Diese Mal geht es um ein sehr politisches Buch, die Memoiren von Heinrich Hannover, deren erster Teil unter dem Titel Die Republik vor Gericht. 1954-1974 (Erinnerungen eines unbequemen Rechtsanwalts) im Aufbau Verlag erschienen sind. Bundesweit bekannt geworden ist er unter anderem als einer der Verteidiger von Ulrike Meinhof, aber in seinem Buch ist dieser Fall nur einer von vielen.
Nach der interessanten Beschreibung seiner Kindheit und Jugend, die von der Weimarer Zeit über die Zeit des Faschismus und die Teilnahme am 2. Weltkrieg bis zu seinem Jura-Studium in der Nachkriegszeit reicht, kommt er dann zur Sache. Beginnend mit seiner - engagierten - Pflichtverteidigung eines Kommunisten kommt er zu weiteren Mandanten aus diesem Bereich, ganz entgegen seiner Vorstellung von der Arbeit eines Anwaltes, der Bremer Kaufleute und Grundbesitzer berät. Es gab Mitte der fünfziger bis in die sechziger Jahre zahlreiche Prozesse, in denen Kommunisten und Menschen, die mit Kommunisten oder der DDR in Verbindung standen, angeklagt wurden. Die Anklagen und Beweisführungen, von denen im vorliegenden Buch die Rede ist, sind teilweise nur noch abenteuerlich zu nennen. Es wurden Menschen, die schon im Faschismus verfolgt worden sind, von den gleichen Richtern mit ähnlichen Anklagen wie in der Zeit von 1933-1945 konfrontiert bzw. teilweise trotz der Verteidigung durch Hannover auch verurteilt.
Aus der Liste der behandelten Fälle will ich keinen besonders herausstellen, sie sind alle lehrreich für die Darstellung des Rechtsstaates in den 20 Jahren von 1954 bis 1974. Mich persönlich hat besonders der Fall des Widerstandkämpfers und späteren Bürgerschaftsabgeordneten Willi Meyer-Buer bewegt, der aufgrund seiner politischen Betätigung 1963 mit ähnlichen Formulierungen wie 1934 bzw. 1936 angeklagt wurde und dem nach seiner Verurteilung zu 8 Monaten auf Bewährung dann die Wiedergutmachungsansprüche als Opfer des Faschismus aberkannt werden sollten.
Der Titel ist sehr zutreffend: Hier wurde die Justiz-Geschichte der Bundesrepublik Deutschland geschrieben. Die Darstellungen sind zwar detailliert, aber für Fachfremde ohne Probleme zu lesen. Meine Empfehlung an Alle: Dringend lesen, und an den Autor: Bitte recht bald die Jahre ab 1975 nachreichen (lt. Verlag bereits in Vorbereitung). Heinrich Hannover hat mit diesem Werk bewiesen, daß er nicht nur gute Kinderbücher schreiben kann, auf die ich bei dieser Gelegenheit aufmerksam machen möchte. Und noch ein Tip: Sein gemeinsam mit Elisabeth Hannover-Drück verfaßtes Standardwerk "Politische Justiz 1918 - 1933".