April 1999
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Wie üblich erscheinen viele Bücher erst aus Anlaß eines Jubiläums bzw. werden erst zu diesem Terminen geschrieben, so auch diese Biographie von Erich Kästner, der vor 100 Jahren geboren wurde. Die Autoren Franz Josef Gärtz und Hans Sarkowicz haben in jahrelanger Arbeit sehr viele interessante und neue Details über Kästner zusammengetragen, die insgesamt ein neues Bild des Autors von bekannten Kinderbüchern wie "Emil und die Detektive" und dem dieser Tage erneut verfilmten "Pünktchen und Anton" ergeben. Für mich als fanatisch an Literatur wie an Literaten interessierten Menschen hat dieses Buch über den Menschen Erich Kästner und seinen Lebensweg soviel an Stoff geboten, daß ich über die allgemein politisch eher konservativ eingestellte Haltung der Autoren, die sich auch auf viele Einschätzungen der politischen Situation (wie beipielsweise der Entstehung der zwei deutschen Staaten nach 1945) auswirkte, hinweg"lesen" konnte.

Gleich vorweg: Erich Kästner war kein primärer Autor von Kinderbüchern, seine anderen Publikationen sind aber heute nicht mehr so bekannt. In der Biographie wird der gesamte Kästner dargestellt, ohne eine Beschränkung auf die enorm populär gewordenen "Bücher für Kinder". Sie beginnt gleich mit einem Paukenschlag: Die These, daß in Wahrheit der Hausarzt der Familie Kästner, der jüdische Arzt Dr. Emil Zimmermann, der wahre Vater von Erich sei, wird vorgestellt und plausibel gemacht. Zentrales Thema und roter Faden ist die extrem enge Beziehung zu seiner Mutter, die in zahlreichen Briefen und Postkarten dokumentiert ist. Diese Beziehung stand immer den Beziehungen Kästners zu Frauen im Wege.

Sein Verhalten in der NS-Zeit ist äußerst zwiespältig und widersprüchlich. Anders als er es dargestellt hat ist er nicht zum Chronisten der Verbrechen geworden. Er nach der Verbrennung auch seiner Bücher im Mai 1933 - bei der er anwesend war - immer wieder versucht, weiterhin als Schriftsteller in Deutschland zu arbeiten, d.h. auch veröffentlichen zu können. Nachdem seine Bücher in Deutschland nicht mehr verlegt werden durften hat er in der Schweiz veröffentlichkeit. Die Bücher wurden dann importiert und verkauft. Aber auch dieser Weg war bald am Ende, ebenso wurde ihm schließlich untersagt, unter Pseudonymen zu arbeiten, und seine Versuche, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen wurden letztendlich alle abgelehnt. Zwischenzeitlich konnte unter Pseudonymen Drehbücher für die Ufa schreiben, aber alles "Arrangieren mit der Macht" konnte seine kritischen Aktivitäten in der Weimarer Zeit nicht vergessen machen. Die Autoren versuchen sich an Erklärungen für dieses Verhalten, schaffen m.E. dieses aber nicht. Am Ende hat Kästner einiges an kritischen Bemerkungen über die Verbrechen und den Krieg als wacher Beobachter in seinen Tagebüchern vermerkt, aber Widerstand hat er nicht geleistet und auch keine Kontakt zu entsprechenden gesucht.

Nach dem Krieg ist er erst einmal voll in die Publizistik eingestiegen, dann war er auch Lieferant von Kabarett-Texten. Von seinen Kriegsaufzeichnung hat er nur einen kleinen Ausschnitt bearbeitet und unter dem Titel "Notabene 45" in den 50ziger Jahren veröffentlichkeit. Neben einigen Kinderbüchern hat er ab dieser Zeit vor allem im P.E.N-Zentrum der BRD mitgearbeitet und ist als Kritiker unter anderem der Wiederbewaffnung mit öffentlichen Reden aufgefallen, schriftstellerisch aber bis zu seinem Tod 1974 praktisch gar nicht mehr in Erscheinung getreten.

 


Fazit:

Endlich liegt eine gut recherchierte Biographie von Erich Kästner, die keine Aspekte seines Lebens vor der Öffentlichkeit verheimlicht, vor. Die Autoren können zwar nicht genau entschlüsseln, warum Kästner im 3. Reich publizieren wollte, zeigen aber ohne Tabus, wie er für die Erlaubnis zu publizieren gekämpft hat! 


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