Bezeugung
Nach der Pistis Sophia cap. 42 und 43 hat Jesus nach seiner Auferstehung außer Philippus und Matthäus auch den Thomas damit beauftragt, seine Reden schriftlich niederzulegen. Man kann daraus schließen, dass Thomas als Bürge oder Verfasser eines Evangeliums angesehen werden sollte. In der Tat ist ein Werk mit dem Titel "Evangelium des Thomas" in der Überlieferung seit dem 3. Jh. bekannt.
In seinem Bericht über die Naassener erwähnt Hippolyt (gestorben 235) ein "Evangelium nach Thomas" und zitiert auch aus diesem Werk. Um 233 n. Chr. erwähnt Origenes in seiner ersten Lukashomilie neben dem Evangelium des Matthias auch das Evangelium nach Thomas unter den heterodoxen Evangelien. Sein Zeugnis wird in lateinischer Übersetzung oder Paraphrase von Hieronymus, Ambrosius und Beda Venerabilis übernommen. Im griechischen Bereich zählt Eusebius von Caesarea, wahrscheinlich in Nachfolge des Origenes, ein Thomasevangelium zur Gruppe der Apokryphen rein heterodoxen Charakters; er reiht es zwischen Petrus- und Matthias-Evangelium ein. Auch Philippus von Side erklärt um 430 im Anschluss an Eusebius in einem Fragment seiner Kirchengeschichte, "die meisten der Alten" hätten das sogenannte Thomasevangelium ebenso wie das Evangelium der Hebräer und das des Petrus "völlig verworfen", "indem sie sagten, dass diese Schriften das Werk von Häretikern seien". Zu den "falschen Evangelien" zählt er außerdem das Ägypterevangelium, das Evangelium der Zwölf und das Evangelium des Basilides.
Eine Reihe von griechischen Zeugen rechnet ein "Evangelium nach Thomas" zu den Schriften, die von den Manichäern benutzt oder sogar, wie gelegentlich versichert wird, von ihnen verfaßt wurden. Kyrill und seine Abschreiber bezeichnen den Verfasser selbstverständlich nicht als einen Apostel, sondern als einen Schüler des Mani, der ebenfalls Thomas hieß. Bemerkenswert sind die Zeugnisse des Pseudo-Leontius und des Timotheus von Konstantinopel, die beide das Thomas-Evangelium eng mit dem Philippus-Evangelium verbinden, das sie unmittelbar danach erwähnen. Timotheus unterscheidet zudem ausdrücklich das Thomasevangelium von einem anderen Apokryphon, den Kindheitsgeschichten des Herrn, indem er die beiden Werke an verschiedenen Stellen seiner Liste manichäischer Schriften (unter Nr.9 bzw. 13) einordnet.
Das Pseudo-Gelasianische Dekret nimmt in seinen Katalog der libri non recipiendi auch ein "Evangelium nomine Thomae, quibus Manichaei utuntur, apocryphum" auf. Unklar ist hierbei, ob es sich um das (häretische) Thomasevangelium oder um das dem Thomas zugeschriebene Kindheitsevangelium handelt. Gleiches gilt auch für zwei weitere Erwähnungen eines Thomasevangeliums, einmal in der Stichometrie des Nikophorus, zum anderen in der "Synopsis" des Ps.-Athanasius.
Überlieferter Bestand
Bis zur Entdeckung der Schriften von Nag Hammadi war außer dem "Zitat" bei Hippolyt vom Text des Thomasevangeliums nichts bekannt. Mit dem Fund der koptisch-gnostischen Bibliothek liegt nun eine sahidisch abgefasste Sammlung von 114 Logien vor, die in der Subscriptio als "Evangelium nach Thomas" bezeichnet wird. Die Einleitung bestätigt den Titel.
Der Codex II von Nag Hammadi, in dem das Thomasevangelium überliefert ist, wird auf ca. 400 datiert. Es ist aber nachweisbar, dass die Handschrift eine bedeutend ältere koptische Vorlage gehabt hat.
Bereits 1952 hat H.-Ch. Puech festgestellt, dass Teile dieses Evangeliums schon seit längerer Zeit in griechischer Sprache vorlagen, nämlich in den um die Jahrhundertwende gefundenen Oxyrhynchus Papyri 1,654 und 655. Unabhängig von Puech hat G. Garitte ebenfalls diese Zusammengehörigkeit erkannt, hat allerdings sehr weitreichende Folgerungen hinsichtlich des Verhältnisses des griechischen zum koptischen Text gezogen, die sich aber als unhaltbar erwiesen haben. Für diese Frage ist zu beachten, dass die Reihenfolge der Sprüche im koptischen Text von der in Pap.Ox. abweicht (Log. 30 und 77 stehen in Pap.Ox. 1 zusammen) und dass es auch im Text gelegentlich Unterschiede gibt (vgl. Log. 5 mit Pap.Ox. 654). Für den koptischen Text ist weiter eine stärker gnostisierende Tendenz anzunehmen. Man wird feststellen müssen, dass der erhaltene griechische Text, der aus drei verschiedenen Exemplaren des Evangeliums stammt, nicht die direkte Vorlage für den in Codex II von Nag Hammadi erhaltenen koptischen Text gewesen ist (und natürlich auch nicht umgekehrt). Zwischen der griechischen und der koptischen Version hat das ThEv eine Entwicklung durchgemacht.
Stellung innerhalb der altchristlichen Literatur.
Der zweite Traktat in Codex II von Nag Hammadi ist nicht identisch mit dem Kindheitsevangelium des Thomas. Wohl aber lässt sich das Werk als das "Evangelium des Thomas" identifizieren, das die alten Zeugen zu den manichäischen Schriften rechneten. Das wird zunächst schon dadurch nahegelegt, dass das Thomasevangelium von Nag Hammadi in der Handschrift seinen Platz vor dem "Evangelium des Philippus" hat wie in den Schriftenverzeichnissen des Ps.Leontius und des Timotheus. Dazu kommen eine Reihe von Parallelen zwischen einzelnen Logien und manichäischen Texten. Es ist sicher, dass das Thomasevangelium im Manichäismus bekannt war und benutzt wurde.
Vieles spricht dafür, dass diese Bekanntschaft des Thomasevangeliums im Manichäismus über Syrien vermittelt worden ist. Man nimmt heute auch weithin an, dass dieses Werk in Syrien entstanden ist, auch wenn die uns überkommenen Textzeugen aus Ägypten stammen und darüber hinaus einige Parallelen zu dem Ägypterevangelium nachweisbar sind. Diese Parallelen dürfen aber nicht überbewertet werden, da es sich zum Teil wohl um "Wandersprüche" handelt (z.B. Log. 22 und 37).
Die Herkunft des Thomasevangeliums aus Syrien lässt sich aus manchen Indizien erschließen. Zunächst ist auf die Aussage des Prologs zu verweisen, wonach "Didymus Judas Thomas" der Verfasser oder Redaktor dieses Evangeliums sein soll. Diese auffällige Namensform begegnet auch in den Thomasakten und in anderen in Syrien beheimateten Werken. Nicht nur durch diese Namensform, sondern auch durch den Rang, der dem Thomas zugewiesen wird (vgl. Log. 13), wird der syrische Hintergrund dieses Textes deutlich. Weitere Parallelen, die vor allem A. Baker und G. Quispel herausgearbeitet haben, bestätigen das. In Bildern und Gleichnissen, in denen von der Rückkehr in den Urzustand und von der Aufhebung des Zustandes des Gespaltenseins und der Trennungen die Rede ist, wird der syrische "Mutterboden" ebenso deutlich wie in der Rolle, die den "Kleinen" zugewiesen wird (Log. 46). Auch Parallelen zu dem Liber Graduum seien erwähnt. Die in diesem Zusammenhang sich stellende Frage nach dem Verhältnis des Thomasevangeliums zu dem Diatessaron ist - nach Menard und Quispel dahingehend zu beantworten, dass beide Texte im gleichen syrischen Milieu entstanden sind und auf gleiche syrische Vorlagen zurückgegriffen haben. Inwieweit man dabei eine gemeinsame judenchristliche Tradition als Grundlage annehmen kann, ist umstritten.
Man hat auch auf die Nähe dieses Textes zum Schriftgebrauch der Naassener hingewiesen. Nach Hippolyt harmonisierten diese Gnostiker Texte der kanonischen Evangelien, wie am Beispiel des Gleichnisses vom Sämann aufzuweisen sei. Ähnliches soll auch für das Thomasevangelium zutreffen (vgl. Log. 19, 39 und 45). Aber es ist sehr fraglich, ob hier wirklich eine Analogie nachzuweisen ist.
Literarische Gattung, Quellen und Verhältnis zu den kanonischen Evangelien
Die Gattung des Thomasevangeliums ist eindeutig zu bestimmen: es ist eine Spruchsammlung. Das Werk ist also ein Beweis für die Existenz derartiger Sammlungen (als literarischer Gattung). Einleitung und Log. 1 machen deutlich, dass diese Sammlung von Jesusworten Heilsbotschaft sein will und diese Textsorte daher als "Spruchevangelium" bezeichnet werden kann. Dabei ist der Unterschied zu den gnostischen Offenbarungsschriften (z.B. zu den "Dialogen") nicht zu übersehen. Dem Thomasevangelium geht es nicht um geheime Belehrungen, und es will auch nicht die Jesustradition ergänzen. Dieses Werk ist losgelöst von der Geschichte Jesu und repräsentiert in autarker Weise das 'Evangelium', indem es die 'verborgenen Worte' des 'Lebendigen', immer gegenwärtigen Jesus überiiefert. Es fehlt jede Bezugnahme auf das Wirken Jesu oder auf seinen Tod und seine Auferstehung. Die hier zusammengestellten einzelnen Worte sind das 'Evangelium'.
Ein Ordnungsprinzip ist bei dieser Spruchsammlung kaum festzustellen. Nur Stichwortverknüpfungen verbinden manche Sprüche zu kleineren Gruppen. Gerade in dieser Aneinanderreihung von Einzelsprüchen macht das Thomasevangelium einen sehr altertümlichen Eindruck.
Möglicherweise hat allerdings der Redaktor schon kleinere Gruppen von Sprüchen vorgefunden und in seine Sammlung aufgenommen. Das ist nicht sicher nachzuweisen, lässt sich aber vermuten. Mit dieser Frage hängt nun das Problem der Quellen des Thomasevangeliums zusammen, das bis heute umstritten ist. Das Werk enthält ohne Zweifel Sammelgut sehr unterschiedlicher Herkunft. Ungefähr die Hälfte der Sprüche hat Parallelen in den synoptischen Evangelien. Die anderen Logien sind teils völlig unbekannte Jesusworte, teils 'Agrapha', die schon bisher bekannt waren. Man kann diese Logien auch noch danach unterscheiden, ob sie in Form und Inhalt synoptischen Charakter haben oder 'gnostische' Sprüche sind. Dieser komplexe Sachverhalt macht eine eindeutige Antwort auf die Frage, wie sich Thomasevangelium und kanonische Evangelien zueinander verhalten, sehr schwer. Man hat denn in der bisherigen Forschung auch sowohl die Abhängigkeit wie die Unabhängigkeit der Sprüche nachzuweisen sich bemüht.
Nun kann dieses Problem hier nicht ausführlich erörtert werden. Es sei nur zusammenfassend gesagt: Man wird das Thomasevangelium als eine Spruchsammlung anzusehen haben, die auf eine oder mehrere Vorstufen zurückgeht und die nicht von den kanonischen Evangelien oder der Spruchquelle Q direkt abhängig ist. Diese Sammlung ist als eine Parallelerscheinung zu Q anzusehen und gehört in die Frühgeschichte der Evangelienbildung.
Ort und Zeit der Entstehung
Über die Gründe für die Annahme einer syrischen Provenienz des Thomasevangeliums ist schon berichtet worden. Eine genauere Bestimmung des Ortes der Entstehung ist nicht möglich. Ebenso lässt sich die Zeit der Abfassung nicht präzise angeben. Man kann nur sagen: es spricht viel dafür, dass das Thomasevangelium um die Mitte des 2. Jh. im östlichen Syrien entstanden ist, wobei allerdings das zusammengestellte Spruchmaterial zum Teil auch bis in das 1. Jh. zurückreichen kann.
Theologische Motive.
Das ThEv ist literarisch mehrschichtig, sperrt sich daher gegen eine theologische Charakterisierung und stellt diese vor schwierige methodische Aufgaben. Es können daher hier nur einige wichtige Aspekte aufgezeigt werden.
Jesus erscheint als der Lebendige, d.h. als der Auferstandene, der Sohn des lebendigen Vaters, der alle irdische Form abgelegt hat. Jesus ist der Offenbarer, der den Jüngern das Geheimnis seiner - und ihrer - Herkunft mitteilt. Er ist derjenige, der den Jüngern dieses Geheimnis erklärt. Nur den Auserwählten ist seine himmlische Gestalt erkennbar. Jesus ist eins mit dem Vater, eins mit dem Lichtreich, aus ihm ist alles hervorgegangen, er ist in allem enthalten. Apokalyptische Schilderungen fehlen im Thomasevangelium ebenso wie Menschensohnworte. Jesus ist auch nicht der von den Propheten erwartete Messias (Log. 52).
Die Welt wird negativ beurteilt (Log. 55, 56 und 80). Der menschliche Körper ist ein Leichnam. Der Gegensatz von Welt/Leib/Tod einerseits und Reich des Vaters/Erkenntnis/ Leben andererseits bestimmt die Sprache des Thomasevangeliums (vgl. auch Log. 3, 35 und 103). Der Mensch ist, wenn auch "trunken", d.h. unwissend, doch göttlichen Ursprungs (Log. 3, 85 und 87), er ist nach göttlichem Bild geschaffen (Log. 50; vgl. auch Log. 83 und 84). Diejenigen, die "Ohren haben, zu hören" (Log. 24 u. ö.), und die die Botschaft Jesu verstehen und Jesu wahre Gestalt erkennen, die lernen auch, dass sie selber der Lichtwelt, dem Einen, zugehören.
Das 'Königreich' (das 'Reich des Vaters' oder das 'Reich des Himmels') ist ein Zentralbegriff des Thomasevangeliums. Dabei wird der Unterschied zu der Reichspredigt Jesu in den synoptischen Evangelien besonders deutlich: die eschatologische Ausrichtung auf die Zukunft fehlt fast völlig. Gewiss ist von "eingehen" oder "finden" die Rede und zwar durchaus in zukünftigem Sinn. Aber diese Aussagen hängen engstens mit der Aussage zusammen, dass der Jünger aus dem Reich stammt (Log. 49). Wichtig scheint nur die Gegenwärtigkeit des Reiches zu sein, die allerdings stark spiritualisiert ist (Log. 113). Manchmal scheint es so, dass die Rückkehr in das 'Reich' nicht nur die gnostische Vorstellung von der Prä-Existenz der Seelen voraussetzt, sondern dass das 'Reich' Wechselbegriff mit dem göttlichen Selbst des Jüngers (= des Gnostikers) ist.
Damit hängt nun eine weitere Eigentümlichkeit des Thomasevangeliums zusammen: es lassen sich kaum Spuren einer Gemeinschaftsbildung erkennen, und ekklesiologische Gedanken fehlen völlig. Der Zugang zum 'Reich' wird den einzelnen, von dem Ruf Jesu Erreichten zugesagt. Es sind die 'Kleinen', die 'Einzelnen', die 'Einsamen', die das 'Reich' und damit die 'Ruhe' erreichen. Theologiegeschichtlich laufen viele Linien im ThEv zusammen und von ihm zu anderen Schriften, ohne dass es sich einer bestimmten Gruppe zuordnen lässt. Die Wurzeln reichen weit zurück in die Verkündigung Jesu, in judenchristliche-gnostische Kreise (vielleicht Transjordaniens); es gehört in die stark gnostisierende Thomasverehrung Ostsyriens hinein, in der wohl auch die asketischen (enkratitischen) Tendenzen des ThEv beheimatet sind. Irgendwelche Verbindungen bestehen auch zu valentinianischen Vorstellungen (z.B. die des "Brautgemachs"; Spr. 75). Aber in der Bibliothek von Nag Hammadi scheint das ThEv ein Fremdling zu sein; einstweilen kennen wir seine 'wahren Verwandten' noch nicht.