Ableitbarkeitsprinzip

Grundsatz, nach dem sich die Nebenthemen eines Textes vom Hauptthema ableiten lassen
Nach Brinker lassen sich die Beziehungen zwischen dem Hauptthema und den Nebenthemen eines Textes nach dem Ableitbarkeitsprinzip oder nach dem Kompatibilitätsprinzip erklären (Brinker 1992: 52 ff). Nach dem Ableitbarkeitsprinzip ist  d a s  Thema eines Textes sein Hauptthema, von dem sich die anderen Themen (als Nebenthemen) ableiten lassen, während nach dem Kompatibilitätsprinzip  d a s  Thema das Hauptthema eines Textes ist, das am besten mit der Textfunktion übereinstimmt (52).

Textthema, Textstruktur, thematische Entfaltung, Kompatibilitätsprinzip

Absatz

Textteil als Gliederungseinheit im Gesamttext oder graphische Kennzeichnung eines Textteils
Mit dem Begriff Absatz bezeichnet man
  1. den einem Abschnitt untergeordneten Textteil oder
  2. die graphische Kennzeichnung einer Gliederungseinheit in schriftlichen Texten.
Zu 1. Bei einer mehrfachen Gliederung von Texten auf verschiedenen hierarchisch geordneten Ebenen gelten Absätze oft als die den Textabschnitten untergeordneten kleinsten Teiltexte, die sich nur noch in Sätze bzw. Satzsequenzen untergliedern lassen. (Dem entsprechen in Gesprächen Gesprächsschritte und Gesprächssequenzen.)
Nach Lewandowski ist ein Absatz "ein Teiltext, ein relativ abgeschlossenes Textstück; eine kognitiv-sprachliche (Gliederungs-)Einheit zwischen Einzelsatz und Gesamttext, die durch ein (Teil-)Thema, einen Gedanken- oder Argumentationsschritt begründet wird" (Lewandowski 199O: 23).
Zu 2. Alltagssprachlich bezeichnet man mit dem Begriff Absatz auch die graphische Abgrenzung eines Textteils durch Beginn einer neuen Zeile.

Textgliederung, Abschnitt, Textstruktur

Abschnitt

Textteil, Gliederungseinheit im inhaltlichen und äußeren Aufbau des Gesamttextes
Bei einer mehrfachen Textgliederung auf verschiedenen hierarchisch geordneten Ebenen sind in schriftlichen Großtexten Abschnitte der Gliederungseinheit Kapitel (bzw. dem Textteil Paragraph) untergeordnet; bestimmte Kurztexte sind nur in Abschnitte untergliedert.
Textabschnitte bestehen in der Regel aus inhaltlich und semantisch-syntaktisch verknüpften Satzsequenzen, in denen ein Teilthema des Textes entwickelt wird; dies entspricht in der Textkommunikation einem Handlungsschritt.
An den Abschnittsübergängen kommt es zu thematischen Sprüngen oder thematischen Akzentverschiebungen.
Die Grenzen zwischen Textabschnitten können unterschiedlich signalisiert werden:
  • in monologischen mündlichen Texten z. B. durch Pausenlänge und Intonation,
  • in Gesprächen durch den Abschluss von Gesprächssequenzen,
  • in schriftlichen Texten durch drucktechnisch-graphische Mittel (z. B. Leerzeilen).

Textgliederung, Kapitel, Absatz, Textthema, Glossar - Gesprächslinguistik: Gesprächssequenz

Akzeptabilität (textlinguistisch)

die Textrezeption betreffendes Kriterium der Textualität, das eine aktive Rezeption des Textes voraussetzt
Nach Beaugrande/Dressler gehört die Akzeptabilität eines Textes zu den Kriterien der Textualität, die als konstitutive Prinzipien der Textkommunikation fungieren (Beaugrande/Dressler 1981: 13 f).
Die Akzeptabilität eines Textes hängt nach Beaugrande/Dressler einerseits von der Qualität des Textes, seiner Kohärenz, Verständlichkeit und Informativität ab, andererseits von der Erwartung des Rezipienten und dessen Bereitschaft, den Text zu verstehen (118 ff); das bedeutet auch, eigenes Wissen den Textinformationen hinzuzufügen, zu inferieren, die Kohärenz nicht nur zu rekonstruieren, sondern sie z. T. erst herzustellen.
Die Akzeptabilität eines Textes ergibt sich auch daraus, wieviel Wissen von Textproduzent und Textrezipient geteilt wird und wie weit von beiden Konventionen berücksichtigt werden.

Textualität, konstitutive Prinzipien, inferieren, rezeptive Textverarbeitung, Kohärenz, Konvention, Wissen

Ambiguität

Mehrdeutigkeit; Eigenschaft isolierter sprachlicher Einheiten
Isolierte Wörter sind polysem (z. B. Gang, Gericht, Anhänger), sie können auf verschiedene Objekte der außersprachlichen Wirklichkeit bezogen werden. Erst im Kontext anderer Wörter - vertextet - werden sie eindeutig, sie erhalten eine textuelle Bedeutung.
Die Beseitigung der Mehrdeutigkeit wird als Disambiguierung bezeichnet.

textuelle Bedeutung, Kontext, Referenzbeziehungen, Textkonstituenten

Anapher (textlinguistisch)

referentielle Verweisform, auf vorher Geäußertes verweisender sprachlicher Ausdruck
Anaphorisch werden Proformen im Text verwendet, die n a c h dem Ausdruck stehen, auf den sie sich beziehen (Beispiel: der Mann . . . er . . .). Durch Verweisung wird Kohäsion im Text hergestellt.
Anaphorische Verweisung ist häufiger als kataphorische und in der Textrezeption leichter verständlich (große Verarbeitungsleichtigkeit bei geringer Verarbeitungstiefe).
Nach Weinrich gehören die Artikel der, die, das zu den anaphorischen Verweisformen (Weinrich 1993: 21, 407 ff).

Textphorik, Proform, Katapher, Endophora, Kohäsion, Referenzbeziehungen, indirekte Anapher, Effektivität, Effizienz, Artikel, Artikelselektion

Angemessenheit (textlinguistisch)

regulatives Prinzip bei der Produktion und Rezeption von Texten: Ausgewogenheit zwischen Verarbeitungsleichtigkeit und Verarbeitungstiefe, Zusammenspiel von Effektivität und Effizienz
Neben Effektivität und Effizienz gehört Angemessenheit nach Beaugrande/ Dressler zu den regulativen Prinzipien, durch die die Textkommunikation kontrolliert wird (Beaugrande/Dressler 1981: 14).
Die Angemessenheit eines Textes ergebe sich einerseits aus dem Zusammenspiel von Effektivität und Effizienz (36), andererseits daraus, ob die Kriterien der Textualität erfüllt sind (14).

konstitutive Prinzipien, Effizienz, Effektivität, Textualität, rezeptive Textverarbeitung

Artikel (textlinguistisch)

Wort, das in einem Text als vorangestellter Begleiter von Nomen verwendet wird (in anderen Texten jedoch auch andere Funktionen, z. B. solche von Pronomen übernehmen kann); nichtreferentielle Verweisform im Text
In der Textlinguistik wird - im Gegensatz zur traditionellen Grammatik - der Begriff Artikel funktional abgegrenzt (Weinrich 1969, 1993).
Weinrich (1993) unterscheidet als Unterklassen den einfachen Artikel von Formen des spezifischen Artikels, die zusätzlich spezifizierende Merkmale enthalten (406).
  • Einfache Artikel untergliedert Weinrich in anaphorische und kataphorische Artikel (407 ff).
      "Der einfache Artikel bildet eine binäre Opposition zwischen dem anaphorischen (»bestimmten«) und dem kataphorischen (»unbestimmten«) Artikel". (407)
      Nach Weinrich wird der anaphorische Artikel verwendet, wenn Vorinformation vorliegt, wobei drei Arten möglich sind:
      1. kontextuelle Vorinformation (Vortext),
      2. situative Vorinformation,
      3. Vorinformation aus dem Sprach- und Weltwissen (414 ff).
      Dementsprechend sind bei der Verwendung des kataphorischen Artikels auch drei Arten der Nachinformation möglich bzw. erwartbar (417 f).
  • Als Arten des spezifischen Artikels führt Weinrich an:
    • Possessiv-Artikel (432 ff),
    • Demonstrativ-Artikel (440 ff),
    • Quantitativ- Artikel (448 ff),
    • Identifikativ-Artikel (472 ff).

Artikelselektion, Pronomen, Anapher, Katapher, Vorinformation

Artikelselektion

Entscheidung für die Verwendung des bestimmten oder des unbestimmten Artikels unter dem Aspekt, ob im Text auf Vorinformation oder auf Nachinformation verwiesen wird
Der unbestimmte Artikel wird im Text im allgemeinen bei Ersterwähnungen verwendet und kann darauf verweisen, dass Nachinformation folgen wird; bei der Wiedererwähnung wird der bestimmte Artikel gebraucht, der meist darauf verweist, dass bereits Vorinformation vorliegt. Weinrich fasst den unbestimmten Artikel "konsequent textlinguistisch als ein Signal des Sprechers (Schreibers) auf, das die Aufmerksamkeit des Hörers (Lesers) auf einen bestimmten Bereich des Textzusammenhangs lenkt" (Weinrich 1969: 66). "Der unbestimmte Artikel hat nun für den Hörer den Signalwert, seine Aufmerksamkeit auf die Nachinformation zu lenken. In Opposition dazu signalisiert der bestimmte Artikel, dass es an dieser Stelle auf die Vorinformation ankommt." (66)
1993 unterscheidet Weinrich explizit den anaphorischen vom kataphorischen Artikel.
    "Der anaphorische (»bestimmte«) Artikel ist eine Anweisung des Sprechers an den Hörer, für das mit dem Artikel in der Nominalklammer verbundene Nomen rückläufig zum Textverlauf geeignete Determinanten in der Vorinformation zu suchen." (Weinrich 1993: 410)
    "Von einem kataphorischen (»unbestimmten«) Artikel erhält der Hörer die Gegenanweisung. Er soll nun nach geeigneten Determinanten für das betreffende Nomen nicht in der Vorinformation suchen, sondern diese von der ihm noch unbekannten Nachinformation erwarten." (410)
Die Vor- bzw. Nachinformation, auf die durch Artikel verwiesen wird, kann außer durch den sprachlichen Kontext durch die außersprachliche Situation und durch das allgemeine Sprach- und Weltwissen gegeben sein (414 ff).

Artikel, Textphorik, Kohäsion, Wiederaufnahme, Vorinformation

Disambiguierung

Ambiguität

Effektivität (textlinguistisch)

Wirksamkeit, Eindringlichkeit von Texten; regulatives Prinzip bei der Produktion und Rezeption von Texten
Nach Beaugrande/Dressler kontrolliert Effektivität (neben Angemessenheit und Effizienz) als regulatives Prinzip die Textkommunikation (Beaugrande/Dressler 1981: 14).
Beaugrande/Dressler fassen Effektivität und Effizienz als Gegensätze auf. Danach haben Texte mit hohem Informationsgrad und inhaltlich bzw. sprachlich überraschenden Entwicklungen einen hohen Grad an Effektivität (und geringe Effizienz) (161, 177).
    "E f f e k t i v i t ä t bedarf der Verarbeitungstiefe, [. . .] d. h. der intensiven Verwendung der Potentiale von Aufmerksamkeit und Zugriff zum Material, welches nicht in der expliziten Oberflächenrepräsentation enthalten ist." (35/36)
Die Verwendung von Kataphern kann die Effektivität von Texten steigern (und die Effizienz verringern) (65 f).
Nach Heinemann/Viehweger bedeutet Effektivität ein "Maximum an Wirkung im Sinne der Zielorientierung" (Heinemann/Viehweger 1991: 216).

regulative Prinzipien, Effizienz, Angemessenheit, Anapher, Katapher, inferieren, rezeptive Textverarbeitung, Textualität

Effizienz (textlinguistisch)

Verständlichkeit, leichte Erschließbarkeit von Texten; regulatives Prinzip bei der Produktion und Rezeption von Texten
Beaugrande/Dressler fassen Effizienz und Effektivität als Gegensätze auf. Nach Beaugrande/Dressler kontrolliert Effizienz als regulatives Prinzip (neben Angemessenheit und Effektivität) die Textkommunikation (Beaugrande/Dressler 1981: 14). Texte mit wenig neuer Information und in hohem Grade erwartbarem, vorhersagbarem Ablauf haben große Effizienz (bei wenig Effektivität).
    "Prozeßhaft gesehen, trägt die  E f f i z i e n z  zur Verarbeitungsleichtigkeit [. . .] bei, d. h. zur Durchführung von Operationen mit geringer Belastung der Potentiale [. . .] von Aufmerksamkeit und Zugriff." (35)
Die Verwendung von Kataphern kann die Effizienz von Texten verringern (und deren Effektivität steigern) (65 f). Nach Heinemann/Viehweger bedeutet Effizienz ein "Minimum an Aufwand der Kommunikationsteilnehmer" (Heinemann/Viehweger 1991: 216).

regulative Prinzipien, Effektivität, Angemessenheit, Anapher, Katapher, Textualität, rezeptive Textverarbeitung

Endophora

Oberbegriff für Anapher und Katapher; sprachliche Ausdrücke, die sich anaphorisch oder kataphorisch auf andere sprachliche Einheiten im Text beziehen
Halliday/Hasan weisen darauf hin, dass durch Endophora (im Gegensatz zu Exophora) textintern Beziehungen hergestellt werden (Halliday/Hasan 1976: 31 ff). Endophora sind referentielle Verweisformen. Da sie auf identische Objekte verweisen (Koreferenz), verweisen sie auch aufeinander und stellen Kohäsion im Text her.

Anapher, indirekte Anapher, Katapher, Exophora, Textphorik, Kohäsion

enzyklopädisches Wissen

Weltwissen

Ersterwähnung

Primärnomination

Exophora

situationsdeiktische Ausdrücke
Halliday/Hasan bezeichnen situationsdeiktische Ausdrücke als Exophora (in Gegenüberstellung zu Endophora). Im Gegensatz zu den Endophora verweisen Exophora (z. B. ich, du, jetzt, hier) nicht auf andere sprachliche Einheiten im Text, sondern beziehen sich textextern auf Elemente der Verwendungssituationen der Texte (Halliday/Hasan 1976: 31 ff).

situationsdeiktische Ausdrücke, Endophora, Textphorik

explizite Wiederaufnahme

Wiederaufnahme

Frame

Rahmen

Gesprächslinguistik

Teildisziplin der modernen Sprachwissenschaft, deren Untersuchungsobjekte Texte der mündlichen Kommunikation sind, an deren sprachlicher Realisierung mehrere Personen direkt beteiligt sind
Zu Beginn der textlinguistischen Entwicklung wurde betont, dass sowohl das Gespräch als auch der schriftlich übermittelte Text Gegenstand textlinguistischer Untersuchungen sei. Seit den 80er Jahren entwickelte sich die Gesprächslinguistik jedoch zu einer relativ selbständigen Teildisziplin (vgl. Brinker/Sager 1989).
Die theoretische und methodische Abgrenzung der Gesprächslinguistik lässt sich u. a. auf das zeitliche und räumliche Zusammenfallen der Produktions- mit der Rezeptionssituation (im Gegensatz zur schriftlichen Kommunikation) zurückführen und auf die dadurch bedingte Notwendigkeit, im Zusammenhang mit der sprachlichen auch die nichtsprachliche Kommunikation zu untersuchen sowie paralinguistische Begleitphänomene, sprachbegleitende Mittel, z. B. Satzakzentverschiebungen, Tonstärkenkurven, Tonhöhenverläufe, Sprechpausen.
    "Das Gespräch ist [. . .] der gesamte situativ konstituierte Kommunikationsprozess, in dem eine Vielfalt von verbalen und nonverbalen Akten von den beteiligten Partnern realisiert wird." (Brinker/Antos/Heinemann/Sager 2000 b: XVII)

Glossar Gesprächslinguistik: Gesprächsanalyse

grammatische Kohärenzbedingungen

durch die Wiederaufnahme sprachlicher Ausdrücke gegebene Voraussetzungen für die Entfaltung des Themas und für die Textkohärenz
Brinker (1992) unterscheidet zwischen thematischen und grammatischen Kohärenzbedingungen. Als grammatische Bedingungen der Textkohärenz nennt er
  • die explizite Wiederaufnahme durch referenzidentische sprachliche Ausdrücke (26 ff),
  • die implizite Wiederaufnahme aufgrund semantischer Beziehungen (Kontiguität) zwischen nicht-referenzidentischen sprachlichen Ausdrücken (34 ff).
Brinker betont, dass die grammatischen Verknüpfungen an der Textoberfläche auf die tiefer liegende thematische Textstruktur verweisen (41), dass sie bei ausreichenden (thematischen und kontextuellen) Vorkenntnissen jedoch nicht immer notwendig seien (40).
Der Wiederaufnahme (weitgehend) entsprechende transphrastische Phänomene werden von Harweg (1968) als syntagmatische Substitution bezeichnet; von Halliday/Hasan (1976) werden sie unter dem Begriff Kohäsion zusammengefasst.

Wiederaufnahme, Kontiguität, Kohäsion, syntagmatische Substitution, Kohärenz, thematische Kohärenzbedingungen, Textphorik

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