Diese gibt es nicht einmal beim Termin des 2000. Geburtstags Jesu Christi. Zwar ist (zumindest wenn man den n-ten Geburtstag eindeutig als die n-te Wiederkehr des Tages der Geburt definiert, also den Tag der Geburt selbst nicht als Geburtstag mitzählt) der virtuelle Geburtstagstermin unstrittig unabhängig von der strittigen Zählweise der Kalenderjahre, also am 24. Dezember 2000, aber der tatsächliche Tag der Geburt des Herrn fällt ja, wiederum auch unstrittig, ins Jahr -6 (7 v.Chr.), was den eigentlichen 2000. Geburtstag ins Jahr 1994 datiert und den Feiertermin wiederum strittig macht. Quizfrage: Liegt der 2000. Geburtstag Jesu Christi nun also vor oder nach dem Jahrtausendwechsel? Nur bei der Wahl des offiziellen (virtuellen) Geburtstagstermins als Bezug hängt die Antwort auf diese Frage überhaupt vom Jahrtausendwechseltermin ab. Es sei daher noch einmal präzisiert:
Astronomische Bezeichnung: ... | 1 v.Chr. | Jahr 0 | 1 n.Chr. | 2 n.Chr. | ...
Zählung: | 1. Jahr | 2. Jahr | 3. Jahr | ...
Numerierung: ... | -1 | 0 | 1 | 2 | ...
Numerierung: ... | -2 | -1 | 0 | 1 | ...
Zählung: | 1. Jahr | 2. Jahr | ...
Historische Bezeichnung: ... | 2 v.Chr. | 1 v.Chr. | 1 n.Chr. | 2 n.Chr. | ...
Zur Identifikation der Jahre war der Gebrauch der historischen Numerierung
nie üblich, der Gebrauch der historischen Bezeichnung war früher üblich.
Heute kennt der Sprachgebrauch immer ein "Jahr 0" und für die Jahre davor
oder danach wird die astronomische Numerierung verwendet. Fast immer führt
das dann auch zum Gebrauch der astronomischen Jahresbezeichnungen. (Bei
"vor" in der Bezeichnung weiß man also nie, welches Jahr gemeint ist.) Ob
das aber auch die astronomische Zählung erzwingt, nach der das Geburtsjahr
Christi (Jahr 0) in "unsere Zeit" fällt, ist eine ganz andere Frage (also
doch gar nicht unstrittig): Es ist schließlich astronomisch irrelevant, wo
die Zählung anfängt. Historisch hingegen ist festgelegt, daß das 1. Jahr
unserer Zeit per Definition nach Christi Geburt beginnt. Daher:
Von Leuten mit anderer Meinung wünsche ich mir Auskunft, ob diese andere Meinung nach Auffassung 1 von Fall 1 (Variante 1) oder nach Möglichkeit 2 von Fall 2 (Variante 2) begründet wird. Deren Gemeinsamkeit ist, daß beide am Dogma "Jahr 1 ist das 1. Jahr" festhalten -- jedoch bei unterschiedlicher Auffassung der Jahreszahl 0. Variante 2 setzt zwei Zeitachsen in einem Zeitpunkt aneinander und zählt in beiden mit natürlichen Zahlen. Variante 1 hingegen indiziert Zeitintervalle auf einer einzigen durchgehenden Zeitachse mit ganzen Zahlen. Hier sind zwischen Jahr n und Jahr m (m<>n) stets |n-m|-1 Kalenderjahre. Bei Variante 2 ("kein Jahr 0") ist das nicht so. Statt dessen gilt: Wer am 3. Oktober 5 vor Chr. geboren ist, ist am 2. Oktober 5 nach Chr. zugleich 8 Jahre alt, im 9. Lebensjahr und im 10. Kalenderjahr seines Lebens. Die Anzahl der angebrochenen Kalenderjahre eines Lebens (so definierte man früher das "Alter" einer Person) läßt sich hier also gut berechnen, indem man die angebrochenen Kalenderjahre beider Zeitachsen addiert. Um heute das Alter einer Person zu berechnen (vollendete Lebensjahre) braucht es aber zwingend ein Jahr 0 -- oder eine alberne Sonderbehandlung von den Fällen, die sowohl "vor"- als auch "nach"-Jahre umfassen.
Und genau deshalb wird heute bei der Bemessung solcher Zeiträume das Jahr 0 auch immer mitgezählt. Historisch gesehen ist dies eine (bereits vollzogene) Kalenderreform (vom historischen zum astronomischen Kalender). Es wäre inkonsequent, den Jahrtausendwechseltermin nicht als mitverschoben zu betrachten (Variante 1), genauso wie es überholt wäre, auf das Jahr 0 demonstrativ weiterhin zu verzichten (Variante 2). Es gilt statt dessen, auf das alte Dogma ("das 1. Jahr beginnt nach dem offiziellen Termin Christi Geburt") endlich zu verzichten. Da wir ungeachtet all dessen bzgl. des Jahrtausendwechsels sowieso nur den Zeitpunkt feiern, bei dem die vier Jahreszahlen gleichzeitig umspringen, haben wir das indirekt ohnehin bereits getan. Außerdem ist der tatsächliche Termin Christi Geburt ja mehrere Jahre früher, also so oder so vor dem 1. Jahr unserer Zeit. In drei Jahren, Ostern 2000, ist der Jahrtausendwechsel jedenfalls schon vorbei. Der offizielle 2000. Geburtstag Christi aber noch nicht.
Nachtrag: Es ist zu betonen, daß das 1. Jahr das "Jahr 0" ist und nicht etwa das "0. Jahr"! Es behauptet auch niemand, die 1. Stunde des Tages sei die "0. Stunde". Es ist die "Stunde 0", die manch einer offensichtlich auch als "Stunde 1" bezeichnet. Man kann das gut an Äpfeln verdeutlichen: Es liegen 3 Äpfel auf dem Tisch und sollen der Reihe nach gegessen werden. Zuerst der 1. Apfel, dann der 2. Apfel und schließlich der 3. Apfel. Die Äpfel werden über die Bezeichnung "Apfel n" identifiziert, wobei n entweder die Anzahl der bereits verzehrten Äpfel ist, also der Offset bzgl. des 1. Apfels (Typ A), oder dem "n" in "n-ter Apfel" entspricht (Typ B).
Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzen einige Nicht-Informatiker gelegentlich, zumindest bei Äpfeln, den Bezeichnungstyp B. Bei indizierten Intervallen einer Skala ist aber durchweg Typ A gebräuchlich -- so dachte ich jedenfalls bisher. Offensichtlich lag ich da falsch. Trotzdem, und das ist der entscheidende Punkt, ändert das absolut nichts daran, daß der Koordinatenursprung der Skala am Beginn des mit 0 indizierten Intervalls liegt und so eben dieses Intervall als das 1. Intervall definiert. Auch wenn man es also "Intervall 1" nennt (Bezeichnungstyp B), so ist es trotzdem das Intervall mit der Indexnummer 0.
Der astronomische Kalender benutzt als Bezeichnung der Jahre (Jahreszahl) die Indexnummer des zugehörigen Intervalls, gibt also den Offset zum 1. Jahr an, das wiederum vom Koordinatenursprung bis zum Zeitpunkt 1 geht. Der historische Kalender benutzt hingegen Bezeichnungstyp B -- und zwar von einem Zeitpunkt ausgehend in beide Richtungen. Genau deswegen gibt es dort kein "Jahr 0". Da die positiven Jahreszahlen beider Kalender aber identisch sind, heißt das wiederum, daß dieser Zeitpunkt zwischen dem 1. und dem 2. Jahr des astronomischen Kalenders liegt.
Wenn man sich also festlegt, daß zwischen einem Tag im Jahr "2000 vor Chr." und dem gleichen Tag im Jahr "2000 nach Chr." 4000 Jahre liegen sollen (und diese Interpretation ist heute üblich), dann bezieht man dieses "vor" auf ein "Jahr 0" (ohne "Jahr 0" wären es nur 3999 Jahre), also auf den astronomischen Kalender, der eben sein 2000. Jahr Ende 1999 vollendet hat. Durch diese Neuinterpretation der Jahreszahlen der Neuzeit liegt die 2. Jahrtausendwende christlicher Zeitrechnung folglich 999 Jahre nach der ersten, nämlich 10 Jahre vor dem Beginn des Jahres 2010, das nun das 1. Jahr des 2. Jahrzehnts des 3. Jahrtausends ist -- so wie auch der Streckenabschnitt, den eine Kraftdroschke durchläuft während der Tacho "Kilometer 2010" anzeigt, der 1. Kilometer des 2. Kilometerzehnts des 3. Kilometertausends ist. Oder gibt es bei Fahrkilometern etwa auch Leute, die dort den Bezeichnungstyp B verwenden und diesen Kilometer, von der Tachoanzeige abweichend, als "Kilometer 2011" bezeichnen?
Selbst wenn. Der Jahrtausendwechseltermin ist in diesem Punkt eben gar nicht abhängig vom Sprachgebrauch, sondern nur von der Bedeutung des "vor" in Jahren "vor Chr.". Aber selbst wenn man auf der Anwendung der historischen Interpretation der Jahreszahlen besteht, also zwischen "2000 vor Chr." und "2000 nach Chr." nur 3998 (!) Kalenderjahre sieht, darf man den Jahrtausendwechsel trotzdem dort sehen, wo er hingehört, indem man das einfach so betrachtet wie Hauke Moeller, den ich hier einmal (mit Erlaubnis) zitieren möchte:
Trotzdem ist natuerlich festgelegt, dass die Zaehlung der Jahre mit 1 zu beginnen habe. Dass es kein Jahr Null gibt, ist eine Inkonsistenz, dass die Jahrtausendwende trotzdem zwischen 1999 und 2000 liegt, eine weitere.Amen. (Siehe hierzu auch meinen Kurzbeitrag und meine Bitte.)