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- 450 Jahre Giordano Bruno -

Ingo Schmidt

Das Aschermittwochsmahl



Das Aschermittwochsmahl: Ein Spaziergang mit Folgen

Im Jahre 1583 gelangt Giordano Bruno nach London. Die Gründe für diesen Schritt sind bisher ungewiß; es läßt sich lediglich vermuten, daß man Bruno in Paris nicht länger ertragen wollte, oder daß er an den copernicanischen Forschungen des englischen Astronomen Thomas Digges interessiert war. Möglicherweise war er aber auch der gedächtnistheoretischen Tradition des Lullisten John Dee auf der Spur.
In seinen Händen hält Giordano Bruno ein Empfehlungsschreiben des französischen Königs Heinrich dem Dritten, mit dessen Hilfe er sich in der Nähe des französischen Konsulats einquartiert, und welches ihn in die englische Gesellschaft der Royals und der ansässigen Gelehrten einführen soll. Tatsächlich ist man in London sehr interessiert an den neuerlichen Ideen und Theorien des Giordano Bruno, und so kommt es am Aschermittwoch des Jahres 1584 zu einer Einladung des Herren Fulke Greville, wo Bruno bei einem Essen mit verschiedenen Gelehrten und Edelleuten über seine mathematisch-naturphilosophischen Konzeptionen und seine Kosmologie, insbesondere aber über seine Ansichten zum copernicanischen Heliozentrismus, disputieren soll. Diese Zusammenkunft wird bedauerlicherweise vom Nachmittag auf den Abend verlegt, was Bruno als außerordentliche Unhöflichkeit begreift. Nach den Angaben in seinen Dialogen nötigt ihn dieser Umstand dazu, den beschwerlichen Weg von seinem Wohnquartier bis in die Nähe des königlichen Palastes bei vollkommener Dunkelheit zu bestreiten. Die Geschehnisse und Begeben-heiten auf dem außerordentlich unbequemen Spaziergang sowie der un-vermutet schlechte Eindruck der Londoner Gelehrtenwelt und der daraus resultierende Unmut des Giordano Bruno finden ihren Ausdruck in dem Werk "Das Aschermittwochsmahl". Der zweite Dialog wird zum Sinnbild für Brunos Situation in London und somit zum Spiegel der geringen wissenschaftlichen Akzeptanz und der unerfüllten Erwartungen. Mit Hilfe gedächtnistheoretischer Techniken liefert er anhand der Beschreibungen dieses Spazierganges eine literarisch interessante Schmähschrift und Satire der englischen Wissenschaftswelt des 16. Jahrhunderts. Die Veröffentlichung dieser Dialoge hat im weiteren Verlauf enorme Proteststürme zur Folge, welche Bruno dazu zwingen in der Botschaft unter dem Schutz des Botschafters zu verharren. Eine Vielzahl von Freunden kündigen ferner ihre Loyalität gegenüber Giordano Bruno.

Wegbeschreibung durch London aus dem "Aschermittwochsmahl"

Bruno's Weg durch London

"Obwohl wir auf der direkten Straße waren, glaubten wir, wir könnten den Weg abkürzen, indem wir zur Themse einbogen, in der Hoffnung dort einen Kahn zu finden, der uns zum Palast bringen würde. Wir kamen zum Steg am Palast von Lord Buckhurst und verbrachten dort soviel Zeit damit, oares, idest Bootsmann zu brüllen und zu rufen, als genügt hätte bequem zu Fuß unser Ziel zu erreichen und dabei noch etwas zu erledigen."

"Endlich antworteten aus der Ferne zwei Fährmänner, und ganz langsam und vorsichtig, als sollten sie gehängt werden, näherten sie sich dem Ufer."

"So ganz allmählich ging es voran, soweit der Kahn es zuließ, der (wenn er auch durch die Holzwürmer und die Zeit so morsch wie Kork geworden war) in seinem festina lente ganz aus Blei zu sein schien. Die Arme der beiden Alten vermochten nur wenig auszurichten, denn obgleich sie mit den Körpern weit ausholten, machten sie mit den Rudern nur kurze Schläge."

"So brachten wir viel Zeit aber wenig Weg hinter uns, und wir hatten kaum ein Drittel der Strecke zurückgelegt, nämlich bis kurz hinter den Ort der Tempel heißt, als unsere Gevattern plötzlich, anstatt sich zu beeilen, dem Ufer zusteuerten. (...) Kurz und gut, sie setzten uns aus, und nachdem wir bezahlt und uns auch noch bedankt hatten, (...) zeigten sie uns den kürzesten Weg zur Hauptstraße."

"Es war ein Weg voller Schlamm, der weder für gewöhnlich, noch unter glücklichen Umständen einen Durchgang bot. (...) Ohne uns weiter zu bemühen und vergebens den Kopf zu zerbrechen, wateten wir entschlossen durch dieses Schlammmeer, dessen träger Fluß in die tiefen Fluten der Themse sich ergoß."

"Auf der Hauptstraße angelangt, schien es uns, als seien wir auf den Elysischen Gefilden. Und als wir uns umsahen, wohin uns diese verwünschte Abzweigung geführt hatte, bemerkten wir, daß wir nur ein paar Schritte von der Stelle entfernt waren, an der wir abgebogen waren, um zu den Bootsleuten zu gelangen, ganz in der Nähe der Wohnung des Nolaners."

"Doch gerade als wir an der Pyramide nahe des Palastes angekommen waren, wo drei Straßen zusammenlaufen, da kamen uns sechs Edelmänner entgegen mit einem Jungen, der eine Laterne trug, und einer von ihnen gab mir so einen Stoß, daß ich mich nach hinten drehte, wo ich sah, wie ein anderer dem Nolaner einen doppelten Stoß versetzte, der so gut gemeint und kräftig war, daß er für zehn hätte gelten können. Das war der letzte Sturm."

"Dann, nachdem wir so schwierige Pfade begangen, so zweifelhafte Seitenwege durchschritten, so reißende Flüsse überquert, so sandige Ufer hinter uns gelassen, so sumpfiges Gelände bewältigt, so tückischen Schlamm durchwatet, so steinige Bäche so mühsam durchlaufen, so unfreundliche Begegnungen überstanden, so schlüpfrige Wege begangen, so harten Steinen begegnet und an so gefährliche Klippen gestoßen waren, kamen wir kurz darauf durch die Gnade des Heiligen Fortinius und des Himmels lebendig in den Hafen, idest an der Tür, die sich sofort öffnete, als wir anklopften."

Brunos Intention

Giordano Bruno versucht mit Hilfe seiner besonderen Philosophie der magischen Naturbetrachtung, die Verbindung zwischen einer magischen Vorstellungskraft und der Natur herzustellen. Die von Bruno umgestaltete Gedächtniskunst soll ihm als Instrument dazu hilfreich sein. Bruno will durch die inneren "geistigen" Mittel die Welt der äußeren Erscheinungen erfassen und vereinen. So wie Camillos magisches Theater der Rhetorik besondere Kraft verleihen sollte, so versucht Bruno, seinen Worten Kraft einzuflößen. Dieses Ziel kommt in der eigenen Art seiner literarischen Werke deutlich zum Ausdruck. Die Reise durch das nächtliche London scheint bei genauerer Betrachtung durchaus nicht im Mittelpunkt seiner Dialoge zu stehen. Vielmehr wird der Bericht von Brunos Erläuterungen seiner neuen Philosophie unterbrochen, seines hermetischen Aufstiegs durch die Sphären zu einer befreiten Ansicht eines unendlichen Kosmos mit einer unendlichen Anzahl von Gedächtnisorten.
Bruno hat später den Inquisitoren erzählt, daß dieses besagte "Mahl" tatsächlich in der französischen Botschaft stattgefunden habe. Möglicherweise war die Reise durch Londons Straßen und über den Fluß vollkommen imaginär. Dieser Umstand würde den gedächtnistheoretischen Charakter und die erwünschte magische Bedeutung dieser Reise weiter unterstreichen. Bruno verwendet die Londoner Orte: Strand, Charing Cross, die Themse, die französische Botschaft, ein Haus in der Nähe von White Hall als Stationen seiner Debatte über den copernicanischen Heliozentrismus. Er entwickelt daraus Themen mit okkulten Bedeutungen, die irgendwie mit seiner Idee von einer magischen Religion in Beziehung stehen. Eine mögliche Lesart für Brunos Allegorien könnte deshalb (nach Frances A. Yates) so lauten, daß die alte, verfallende Arche Noah die Kirche darstellt, die den Pilger in den Mauern eines unzulänglichen Klosters an Land setzt, woraus er mit dem Gefühl entkommt, er sei mit einer heroischen Mission beauftragt, nur um dann festzustellen, daß die Protestanten mit ihrem Mahl der magischen Religion gegenüber noch blinder sind.

Autor: Ingo Schmidt

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Last updated: 29.Juli 1998