Die Entdeckung des Clemensbriefes an Theodorus

Die Entdeckung des Clemensbriefes an Theodorus

von
Morton Smith

aus: Morton Smith: "Auf der Suche nach dem historischen Jesus", Ullstein, Frankfurt/Main 1974,
Übersetzung des Originals "The Secret Gospel", Harper & Row, New York, 1973




[1958:]

Suchen Sie nie einen Ort auf, der Sie faszinierte, als Sie jung waren - Sie entdecken nicht nur seine Veränderungen, sondern auch Ihre eigenen! Natürlich war in Jerusalem vieles gleichgeblieben, Vater Kyriakos herzlich und weise wie je. Viele meiner anderen Freunde im Patriarchat schienen sich kaum verändert zu haben. Als ich aber im Taxi nach Mar Saba hinausflitzte (von der Stadt zwanzig Minuten auf der neuen Militärstraße), sah ich voraus, was mich erwartete.

Strom war eingerichtet worden, und nicht einmal die byzantische Liturgie kann direktes Licht überleben. Vielleicht war's ganz gut so, denn es gab mir Gelegenheit, der Beleuchtung die Schuld für mein Versagen zu geben, mit dreiundvierzig Jahren so empfänglich zu sein, wie ich es mit sechsundzwanzig gewesen war. Sechs Stunden Andacht, auf die man nicht anspricht, sind ein bißchen zuviel, aber als Gast des Patriarchen bestand für mich keine Verpflichtung, ihr beizuwohnen. Bald nahm ich meine wissenschaftlichen Arbeiten als Entschuldigung, wenn ich die meiste Zeit in meiner Zelle zubrachte und die Abgeschlossenheit und Stille genoß, wofür das Kloster ja gegründet war. Mein alter Freund, Archimandrit Seraphim, hatte nun die Leitung und sah darauf, daß die traditionelle Ordnung eingehalten wurde. So folgte ein ruhiger, stiller Tag dem anderen, als ich mich dem Lesen, Lokalisieren und Katalogisieren der Handschriften widmete.

Jeden Morgen nach der Andacht, ausgenommen sonntags, stieg ein Mönch mit mir die vielen Stufen hinauf, die zum alten Turm führten - es müssen im ganzen ein Dutzend oder fünfzehn Stockwerke gewesen sein -, und saß geduldig dabei, während ich mir Band für Band der Bücher und Handschriften vornahm, die überall auf dem Fußboden und in den Bücherschränken aufgestapelt waren, die an den Seitenwänden des obersten Turmzimmers standen. Ich leerte zuerst ein Fach und reihte dann die Bücher auf, die ich inspiziert hatte. Enthielt ein Band Handschriftliches, stellte ich ihn beiseite. Wenn ich drei oder vier handschriftliche Aufzeichnungen gefunden hatte, gratulierten wir uns. Der Raum wurde abgeschlossen, das Handschriftliche nahm ich in meine Zelle zu näherer Untersuchung mit. Am anderen Morgen brachte ich die Sachen zurück und bearbeitete ein oder zwei weitere Fächer, fand vielleicht wieder einiges Handgeschriebene und machte so weiter. Allmählich kam Ordnung in das Bücherchaos, und als die Reihe der gedruckten Texte auf der einen Seite des Raums anwuchs, lag auf der anderen eine weitaus kleinere Zahl von katalogisierten Handschriften.

Von Mar-Saba-Handschriften hatte ich nicht viel erwartet, weil ich wußte, daß im vorigen Jahrhundert fast alles nach Jerusalem gebracht und in der Bibliothek des Patriarchats katalogisiert worden war. Es bestand aber immerhin die Möglichkeit, daß etwas übersehen oder daß andere Handschriften von Mönchen aus anderen Klöstern hergebracht worden waren. Jedenfalls war es nützlich zu wissen, was die Bibliothek enthielt. [Das vollständige Verzeichnis meiner Funde, übersetzt und herausgegeben von Archimandrit Constantine Michaelides, wurde in der Zeitschrift des Patriarchats, Nea Sion, u. d. T. Hellenika Cheirographa en tei Monei tou Hagiou Sabba 52 (1960) 110ff. u. 245ff. veröffentlicht.]

So registrierte ich geduldig Abschriften von Gebetbüchern, Hymnen, Predigten, Heiligenleben, Anthologien aus den Kirchenvätern usw. - die einem mönchischen Gemeinwesen angemessene und zu erwartende Lektüre.

Viele der gebundenen Bücher enthielten ausgedehnte handschriftliche Passagen. Die Buchbinderseiten auf den Innenseiten der Buchdeckel, leere Seiten zwischen Kapiteln, sogar die Papierränder waren ausgenützt worden. Offensichtlich war im 17., 18. und 19. Jahrhundert, woher fast alle Abschriften und Einfügungen stammten, in Mar Saba das Papier knapp gewesen.

Ich entdeckte auch, daß weit älteres Handschriftliches zum Binden der Bücher verwendet worden war. So waren z.B. zwei Blätter einer Sophokles-Handschrift aus dem 15. Jahrhundert als Innendeckblätter für eine venezianische Ausgabe der Morgen- und Abendgebete (diese Seiten habe ich als "New Fragments of Scholia on Sophocles' Ajax" Greek, Roman and Byzantine Studies 3 (1960) 40ff. beschrieben) aus dem 18. Jahrhundert hergenommen worden. Wo Einbände zerrissen waren, kam ich darunter manchmal auf noch älteres Geschriebenes. Offenbar hatten die Mönche irgendwann in der Vergangenheit eine Menge loser Blätter aus mittelalterlichen Handschriften und klebten sie zusammen, um so Pappe zum Binden neuerer Werke zu gewinnen. Ich vermutete, daß dies nach dem großen Feuer im 18. Jahrhundert geschehen war. Bücher sind schwer zu verbrennen, und so muß der Brand eine Menge Bücher übriggelassen haben, deren Ränder angesengt waren und abbröckelten, deren innere Seiten aber fast unbeschädigt geblieben waren. Diese Vermutung half mir jedoch nicht, die verlorenen Texte wiederherzustellen. Die Erlaubnis, die Bücher zu studieren, schloß nicht die andere ein, sie auseinanderzunehmen. So versöhnte ich mich allmählich mit meinen schlimmsten Erwartungen und sagte mir jeden Tag vor, daß ich nichts von Bedeutung entdecken würde.

Dann, eines Nachmittags, gegen Ende meines Aufenthalts, saß ich wie gewöhnlich in meiner Zelle. Ich starrte ungläubig auf einen klein gekritzelten Text, den zu lesen ich im Turm nicht einmal versucht hatte, als ich das Buch herausnahm, das ihn enthielt. Nun, da ich ihn allmählich entzifferte, begann er so:

"Aus den Briefen des höchst heiligen Clemens, des Autors der Stromateis. An Theodoros." Es ging mit einem Lob an den Empfänger weiter, daß er die Karpokratianer "zum Schweigen gebracht" habe. Die Stromateis ist, wie ich wußte, ein Werk des Clemens von Alexandria, eines der frühesten und geheimnisvollsten der großen Kirchenväter -frühchristliche Schriftsteller von überragender Bedeutung. Ich war mir ziemlich sicher, daß von ihm keine Briefe erhalten sind. Also hatte ich - wenn dieses Handgeschriebene war, was es sein wollte - einen bisher unbekannten Text eines für die frühchristliche Kirchengeschichte hochbedeutsamen Schriftstellers vor mir. Außerdem würde unser Wissen von den Karpokratianern erweitert - eine der skandalösesten gnostischen Sekten, frühe und extreme Abweicher vom Christentum. Wer Theodoros war, hatte ich keine Ahnung und habe sie immer noch nicht. Aber Clemens und die Karpokratianer waren mehr als genug für einen Tag.

Ich beeilte mich, den Text zu fotografieren, und nahm ihn für alle Fälle dreimal auf. Als nächstes erhob sich das Problem, das Buch zu identifizieren, auf dessen hinteren Deckel der Text geschrieben war. Der Vorderdeckel und die Titelseite fehlten (die meisten Bücher der Turmbibliothek hatten ein hartes Leben hinter sich), und auf dem Buchrücken war nichts, aber ich merkte bald, daß es sich um eine Ausgabe der Briefe des hl. Ignatius von Antiochia handelte (auch ein früher Kirchenvater). Das Vorwort war von Isaac Voss, dem berühmten holländischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts, unterzeichnet. Voss' Arbeit über Ignatius war, wie ich wußte, mehrere Male gedruckt worden, und so kam ich auf die Idee, daß ich die vorliegende Ausgabe bestimmen konnte, wenn ich die ersten und die letzten erhaltenen Seiten fotografierte und sie mit vollständigen Bänden verglich; ich machte die Aufnahmen (es stellte sich dann heraus, daß es die Ausgabe von 1646 war). Dann läutete die Glocke zur Vesper, ich verließ die Zelle - auf Wolken wandelnd.

Der nächste Tag brachte andere Handschriften und andere Probleme. Wenn ich die Bibliothek katalogisieren wollte, konnte ich mich nicht hinsetzen und diesen einen Text in allen seinen Einzelheiten studieren. Und eine Bibliothek, die einen solchen Text geliefert hatte, gab vielleicht noch einen anderen her. Tatsächlich - am Tag darauf stieß ich auf einen alten Einband, der sich so weit aufgelöst hatte, daß ich die 'Pappen' herausnehmen konnte, um die herum das Leder angenäht worden war. Sie waren durch Zusammenkleben von Blättern eines handschriftlichen Textes aus dem 15. Jahrhundert, "St. Macarius von Ägypten", hergestellt worden; dieser Name war benützt worden, um damit eine Sammlung alter syrischer Häretiker zu verschleiern. Ich versuchte es mit ein bißchen Wasser an einer Ecke, um zu sehen, ob die Tinte ausliefe. Sie stellte sich als wasserfest heraus, und so war es mir möglich, die Blätter durch Aufweichen zu trennen und fast ein Dutzend zu retten; bei mehreren stellte sich heraus, daß sie Fragmente von Texten enthielten, die den Standardausgaben unbekannt waren.

Damit endete mein Aufenthalt. Ich ging nach Jerusalem zurück, blieb ein paar Tage bei Vater Kyriakos und wechselte dann nach Israel hinüber, um meine früheren Lehrer an der Hebräischen Universität zu besuchen.

Ich fand bald einen guten Fotografen und ließ meine Filme zum Entwickeln und Abziehen bei ihm. Handschriften zu fotografieren ist eine heikle Sache, besonders wenn man aus der Hand fotografieren muß, und so war ich einigermaßen besorgt. Glücklicherweise erwiesen sich aber alle Aufnahmen als gut (ich hatte ein halbes Dutzend der fünfundsiebzig katalogisierten Texte fotografiert), und so konnte ich mich hinsetzen und mit der Untersuchung anfangen.

Ich erzählte Scholem von dem Clemensbrief, und prompt sprach er von den Karpokratianern. Karpokrates soll gelehrt haben, daß die Sünde ein Mittel des Heils sei. Nur durch das Begehen aller nur möglichen Taten könne die Seele für die verletzten Rechtsansprüche weltlicher Machthaber Sühne leisten und ihr gestattet werden, in den Himmel, ihre wahre Heimat, einzugehen. Ein entfernt ähnliches Thema spielt in den Schriften einiger jüdischer Häretiker vom 17. bis zum 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle; Scholem hatte sie (Sabbatai Zevi und Jakob Frank) studiert, und jahrelange Erfahrungen im Eranos-Kreis hatten ihm die Bedeutung paralleler Erscheinungen für die Religionsgeschichte bewußt gemacht; so erhoffte er sich mehr Information über die Karpokratianer.

Dann beendete ich meine Transkription und die Übersetzung. Was ich fand, stellte Karpokrates und sogar Clemens gänzlich in den Schatten. Der Text lautet wie folgt: Brief des Clemens von Alexandria an Theodorus


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