Linke Schreibung -- Rechte Schreibung.

Der 21. Duden vom 22. August 1996 enthält einen Abdruck des Teil I der "amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung", sowie ein Kapitel "Richtlinien zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und Formenlehre in alphabetischer Reihenfolge" von der Duden-Redaktion. Ein Kapitel über die Änderungen der neuen Rechtschreibung gegenüber der alten ist aber nicht enthalten! Außerdem ist der Teil von der Duden-Redaktion nicht mehr maßgebend und von der amtlichen Regelung ist das zugehörige Wörterverzeichnis nicht mit abgedruckt. Um sich über die neue Rechtschreibung zu informieren, ist der Duden also völlig ungeeignet. Zwar sind im abgedruckten Wörterverzeichnis der Duden-Redaktion einige Wörter rot eingefärbt, aber jeweils ohne Verweise auf Regeln oder frühere Schreibungen. Lediglich das Kapitel "Vergleichende Gegenüberstellung alter und neuer Schreibungen" zeigt eine unkommentierte alphabetisch sortierte Auswahl einiger einzelner Änderungen, woraus sich aber auch keine allgemeinen Änderungsregeln erschließen lassen, weil es keine Beispiele dafür gibt, was sich nicht geändert hat. Es gibt nicht einmal vollständige Beispielsätze. Ein paar solche habe ich mir daher anhand einiger rot gefärbter Wörter ausgedacht. Jeweils unter dem Satz in der neuen Schreibung steht derselbe in Klammern nochmal in der alten, wobei fett gedruckte Wörter geändert werden müssen und kursiv gedruckte geändert werden dürfen:

Es tut mir Leid, wie viel Leid diese weit reichende Rechtschreibreform bringt.
( Es tut mir leid, wieviel Leid diese weitreichende Rechtschreibreform bringt. )

Es bleibt im Unklaren, wer dieselbe nicht übel nehmen soll.
( Es bleibt im unklaren, wer dieselbe nicht übelnehmen soll. )

Zurzeit
kann jeder Zweite dessen Zähheit allzu oft nicht überwinden.
( Zur Zeit kann jeder zweite dessen Zäheit allzuoft nicht überwinden. )

Es ist aufwändig, den Duden zurate zu ziehen, um sie zu Stande zu bringen.
( Es ist aufwendig, den Duden zu Rate zu ziehen, um sie zustande zu bringen. )

Streng genommen
bist du schuld, dass da sonst was im Argen liegt.
( Strenggenommen bist Du schuld, daß da sonstwas im argen liegt. )

Hieran erkennt man schon mal die Regel, dass aus "ß" hinter kurz gesprochenen Vokalen nun "ss" wird (in Österreich schreibt man "Geschoss" also weiter mit "ß"), sowie dass das "du" in der Anrede nun kleingeschrieben wird (aber nicht das "Sie"). Außerdem wird eher alles groß- und auseinander als klein- und zusammengeschrieben. (Aber nicht immer, denn es bleibt bei "wennschon, dennschon" und aus "der ohmsche Widerstand gemäß Ohmschem Gesetz" wird "der ohmsche Widerstand gemäß ohmschem Gesetz".) Ferner gibt es konsistentere Stammschreibung (aufwändig, Zähheit) und mehr Freiheiten (zurzeit und zustande oder zur Zeit und zu Stande). Man beachte, dass es nun zwar "du hast Schuld" statt "du hast schuld" heißt, es aber doch bei "du bist schuld" bleibt (siehe Beispiel oben). Es bleibt auch bei "Es ist meine Schuld". Aus "jemandem schuld geben" wird aber "jemandem Schuld geben" und "etwas zuschulden kommen lassen" darf nun "etwas zu Schulden kommen lassen" geschrieben werden.

Dies ist eines der vielen Beispiele, wo sich einzelne Dinge nicht ändern, aber vieles drum herum. Leider sind die sich nicht ändernden Dinge im Duden ja eben nicht rot gedruckt, sodass man sie leicht übersieht. Ich fürchte, dass in Deutschland bald überhaupt niemand mehr richtig rechtschreiben kann, obwohl man sich für dieses Beispiel sogar eine Merkregel ausdenken könnte: Früher war alles klein, bei direkter Substantivierung aber als Ausnahme groß ("du bist schuld", "du hast schuld", "du hast die Schuld"), nun aber ist genau umgekehrt alles groß und als Ausnahme klein bei Verbindungen mit "sein" ("du bist schuld", "du hast Schuld", "du hast die Schuld"). Eigentlich ganz einfach, aber leider muss man selbst drauf kommen. Im Duden steht sowas nicht. Da stehen nur so Einzelfälle, wie dass "Eis laufen" statt "eislaufen" nun Vorschrift (siehe Beispiel unten), "Haus halten" statt "haushalten" aber optional und "Preis geben" statt "preisgeben" sogar verboten ist. Man kommt mit Regeln allein also nicht sehr weit, zumal die verschiedenen Regeln auch ständig in Konflikt geraten würden und vielerlei Ausnahmen und Sonderfälle bedürften.

Es gibt ferner viele Feinheiten zu beachten, z.B. fällt in "Gott hab' ihn selig" nun das Apostroph weg. Manches im Duden ist auch überhaupt nicht nachzuvollziehen, denn es heißt nun "im Guten wie im Bösen", sowie "Gut und Böse unterscheiden können" aber "jenseits von gut und böse", wobei "Guten" und "gut" rot gefärbt sind! Richtig wäre es meiner Ansicht nach, "gut" und "böse" rot zu färben, denn diese Wörter schrieb man nach der alten Rechtschreibung groß. Dass man sie nun kleinschreibt, muss man nun einfach glauben, denn berufen darf man sich auf den Duden nun ja nicht mehr! Die meisten Änderungen sind aber glaubhaft, z.B. dass aus "Er sagte heute morgen guten Morgen." nun "Er sagte heute Morgen Guten Morgen." wird, oder dass "nicht öffentliches Liebkosen nichtehelicher selbständiger Kinder" nun auch "nichtöffentliches Liebkosen nicht ehelicher selbstständiger Kinder" geschrieben werden darf ("nichtleitend" wird aber falsch und muss zu "nicht leitend" werden). Nichtsdestotrotz wird die Rechtschreibung durch die neuen Regeln insgesamt nicht wirklich einfacher, wie auch die folgenden paar Beispiele zeigen:

Lass
uns das Wort kleinschreiben und dann den klein karierten Zettel klein schneiden.
( Laß uns das Wort klein schreiben und dann den kleinkarierten Zettel kleinschneiden. )

Kleinkarierte Rücksichtnahme auf das klein gedruckte klein Gedruckte wird klein geschrieben.
( Kleinkarierte Rücksichtnahme auf das kleingedruckte Kleingedruckte wird kleingeschrieben. )

Seine Pläne gingen allzu oft allzu weit ins Uferlose, sodass die Ultima Ratio ein Albtraum wurde.
( Seine Pläne gingen allzuoft allzu weit ins uferlose, so daß die Ultima ratio ein Alptraum wurde. )

Soweit ich es beurteilen kann, ist es nun so weit, dass es ihm so weit gut geht.
( Soweit ich es beurteilen kann, ist es nun soweit, daß es ihm soweit gutgeht. )

Soviel ich weiß, bedeutet sein Wort so viel wie gar nichts, aber so viel weißt du längst.
( Soviel ich weiß, bedeutet sein Wort soviel wie gar nichts, aber so viel weißt Du längst. )

Laut immer währendem Kalender bleiben immergrüne Blätter immerhin immer grün.
( Laut immerwährendem Kalender bleiben immergrüne Blätter immerhin immer grün. )

Daher kommt nicht infrage, dass er einfach irgendwann daherkommt.
( Daher kommt nicht in Frage, daß er einfach irgendwann daherkommt. )

All die Babys haben überschwänglich Ach und Weh geschrien.
( All die Babies haben überschwenglich ach und weh geschrieen. )

Es musste so kommen, dass dir irgendjemand wehtut.
( Es mußte so kommen, daß Dir irgend jemand weh tut. )

Ich erkläre kopfschüttelnd an Eides statt, dass ich Kopf stehend Eis laufen kann.
( Ich erkläre kopfschüttelnd an Eides Statt, daß ich kopfstehend eislaufen kann. )

Umso
besser, dass die Zeit nun in null Komma nichts um sein müsste.
( Um so besser, daß die Zeit nun in Null Komma nichts umsein müßte. )

Lässt
man sich voll laufen, so wird man vollleibig.
( Läßt man sich vollaufen, so wird man volleibig. )

Diese richtig gehende Uhr ist eine richtiggehende Blamage.
( Diese richtiggehende Uhr ist eine richtiggehende Blamage. )

Du hast Recht, es war rechtens, Anzeige gegen unbekannt zu erstatten.
( Du hast recht, es war Rechtens, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. )

Wenn ich eine Hand voll Weisheiten zum Besten gebe, wird er mich gesundschreiben.
( Wenn ich eine Handvoll Weisheiten zum besten gebe, wird er mich gesund schreiben. )

Mithilfe dutzender Tipps musst du
nicht hungers sterben.
( Mit Hilfe Dutzender Tips mußt Du nicht Hungers sterben. )

Wir brauchen am nötigsten, was uns in rauen Zeiten am Nötigsten fehlt.
( Wir brauchen am nötigsten, was uns in rauhen Zeiten am Nötigsten fehlt. )

Das grüne schwarze Brett war am Schwarzen Freitag gräulich voll.
( Das grüne Schwarze Brett war am Schwarzen Freitag greulich voll. )

Da waren lauter Meldungen über den Roten Planeten auf gräulichen Zetteln.
( Da waren lauter Meldungen über den roten Planeten auf gräulichen Zetteln. )

Er wurde wieder geboren, damit er sein so genanntes Ass sovielmal platzieren konnte.
( Er wurde wiedergeboren, damit er sein sogenanntes As sovielmal plazieren konnte. )

Wenn Sie Acht geben, können Sie so viel Sie wollen Ihre Haare föhnen.
(Wenn Sie acht geben, können Sie soviel Sie wollen Ihre Haare fönen. )

Mit Afrolook und 8-mal Aftershave kann es heute Abend nur noch abwärts gehen.
( Mit Afro-Look und 8mal After-shave kann es heute abend nur noch abwärtsgehen. )

Für Dienstagabend ist im Klub Jogurt mit Rote Beete festgesetzt.
( Für Dienstag abend ist im Club Joghurt mit rote Bete festgesetzt. )

Die oberen zehntausend sind dienstagabends schick und scharmant.
( Die oberen Zehntausend sind dienstags abends chic und charmant. )

Vor kurzem zog ich beim Kauf von fest kochenden Kartoffeln den Kürzeren.
( Vor kurzem zog ich beim Kauf von festkochenden Kartoffeln den kürzeren. )

Ich beobachtete die vollleibige Schneeeule bei der Kleeernte im Nassschnee.
( Ich beobachtete die volleibige Schnee-Eule bei der Klee-Ernte im Naßschnee. )

Zum Schluss kam ein unschlüssiger schussliger Erstklässler in die Klasse.
( Zum Schluß kam ein unschlüssiger schusseliger Erstkläßler in die Klasse. )

Da ich mir auch diese Beispiele selbst ausgedacht habe, also die nicht maßgebliche Interpretation der neuen Regeln durch die Duden-Redaktion meinerseits erneut nicht maßgeblich interpretiert habe, gibt es natürlich wenig Hoffnung, dass keinerlei Fehler darin sind. Dabei habe ich auf viele nun optionale eindeutschende Schreibungen bewusst verzichtet, z.B. Anschovis (Anchovis), Bravur (Bravour), Schose (Chose), Krem (Creme), Krepp (Crêpe), Dränage (Drainage), Fassette, (Facette), Grislibär, (Grizzlybär), Handikap (Handicap), Kaki (Khaki), Katarr (Katarrh), Katode (Kathode), Myrre (Myrrhe), Nugat (Nougat), Panter (Panther), Paragraf (Paragraph), Plattitüde (Platitude), Polonäse (Polonaise), puschen (pushen), Skore (Score), transchieren (tranchieren) und Wagon (Waggon). Man beachte auch, dass "Thunfisch" in "Tunfisch" geändert werden darf, das "th" in "Thymian" aber bleiben muss. Ebenso kann "Eurhythmie" als "Eurythmie" geschrieben werden, aber das "rh" in "Rheuma" oder "Rhabarber" darf nicht wegfallen. Entgegen mancher Gerüchte dürfen auch die Schreibungen von "Rhythmus" oder "Restaurant" nicht geändert werden, wohl aber "Spaghetti" in "Spagetti". Man kann insgesamt nur zu einem Schluss kommen: Diese Reform hat Rechtschreibung defacto abgeschafft. Insofern kann man sich ein neues Wörterbuch, insbesondere den Duden, gleich schenken. Ein abschließendes Beispiel: Schwarz gedruckt ist darin "innewohnen". Rot gedruckt sind "inne sein" und "innewurde". Und was für eine Merkregel denken wir uns hierzu aus?

14.09.96 -- York Werres.



11.11.96 -- York Werres (eMail, WWW).