Gesine Koch
Ars Memorativa
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Die "Erfindung" der Gedächtniskunst im Mythos
Man erzählt sich, daß Simonides, als er bei Skopas, einem reichen und vornehmen Manne, speiste, ein Lied auf ihn gesungen habe, in dem zur Ausschmückung Kastor und Pollux ausführlich besungen worden seien. Da habe Skopas in allzu schäbiger Gesinnung zu Simonides gesagt, er werde ihm für dieses Lied nur die Hälfte des vereinbarten Geldes geben, die andere Hälfte solle er gefälligst bei Kastor und Pollux holen, die er doch ebenso gepriesen
habe. Kurz darauf wurde Simonides ausgerichtet, daß er nach draußen kommen solle, denn zwei junge Männer stünden an der Tür, die dringend nach ihm riefen. Da stand er auf und ging hinaus, konnte aber niemanden sehen. Unterdessen stürzte jedoch der Raum, in dem Skopas mit seinen Gästen speiste, ein, und alle Anwesenden wurden verschüttet und getötet. Als nun die Verwandten sie bestatten wollten und die Opfer auf keine Weise voneinander unterscheiden konnten, soll Simonides, weil er sich daran erinnern konnte, an welcher Stelle der Betreffende jeweils gelegen hatte, die Getöteten unterschieden und Hinweise für die Bestattung jedes Einzelnen gegeben haben.
"Wer das Gedächtnis zu trainieren sucht, muß deshalb bestimmte Plätze wählen und sich die Dinge, die er im Gedächtnis zu behalten wünscht, in seiner Phantasie vorstellen und auf bestimmte Plätze setzen. So wird die Reihenfolge dieser Plätze die Anordnung des Stoffes bewahren, das Bild der Dinge aber die Dinge selbst bezeichnen, und wir kännen die Plätze an Stelle der Wachstafel, die Bilder statt der Buchstaben benützen."
Der antike Redner baut sich ein künstliches Gedächtnis. Er wählt ein wirklich existierendes Gebäude, das als Gedächtnisraum geeignet erscheint, und prägt es sich genauestens ein, wobei er innerhalb dieses Gebäudes Plätze in einer genauen Reihenfolge festlegt. Diese Plätze sollen gut beleuchtete, möglichst auffällige und verschiedene Stellen in einem großen Gebäude sein. Um nun etwas auswendig zu lernen, setzt der Redner Bilder, die für die Themen und Argumente seiner Rede stehen, der Reihe nach an diese vorgefertigten Gedächtnisorte. Beim Lernen und beim Vortrag der Rede läuft er im Geiste durch das Gebäude und schreitet die Plätze in ihrer Reihenfolge ab. Er holt gleichsam ein Bild nach dem anderen ab, in denen der ganze Text der Rede versteckt ist. Ein solches Gedächtnisortssystem kann beliebig oft verwendet werden, es wird immer wieder mit neuen Bildern bestückt, und der Redner geht immer wieder denselben festgelegten Weg durch sein imaginäres Gedächtnisgebäude.
Der mittelalterliche fromme Mensch ist verpflichtet, zu erinnern, und zwar die Glaubenswahrheiten, Tugenden und Sünden, die Heilige Schrift und manchen frommen Traktat. Die Räume, des künstlichen Gedächtnissees sind nicht mehr einfache Gebäude wie noch zur Zeit des klassischen Redners - es sind Himmel und Hölle selbst.
In spätmittelalterlichen Gedächtnistraktaten wird eine Vielzahl von Variationen der Gedächtniskunst angeboten: Man memoriert mit Hilfe von tatsächlich existierenden Orten, wie dem Kloster; man erstellt Bilderalphabete, die das Auswendiglernen mit Hilfe von Bildern garantieren sollen, oder bildet undurchsichtige Zeichensysteme - all das unter dem Grundgedanken des künstlichen, von Bildern gestützen Gedächtnisses.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts baut zum ersten Mal jemand einen wirklichen, anfassbaren Gedächtnisraum: es entsteht das Gedächtnistheater des Giulio Camillo. Dieses Theater aus Holz ist ausgefüllt mit allem, was neuplatonische, kabbalistische, hermetische, mystische und magische Strömungen dieser Zeit an Symbolik aufzubringen hatten: es sollte Platz bieten für alles menschliche Wissen bis hin zu den letzten großen Ideen.
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