Schon letztes Jahr wollte ich ein Buch von ROLF VOLLMANN mit dem Titel DIE WUNDERBAREN FALSCHMÜNZER mit dem Untertitel Ein Roman-Verführer empfehlen. Leider hat sich diese Absicht nach einigen hundert Seiten ins Gegenteil verkehrt, und so erscheint an dieser Stelle zum ersten Mal eine negative Kritik.
Die Kritik tobte vor Begeisterung, als dieses letztes Jahr erschien, und ich als Vielleser auch von Romanen aus dem behandelten Zeitabschnitt (1800-1930) las mit Interesse diesen Text auf dem Buchumschlag:
Es sind gut tausend Romane aus allen europäischen und amerikanischen Literaturen und dreihundert Romanciers, die Vollmann uns in diesem Buch der Verführungen vorstellt. Romane, die ihm gefallen haben und von denen er glaubt, daß auch wir sie mit Lust und Liebe lesen werden, bringt er uns sehr nahe; bei anderen, die er für überschätzt hält, nimmt er kein Blatt vor den Mund.
Und genau da beginnt das Problem: Er ist sehr geschwätzig, eitel und überhäuft sich mit Eigenlob, hingegen erfährt der Leser oftmals nichts oder wenig über Autoren und Romane. Seine seitenlangen Fußnoten verbessern keinesweg die Lesbarkeit des Buches. Seine Selbstüberschätzung und sein ständiges Sich-selbst-auf-die-Schulter-klopfen machen teilweise die Lektüre zur Qual.
Da er viele der über 1000 Buch-Seiten für Zahlen und Berechnungen ver(sch)wendet und ansonsten sich allwissend gibt hier 2 Beispiele für Fehler und Falschaussagen. Auf Seite 331 oben schreibt er über den Roman "Mardi" von Melville: "Mardi ist noch nie ins Deutsche übersetzt worden, und wird das auch wohl nie ...", und im selben Jahr erscheint eine deutsche Übersetzung. Und kurz danach starb Henry Fielding 1857 (in Wirklichkeit 1854), und Vollmann berechnet dann daraufhin, wieviel Jahre später als irgendjemand anders es war. Mein größter Einwand: Er verliert sich in seinem selbstgeschaffenen Labyrinth und schreibt über meinen großen Favoriten Hölderlin in seinem Nachruf etwas über Byron, der einem Segler namens Hyperion segelt, sich in Theresa Macri verliebt u.s.w., mehr als eine halbe Buchseite also zu Byron, um am Ende zu schreiben: "Mit Hölderlin hat das nur wenig zu tun, ich weiß." (Seite280f.).
Buchaufmachung und die drei Register sind hingegen völlig korrekt, die Register benutzbar, und die Schrift (mit Ausnahme der Fußnoten) gut lesbar.
Trotzdem lautet meine Empfehlung am Ende: Wer sich zum Lesen anregen lassen will, wer sich für Romane dieser Zeit interessiert oder nur für die Romanciers, der sollte sich dieses Werk antun und einen kritischen Blick reinwerfen. Alle anderen sollten um dieses Werk eine großen Bogen machen!