Zum Forschungsbereich "Bullying an Schulen"

Als Reaktion auf zahlreiche dramatisierende Medienberichte wurde in Deutschland seit Anfang der 1990er-Jahre durch Wissenschaft und Schuladministration verstärkt der Diskurs "Gewalt und Aggression in der Sozialisationsinstanz Schule" geführt. Im Zuge dieser Auseinandersetzung interessierte sich die Aggressionsforschung zunehmend auch für eine spezielle Form aggressiven Handelns unter Schülern, die im europäischen Sprachraum als "Bullying" bezeichnet wird. Unter Bullying versteht man wiederholte, schädigungsintendierte Handlungen von einem oder mehreren Schülern gegenüber einem anderen Schüler über einen längeren Zeitraum, wobei ein Ungleichgewicht im Kräfteverhältnis (physisch und/oder psychisch) zwischen Täter ("Bully") und Opfer ("Victim") zu Ungunsten des Opfers bestehen muss (Olweus, 1993; 1994). Bullying richtet sich stets auf bestimmte Schüler. Hiermit lässt sich Bullying von aggressiven Verhaltensweisen abgrenzen, welche sich unsystematisch auf unterschiedliche Opfer beziehen, sich temporär über impulsive Ausbrüche äußern oder sich in Kämpfen bzw. Streitigkeiten zwischen gleichstarken Parteien manifestieren (Schuster, 1999). Häufig vorkommende Erscheinungsformen des Bullying sind Spotten, Beschimpfen, Schlagen, Bedrohen und Verbreiten von Gerüchten sowie der Ausschluss aus sozialen Gruppen (Smith & Sharp, 1994).

Im Vordergrund der Bullying-Forschung standen bislang zumeist offene Verhaltensweisen wie körperliche An- und Übergriffe, Schubsen, Schimpfen oder Treten. Erst seit kurzem werden subtilere, verdeckte Ausdrucksformen des Bullying und der Viktimisierung in Anlehnung an Studien zur indirekten (Lagerspetz, Björkqvist & Peltonen, 1988), sozialen (Galen & Underwood, 1997) oder relationalen Aggression (Crick & Grotpeter, 1995) berücksichtigt. Relationale Aggression (Beziehungsaggression) beschreibt dabei ein zielgerichtetes Handeln, das "die Beziehungen einer Person zu Gleichaltrigen oder die Gefühle der sozialen Zugehörigkeit und Akzeptanz beschädigt" (Werner, Bigbee & Crick, 1999, S. 154). Im Gegensatz zu physisch-aggressiven Verhaltensweisen umfassen relationale Aggressionen zerstörerische Angriffe auf die sozialen Beziehungen selbst sowie den Versuch, einer anderen Person über die Beziehungen Schaden zuzufügen (z.B. über das zielgerichtete Ausgrenzen oder Herabsetzen).

Im Gegensatz zu der Fülle an internationalen Forschungsaktivitäten zum Bullying im Kindes- und Jugendalter finden sich im deutschen Sprachraum nur vereinzelt empirische Befunde zu diesem Themengebiet. Beispielsweise haben deutschsprachige Studien bislang nur sehr selten Geschlechterunterschiede oder verschiedene Formen des Bullying in systematischer Weise erfasst. Auch lassen sich nur wenige Forschungsarbeiten zu folgenden Aspekten erkennen: alternative Erscheinungsformen des Bullying (wie z.B. SMS-Bullying), kulturspezifische Aspekte, risikoerhöhende und risikomildernde Bedingungen, Validierung von Methoden zur Erfassung des Bullying sowie Präventions-/Interventionsmaßnahmen.

Als erste umfassendes deutsches Überblickswerk zum Thema "Bullying an Schulen" ist Ende Juni 2003 im Hogrefe-Verlag erschienen: Scheithauer, H., Hayer, T. & Petermann, F. (2003). Bullying unter Schülern: Erscheinungsformen, Risikobedingungen und Interventionskonzepte.

Literatur:
Crick, N.R. & Grotpeter, J.K. (1995). Relational aggression, gender, and social-psychological adjustment. Child Development, 66, 710-722.
Galen, B.R. & Underwood, M.K. (1997). A developmental investigation of social aggression among children. Developmental Psychology, 33, 589-600.
Lagerspetz, K.M.J., Björkqvist, K. & Peltonen, T. (1988). Is indirect aggression more typical for females? Gender differences in aggressiveness in 11-12-year-old children. Aggressive Behavior, 14, 403-414.
Olweus, D. (1993). Bullying at school: What we know and what we can do. Oxford: Blackwell.
Olweus, D. (1994). Annotation. Bullying at school: Basic facts and effects of a school based intervention program. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 35, 1171-1190.
Scheithauer, H., Hayer, T. & Petermann, F. (2003). Bullying unter Schülern: Erscheinungsformen, Risikobedingungen und Interventionskonzepte. Göttingen: Hogrefe.
Schuster, B. (1999). Gibt es eine Zunahme von Bullying in der Schule? Konzeptuelle und methodische Überlegungen. In M. Schäfer & D. Frey (Hrsg.), Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen (S. 91-104). Göttingen: Hogrefe.
Smith, P.K. & Sharp, S. (1994). School bullying: Insights and perspectives. London: Routledge.
Werner, N.E., Bigbee, M.A. & Crick, N.R. (1999). Aggression und Viktimisierung in Schulen: "Chancengleichheit" für aggressive Mädchen. In M. Schäfer & D. Frey (Hrsg.), Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen (S. 153-177). Göttingen: Hogrefe.