bilden eine semantisch definierte Klasse von Substantiven, die etwas bezeichnen, das man mit den Sinnesorganen direkt wahrnehmen kann (z. B. Brot). Metaphorische Konzepte gehen auf sinnliche Erfahrungen im Raum zurück. Übertragungen werden in der Regel von sinnlich Wahrnehmbarem (Konkretem) auf Abstraktes vorgenommen.
Im Zentrum der Konkreta stehen nach Lang (1992) Bezeichnungen für belebte und unbelebte Objekte, die sinnlich komplex (mit mehreren Sinnesorganen) wahrgenommen werden können (z. B. Hund, Feuer); an der Peripherie der Konkreta befinden sich Bezeichnungen für etwas, das nur mit einem Sinnesorgan wahrgenommen wird (z. B. Mond, Donner).
Konterdetermination
von Weinrich geprägter Begriff zur Bezeichnung der semantischen Beziehungen zwischen Metaphern und sprachlichem Kontext
Nach Weinrich ist eine Metapher "[ . . . ] nie ein einfaches Wort, immer ein - wenn auch kleines - Stück Text" (Weinrich 1976: 319). "Wort und Text zusammen machen die Metapher." (319) Für Weinrich, der die Metaphorik als "zentrale Disziplin der Linguistik" bezeichnet (327), entspricht eine Metapher nicht der durch den Kontext entstehenden Erwartung, sondern bewirke eine Spannung zum Kontext, durch den sie "konterdeterminiert" werde (320).
Konzept
elementare kognitive Einheit bei der Organisation von Weltwissen und der Speicherung von Informationen im Langzeitgedächtnis
Der Begriff "Konzept" (als Konstrukt der Kognitionsforschung) geht auf R. C. Schank (1975) zurück und bezeichnet eine mentale Repräsentation. "Die im Langzeitgedächtnis repräsentierten Konzepte stellen die Grundeinheiten kognitiver Strukturen dar und werden in komplexen mentalen Schemata gespeichert." (Schwarz 1992 a: 99) Nach Schwarz ist das semantische System untrennbar an das konzeptuelle System gebunden (Schwarz 1992 b: 71). "Semantische Lexikoneinträge entstehen durch die Verknüpfung konzeptueller Wissenseinheiten und sprachlicher Formen." (72)
konzeptuelle Metaphorik
Teilbereich der Kognitiven Semantik, in dem Metaphorisierungen primär als kognitive Prozesse (Konzeptübertragungen) untersucht werden
Die konzeptuelle Metaphorik entwickelte sich als kognitiv-konstruktivistische Metapherntheorie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, schwerpunktmäßig in den beiden letzten Jahrzehnten. Vorher hatten nur einzelne Wissenschaftler (im Gegensatz zum traditionellen Metaphernverständnis) die Notwendigkeit der Metaphernverwendung in jeder Form des Sprachgebrauchs betont (z. B. Giambattista Vico 1744/1964: 78 ff) oder die Notwendigkeit metaphorischer Sprachverwendung für Erkenntnisgewinn und Wissenschaftsfortschritt hervorgehoben (z. B. Kant in "Kritik der reinen Vernunft" 1781/1957: 267).
Der Paradigmenwechsel wurde durch die Entwicklung der Interaktionstheorie (Black 1955, 1962, Richards 1936) vorbereitet, in den 70er Jahren (z. B. durch Beiträge in Sacks 1979/1978 und in Ortony 1979) angebahnt und hat sich durch Lakoff/Johnson (1980) weitgehend durchgesetzt und zu einer großen Anzahl von Einzeluntersuchungen geführt.
Im Verständnis der konzeptuellen Metaphorik sind Metaphorisierungen kognitive Prozesse, durch die nichtmetaphorische Konzepte aus ihrem konkreten Ursprungsbereich in einen abstrakten Zielbereich übertragen werden: ABSTRAKTES-ALS-KONKRETES.
Beispiel: THEORIE-ALS-GEBÄUDE (ein sicheres Fundament schaffen, darauf aufbauen). Die Konzeptübertragungen können auf verschiedenen sprachlichen Ebenen realisiert werden, nicht nur auf der Wortebene.
Im Gegensatz zu traditionellen Metaphernauffassungen, in denen die Metapher als Ausnahmeerscheinung in der poetischen und persuasiven Sprache galt, wird in der konzeptuellen Metaphorik betont, dass Metaphern in jeder Form der Sprachverwendung vorkommen, auch in der Alltagssprache. Während Metapherngebrauch in wissenschaftlichen Texten in den traditionellen Metapherntheorien kritisiert wurde (z. B. von Aristoteles in "Topik" 139b-140a, 158b), wird nun metaphorischer Sprachgebrauch in wissenschaftlichen Erklärungen für unverzichtbar gehalten. Notwendig sei Metapherngebrauch besonders in abstrakten und allgemeinen Begründungszusammenhängen, da metaphorische Konzepte abstraktes Denken mit sinnlicher Wahrnehmung und körperlicher Erfahrung verknüpfen (vgl. Lakoff 1990, 1993, Jäkel 1997: 44 ff). Auch in Fachsprachen wurden in zahlreichen Einzeluntersuchungen (vgl. z. B. Hundt 1995) fachspezifische metaphorische Konzepte nachgewiesen, z. B. WIRTSCHAFT-ALS-ORGANISMUS (die Wirtschaft blüht auf, ist krank, gesundet allmählich), GELD-ALS-FLÜSSIGKEIT (Devisen strömen ins Land, überfluten es).
metaphorisches Konzept,
Substitutionstheorie, Vergleichstheorie, Interaktionstheorie,
Zielbereich, Ursprungsbereich, Konkretum, Abstraktum
Kultur
Zu 2. Seit den 50er Jahren bahnten sich in der anthropologischen Forschung im Verständnis des Kulturbegriffs Veränderungen an. Kultur beeinflusst danach als im Langzeitgedächtnis gespeichertes "kulturelles Wissen", wie die Wirklichkeit wahrgenommen und verarbeitet wird (vgl. Goodnough 1957: 167). Seit den 70er Jahren wird in der Kognitiven Anthropologie auch untersucht, wie unterschiedliches "kulturelles Wissen" in den verschiedenen Kulturen das menschliche Verhalten beeinflusst (vgl. Kokot 1993).
Da "kulturelles Wissen" nicht direkt der Beobachtung zugänglich ist, wird es symbolisch, besonders sprachlich vermittelt. "Die Erforschung der Kultur ist damit weitgehend an die Untersuchung von Sprache gebunden." (Kokot 1993: 334)
kulturelles Modell
Konstrukt, mit dessen Hilfe das eigene Verhalten und das anderer Personen in bestimmte, durch "kulturelles Wissen" geprägte Schemata eingeordnet, gedeutet und erklärt wird
Als "kulturelle Modelle" werden Modelle der Welt aufgefasst, die für erwiesen gehalten werden, unter den Angehörigen einer Gemeinschaft weit verbreitet sind und die das Weltverständnis und Verhalten wesentlich beeinflussen (vgl. Holland/Quinn 1987). "Kulturelle Modelle" speichern "kulturelles Wissen", sie können aktualisiert, erweitert und verändert werden.
kulturspezifische Metaphorisierungen
verschiedenartige Übertragungen aufgrund unterschiedlichen "kulturellen Wissens", entweder in verschiedenen Ethnien oder bei kulturellem Wandel
Da Metaphorisierungen sich auf körperliche Erfahrungen und sinnliche Wahrnehmungen zurückführen lassen und ein fundamentaler Ursprungsbereich für Übertragungen der menschliche Körper ist, gibt es auch bei ganz verschiedenen Ethnien Übereinstimmungen. Kulturspezifische Metaphorisierungen bzw. kulturspezifische Varianten fundamentaler Übertragungen lassen sich häufig durch unterschiedliche Wahrnehmungen und Erfahrungen in der verschiedenartigen (natürlichen und kulturellen) Umgebung erklären, z. B. KRIMINELLER-ALS-KROKODIL (Bahasa Indonesia, Siahaan 1996).
Beispiele für kulturspezifische Varianten eines fundamentalen metaphorischen Konzepts:
LIEBE-ALS-(LAND)REISE im westlichen Kulturraum (z. B. die Hürden aus dem Weg räumen, in eine Sackgasse geraten, die Brücken hinter sich abbrechen, den Weg räumen),
LIEBE-ALS-SEEREISE im Bahasa Indonesia, Siahaan 1996 (z. B. den Ozean gemeinsam im Schiff der Liebe befahren, trotz Sturm und Regen, Klippen umfahren).
Bei schnellem kulturellem Wandel, bes. im Zusammenhang mit beschleunigten technischen Entwicklungen sind neuartige metaphorische Konzepte notwendig, um bisher nicht allgemein bekannte abstrakte Zusammenhänge über Konkretisierungen zugänglich und kommunizierbar zu machen: INFORMATIONSMENGE-ALS-NETZ (z. B. Zugang zum Internet legen, etwas ins Netz stellen), INTERNET-ALS-DATENAUTOBAHN, INTERNET-ALS-OZEAN (z. B. im Internet surfen, navigieren, von Informationen überflutet werden).
Lexikalisierung von Metaphern
durch häufige Verwendung (im alltäglichen Sprachgebrauch) bedingte Aufnahme von Metaphern ins Lexikon
Zunehmende Konventionalisierung von Metaphern führt zu deren Lexikalisierung. In den Bestand einer Sprache, die im Lexikon gespeichert ist, werden außer den metaphorischen Simplizia auch Komposita (mit nur einem metaphorischen Bestandteil) und feste (metaphorische) Wendungen aufgenommen.
Bei einigen lexikalisierten Metaphern ersetzt die übertragene die ursprüngliche Bedeutung ganz, z. B. bei "schildern" (mhd. schiltære: anstreichen, (Wappen) malen; vgl.: in lebhaften Farben schildern) und bei "wissen" (ahd. wizzan (Präteritopräsens): gesehen haben, vgl. lat. videre) oder verdrängt die ursprüngliche Bedeutung partiell, z. B. bei "Kopf" (ahd. kopf Bezeichnung für gewölbte Schale, Trinkgefäß, vgl. lat. cuppa; mhd. Übertragung auf "Hirnschale"; ursprüngliche Bedeutung noch in "Pfeifenkopf" erhalten). Oder die ursprüngliche Bedeutung bleibt neben übertragenen Bedeutungen erhalten, z. B. bei "Hut" und "Fingerhut" (als Bezeichnung für ein Hilfsmittel beim Nähen) und "Fingerhut" (als Bezeichnung für eine Pflanze).
Bei der Verwendung lexikalisierter Metaphern ist das nichtmetaphorische Konzept (aus dem Ursprungsbereich) nicht mehr bewusst, manchmal jedoch noch der Reflexion zugänglich. In den dynamischen Prozessen des Sprachwandels kann es zu Neu-Metaphorisierungen kommen.
Metaphern in expliziter Argumentation
vermehrtes texttypspezifisches Vorkommen von Metaphern in unterschiedlichen argumentationskennzeichnenden Funktionen
Explizite Argumentation ist ein komplexer kognitiver Prozess, bei dem Begründungszusammenhänge durch argumentationsspezifische Sprachhandlungen
Metaphern können in expliziter Argumentation verschiedene Funktionen übernehmen:
Metaphern in impliziter Argumentation, metaphorisches Konzept
Metaphern in impliziter Argumentation
texttypspezifische Metaphorisierungen in sprachlich nicht explizit ausgedrückter Argumentation
Implizite Argumentation ist ein Prozess, bei dem Begründungszusammenhänge zwar kognitiv verarbeitet, jedoch nicht durch argumentationstypische Sprachhandlungen realisiert und nicht durch argumentationsspezifische sprachliche Mittel explizit ausgedrückt, verdeutlicht werden. Metaphorische Konzepte können als Ergebnisse impliziter Argumentation gelten (vgl. Pielenz 1993), und abstrakte Begründungszusammenhänge können durch globale Metaphorisierung auf narrative Texte übertragen werden.
Metaphern in expliziter
Argumentation, Textmetapher, metaphorisches Konzept
metaphorisches Konzept
ein Konzept, das aus einem relativ konkreten (sinnlich wahrnehmbaren) Ursprungsbereich in einen relativ abstrakten Zielbereich übertragen wird
Metaphorisierungen sind nach Lakoff (1990, 1993) primär kognitive Prozesse, durch die ganze Wissensstrukturen "invariant" aus einem (konkreten) Ursprungsbereich in einen (abstrakteren) Zielbereich übertragen werden: ABSTRAKTES-ALS-KONKRETES.
Wenn z. B. das auf sinnlichen, bes. visuellen Wahrnehmungen beruhende (im Langzeitgedächtnis gespeicherte) nichtmetaphorische Konzept WEG auf Abstrakta wie LEBEN oder STUDIUM übertragen wird, bleiben mit den metaphorischen Konzepten LEBEN-ALS-WEG oder STUDIUM-ALS-WEG körperliche Erfahrungen und bildhafte Vorstellungen verbunden. Die Übertragung ist nicht auf einzelne sprachliche Einheiten wie WEG und LEBEN oder STUDIUM beschränkt, sondern ist ein komplexer kognitiver Prozess, der auch andere Elemente des WEG-Konzepts betrifft (z. B. Start, Ziel, Seitenwege, Steine auf dem Weg, Sackgasse) und deren Relationen. Dies zeigt sich bei der Übertragung des WEG-Konzepts an sprachlichen Realisierungen wie z. B.: das war ein schwieriger Start, ein schwer erreichbares Ziel, Hindernisse aus dem Weg räumen, in eine Sackgasse geraten, zum Endspurt ansetzen, das Tempo auf dem mühseligen Weg nach oben beschleunigen.
Durch metaphorische Konzepte lassen sich verallgemeinernde theoretische Modelle, fachwissenschaftliche Erkenntnisse, abstrakte Begründungszusammenhänge verständlich darstellen, da auch die bildhaften Vorstellungen aus dem Ursprungsbereich auf die abstrakten Zusammenhänge "übertragen" werden.
Alternative metaphorische Konzepte
Konzept, konzeptuelle
Metaphorik, Ursprungsbereich, Zielbereich, Abstraktum, Konkretum, Invarianzprinzip
Neu-Metaphorisierung
wiederholte Metaphorisierung lexikalisierter Metaphern
Wenn lexikalisierte Metaphern nicht mehr als Metaphern erkennbar und die nichtmetaphorischen Konzepte aus dem Ursprungsbereich nicht mehr dem Bewusstsein zugänglich sind, wenn die lexikalisierten Metaphern daher auch nicht mehr mit sinnlichen Wahrnehmungen und bildhaften Vorstellungen in Verbindung gebracht werden, können Erkenntnisinteresse und das Bemühen um Verständlichkeit zu Neu-Metaphorisierungen führen.
Beispiele: WISSEN-ALS-SEHEN ("wissen" ist eine lexikalisierte
Metapher, ahd. wizzan (Präteritopräsens): gesehen haben);
METHODE-ALS-WEG (griech.
, méthodos: hinterhergehen, Gang, Weg
zu etwas); PROZESS-ALS-WEG (lat. procedere:
vorwärtsschreiten)
Parabel
Sonderform der Metaphorisierung: ARGUMENTATION-ALS-NARRATION
Die Parabel ist eine Textmetapher, ein belehrender narrativer Text, in dem allgemein vorkommende Handlungsweisen auf einen besonderen Einzelfall zurückgeführt werden, damit Rezipienten aus "fremdem" Verhalten Regeln für eigenes Handeln ableiten können.
Beispiele: Ringparabel (Lessing: Nathan der Weise), Geschichten vom Herrn Keuner (Bertolt Brecht)
Die Bezeichnung "Parabel" wird häufig auch als Oberbegriff für metaphorisch-belehrende Kurztexte (incl. Fabel und Gleichnis) verwendet.
Personifizierung
Sonderform der Metaphorisierung: "Vermenschlichung"
Bei einer "Personifizierung" werden menschliche Merkmale und Tätigkeiten auf nicht-belebte Objekte übertragen, besonders auf abstrakte Begriffe und Institutionen.
Beispiele: Moskau lacht. Paris denkt nach. Die Gewerkschaften überlegen noch. Der Himmel weint. Die Sonne lacht; blinder Zufall
Redensart (Idiom, Redewendung, feste Wendung)
Sonderform der Metaphorisierung: feste metaphorische Wortverbindung unterhalb der Satzgrenze; bildhaftes Syntagma
Im Gegensatz zum Sprichwort fungiert die Redensart nicht belehrend und ist syntaktisch nicht vollständig, sondern muss in einen Satz eingebettet werden.
Beispiele: jemandem einen Bären aufbinden, etwas auf die leichte Schulter nehmen, jemanden am Gängelband führen, jemandem Sand in die Augen streuen, sich den Mund verbrennen, lange Finger machen
Schema
Organisationseinheit generalisierten, schnell abrufbaren Wissens über typische Zusammenhänge in einem Realitätsbereich; durch Erfahrungen entstandener (im Langzeitgedächtnis gespeicherter) strukturierter Wissensbereich
Wissenschaftshistorisch lässt sich der Begriff "Schema" auf Kant (1781) zurückführen, wurde von Bartlett (1932) in die Gedächtnispsychologie aufgenommen und von Rumelhart (1980) in der Kognitiven Psychologie verwendet.
Als Konstrukt der Gedächtnis- und Kognitionsforschung dient der Terminus "Schema" der Beschreibung komplexer Wissensstrukturen. Schemata bilden globale Muster von Ereignissen, Zuständen und Handlungen.
Beispiele: RESTAURANT-BESUCH, BAHNFAHRT, GERICHTSVERHANDLUNG.
Sprichwort
Sonderform der Metaphorisierung, Textmetapher
Ein Sprichwort ist ein belehrender Kürzesttext, in dem kollektive Lebenserfahrungen als "allgemeine Weisheiten" - meist metaphorisch - zusammengefasst und einprägsam (Rhythmus, Reim, Alliteration) formuliert werden
Beispiele: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Von kleinen Fischen werden die Hechte groß. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Morgenstund´ hat Gold im Mund.
Substitutionstheorie
traditionelle Metapherntheorie, in der unter Metaphorisierung die "Ersetzung" eines einzelnen Wortes (eines Substantivs, Adjektivs oder Verbs) durch ein anderes Wort verstanden wird
In traditionellen Metapherntheorien wird die Metapher als sprachliches Phänomen auf Wortebene, als Ausnahmeerscheinung in rhetorischem und poetischem Sprachgebrauch aufgefasst. Dabei bezieht man sich meist auf Aristoteles ("Rhetorik", "Poetik"), der auch vor einer Metaphernverwendung in nicht-persuasiven (besonders in wissenschaftlichen) Texten warnt ("Topik" 139b-140a, 158b).
Textmetapher
zu 1. globale Übertragung auf Textebene, Übertragung von Begründungszusammenhängen auf Szenen einer fiktiven Textwelt mit konkreten Bildern
Fabeln, Parabeln, Gleichnisse sind narrative poetische Sonderformen impliziter (belehrender) Argumentation (vgl. auch Aristoteles: "Rhetorik", 20. Kapitel, II. Buch; Abdalqahir al-Curcani (Dschurdschani) 471/1078 (1959): 43). In Fabeln, Parabeln, Gleichnissen vermischt sich die dominante Funktion argumentativer Texte, Meinungen zu beeinflussen, zu überzeugen bzw. zu appellieren, mit der Unterhaltungsfunktion narrativer Texte. Begünstigt wird die Möglichkeit der globalen Übertragung dadurch, dass narrative und explizit argumentative Texte in der Themenentfaltung eine gewisse Parallelität zeigen: bei der Darstellung eines singulären Ereignisses im narrativen Text korrespondieren die Exposition und Komplikation am Textanfang mit der Einführung des strittigen Problems im explizit argumentativen Text, die (schrittweise) Auflösung der Komplikation mit der eigentlichen Argumentation, die Evaluation am Schluss des narrativen Textes (Einschätzung und Bewertung des erzählten Ereignisses) mit der bewertenden Schlussfolgerung im explizit argumentativen Text (vgl. Schoenke 1998: 206).
Zu 2. Sprichwörter sind Kürzesttexte, in denen Belehrungen in der Regel metaphorisch ausgedrückt werden.
Ursprungsbereich
der Bereich sinnlicher Wahrnehmungen und körperlicher Erfahrungen, aus dem ein nicht-metaphorisches Konzept in einen abstrakteren Zielbereich übertragen wird
Metaphorisierungen sind kognitive Übertragungsprozesse mit dem Resultat: ABSTRAKTES-ALS-KONKRETES. Wichtigster Ausgangsbereich für Metaphorisierungen ist der menschliche Körper (incl. Körperteile, Sinnesorgane, Sinneswahrnehmungen). Übertragungen gehen besonders häufig auf körperliche Handlungen zurück, auf sinnliche (bes. visuelle) Wahrnehmungen im Raum und auf Erfahrungen mit Objekten der (vertrauten) Umgebung. Ein einziges nicht-metaphorische Konzept (z. B. WEG) kann die mit ihm verknüpften bildhaften Vorstellungen in ganz verschiedene abstrakte Zielbereiche "übertragen" (z. B. LEBEN, STUDIUM, FREUNDSCHAFT). Das WEG-Konzept eröffnet viele Übertragungsmöglichkeiten, z. B. von räumlichen auf zeitliche Zusammenhänge (auf Zeit"räume"): LEBEN-ALS-WEG, STUDIUM-ALS-WEG, FREUNDSCHAFT-ALS- (gemeinsamer) WEG.
Vergleichstheorie
traditionelle Metapherntheorie, Weiterentwicklung der Substitutionstheorie
In der Theorie des "gekürzten Vergleichs" (Cicero, Quintilian) wird die Metapher als "gekürzter Vergleich" aufgefasst. Beispiel: Achill kämpft wie ein Löwe ® der Löwe Achill
Zielbereich
der Bereich, in den metaphorische Konzepte übertragen werden
Da Metaphorisierungen die Funktion haben, abstrakte und allgemeine theoretische bzw. fachspezifische Zusammenhänge auch sinnlichen Wahrnehmungen und bildhaften Vorstellungen zugänglich zu machen, sind die Zielbereiche der Übertragungen vor allem sprachliche Darstellungen abstrakter und allgemeiner Begründungszusammenhänge, fachsprachliche, argumentative und theoretische Texte, wissenschaftliche Darstellungen neuer technischer Entwicklungen und andere Texte mit zahlreichen Abstrakta.
Reflektiert eingesetzt werden Metaphern besonders in persuasiver Kommunikation.
Ursprungsbereich, Abstraktum,
metaphorisches Konzept, argumentationsspezifische Metaphorik
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Literatur