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Jörg Wollenberg

  Spurensuche:
 Von Ahrensbök nach Auschwitz und zurück
- Erinnerungsmale einer norddeutschen Kleinstadt -
  Auschwitz-Fürstengrube
   
  Im Juni 1944 legte der Kriegstagebuchführer des Wehrmachtsführungsstabes, der Göttinger Historiker Percy Ernst Schramm, ein Gutachten zur „Treibstoff-Frage vom Herbst 1943 bis Juni 1944“ vor.
Angesichts der russischen Offensive an der Weichsel und der bevorstehenden Landung der Allierten im Westen hielt Schramm die deutsche „Mineralölwirtschaft der Festung Europa“ für gefährdet. „Die Kampfführung zu Lande, zu Wasser und in der Luft war auf das höchste bedroht“, heißt es in dem Nachtrag zum Gutachten im Jahre 1945.
Das Gutachten beginnt mit einer Würdigung der deutschen Wissenschaft, die das Rohstoffmonopol der alliierten Gegner durch die Herstellung von synthetischem Gummi (Buna) und von synthetischem Benzin gesprengt hatte.
Der Chemiegigant „Interessengemeinschaft Farbenindustrie AG“  nutzte diese Erfindung, um  ab 1942 unweit der ins „Großdeutsche Reich“ eingegliederten Stadt Oswiecim/Auschwitz Fabrikationsstätten für synthetischen Treibstoff und synthetischen Gummi aufzubauen und dazu beizutragen, dass die deutsche Wehrwirtschaft und Kriegsführung durchhaltefähig blieb.
So entstand der I.G. Auschwitz - Komplex, der nicht nur durch die Verflechtung von Industrie, staatlichen Organen, Wehrmachtsführung und SS ermöglicht wurde, sondern erst nach den Vorarbeiten der Techniker, Ingenieure und Chemiker realisiert werden konnte. Die Entscheidung für diesen Industriestandort fiel deshalb auf Auschwitz III, weil das nahegelegene Konzentrationslager die Vermittlung billiger Arbeitskräfte versprach.
Entgegen allen Beteuerungen der Angeklagten im Nürnberger Nachfolgeprozess gegen die I.G. Farben von 1947/48 gilt es als erwiesen, dass die Initiative zum Einsatz der Häftlinge von den Verantwortlichen der I.G. Farben ausging. Die Ausweitung des Großbauprojektes Auschwitz III (Bunawerk Monowitz) um eine neue Schachtanlage in dem Aussenkommando Fürstengrube dürfte mit auf das Gutachten von Schramm zurückzuführen sein.
Der am 28.Dezember 1944 abgeschlossen Organvertrag der I. G. Farben Industrie mit der Fürstengrube GmbH in Kattowitz legte die Eingliederung in den Auschwitz - Komplex bis zum 31.Dezember 1963 fest (KV-Anklage, Fall 6, 1947/48, NI-15128). Die Überwachung der dort zur Zwangsarbeit verpflichteten 1200 KZ-Häftlinge wurde der SS übertragen. Sie bestimmte den aus der Gegend von Ahrensbök stammenden Oberscharführer Max Schmidt im März 1944 zum Leiter des Auschwitz-Nebenlagers Fürstengrube.
   
  Das Ende des Todesmarsches von Auschwitz-Fürstengrube
   
  Percy Ernst Schramm veröffentlichte den Beitrag von 1944/45 in der Festschrift für den Göttinger Völkerrechtler Herbert Kraus, den Verteidiger von Hjalmar Schacht vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal (Mensch und Staat in Recht und Geschichte, 1954, S.394-421).
     
 

 
 

.... mit Percy Ernst Schramm um 1960 in Göttingen ....

 

Als er mir 1960 einen Sonderdruck überreichte, war ich nicht in der Lage, die Bedeutung dieses Nachdrucks richtig einzuschätzen, obwohl mich die Folgen der Entscheidung für den Standort Fürstengrube schon im April 1945 eingeholt hatten: Als Achtjähriger erlebte ich als Augenzeuge die letzte Etappe des Evakuierungsmarsches der Häftlinge von Auschwitz-Fürstengrube, der für zahlreiche Männer zu einem Todesmarsch geworden war. Er endete in der Nähe meines Heimatortes Ahrensbök in Ostholstein, weil der verantwortliche Lagerführer Max Schmidt glaubte, hier in seiner Heimat die Häftlinge sicher unterbringen zu können.

   
 

Wie in allen Lagern des Auschwitz-Komplexes hatten sich in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 1945 rund 1000 KZ-Häftlinge aus Fürstengrube auf die letzte Etappe einer langen Wegstrecke begeben – zu Fuß bis Gleiwitz, von dort in Waggonwagen der Reichsbahn nach Mauthausen, wo sie wegen Überfüllung vergeblich auf „Unterkunft“ warteten; von dort über Nordhausen - Dora und Turmalin mit Elbkähnen und zu Fuß nach Neuengamme, das zum Zeitpunkt ihrer Ankunft schon aufgelöst war, und Lübeck. Der Todesmarsch endete in Ostholstein. Zusammen mit dem Kommando Klosterwerke/Dora unter Leitung des SS-Oberscharführers Johann Mirbeth erreichten rund 400 von ihnen am 13. April 1945 Ahrensbök und bezogen Lager in einer Feldscheune bei Siblin und auf den alten Gütern von Glasau und Neuglasau. Ausgemergelte Gestalten schleppten sich – vor meinen Augen - mühsam durch Ahrensbök.
Noch auf dem Weg von Lübeck über Curau nach Ahrensbök waren Häftlinge erschossen worden. „Unrecht war unser Tod. Sechs unbekannte KZ-Häftlinge. Den Lebenden zur Warnung, den Kommenden zur Mahnung“ lautet die Inschrift auf einem der Grabsteine des Ahrensböker Friedhofes für die KZ-Häftlinge, die man im Straßengraben vor Dunkelsdorf aufgefunden hatte und die am 14. April 1945 beigesetzt wurden.
Einigen der Überlebenden des Todesmarsches bin ich damals begegnet. Ich holte in jenen Tagen Milch für die Familie vom Bauern Kipp aus Neuglasau, wo der letzte Lagerführer von Auschwitz-Fürstengrube sich mit zwanzig Häftlingen auf dem Hof seines Vaters aufhielt. Andere KZ-Häftlinge, die bei Bauern, Kaufleuten und Handwerkern in der Region arbeiteten, suchten und fanden Kontakt zu den Ahrensbökern. Harry Hermann Spitz, nach 1945 erster Leiter der Musikabteilung des NWDR, Jan-Kurt Behr, seit den fünfziger Jahren Dirigent an der Met in New York, Robert Alt, der bald darauf die Pädagogik in der SBZ/DDR prägen sollte, und Salomon Lubicz, Häftlingsarzt aus Fürstengrube, der in Bordeaux nach 1945 praktizierte, zählten zu ihnen. Dem Häftlings-Dentisten Berek Jakubowicz gestattete man in den letzten Apriltagen gar, sich als Zahnarzt in der Region zu betätigen. Und einigen Überlebenskünstlern wie Hermann Joseph oder Mendel Dawidowicz gelang es noch vor Ende des Krieges, das harte Nachtlager durch fremde Federbetten zu ersetzen.
 
 

  Die CapArcona war ihr Schicksal
   
  48 der KZ-Häftlinge wurden durch eine Initiative des Lagerführers Schmidt am 30. April 1945 mit den Lastwagen des schwedischen Roten Kreuzes nach Lübeck transportiert, um sie im Rahmen des Bernadotte-Unternehmens auf schwedische Schiffe zu bringen. Andere Häftlinge leiteten die SS-Wachmannschaften über Süsel in Richtung Neustadt, wo sie auf die „Cap Arcona“ übergesetzt wurden. Dieses ehemalige Luxus-Turbinendampfschiff lag nach seinem letzten Transport von Flüchtlingen aus Ostpreußen manövrierunfähig in der Lübecker Bucht. Während ein Teil dieser Flüchtlinge in der Ahrensböker Volksschule unterkam, weshalb für uns die Schule monatelang ausfallen sollte, wurde die „Cap Arcona“ zum schwimmenden KZ für Tausende von Häftlingen vor allem aus Neuengamme und Stutthof bei Danzig. Am Nachmittag des 3. Mai 1945 griffen britische Jagdbomber die „Cap Arcona“, die „Thielbeck“ und die „Deutschland“ an. Von den mehr als 7.500 Häftlingen an Bord konnten sich weniger als 350 retten und ans Ufer schwimmen. Dort trafen sie auf ganz „gewöhnliche Deutsche“, die einige von ihnen erschlugen. Wir Jungen waren entsetzt und verstört. Es waren die einzigen Toten des Zweiten Weltkrieges, die ich in dem von Kampfhandlungen weitgehend verschonten Ostholstein gesehen habe. Einige von ihnen liegen noch heute an entlegenen Stellen des Strandes der Lübecker Bucht verscharrt
   
  . Vier Überlebende blieben in Ahrensbök. Mendel Dawidowicz, der Schusterkapo aus Auschwitz, arbeitete als Schuhmachermeister und wurde nach dem Kriege zusammen mit Eduard Koch einer meiner ersten Turnlehrer beim Ahrensböker Männer-Turnverein (MTV). Roman Gutreich kam in der Bäckerei vom Café Luckmann unter. Der Maurercapo aus Fürstengrube, Herzko Bawnik, zählte zu denjenigen, die nach 1945 sofort in die Dorfgemeinschaft als Taxfahrer integriert wurden. Und  der ebenfalls schnell akzeptierte Emil Löffler verzog bald nach Neustadt, wo weitere Überlebende in dem Lager für „Displaced Persons“ auf die Möglichkeit der Auswanderung in die neue Heimat warteten. Der letzte Lagerführer von Fürstengrube wie auch der die Nachkriegspolitik in Nürnberg mit prägende Lagerälteste Hermann Joseph verschwanden dagegen aus meinem Blickfeld.
   
  Begegnungen mit dem Lagerältesten und Lagerführer
   
  Trotz der so unmittelbar erfahrenen, aber nicht immer präsenten Kindheitserinnerungen holte mich diese Vergangenheit 40 Jahre später durch eine Zufallsbegegnung wieder ein und ließ mich nicht mehr los. In Nürnberg begegnete ich im Oktober 1985 den kulturpolitisch engagierten ehemaligen obersten Funktionshäftling von Auschwitz-Fürstengrube. Der als selbständiger Architekt  tätige Hermann Joseph begleitete meine neue Tätigkeit als Leiter des Bildungszentrums  der Stadt Nürnberg aufmerksam und kritisch.
Kurz nach seinem 80. Geburtstag am 20. Dezember 1988 überreichte er mir das Manuskript seiner unveröffentlichten Aufzeichnungen über seine KZ-Zeit in Natzweiler/Struthof und Auschwitz. Während seiner Untersuchungshaft in Ansbach entstanden, hatte er sie später immer wieder überarbeitet. Mehrere seiner Mithäftlinge hatten ihn schwer belastet. Und so fand - parallel zum Prozess gegen die für Fürstengrube verantwortlichen Direktoren der IG-Farben vor dem amerikanischen Militärtribunal in Nürnberg ab 1947 im Landgericht zu Ansbach einer der ersten, bislang nicht aufgearbeiteten Auschwitz - Prozesse gegen den Lagerältesten Hermann Joseph statt. ( Staatsarchiv Nürnberg, Nr. 1315-1322 der Akten des Landgerichts Ansbach).
Der Lagerführer Max Schmidt, der zunächst nach 1945 mit falschem Namen (Max Hinz) für einige Jahre im Bergbau bei Ibbenbueren untertauchte, kam dagegen mit einem Ermittlungsverfahren  vor dem Landgericht Kiel davon, das 1973 eingestellt wurde  (2Js 212/64). Mit ihm führte ich seit dem März 1995 bis zu seinem Tode in Neuglasau  zahlreiche, wenig ergiebige  Gespräche über seine Zeit in Auschwitz. Der damals 23jährige SS-Oberscharführer wurde 1944 mit einer Aufgabe konfrontiert, auf die man ihn nicht vorbereitet hatte und die ihn aus der Sicht vieler Häftlinge von dem politisch erfahrenen Sozialdemokraten Hermann Joseph abhängig werden ließ. Er charakterisierte sich als jemand, der mitgemacht habe, um Schlimmeres zu verhüten. Er konnte sich dabei auch auf einige Häftlinge berufen, die nach 1945 zunächst zu seinen Gunsten ausgesagt hatten. Einen von ihnen begegnete ich am 24. September 1999 in Boston: Benjamin Jacobs (Berek Jakubowicz).
   
  Nichts als Lüge? Lügner Jakob - Mengeles Wahrheit
   
 

Noch auf dem Wege zu seinem Haus in Chestnut Hill konnte der 80jährige, in den USA als Möbelhändler zu Wohlstand gelangte Benjamin Jacobs sein Auto vor Aufregung kaum beherrschen. Es war ein Artikel im „Boston Globe“, der ihn beunruhigte.
Die Tageszeitung berichtete am 24. September 1999 fünfspaltig über die Berliner Uraufführung des Films „Nichts als die Wahrheit“ von R.S. Richter mit Götz George in der Rolle von Josef Mengele. „Nichts als Lüge“, erregte sich Benjamin Jacobs. Mengele ein Vertreter der Sterbehilfe, der seinen Opfern Leiden ersparen wollte? Als Nr. 141129 hatte Berek Jakobowicz den Arzt das erste Mal im Sommer 1943 an der Rampe von Auschwitz-Birkenau kennen gelernt - bei der Selektion, die auch über Leben oder Tod seines Vaters entschied.
In Auschwitz III (Fürstengrube) zum Dentisten im Krankenbau aufgestiegen, nahm Berek mehrmals an weiteren Selektionen mit Mengele teil. Und diesem Mengele widmen die Deutschen heute einen Film, einem der skrupellosesten Täter der Weltgeschichte! Warum gerade jetzt, kurz nachdem Berlin Hauptstadt des neuen, vergrößerten Deutschlands geworden ist und den Anspruch erhebt, als europäische Metropole eine Führungsrolle in der Weltpolitik zu übernehmen?
Seine Bedenken konnte ich nachvollziehen: erneut eine Annäherung an die Nazi-Verbrechen aus der Sicht der Täter. Und wer widmet sich den Opfern? Nicht als Ablenkung, sondern als Vertiefung der Diskussion  schlug ich Benjamin Jacobs vor, noch am gleichen Abend die Erstaufführung von „Jakob the Liar“ (Regie Peter Kassowitz mit Robin Williams und Armin Müller-Stahl) zu besuchen. Stumm verlassen wir spät in der Nacht zum 25. September den Kinosaal und beschließen, die Diskussion über die verfilmte Erzählung von Jurek Becker am nächsten Tag fortzusetzen. Ich konnte ihn darauf hinweisen, dass die Geschichte der Juden im Warschauer Ghetto bereits einmal im noch geteilten Deutschland verfilmt worden war, und dass mich gerade diese in der DDR von der DEFA hergestellte Verfilmung des Stoffes mit Müller-Stahl und Erwin Geschonnek, einem Überlebenden der „Cap Arcona“-Katastrophe, besonders beeindruckt hatte.

  Geschonnek und anderen Überlebenden der Schiffskatastrophe in der Lübecker Bucht gilt Benjamin Jacobs neues Buchprojekt. Ich konnte seine Recherchen durch Hinweise auf Jan-Kurt Behr ergänzen. Den Dirigenten der Metropolitan Opera hatte ich noch kurz vor seinem Tode 1996 in New York kennen gelernt. Als Assistent  von George Szell und Dirigent am Deutschen Opernhaus in Prag kam der studierte Jurist über das Ghetto Lublin nach Auschwitz. Er prägte mit Harry Hermann Spitz, einst Mitglied der Wiener Philharmoniker, das Orchester von Auschwitz-Fürstengrube. Mit Benjamin Jacobs gehörte er zu den „Ostjuden“, die Ende April 1945 von der Rettungsaktion des Internationalen Roten Kreuzes (Bernadotte-Aktion) ausgeklammert blieben, obwohl sie auf Schmidts Liste standen. Graf Bernadotte erlaubte lediglich den Lagerinsassen westlicher Herkunft aus Fürstengrube und Dora die Ausreise nach Schweden. Behr berichtete später, er habe sich nicht zu den Franzosen, Belgiern oder Niederländern gemeldet, obwohl er gut Französisch spreche, sondern sich wahrheitsgemäß als Tschechoslowaken  vorgestellt. „Ehrlichkeit und Dummheit bis zum letzten Moment!“ meinte er selbst ironisch (Staatsarchiv Nürnberg, Nr 1322 der Akten des Landgerichts Ansbach).
   
  NS-Prozesse nach 1945
   
 

Diese Zeilen schrieb Behr am 30.10.1949 aus New York City an Hermann Joseph. Der erste Landesgeschäftsführer der SPD nach 1945 in Bayern und Nürnberger Stadtrat musste sich als ehemaliger Funktionshäftling aus Auschwitz-Fürstengrube von 1947 bis 1953 vor dem Landgericht in Ansbach dafür verantworten, als Lagerältester Verbrechen der Körperverletzung mit Todesfolge begangen zu haben.
Behr gehörte neben Hermann Spitz und Eugen Kogon zu den wenigen, die Joseph entlasteten. Dieses Verfahren zählt zu den wenigen Prozessen, die mit einem rechtskräftigen Urteil abgeschlossen wurden (Freispruch). Es war eines der 6487 von insgesamt 103.823 einschlägigen Ermittlungsverfahren, die zwischen 1945 und 1991 vor den bundesdeutschen Strafverfolgungsbehörden wegen NS-Verbrechen zu einem Urteil führten, also lediglich 6 Prozent. Dazu  ist auch der Prozess gegen den SS-Oberscharführer Johann Mirbeth zu rechnen. Dieser wurde am 27.November 1953 vor dem Schwurgericht in Bremen zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Zur Beurteilung stand lediglich seine Tätigkeit als Lagerführer des Auschwitz-Nebenlagers Golleschau von April 1943 bis Anfang Oktober 1944. Seine Rolle als Transportführer von etwa 400 Häftlingen von Nordhausen über Blankenburg und Lübeck nach Ahrensbök und von dort zum Gut Glasau in Sarau wurde nur am Rande behandelt. Sie diente zu seiner Entlastung, weil er sich – wie später auch Max Schmidt - darauf berufen konnte, den Häftlingen über die Bernadotte-Aktion  zur Rettung verholfen zu haben. Niedergeschlagen wurde dagegen - nach acht Jahren der Ermittlung - das Verfahren gegen Max Schmidt, den SS-Lagerführer aus Auschwitz-Fürstengrube. Anfang der 90er Jahre versuchte Benjamin Jacobs, erneut ein Strafverfahren gegen Max Schmidt in Gang zu setzen. Der Justizminister des Landes Schleswig-Holstein teilte dem Bundesminister der Justiz dazu am 3. Februar 1992 mit: „Gegen Max Schmidt wurde von der Staatsanwaltschaft in Kiel ein weiteres Verfahren im Jahre 1989 eingeleitet, das eingestellt werden musste. Aus der Berichterstattung zu diesem Verfahren ergibt sich, dass die Tätigkeit Schmidts als Angehöriger eines Wachbataillons im KZ Auschwitz in dem sogenannten ‘Auschwitz-Verfahren’ von der Staatsanwaltschaft Frankfurt untersucht worden ist. Danach sollen sich keine belastenden Gesichtspunkte gegen ihn ergeben.“ (V 320/411E-83/90-).

Am 31. Juli 1997 ließ sich Benjamin Jacobs noch einmal von dem Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Boston zum Fall Schmidt vernehmen. Dabei wurde er mit dem Ansbacher Vernehmungsprotokoll von 1949 konfrontiert. Jacobs hatte dort ausgesagt: „Der Lagerführer Schmidt war sehr gut. Er war ein junger Mann. Ich habe ihn nicht schlagen sehen.“ Jacobs dazu am 31. Juli 1997: „Die Aussage ist wahr, deshalb war ich so darüber entsetzt, dass Schmidt, der mir als anständiger Mensch erschien, so eine Grausamkeit begehen konnte“. Auf die Frage, warum er in seiner Vernehmung von 1949 diesem Fall keine besondere Bedeutung beigemessen habe, erklärte Jacobs: „Ich stand damals sehr unter dem Eindruck meiner Freilassung. Die Erschießung eines einzelnen Häftlings durch Max Schmidt war damals (1949) für mich kein besonders berichtenswertes Ereignis.“ Auch die im Vernehmungsprotokoll von 1949 beschriebene Rettungsaktion der „Weißen Busse“ des Internationalen Rote Kreuzes von Ende April 1945 bestätigte Jacobs: „Schmidt nahm mich beiseite und wies auf den bevorstehenden Besuch von Graf Bernadotte hin, der ausschließlich Lagerinsassen westlicher Herkunft die Ausreise nach Schweden ermöglichen wollte; Schmidt empfahl mir, mich als Häftling westlicher Herkunft auszugeben, obwohl er wußte, dass ich polnischer Herkunft war.“

Gewiss hat Max Schmidt im April 1945 dazu beigetragen, dass 48 Westjuden um den späteren NWDR-Musikchef Harry Hermann Spitz, Leo Klüger, Fredy Bauer, Xaver Blech und David Adler mit Hilfe des Grafen Bernadotte gerettet werden konnten. Und es ist nicht dem Lagerführer zuzuschreiben, wenn die „Ostjuden“ Behr und Jacobs von dieser Rettungsaktion mit zahlreichen anderen Häftlingen wie z.B. dem Berliner Pädagogen Robert Alt ausgeschlossen blieben. Aber ist er deshalb ein „Schindler aus Neuglasau“, der als 23-jähriges Mitglied der SS-Leibstandarte Hitlers nur mitgemacht hat, um Schlimmeres zu verhindern? Und ist es heute angesichts der Walser-Debatte angemessen, einen Film über Mengele zu drehen und ihm in einem fiktiven Prozess die Gelegenheit zu geben, sich als einen Vertreter der Sterbehilfe darzustellen?

   
  Niemand war dabei  und keiner hat’s gewusst
   
 

Die Mehrheit der Bürger Ahrensböks will von diesen Ereignissen nichts mitbekommen haben. Erst Gerhard Hochs Studien über den „Leidensweg der 1200 jüdischen Häftlinge aus Fürstengrube“ weckten nach 1990 die Erinnerung und führten zur Gründung der „Gruppe 33“. Dieser „Arbeitskreis zur Zeitgeschichte in Ahrensbök e.V.“ regte ein „Wegzeichenprojekt“ an.

Jugendliche gestalteten aus Lehm und Beton Stelen (Wegzeichen), die heute die Strecke des Todesmarsches von Lübeck über Ahrensbök nach Neustadt markieren. Mit der Gründung eines gemeinnützigen Trägervereins gelang es, am 8. Mai 2001 in dem desolaten Direktorenhaus der 1883 gegründeten Zuckerfabrik - mit Unterstützung der Landesregierung Schleswig-Holstein – eine NS-Gedenkstätte einzurichten.
Dieses Gebäude in Ahrensbök – Holstendorf, direkt an der Bundesstraße 432 gelegen, erlebte in seiner über hundertjährigen Geschichte bemerkenswerte Umwandlungen. In dem zwischenzeitlich von der Chemischen Fabrik Dr. Christ AG übernommenen Komplex eröffnete z.B. das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im November 1932 ein Lager des „Freiwilligen Arbeitsdienstes“ für 60 jugendliche Anhänger der SPD, bevor es vom 10. Oktober 1933 bis zum 5. Dezember 1933 für rund 100 „Schutzhäftlinge“ als Konzentrationslager diente. Die Häftlinge zogen am 5. Dezember  1933 bis zur Auflösung des KZ im Mai 1934 in den Ortskern von Ahrensbök um (Schusterei Schraage, Plöner Str.15). Das  KZ-Gebäude wurde dagegen ab 6.Dezember 1933 in eine Realschule umgewandelt.

Es gewährte für einige Monate Schülern Unterkunft – ohne Widerspruch der Schulleitung und ohne bauliche Veränderungen: die Schlafräume der Häftlinge wurden zu Schulräumen. Ende 1934 kamen hier zahlreiche SS-Mitglieder aus Österreich unter, die nach dem Verbot der NSDAP und der Auflösung von SA und SS durch die Regierung Dollfuß Österreich am 19. Juni 1934 verlassen mussten und von denen 67  im Landesteil Lübeck eingebürgert wurden. Ab Ende 1936 diente das Haus für zwei Jahrzehnte den Leitern der neu gegründeten bäuerlichen „Genossenschafts – Flachsröste GmbH“ als Büro und Wohnsitz – ab 1942 mit einem Blick auf die Sammellager der über 100 Zwangsarbeiter vornehmlich aus Belgien, Polen und der Sowjetunion. Dass dieses nach 1957 lange leerstehende Haus in den neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts noch eine Verwendung als Asylbewerberheim fand, sollte nicht unerwähnt bleiben. Wo gibt es in Deutschland  ein vergleichbares Gebäude, das wegen der Vielfältigkeit der Nutzung darauf drängt, zu einer Nachdenkstätte umgewandelt zu werden?

Als erste Etappe eines Gedenkstättenkonzepts  konnte hier endlich im ersten Jahr des neuen Jahrtausends eine Ausstellung eröffnet werden, die an den Todesmarsch von Auschwitz nach Ahrensbök erinnert. Und immer wieder kamen  seitdem dort Überlebende des Evakuierungstransportes  und Todesmarsches zu Wort – wie Samuel Taube, Benjamin Jacobs, Sam Piwnik und Albert van Hoey.

   
  Ende des Krieges und Befreiung
   
 

Dem Belgier Albert van Hoey, heute Herausgeber von „DORA“, dem Bulletin Trimestriel de l’Amicale des Prisonniers Politiques de Dora et Commandos Asbl., blieb ein besonderes Ereignis am Ende des Krieges in Ahrensbök erspart. Denn nach der Befreiung durch die am 2. Mai 1945 in Ahrensbök einrückenden britischen Truppen übergaben diese die Besatzungsherrschaft belgischen Soldaten, die wiederum die Reste der 5. SS-Sturmbrigade Wallonien verhafteten. Der belgische Kommandeur Léon Degrelle hatte seine Soldaten der freiwilligen Waffen-SS im Raum zwischen Lübeck, Eutin und Plön zum letzten Kampf für den „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler zusammengezogen. Er sollte so im April 1945 nicht nur die geheimen Verhandlungen von Himmler und Schellenberg mit dem Grafen Bernadotte um den Separatfrieden mit dem Westen wie auch die „Schachergeschäfte um Menschenleben“, denen über 6000 Juden und 15.000 Kriegsgefangene ihr Leben verdanken, absichern. Degrelle hatte außerdem die in dieser Gegend untergebrachten Mitglieder der letzten Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz zu schützen. Der Minister für Rüstung und Kriegsproduktion, Albert Speer, hielt sich z.B. mit seinen engsten Mitarbeitern in Bauwagen am Eutiner See auf, wie er in seinen Memoiren schreibt (1969, S.490). So wurde ich am Ende des Krieges noch einmal Zeuge eines denkwürdigen Ereignisses: Nach der kampflosen Besetzung Ahrensböks brachten die belgischen Truppen die Mitglieder der „verlorenen Legion“ des SS-Generals Léon Degrelle in den zum Sammellager umgewandelten Amtswiesen mitten im Ort unter. Diese wurden nun Tag für Tag von den befreiten belgischen Zwangsarbeitern der „Globus-Werke“ und der „Flachsröste“ öffentlich verprügelt. Den in der Gegend von Ahrensbök festgehaltenen  belgischen KZ-Häftlingen aus Auschwitz und Dora blieb eine solche Beteiligung vorenthalten. Sie hatten kurz zuvor, am 30. April 1945, mit Hilfe der weißen Busse des Internationalen Roten Kreuzes die Freiheit erlangt. Dazu gehörte auch Albert van Hoy.
 

  Juden in Ahrensbök:  Nelly Mann und die Familie Troplowitz-Koop
   
  Auch die Geschichte der aus Ahrensbök stammenden Juden verbirgt einige Überraschungen, die der Aufarbeitung harren. Dabei gilt der Familie des jüdischen Viehhändlers Noah Troplowitz ein zunehmendes Interesse. Denn aus seinem Verhältnis zur unverehelichten Dienstmagd Bertha Westphal entsprang am 15. Februar 1898 ein Kind weiblichen Geschlechts: Emmy Johanna wuchs bei ihrem Stiefvater Kröger in Niendorf/Ostsee auf. Sie wurde als Nelly Kröger die zweite Frau von Heinrich Mann. Schon Joachim Seyppel hat ihren 1933 erzwungenen „Abschied von Europa“ beschrieben und Nellys Herkunft aus Ahrensbök angedeutet. Noah Troplowitz verstarb am 28. März 1934 im 76. Lebensjahr. Der Sohn des jüdischen Pferdehändlers, Otto, überlebte als „getaufter Jude“ Nazi-Deutschland ebenso wie seine 1891 geborene Schwester Minna, die den Sozialdemokraten und Schweinehändler Franz Koop vom Mösberg geheiratet hatte. Deren 1929 geborene Tochter Lore wurde gelegentlich von ihren Schulkameradinnen als „Juden-Lore geneckt“, wie sie mir erzählte. Welche Gefahr für die Koops und Troplowitz bestand, lässt sich an der Auslassung des NS-Ortsgruppenleiters und späteren Bürgermeisters Wilhelm Wulf ermessen.
Wenige Tage nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetze benutzte er im September 1935 den Entlassungskonflikt um den ersten Ahrensböker  NS-Bürgermeister Kahl zu folgender Drohung: „Kahl ist sehr häufig mit dem Viehhändler Koop zusammen und macht mit ihm Autofahrten in die Umgegend, u.a. auch nach Lübeck und betrinkt sich dort. Koop gehörte früher dem Reichsbanner (SPD) an. Koops Frau ist Jüdin.“ Otto Troplowitz hatte zuvor noch als Kronzeuge der Anklage gegen den umstrittenen trunksüchtigen Gemeindevorsteher Max Kahl dienen dürfen, als dieser im September 1934 in der Gastwirtschaft Strehse (Gemütliche Ecke), in unmittelbarer Nachbarschaft zur Wohnung von Troplowitz und zu dem im Mai 1934 geschlossenen KZ-Gebäude in der Lübecker Str. 14 bzw. 15 gelegen, wieder einmal Ahrensböker beleidigt hatte.
Der Lebenskünstler Otto Troplowitz arbeitete ab 1935 zwangsverpflichtet in der Gießelrader Meierei, nach 1940 dann in einer Kieler Fabrik. Wie der „Mischling“ und seine Schwester, aber auch seine1920 bzw. 1921 geborenen Kinder Theodor und Grete als „Mischlinge zweiten Grades“ der für den 13. Februar 1945 anberaumten Deportation aller arbeitsfähigen, noch in „Mischehen“ lebenden Juden zum Zweck des „geschlossenen Arbeitseinsatzes“ (=KZ) nach Theresienstadt entgehen konnte, bleibt zu klären. Auf jeden Fall steht das Schicksal der Familie Troplowitz-Koop exemplarisch für die Zivilcourage von Mitbürgern, die Denunziationen von ihnen bekannten Personen offenbar weitgehend unterließen und extrem gefährdete Deutsche jüdischen Glaubens oder „Halb- und Vierteljuden“ Schutz gewährten. Dabei half ihnen in Ahrensbök zweifelsohne der überschaubare und vertraute Raum der Stadt- und Landgemeinde, in der ein Bauer wie Max Schmidt senior weiter Geschäfte mit Viehhändlern wie Koop trieb, auch wenn diese aus der Sicht der Nazis als „Nichtarier“ die „völkische Reinheit“ zerstörten oder als politisch unzuverlässig galten. Im Falle der Familie Koop-Troplowitz erwies es sich als Vorteil, dass Noahs Frau Johanna getauft war (evangelisch), die Kinder also nach den Nazi-Gesetzen als „Halbjuden“ galten. Dazu kam, dass der Regierungspräsident Böhmcker, ab 1937 Bremer Bürgermeister, Franz Koop schützte, u.a. weil der trinkfeste Viehhändler sich den Zechgelagen der Böhmckers, Kahls oder Lemkes gewachsen zeigte. So konnte Koop zusammen mit dem Bürgermeister Wilhelm Wulf, der ihn ein Jahr zuvor noch denunziert hatte, und dem SA-Obersturmführer Theodor Wiese wie auch mit dem langjährigen Sprecher der bürgerlichen Stadtratsliste, dem Klempnermeister Wilhelm Höft, der 1933 aus Protest gegen die Gleichschaltung des Ahrensböker Männer-Turnvereins (MTV) den Vorsitz niedergelegt hatte, dem Festausschuss angehören, der die Feier des Kreises Lübeck-Lauenburg, Gau VII Nordmark im Reichsbund für Leibesübungen, aus Anlass des 75-jährigen Bestehens des MTV in Ahrensbök am 27. und 28. Juni 1936 leitete.
   
  Und die Familie Beckhard-Asch
   
  Von Böhmcker, dem einflussreichen Gönner, profitierten die Troplowitz-Koop, nicht aber die Familie des 1865 in Dudweiler geborenen Tierarztes und Veterinärs Hermann Beckhard. Die Beckhards waren unsere direkten Nachbarn als Eigentümer des Hauses am Pferdemarkt 112 (Lübecker Straße). Unter dem Druck der damaligen Verhältnisse (Nürnberger Gesetze von 1935 und Arisierungsverordnungen von 1938) veräußerten die Beckhards Haus und Grundstück und emigrierten 1938 in die USA. Ahrensböks größter Betrieb, die „Globus Gummi- und Asbest-Werke“, erwarben das Haus. Die Erbengemeinschaft, vertreten durch Walter Beckhard und Elly Asch, forderte ab 1954 vergeblich Entschädigung und Wiedergutmachung. Ein Kaufvertrag ist bis heute bei den „Globus-Werken“ nicht auffindbar, obwohl der mir gestattete Einblick in die Akten eine Fülle von Hauserwerbungen seit den zwanziger Jahren dokumentiert, auch den der Flachsröste im Jahre 1974. Die kinderreiche Familie der Beckhards mit den Söhnen Ernst, Kurt und Walter und den Töchtern Hedwig, Elly und Erna überlebte - bis auf die 1902 geborene älteste Tochter Hedwig, die im KZ Theresienstadt umkam, - den Holocaust durch rechtzeitige Flucht aus Deutschland. Die Söhne Kurt und Walter Beckhard waren nach dem Tod des Vaters zuvor am 29. Februar bzw. am 24. Oktober 1936 aus Lübeck und Hamburg nach Ahrensbök zurückgekehrt, um die Mutter und Großmutter zu schützen und die Emigration vorzubereiten.
     
 

 
  Ahrensbök  

Die 1931 in Lübeck geborene Tochter von Elly Beckhard und Kurt Asch, Karen Joelson, wurde noch 1935 scheinbar problemlos in Ahrensbök durch Kindermädchen in BDM-Uniform betreut. Und sie schob mich 1937 im Kinderwagen. Zwei Jahre später musste das 1932 erbaute Haus ihres Vaters, des jüdischen Besitzers der Norddeutschen Bürstenfabrik, in der Lübecker Edvard-Munch-Straße aufgegeben werden. Es wurde einschließlich des Vermögens und der Kunstwerke von Munch, der  neben Max Linde auch von der Familie Asch gefördert wurde, arisiert. Im März 1937 verließ die Familie Lübeck und erreichte mit dem US-Liner „SS Washington“ die USA. Erst gut 60 Jahre später lernte ich Karen Joelson kennen. Äußerst lebendig vermittelte sie mir im Oktober 1998 in New York einen Teil der verdrängten Heimatgeschichte. Heute erinnert in Ahrensbök nichts mehr an die assimilierte jüdische Familie, die bis zum Tode des Tierarztes im Jahre 1935 integrierter Bestandteil der Gemeinde blieb. Und dennoch ist das gastfreundliche moderne Haus der Beckhards vielen Ahrensbökern noch heute vertraut – als Wohnsitz leitender Angestellter der Globus-Werke. An die Beckhards erinnern sich dagegen nur noch wenige Bürger Ahrensböks. Dabei gehörte Hermann Beckhard zu denjenigen demokratisch gesinnten Bürgern aus Ahrensbök, die sich früh dem Auftreten der Nationalsozialisten und des „Völkisch-sozialen Blocks“ entgegenstellten. Am 15. April 1924 berichteten die „Ahrensböker Nachrichten“: „Herr Tierarzt Beckhard wandte sich vor allem gegen den vom Völkischen Block propagierten Rassenkampf gegen die Juden. Ihm wurde aus der Versammlung reicher Beifall zuteil. Weiter beteiligten sich an der Aussprache die Herren Ed. Koch, H. Schlüter, H. Langhoff und P. Thätner, die alle mehr oder weniger sich gegen die Ausführungen des Referenten wandten und den Völkischen Block ablehnten.“ Eine frühe Warnung und Mahnung aus Ahrensbök – mit Folgen. Denn zwei der Mitstreiter, der national-liberale Stellmachermeister Eduard Koch und  der Leiter des Arbeitsamtes, der Sozialdemokrat Paul Thätner, gehörten 1933 zu den ersten in „Schutzhaft“ genommenen Ahrensbökern, eine Haft, die sie in Eutin und in Ahrensbök absaßen.

   
  Familiengeschichte
   
  Folgt man den Mitteilungen der Gestapo für das damals zum Landesteil Lübeck im Freistaat Oldenburg gehörende Ahrensbök, dann waren nach der „Akte zur Bekämpfung der Juden“ auch entfernte Verwandte und Namensvettern von mir der Verfolgung ausgesetzt. So warnte die Gestapo die Regierungspräsidenten und Amtshauptleute am 26. November 1935 vor Auftritten des Schriftleiters der Zeitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten "Schild“, Dr. Wollenberg. Hans-Heinrich Wollenberg war vom Geheimen Staatspolizeiamt Berlin „bis auf weiteres jede Betätigung als Redner in öffentlichen und geschlossenen jüdischen Veranstaltungen verboten worden, da er sich in letzter Zeit auf verschiedenen Versammlungen des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten in einem solchen Maße für das Verbleiben der Juden in Deutschland eingesetzt hat, dass seine weitere Tätigkeit geeignet ist, die Maßnahmen der Reichsregierung hinsichtlich der Judenfrage in erheblichem Maße zu schädigen. Gegebenenfalls ist W. auch hier das Auftreten als Redner zu untersagen“ (LAS 260/17630). Sein Engagement für Deutschland schützte ihn  also nicht vor Verfolgung. Der dekorierte Offizier des 1. Weltkrieges und Redakteur der Zeitung „Lichtbühne“ ging in das englische Exil und überlebte dort als Journalist und Drehbuchautor. Erich Wollenberg, der „Rote Leutnant von München“(1919), militärpolitischer Leiter des RFB und politischer Redakteur des Zentralorgans der KPD in der Endphase der Weimarer Republik, entging ebenfalls der Verhaftung durch Hitler und Stalin, indem er von Moskau über Prag nach Paris floh und in Casablanca als Zivilinternierter die Auslieferung an die Gestapo vermeiden konnte – eine spannende Lebensgeschichte als Grundlage für den Kino-Klassiker „Casablanca“. Sein Bruder Hans- Werner,  der am 8.Januar 1891 in Königsberg geborene Arzt,  preußischer Sanitätsoffizier mit Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse, Mitglied der rechten „Eisernen Division“ 1919, überlebte nach der Emigration die Odyssee vom Internierungslager Drancy bei Paris bis zum Arbeitslager Blechhammer, einem Außenkommando von Auschwitz III. Sein 1992 vom Centaurus-Verlag  herausgegebener autobiographischer Bericht über NS-Zwangsarbeiterlager in Schlesien von 1942 bis 1945 „...und der Albtraum wurde zum Alltag“ dokumentiert nicht nur die „eigene Depersonalität“ durch Lagererfahrungen. Er thematisiert auch seine Rolle als jüdischer Arzt und Funktionshäftling, der als „Heilbehandler“ zur Prügelstrafe neigte, um für eine gute Überlebensdisziplin der KZ-Insassen zu sorgen. Die straffe preußische Lagerdisziplin erschien ihm dafür geeigneter als „echt österreichische Schlamperei“  (S.170f). Sie sei auch dem „Schmutz französischer Lager“ vorzuziehen (S.63). Dieser Bericht half mir, das harte Vorgehen des Lagerältesten von Auschwitz - Fürstengrube, Hermann Joseph, besser einzuordnen, den einige Mithäftlinge wegen seiner Ordnungsliebe und des Hangs zum Prügeln schwer belasteten.
 
  Ein anderer Wollenberg wurde nach 1945 vom ersten Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins aus dem US-Exil zurückgerufen, um den Verfassungsschutz in Kiel aufzubauen.
Vergeblich warnte er seine SPD-Genossen davor, alte Nazis zu entnazifizieren und in den Staatsapparat zu übernehmen.
 

Ansonsten verlief das Leben der  Ahrensböker Großfamilie Wollenberg mit fünf Kindern  scheinbar ganz „normal“, einmal abgesehen von einem Cousin meines Vaters, der sich in den letzten Kriegstagen bei uns in Ahrensbök aufhielt, seine Uniform auf dem Boden versteckte und vor dem Einrücken der allierten Truppen spurlos verschwand. Mein Vater selbst erlebte als  Müllermeister und Getreidekaufmann den Krieg ab 1942 in der Rolle eines Zivilangestellten in Kobryn/Ukraine. Er war mit zuständig für die Getreideernte in der „Kornkammer des Großdeutschen Reiches“, die zur Versorgung der Wehrmacht und der „Volksgemeinschaft“ in Deutschland beizutragen hatte. Bis zu seinem Tode im Jahre 1971 hing über dem Schreibtisch der elterlichen Wohnung der am 7. November 1943 verfasste Brief von 13 Leitern der Zentralhandelsgesellschaft Ost, Außenstelle Kobryn. Die Ukrainer dankten darin „unserem lieben Chef“ zum Abschied herzlich und wünschten ihm alles Gute für die Zukunft. Mein Vater fuhr anschließend als einfacher Soldat in den Krieg - von Brest (Ost) nach Brest (West). Von Erschießungen und Verfolgungen der Bevölkerung will mein Vater an beiden Orten nichts mitbekommen haben, obwohl die mir erst nach seinem Tode zugänglichen Fotos ihn - nach der Zerstörung von Mühlen und Gebäuden in der Gegend von Kobryn - gelegentlich mit geschulterten Gewehr und in Zivilkleidung „auf Partisanenjagd“ zeigen (so von ihm handschriftlich auf der Rückseite von Photos notiert).

 Weil über die NS-Zeit generell  in den ersten Jahrzehnten nach 1945 nicht nur in meiner Familie geschwiegen wurde, blieben mir weitere Hintergrundinformationen verschlossen. Und das nicht nur von Mitläufern und Tätern, sondern auch von Verfolgten und Opfern. Über ihre KZ-Haft in Ahrensbök erzählten auch diejenigen Häftlinge mir nichts, mit denen ich regelmäßig Kontakt hatte, z.B. der ehemalige Kommunist Karl Scheele, der in den fünfziger Jahren im Geschäft meines Vaters arbeitete. Oder der deutschnationale Fabrikbesitzer eines alteingesessen Unternehmens in Ahrensbök, Julius Cäsar Jungclaussen, der sich seine Freiheit nach einer Zahlung von 4000,- RM „Lösegeld“ im Januar 1934 zurückkaufen konnte und anschließend mutig ein Verfahren gegen den Regierungspräsidenten Böhmcker einleitete, der von ihm die Geldbuße erpresst hatte. Selbst den Auschwitz-Überlebenden war wenig zu entlocken. Aber vielleicht haben wir Jüngeren nicht entschieden genug und zu spät nachgefragt, wohl auch, weil wir vieles nur ahnten, jedoch allzu lange wenig Konkretes wußten.

     
 

 

 
  Bild: Kindermädchen  
 

 

Wie deshalb immer  wieder Zufallsfunde zu Überraschungen führen, sei an einer Quelle exemplarisch verdeutlicht, die ich meinem Mitautor Norbert Fick verdanke. Er entdeckte durch Zufall die Auslandsmeldekartei der Gemeinde aus der NS-Zeit (vgl. Wollenberg, 2001, S.130-157). Dieser Kartei ist nicht nur zu entnehmen, dass in den Jahren von 1939 bis 1945 1215 Zwangsarbeiter in einer Gemeinde von knapp über 5000 Einwohnern in Landwirtschaft, Handel und Industrie tätig waren, sondern auch, dass hier vom 11.Juli 1940 bis zum Februar 1941 Wanda Bankowska als polnische Hausgehilfin zwangsverpflichtet bei der Familie Fritz Wollenberg arbeitete. Es ist jene freundliche „Hannah“, an die ich mich als damals Vierjähriger erinnere und von deren Herkunft ich bis zu dem Fund von Norbert Fick nichts wußte. Wie überhaupt das Schicksal der Zwangsverpflichten in Privathaushalten einer Aufarbeitung harrt. Wanda verschwand plötzlich aus unserem Blickwinkel. Angeblich soll sie Schmuck gestohlen haben. Es wird Zeit, sich auf den Spuren der am 21. Januar 1924 geborenen Polin zu begeben. Kam sie vielleicht ins zentrale Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof, wo sie den Bremer Widerstandskämferinnen um Anna Stiegler und Käthe Lübeck-Popall begegnete? Jedenfalls schrieb Käthe Popall gelegentlich in ihren Briefen aus dem Zuchthaus liebevoll von einer jungen Polin Wanda, deren Lebensmut sie immer wieder stärken mußte. Lebt sie noch und wo? „Auf den Spuren meines polnischen Kindermädchens“, heißt eines meiner Projekte, die ich noch zu realisieren hoffe.

 

   
   
   
   
  Literaturhinweise
 
   
Hoch, Gerhard: Von Auschwitz nach Holstein. Der Leidensweg der 1200 jüdischen Häftlinge aus Fürstengrube, Hamburg 1998 (2. Auflage);
   
Wollenberg, Jörg: Ahrensbök. Eine Kleinstadt im Nationalsozialismus. Konzentrationslager – Zwangsarbeit – Todesmarsch, Bremen (Edition Temmen) 2001. Mit Beiträgen von Norbert Fick zur Zwangsarbeit in Ahrensbök und  von Lawrence D. Stokes zu Eutin als  frühe Hochburg des Nationalsozialismus.
   
Das ausführliche Quellenverzeichnis zitiert auf S.263-267 die Archivalien, auf die ich zurückgreifen konnte.
   
  Wollenberg, Jörg:Unsere Schule war ein KZ. Dokumente zu Arbeitsdienst, Konzentrationslager und Schule in Ahrensbök 1930-1945, Bremen 2001;
   
  Wollenberg, Jörg: Den Blick schärfen. Gegen das Verdrängen und Entsorgen. Bremen (Donat-Verlag) 1998, vor allem S. 136-159: Die „roten Kapos“ – Hitlers unwillige Vollstrecker?;
   
  Fick, Birte Anika: Vom historischen Wert von Zeugenaussagen in NSG - Prozessen am Beispiel des SS - Oberscharführers Max Schmidt (Lagerführer Auschwitz-Fürstengrube), Examensarbeit an der Universität Kiel, 16.12.2002;
   
  Brather, Jürgen: Ahrensbök in der Zeit von 1919-1945, Ahrensbök 1998;
   
  Iwaszko, Tadeusz: Das Nebenlager „Fürstengrube“, in: Hefte von Auschwitz, 16,1978
   
  Joseph, Hermann: Der Fall 104338. Unveröffentlichte autobiographische Aufzeichnungen über Natzweiler und Auschwitz (Kopie im Besitz des Verfassers);
   
  Jacobs, Benjamin: Zahnarzt in Auschwitz. Häftling 141129 berichtet, Würzburg 2001;
   
  Klüger, Leo: Lache, denn morgen bist du tot: eine Geschichte vom Überleben, München 1998;
   
  Popall, Käthe, in: Geschichte erzählt. Politische Arbeiterbiographien, Bd. 1, Fischerhude 1985 (hrsg von Peter Alheit und Jörg Wollenberg);.

     

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