Ich verfolge die "Diskussionen" um den Termin des vergangenen Jahrtausendwechsels bereits seit Anfang 1997 nicht mehr, da alles, was dazu gesagt werden kann, schon damals hundertmal gesagt worden ist. Trotzdem hatte ich bis Ende des letzten Kalenderjahrtausends jede Zuschrift zu meiner damals entstandenen Web-Seite http://www.uni-bremen.de/~werres/old/jahr1000wechsel.html ("Der Termin des Jahrtausendwechsels") bzw. des späteren http://www.uni-bremen.de/~werres/old/kurzbeitrag.html ("Kurzbeitrag zum Thema Millennium") individuell und ausführlich einzeln beantwortet. Nachdem "das Millennium" nun aber gelaufen ist, interessiert mich die Angelegenheit endgültig nicht mehr. Meine Bitte ist also die Bitte um Verständnis dafür, daß ich Zuschriften zum Thema "Jahrtausend" ab sofort in der Regel nicht mehr beantworte.
Im übrigen habe ich, grob klassifiziert, vier Arten von Zuschriften bekommen: Die 1. Art ist von Leuten, die mir schreiben, daß der Tag um 1 Uhr morgens beginne und die Stunde bis 1 Uhr noch zum vorigen Tag gehöre, also das Jahr 2000 auch zum zweiten Jahrtausend. Solchen Leuten ist nicht zu "helfen". Die 2. Art ist von Leuten, die mir schreiben, daß ich natürlich "recht" habe (um "recht" geht es mir natürlich überhaupt nicht), mir aber ein wesentlicher Punkt entgangen sei: Man müsse, so sagen diese Leute, aus religiösen Gründen auch im heutigen Sinne des Begriffs "erstes Jahr unserer Zeit" ebendieses zeitlich vollständig hinter Chisti Geburt legen, und somit das astronomische Jahr 0, also das Geburtsjahr Christi, in die vorchristliche Zeit zählen --wörtlich entsprechend der historischen Bezeichnung dieses Jahres 0 als "1 vor Christus". Dem stimme ich zu. Wenn solche religiösen Gründe vorliegen, dann beginnt das nächste Jahrtausend erst 2001. Ich habe dem weder etwas entgegenzusetzen, noch etwas entgegenzusetzen wollen, denn diese Auffassung ändert ja keine Jahreszahlen, auch keine der vorchristlichen Zeit. Ich teile lediglich diese religiösen Gründe nicht und sehe auch keine anderen, die diese Verschiebung des formalen Beginns "unserer Zeit" rechtfertigen könnten. Und die dritte Art von Zuschriften schließlich macht keine inhaltlichen Anmerkungen, sondern nur Aussagen im Stile von "Du weißt, daß Du unrecht hast.". Sowas kann ich dann nicht sachlich kommentieren. Die vierte und letzte Kategorie von Zuschriften schließlich will mir partout erklären, daß messen und zählen, daß Ordinalzahlen und Kardinalzahlen, usw., nicht dasselbe sind -- so als ob irgendwer damit ein Problem hätte!
Ich antworte bei letzter Kategorie dann z.B. so: "Wenn ich fünf Äpfel auf den Tisch lege, dann habe ich diese genau dann aufgegessen, wenn der Verzehr des fünften Apfels beendet ist. Wenn ich also nach dem vollständigen Verzehr eines jeden Apfels jeweils einen Strich an die Wand male, dann esse ich folglich in dem Zeitraum, an dem fünf Striche an der Wand stehen, bereits am sechsten Apfel, denn in dem Moment, an dem die Strichanzahl auf fünf gesprungen ist, war der Verzehr des 5. Apfels ja schon vollendet. Habe ich 4,73 Äpfel gegessen, liegt also Apfel Nr. 4 (die Zahl vor dem Komma) angebissen auf dem Tisch (wenn die Äpfel sinnvollerweise von 0-4 durchnumeriert sind) und es sind 4 Striche (die ganz verzehrten Äpfel) an der Wand. Bei 4,99 bin ich also fast fertig, denn wenn die ganzen 4en auf 5 springen, beende ich ja den Verzehr des 5. Apfels und befinde mich danach 5 Äpfel hinter dem Referenzapfel, dem 1. Apfel des Verzehrs, nämlich bei Apfel Nr. 5, dem 6. Apfel. Ebenso ist es mit den Jahresstrichen: Wir zählen vollendete Jahre. Das Jahr Nr. 10 liegt zeitlich 10 Jahre hinter dem Referenzjahr, dem sog. 1. Jahr unserer Zeit. Es ist somit das 11. Jahr. Natürlich endet zu jedem Zeitpunkt in jedem Moment und in jedem Augenblick ein Jahr und auch ein Jahrtausend (ein Zeitraum von 10^3 Jahren), aber ein Kalenderjahr endet nur genau dann, wenn in "thzj" = t*10^3+h*10^2+z*10^1+j*10^0 der Wert von j umspringt. Entsprechend bestimmt der Zeitpunkt des Umspringens von t den Wechsel des Kalenderjahrtausends. Man zählt vollendete Kalenderjahrtausende. "2000" ist das Alter unserer Zeit. "Die Welt hatte Geburtstag" -- hieß es "zum Millennium", d.h. sie ist nun im 2001. Lebensjahr."
Daß es ein "Jahr 0" "vor oder nach Christus" nicht gab, ist dabei irrelevant. Das "Nulljahr" ist das Jahr vor dem Jahr Nr. 1. Man nennt es auch das "Jahr 1 v. Chr.". Es ist das 1. Jahr unserer Zeit. Jedenfalls heute. Dies war natürlich nicht immer so: Nach dem ursprünglichen, 525 rückwirkend erfundenen, christlichen Kalender schrieb man nach Christi Geburt nämlich nicht "das Jahr 1", sondern "das 1. Jahr", und genau genommen dies auch nicht "nach Christi Geburt", sondern "mit Christi Geburt", d.h. das 1. Jahr unserer Zeit begann mit Christi Geburt als erstem Ereignis. Der heutige "25. Dezember" wurde damals als der Neujahrstag festgelegt, beginnend mit Einbruch der Dunkelheit des Vorabends, so daß Christi Geburt seinerzeit, als der erste christliche Kalender festgelegt wurde, in das Jahr fiel, das wir heute das "Jahr 1" nennen. Somit ist dieses heutige Jahr 1 ursprünglich das "1. Jahr unserer Zeit", ganz egal, was Mathematik und/oder Verstand dazu sagen. Der Jahrtausendwechsel im Sinne "Jahrtausende unserer Zeit" wäre in diesem Sinne also Ende 2000. Niemand behauptet, am allerwenigsten ich, daß dieser Standpunkt falsch ist. Er ist nur nicht relevant, denn heute fällt Christi Geburt ja nicht mehr in das Jahr 1, sondern in das Jahr davor! Die Auffassung daß das Jahr 2000 trotzdem das 2000. Jahr ist, ist keine Frage besseren Wissens, sondern lediglich Folge einer Definition, also einer bestimmten diese Auffassung festlegenden Interpretation des heutigen Kalenders, die so wenig Sinn ergibt, so sehr weh tut, und auch historisch -- jedenfalls auf den zweiten Blick -- so wenig zu rechtfertigen ist, daß es hanebüchener Unsinn wäre, sie ernsthaft zu vertreten.
Unabhängig davon haben wir einen besonderen Jahrtausendwechsel 1999/2000 ja so oder so erlebt, allein schon numerisch. Daß nicht nach jedermanns Auffassung zugleich ein christliches Jahrtausend endet, spielt dabei absolut keine Rolle. Es war der numerische Kalenderjahrtausendwechsel. Und daß wir bis Ende 2000 durchfeiern, ist auch klar, denn der 2000. (offizielle) Geburtstag Christi ist unstrittig Ende 2000. Das hat nichts damit zu tun, welches Jahr nun "das 1. Jahr" ist. Will man dieses Geburtsereignis zusätzlich zu Weihnachten 2000 noch an einem Jahreswechsel feiern, dann natürlich 2000/2001. Die Frage, um die es beim Kalenderjahrtausendwechseltermin geht, ist aber doch eine ganz andere, nämlich die Frage, welches Kalenderjahr das erste christliche Jahr, also das erste Jahr "unserer Zeit" des heutigen Kalenders ist. Und diese Frage ist mit der obigen Definition des ursprünglichen christlichen Kalender noch ganz und gar nicht geklärt...
So wie oben ist das mit dem "1. Jahr" heute nämlich nur noch mit Krücken aufrecht zu erhalten und damit zwingend auf überhaupt verbleibende Relevanz zu hinterfragen. Es war ursprünglich so: Fällt ein Ereignis nicht an den Anfang eines Zeitraumes, so ist nach historischer Zählweise der Zeitraum, in den es fällt, der "1. Irgendwas". Z.B. war die Kreuzigung "am 1. Tag" und die Auferstehung "am 3. Tag" (also nach 2 Tagen). War jemand im November geboren, war er im Januar "im 2. Lebensjahr", denn in dem Jahr, in dem er geboren war, war er "im 1. Lebensjahr". Und nach heutigem Kalender ist Christi Geburt am 24.12. des Jahres vor dem Jahr 1 n. Chr., also ist nach historischer Zählweise ebendieses Jahr, also das Jahr "1 v. Chr." das 1. Jahr unserer Zeit. Man entschied sich aber später bei der Migration zum heutigen christlichen Kalender (Neujahr beginnt am 31.12. um 24 Uhr), daß man die Jahreszahlen beibehalten wollte und führte dazu zunächste zwei Krücken ein: Man nannte 1. die Zeit zwischen Einbruch der Dunkelheit des 24. Dezember und jenem 31.12., 24 Uhr einfach fortan die Zeit "zwischen den Jahren", und definierte 2., daß das 1. Jahr fortan nicht mehr mit Christi Geburt, sondern nach Christi Geburt beginnen sollte. Mit diesen beiden Krücken legte man Christi Geburt also außerhalb unserer Zeitrechnung ("zwischen" die Jahre) und ermöglichte es somit weiterhin, das Jahr vor dem 1. Jahr als das "1. Jahr vor Christi Geburt" zu bezeichnen, obwohl nun eigentlich dieses Jahr Christi Geburt enthielt. Nach ursprünglicher Zählweise (das 1. Jahr ist das, in das das Ereignis fällt) hat man so den Beginn unserer Zeit nochmal nachträglich um ein Jahr zurückverlegt, um die Jahreszahlen zu behalten. Hier war also bereits die Rückverschiebung des ersten Jahrtausendbeginns. Aber damit der Krücken nicht genug...
Als sich dann nämlich die 0 zunehmend als anerkannte Zahl durchsetzte, fiel auf, daß man diese obigen Krücken eigentlich gar nicht braucht. Man läßt einfach den Punkt weg, d.h. man macht aus dem "2000. Jahr" das "Jahr 2000" und kriegt so automatisch das "Jahr 1" als "das 2. Jahr", indem man die Jahreszahl als Nummer betrachtet. Beide Krücken fallen dadurch weg, und das, ohne daß sich "das 1. Jahr" ein weiteres Mal verschiebt. Ganz ohne Zeit "zwischen den Jahren" und ganz ohne Herausnahme der Geburt aus dem 1. Jahr ist das Geburtsjahr Christi seitdem einfach das "Jahr 0". Man beließ es lediglich der vorchristlichen Jahreszahlen wegen zunächst bei der Benennung des Jahres 0 als "1 v. Chr." und des Jahres -1 als "2 v. Chr." usw. Aber das ist nur eine Benennung. Wollte man zusätzlich das Jahr 1 weiterhin als das "1. Jahr" behalten, müßte man nicht nur die beiden Krücken beibehalten, sondern sogar noch zwei weitere einführen, nämlich 3. daß hinter z.B. der "2000" noch ein (unsichtbarer) Punkt steht, und daß 4. der Beginn des 1. Jahrtausends mit einer vermeintlich historisch bedingten Anomalie versehen sei, die ihn um 1 Jahr nach hinten gegenüber dem numerischen Beginn verschiebt. Vier Krücken, und wenn man nur eine davon wegläßt, bricht alles zusammen. Dabei ist das Ganze ganz ohne Krücken nicht nur völlig konsistent, sondern außerdem auch noch der ursprünglichen historischen Zählweise entsprechend. Wer diese nach und nach gewachsene Krückerei also heutzutage als inzwischen absurd betrachtet und nicht nur den numerischen, sondern auch den christlichen Jahrtausendwechsel Anfang 2000 sieht, der ist derjenige, der es im eigentlichen Sinne "besser" weiß. (Und wer die letzte Albernheit, nämlich die um 1 falschen Jahreszahlen der "v. Chr."-Zeit auch noch aufgibt, der erhält genau den Kalender, den die Astronomen verwenden. Und auch hier ebenfalls ohne daß sich der Beginn unserer Zeit noch einmal verschiebt.)
Also: Mit dem ausgeklungenen 2000. Kalenderjahr fand Anfang 2000 auch der christliche Jahrtausendwechsel statt, während der 2000. Geburtstag Christi schließlich gegen Ende 2000 die Feierlichkeiten des Jahres 2000 zum Abschluß bringen wird. Zum Jahreswechsel 2000/2001 ist dann aber längst wieder Alltag. Außer vielleicht -- wie von den Massenmedien korrekt reflektiert und karikiert -- bei einer vernachlässigbar kleinen Minderheit, deren Besserwisserei auf typisch klugscheißerischem Halbwissen basiert. (no offense intended!) -- oder auf einer simplen aber mathematisch und historisch unsinnigen Definition. Aber als Reaktion auf eine solche Definition bleibt dann ja immer noch mein Lieblingszitat, mit dem auch mein Ur-Text von April 1997 endete -- siehe dort.