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- 450 Jahre Giordano Bruno -

Andreas Tiéschky

Thomas le Myèsier: Electorium parvum



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Thomas leMyèsier

Thomas leMyèsier (auch: Thomas Migerius) von Arras, gest. 1336, war ein Schüler von Llull an der Sorbonne. Er war Doktor der Medizin und verkehrte ebenso an der Chartreuse de Vauvert (neben der Sorbonne das zweite Zentrum des Lullismus) wie im französischen Königshause. LeMyèsier erkannte die Möglichkeiten, die in Llulls Ars magna steckten ebenso wie ihre Unübersichtlichkeit. Er war es, der Llull eine Serie von fünfzig Fragen zur praktischen Anwendung seiner Kunst stellte. Mit Llulls Einverständnis begann er zwischen 1309 und 1311 mit der Zusammenstellung der unterschiedlich großen Electorien: Electorium magnum, - medium, -parvum und - minimum. Dabei stellt jedes Electorium eine Zusammenfassung des vorangehenden dar. Die hier vorgestellten Abbildungen stammen aus dem Electorium parvum (Karlsruhe, St. Peter). Das größte (magnum) enthielt mindestens 560 Pergamente, zumeist mit zwei Spalten Schrift. Das Electorium parvum (oder: breviculum), aus dem die Abbildungen stammen, bestand aus 61 Pergamenten, von denen heute 44 erhalten sind. Darunter zwölf prächtige Miniaturen, in denen Llulls Leben und Theorien dargestellt sind.

Die Miniaturen

Wir sehen eine zusammenhängende Szene, die auf zwei Pergamente verteilt ist.

Die linke Bildhälfte

linke Miniatur Das linke Bild ist betitelt:
EXCERSITUS ARISTOTILIS AD DESTRUENDUM TURRIM FALSATIS CUM SUO COMMENTATORE
(Die Armee des Aristoteles zur Zerstörung des Turmes der Falschheit mit seinem Kommentator [= Averrois]).
Während im Turmverlies die Wahrheit schmachtet, rückt Aristoteles auf seinem Pferd ratiocinatio' vor. Sein (geistiges) Fortbewegungsmittel ist also die vernünftige Schlußfolgerung. Seine Lanze ist "Das Instrument, das man in den Syllogismen haben soll", mit einem Banner: "Erkenntnis des Ähnlichen, Entdeckung des Unterschiedes, usf.". Hinter ihm sein Streitwagen mit den fünf aristotelischen Kategorien und den zehn Prinzipien, allesamt als Ritter dargestellt. Hier ist also auch die Logik des Aristoteles in symbolischer Form repräsentiert. Darauf folgt Averrois auf einem Pferd namens "imaginatio": er also reitet, nach Llulls (und leMyèsiers) Meinung auf der Vorstellungskraft (herum): nach Averrois' Auslegung von Aristoteles entstand die Welt aus dem Nichts - von leMyèsier wurden Averrois' Attacken gegen Zweifler dieser Theorie als Sturmläufe gegen das Christentum gesehen, das ja immerhin den Akt der Schöpfung betont. Eine der Inschriften auf Averrois' Lanze lautet: "Sein Glaube ist der Zweifel an allem." Er wird hier als Häretiker dargestellt, der vom nachfolgenden Kardinal am Zügel gehalten wird: " Führe uns nicht in Versuchung, o Averrois, wir halten Dein Pferd am Zügel, wir haben viele Freunde und die Wahrheitsliebe ist heilig." Währenddessen hebt der Papst das Kruzifix in die Höhe und intoniert das 'Te Deum'... Unnötig, zu sagen, daß weder aristotelische Logik, noch ihre Interpretation durch Averrois, noch das Gebet des Papstes mit erhobenem Kruzifix für sich in der Lage sind, der Wahrheit zu ihrer rechtmäßigen Herrschaft zu verhelfen.


Der Turm der Unwahrheit, von Teufeln aller Art besetzt, ist voll mit Lastern.
Auf der linken Seite sehen wir:
  • malicia (Bosheit)
  • cessatio (Untätigkeit)
  • ignorantia (Unkenntnis)
  • debilitas (Schwäche)
  • confusio (Verwirrung)
  • casus (Fehltritt)
  • frustra (Täuschung)
  • nichil (Unnützes).
Auf der rechten Seite:
  • parvitas (Kleinheit)
  • impossibilitas (Unvermögen)
  • odiositas (Gemeinheit)
  • falsitas (Falschheit)
  • pena (Qual)
  • contrarietas (Widersprüchlichkeit)
  • vacuum (Leere)
  • difformitas (Gestaltlosigkeit)
  • superfluum (Überflüssiges).
Darunter, im Textblock, die Klage der (nicht sichtbaren) Veritas, während an ihrer Stelle die Meinung (Opinio) die Krone trägt. Die Befreiungsarmee des Aristoteles wird von drei Kämpfern (links unten, mit Schild, Sichel und Armbrust) angeführt, mit den Inschriften (sinngemäß):
  • "Dieser Turm muß zerstört werden."
  • "Ich kämpfe für eine Möglichkeit."
  • "Ich zeige das Wichtigste auf."
Die rechte Bildhälfte

rechte Miniatur Nun kommt Ramòn Llull der Wahrheit zun Hilfe. Er kommt mit der Streitmacht seiner Ars magna. Die rechte Miniatur ist betitelt: RETROBELLUM ET SUCCURSUS EXCERSITUS [SIC] DOMINI REMONDI LUL DE MAIORICIS, AD CORRUENDUM TURRIM FALSATIS ET IGNORANTIE (Nachhut und Hilfsheer [!] des Herren Ramòn Llull aus Majorca zum Abriß des Turmes aus Falschheit und Dummheit).
Llull reitet auf dem Pferd 'prima intentio', das richtige Vorhaben. Sein Pferd ist nicht nur größer als das des Aristoteles; außerdem hat er deren insgesamt vier. Damit ist klar, daß die Geschichte mit seiner Hilfe ein gutes Ende nehmen wird. Ihm voran reiten nämlich drei als Mönche dargestellte Trompeter, die Symbole der drei Kräfte der Seele: Geist, Willen und Gedächtnis, die gleichzeitig die drei christlichen Wahrheiten (Dreieinigkeit, Schöpfung und Fleischwerdung Christi) verkünden. Averrois, der diesen Wahrheiten Gottes nicht diente, ja, sie anzweifelte, mußte scheitern. Llulls Banner definiert die zwei 'intentiones' seiner Philosophie: Gott zu lieben und durch das Praktizieren dieser Liebe erhöht zu werden. Christliches Gedankengut par excellence - man denke nur an die große Zahl von Mystikern, die seit dem 11. Jhdt plötzlich auftauchen. Hinter ihm auf dem Streitwagen befinden sich seine neun absoluten und neun relativen Prinzipien. Alle diese finden wir in den späteren Fassungen von leMyèsiers Llull-Interpretationen. Über den Prinzipien wehen Banner, wie diese anzuwenden sind. Die von der 'differentia' getragene Fackel in der Mitte wird die ignoranten Teufel mitsamt ihrem Turm verbrennen: Einem rationalen und gottesfürchtigen Vorgehen werden sie nicht standhalten können.

Der Kreuzzug Ramòn Llulls

Mit der Klage der Wahrheit in den Miniaturen hat leMyèsier durch einen kleinen Kunstgriff das gedankliche Feld für die Lehre Ramòn Lulls bereitet: Nicht die vorherrschende kirchliche oder philosophische Meinung ist es, die angegriffen werden muß, sondern die Begründung, die sich alle zu Eigen machen möchten, nämlich die Wahrheit, muß hier gesichert (errettet) werden. Aber auch nicht irgendeine Wahrheit, sondern die vor Gott. Damit kann leMyèsier jede Position bestehender Systeme spielerisch betreten und das Spiel quasi von Neuem beginnen: allerdings in einem christlichen 'Spielfeld', nun mit einem neuen, christlich fundiertem System: Llulls Ars magna.
Das Beeindruckende an diesen Miniaturen ist - neben ihren prächtigen Ausführungen - die geradezu moderne bildhafte Wissensorganisation:
Ramòn Llull, der im 30. Lebensjahr Visionen von Christus hat (zu dieser Zeit führt Heinrich der Heilige den glücklosen 6. Kreuzzug in Ägypten), um ihm fortan als glühender Märtyrer dienen zu wollen, taucht in einer Bildformation als Retter auf, die der Schlachtenordnung eines Kreuzzuges nicht unähnlich ist.
Unwillkürlich muß man an die Darstellung des eselreitenden Christus denken: Llull selbst war immer von der dringenden Notwendigkeit überzeugt, die Heidenvölker vor anderen Religionen zu christianisieren. Dabei hat er allerdings nicht an Feuer und Schwert gedacht, sondern auf die Überzeugungskraft einer Logik gebaut, derer sich auch die Araber schon bedienten.
Die von leMyèsier geschaffenen Miniaturen nutzen zeitgenössische Bildsymboliken, um Llulls Position innerhalb einer christlichen Vorstellungswelt zu fixieren. Durch ihre prächtige Ausstattung sind diese Pergamente auch heute noch - über eine Flut von Bilderwelten hinweg - in der Lage, uns zu berühren und Anklänge an Erlebtes und Erlerntes zu wecken.

Autor: Andreas Tiéschky

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Last updated: 12.Mai 1998